Die Orgel
Frau E macht Urlaub an der Ostsee in einem kleinen, beschaulichen Dorf.
In ihrer Pension ist es gemütlich. Frau E geht viel spazieren. Das raue Klima tut ihr gut.
Die Einheimischen sind freundlich, aber kurz angebunden. Das ist Frau E recht.
Sie will ihre Ruhe haben. Auf den Spaziergängen erkundet sie die Umgebung.
Eigentlich zieht es sie zur kleinen Dorfkirche hin. Sie steht in einem verwilderten Park.
Daneben ist das Pfarrhaus. Es scheint unbewohnt zu sein.
Hier ist sie ganz allein. Trotzdem wagt sie sich in die Kirche. Die Tür ist ja nicht verschlossen.
Unheimlich ist es auch nicht, eher anziehend. Frau E sieht auch sofort, warum.
In der Kirche steht eine kleine Orgel.
Frau E wollte schon immer Orgel spielen lernen.
Hier steht sie nun vor der Orgel und besieht sie sich genauer. Alles scheint intakt, nur staubig. Frau E beginnt damit, die Orgel zu putzen. Was kann es schaden.
Niemand ist da, wie es aussieht, schon seit längerer Zeit nicht.
Liebevoll befreit sie die Orgel vom Schmutz der Zeit. Sie findet die Notenbücher und die Anleitung zur Handhabung der Orgel. Die Anleitung ist in Altdeutsch verfasst. Frau E kann sie trotzdem lesen. Irgendwann hat sie das mal gelernt.
Die Noten kann sie auch lesen. Irgendwann hat Frau E mal Klavier gespielt.
Als sie fertig ist mit Putzen, probiert Frau E die Orgel aus. Tatsächlich funktioniert sie tadellos und hat einen schönen Klang.
Jetzt fängt Frau E an, Orgel spielen zu üben. Es geht leichter, als gedacht.
In kurzer Zeit spielt sie ihre erste Melodie auf einer Orgel. Ihr Spiel wird täglich besser.
Zuerst kommen die Frauen.
Die Dorffrauen betreten die Kirche mit ihren Putzutensilien.
"Wir wollen mal klar Schiff machen, Frau E. Wenn Sie nur weiter spielen, geht das."
Dann kommen die Männer.
Die Dorfmänner betreten die Kirche mit ihrem Handwerkszeug.
"Wir wollen mal ein bisschen ausbessern, Frau E. Wenn Sie nur weiter spielen, geht das."
Auf einmal wird das Pfarrhaus renoviert. Familie Herrmann will dort einziehen.
Auch im Park machen sich die Leute ans Aufräumen.
Frau Herrmann bittet Frau E um ein Gespräch.
"Wir haben im Pfarrhaus ein schönes Gästezimmer hergerichtet. Meine Mutter wohnt während der Bauarbeiten auch in dem Haus und beaufsichtigt alles. Da wäre es uns lieb, wenn Sie in das Gästezimmer ziehen, kost-und logiefrei. Mutti kocht und backt für die Bauarbeiter, und einer mehr oder weniger ist recht. Wenn Sie nur weiter spielen, geht das."
Frau E zieht in das Gästezimmer im Pfarrhaus. Sie spielt vormittags und nachmittags Orgel.
Der Herbst kommt. Im Park ist alles hergerichtet. Familie Herrmann bezieht ihr Haus.
Jetzt bittet Frau E die Frau Herrmann um ein Gespräch.
"Ich danke sehr für Ihre Gastfreundschaft. Aber es wird für mich Zeit, nach Hause zu fahren. Der schöne Sommer ist vorbei."
"Frau E, wenn Ihr Zuhause da ist, wo Ihre Sachen sind, können wir die schnell herholen.
Herr Ludwig hat ein Umzugsunternehmen. Der erledigt alles für Sie.
Wir möchten Ihnen gern die kleine Einliegerwohnung in unserem Haus anbieten.
Wir wohnen oben. Mutti wohnt unten. Die Einliegerwohnung ist für Sie.
Für Besuch reicht das Gästezimmer. Was sagen Sie?
Wenn Sie nur weiterhin die Orgel spielen, geht das."
Frau E zieht in die angebotene Wohnung. Sie spielt vormittags und nachmittags Orgel.
Immer mehr Zuhörer kommen. In der Adventszeit ist die Kirche voll.
Herr Herrmann muss den Einlass regulieren. Viele Gäste bleiben auch vor der Kirche stehen oder gehen im Park spazieren. Das Orgelspiel ist weithin zu hören.
Mit den Gästen kommen leider auch die Besserwisser. "Man müsste doch, könnte anders, alles viel professioneller." Derer nimmt sich Herr Herrmann ganz persönlich an.
Er setzt sie an die frische Luft.
Frau E spielt Orgel für die Dorfbewohner und für die Gäste, denen es gefällt.
Sie weiß, sie spielt nicht perfekt. Aber wenn sie nur weiter spielt, geht das.
Frau E ist 77 Jahre alt und voller Leben.