Schicksal - Was bist du?
Es war 2007.
Nach einer gar nicht schönen ersten Ehe, aus der meine drei Kinder hervorgegangen sind, einer nicht optimal laufenden Beziehung und zum guten Ende ein Scheidungsk(r)ampf, der drei Jahre dauerte, fasste ich im Dezember 2006 den Entschluss, dass ich mit meinen Kindern eine Kur machen wollte, wenn die Scheidung durch wäre. Hatten die Kids doch durch die Trennung und Scheidung genug mitgemacht und war auch meine momentane Beziehung nicht das Gelbe vom Ei. Das Problem lag darin, dass mein Lebensgefährte eine fast (damals) 16 jährige Tochter hatte und ich halt meine drei Kleinen (damals 11, 10 und 9).
Ich stellte also alle notwendigen Anträge und kurz nach der rechtskräftigen Scheidung bekam ich die Unterlagen für unsere Kur. Zum Abschied sagte ich meinem Freund damals, dass er die Zeit nutzen sollte, um über uns nachzudenken. So, wie es bis dahin lief, sollte es nach der Kur nicht mehr weitergehen.
Wir fuhren also Mitte März 2007 in unsere Kurklinik. Ich habe damals immer gelacht und den Kopf geschüttelt, wenn ich in diversen Arztwartezimmern in den Zeitschriften so Dinge gelesen hatte, wie: Nach 25 Jahren trennte ich mich und lebe heute mit meinem "Kurschatten".
Hm, nun denn. Jeder muss ja nach seiner Fasson glücklich werden. Es handelte sich bei der Kur um eine Mutter-Kind-Kur. Also ging ich davon aus, dass ich dort weit und breit keinen Mann treffen würde. Und selbst wenn? War ja eigentlich total egal!
Am ersten Tag (der Abend der Ankunft) hatten wir ein Gruppengespräch zum Kennenlernen unserer Gruppe. Alles Frauen und manch merkwürdige Probleme, wie sich später herausstellen sollte. Meines Erachtens waren aber einige einfach nur total mit ihren Kindern überfordert.
Am nächsten Tag hatten wir dann unser erstes Gruppentherapiegespräch. Da saß doch wirklich zwei Stühle neben mir ein Mann. Wo kam der denn her? Am Abend vorher hatte ich ihn nicht gesehen. Und da er ziemlich groß und füllig war, hätte man ihn gar nicht übersehen können. Da ich ihn, wie gesagt, vorher nicht gesehen hatte, beugte ich mich vor, um ihn besser in Augenschein nehmen zu können. Er erzählte gerade, dass er mit seinen beiden Kindern hier wäre und gestern zu spät angekommen sei um an der Kennenlernrunde teilzunehmen. Hm, zwei Kinder, Ring am Finger, warum er wohl hier war? Ich habe nicht lange überlegt und kam zu dem Schluss, dass er zur Trauerbewältigung hier sein musste.
Ein paar Tage später stellte sich das als richtige Vermutung heraus. Abgesehen von den Pflichtsitzungen und Anwendungen, sah man ihn aber kaum bis gar nicht. Manchmal noch abends, wenn er seinen kleinen (damals 5 jährigen- fußballvernarrten) Sohn, unter viel Gezeter von diesem kleinen Champ, aus der Sporthalle abholte.
Nach zirka 10 Tagen sprach ich mit einer Bekannten,. die ich dort kennengelernt hatte, über Bernd und das es sehr merkwürdig war, das er sich so total aus allem raus klinkte. Wir überlegten, was wir wohl tun könnten, um ihn ein wenig zu integrieren. Was hilft da wohl mehr als die Frage: " Hast du Lust auf ein Bier?"
Gesagt, getan. Im Ort ein Sixpack organisiert und zu seiner Tür, geklopft und gefragt und er kam auch spontan mit in die Raucherecke. Endlich konnten wir mal ein bisschen Reden und ich hatte das Gefühl, als wenn er uns eigentlich ziemlich dankbar dafür war.
Im Laufe der restlichen 10 Tage trafen wir uns nun des Öfteren auf ein Bierchen am Abend oder einfach nur mal so am Nachmittag zum Reden. Wir tauschten uns aus und stellten fest, dass wir in Sachen Kindererziehung, und auch sonst, einiges gemeinsam hatten.
Die Kur war gegen den 20. April zu Ende und ich fuhr mit einem blöden Gefühl nach Hause. Die Kinder saßen auf dem Rücksitz im Auto und heulten, dass sie die Kur doch sooo toll gefunden hatten und mein Freund, der uns jeden Sonntag besucht und an diesem Tage abgeholt hatte, wunderte sich darüber, dass wir alle mit so einer traurigen Einstellung nach Hause fuhren. Ich muss dazu sagen, dass er immer, wenn er denn zur Klinik kam, meinen Hund mitbrachte und den Vorschlag machte, dass wir ja spazieren gehen könnten. Dabei wollte er aber immer alleine mit mir sein. Ich dachte jedes Mal: Okay, vielleicht klären wir dann nun mal unser Beziehungsproblem, aber jedes Mal jammerte er nur herum, wie langweilig es zu Hause sei und das er das alles total blöd fand.
Kein Wort über uns! Und das er darauf bestand, das ich die Kinder nicht mitnahm auf die Spaziergänge, ließ mich den Entschluss der Trennung nach unserer Heimkehr fassen. Dies teilte ich ihm dann auch am Abend unserer Rückkehr mit und schlief ab sofort auf dem Sofa in der Stube.
Am nächsten Tag machte ich mich daran in der Zeitung nach einer anderen Wohnung für die Kinder und mich zu suchen. Zwischendurch schrieb ich mit Bernd und seinen Kindern, die eine ähnlich grausige Heimfahrt gehabt hatten, via Internet und wir telefonierten oft und ich erzählte ihm dabei auch von meinen Plänen. Mittwochs kamen wir von der Kur zurück und ab dem nächsten Montag steckte ich voll in diversen Umzugsplänen und -vorbereitungen. Diese änderten sich bis Donnerstag in dieser Woche allerdings täglich.
Zum guten Ende meinte Bernd bei einem Telefonat an besagtem Donnerstag, dass, wenn wir sowieso umziehen wollten und da wir uns so gut verstehen, wir ja auch gleich zu ihnen ziehen könnten. Wir hatten schon mal darüber nachgedacht, dass man das ab den Sommerferien oder auch schon ab Pfingsten machen könnte, haben diese Idee allerdings immer wieder verworfen.
Freitag früh stand dann fest: Er holt uns Samstag (am nächsten Tag) ab!
Da ich meine Eltern nicht erreichen konnte, schrieb ich ihnen am Freitag vor dem Umzug noch eine E-Mail in der ich alles versuchte zu erklären und sie bat, mir diesen Schritt nicht zu übel zu nehmen.
Mittlerweile leben wir seit gut drei Jahren hier. Inzwischen sind wir schon ein Jahr verheiratet. Und seit Pfingsten 2007, da kamen uns meine Eltern überraschend und unangemeldet besuchen, habe ich wieder ein tolles Verhältnis zu und mit meinen Eltern und die wiederum haben zwei Enkel mehr und einen Schwiegersohn, den sie nett finden.
Wegen dem guten Verhältnis zu meinen Eltern muss ich noch mal schnell schreiben, dass ich meiner Mutter etwa nach einer Woche nach unserem Umzug eine SMS schickte, ich der ich sie fragte, warum sie sich denn noch nicht gemeldet hätten? Sofort kam die Antwort zurück, dass ich sie in Ruhe lassen solle, bis sie sich wieder beruhigt hätte und sie sich überlegt haben, ob sie mit mir Kontakt aufnehmen wollten.
Nun ja, das taten sie also etwa drei Wochen nach unserem Umzug, in dem sie, wie gesagt, am Pfingstsonntag plötzlich vor unserer Tür gestanden hatten.
An welcher Stelle nun das Schicksal war? Wer fährt denn schon zur Kur um sein Vorleben zu verarbeiten und findet dort einen Partner mit dem das alles, was vorher so schwierig und unerreichbar schien, so plötzlich mit einem Mal bekommt beziehungsweise findet? Patchwork finde ich total schön und wir haben das große Glück, das sich alle eigentlich genauso vertragen wie es halt Geschwister so tun, oder auch gelegentlich nicht. Dieses blinde Vertrauen können, die auf Anhieb vorhandene Vertrautheit und das verstehen ohne Worte... es ist so schön. Zwischen Bernd und mir und natürlich auch zwischen den Kindern.
Meine Kinder - deine Kinder - das gab es bei uns von Anfang an nicht. Und mittlerweile läuft auch unsere kleine "Massenadoption". Und das Schönste überhaupt: Alle sagen Papa und Mama zu dem jeweils anderen Elternteil!
DAS alles zusammen nenne ich Schicksal!