Der Zaun
„Mörder! Mööörder!!! Ihr seid ganz abscheuliche Mörder!“
Blanche stand ganz oben, über den anderen. Ihre Stimme klang schrill, überschlug sich fast. Ihr Kopf mit den leicht herausstehenden, aber scharfen braunen Augen ging ruckend vor und zurück. Ihr ganzer Körper bebte vor Empörung.
„Ach Blanche, nun komm schon. Du kannst eh nichts mehr dran ändern.“
Rusty blickte erst Blanche prüfend an, dann folgte sein Blick suchend den zwei Gestalten, die sich von ihnen mit schnellen Schritten entfernten. Sie hatten Melitta mitgenommen. Ihr Körper wurde verdeckt von der Frau, die sie auf den Arm genommen hatte; fest im Griff, weil Melitta sich natürlich wehrte. Doch sie hatte keine Chance, die beiden waren viel größer als sie. Die Zurückgebliebenen standen ratlos am Zaun.
„Und jetzt? Was sollen wir denn jetzt machen? Wir werden wir sie nicht mehr wiedersehen, das ist doch wohl klar“ stellte Blanche verzweifelt fest. Immer noch hing ihr Blick suchend am Ausgang des Geländes, doch da war niemand mehr zusehen.
„He, so ist das Leben - sei froh, dass es dich nicht erwischt hat“ stellte Karly pragmatisch fest. Sie war in der Gruppe die Größte und die Ruhigste. Karly wog alle Angelegenheiten immer ab und versuchte, aus jeder Situation etwas Positives zu machen. So auch jetzt. Doch auch sie musste zugeben, dass es diesmal nicht so war. Diesmal hatte es einen aus ihrer Gruppe erwischt. Das hatte es noch nie gegeben. Was sollte sie denn nur tun?
Sie stellte sich vor den anderen auf und musterte alle nach der Reihe: Blanche, die immer noch ganz oben saß und die kleinste, aber frechste in der Gruppe war. Sie war ganz hell, fast silbrig. Im Moment aber sah sie aus wie ein Häufchen Elend. Rusty, unverwüstlich. Dunkelbraun, fast rötlich glänzend. Motto: nimm was du kriegen kannst und mach das Beste draus, denn du lebst nur einmal. Swatti – schwarz wie die Nacht, schon fast mit einem Blauschimmer. Swatti war eine herbe Schönheit, die sich manchmal betont männlich gab. Swatty raufte gern, kannte aber die Grenzen, obwohl noch sehr jung an Jahren. Aber das waren sie ja alle.
Schließlich war da noch sie selbst: nicht schwarz, nicht weiß, Melange eben.
Und jetzt fehlte eine: Melitta – ihre Schwester. Karly fühlte, wie es ihr kalt den Rücken runterlief. Melitta war ihr Ebenbild, höchstens ein ganz kleines bisschen heller. Warum mussten sie ausgerechnet Melitta mitnehmen?
Aber eigentlich spielte es gar keine Rolle, wen sie mitgenommen hatten. Sie würden alle geholt werden, das wusste sie.
„Halt sie fest! Du weißt genau, dass sie sofort abhaut, wenn sie die Gelegenheit dazu hat! Dann schreit sie und warnt die anderen und wir haben keine Chance mehr, die anderen auch noch zu erwischen.“
„Ich halt sie doch fest! Die haben ‚ne Riesenkraft, wenn sie Angst haben! Das Früchtchen tut grade so als ob ich sie umbringen will. Guck mal, wie sie mich tritt!“
„Dein Griff ist ja auch nicht richtig. So wie du sie festhältst, hat sie die Beine frei. Du musst sie in der Mitte fest packen und dann auf den Rücken legen. So kann sie sich nicht mehr wehren. Und wenn das alles nichts bringt, dann kriegt sie halt eine Stofftasche über den Kopf.“
Carola tat, was Markus ihr sagte. Es half ja alles nichts, diese Angelegenheit musste erledigt werden, und sie hatten außer dieser Verrückten noch vier der gleichen Art vor sich. Na, das konnte ja heiter werden, wenn sie alle so renitent waren! Aber wer nicht hören will, muss fühlen. Sie hatten sie eingesperrt, sie hatten den Zaun höher gebaut. Sie hatten sogar mit dem Gedanken gespielt, Strom anzuwenden, ihn aber gleich wieder verworfen. Andere, spielende Kinder zum Beispiel, konnten sich böse Verletzungen zuziehen. Auch Digger, der voll Begeisterung an Melitta schnüffelte, konnte sich daran einen Stromschlag holen.
Warum nur konnten diese fünf kleinen Biester nicht hören. Bei allen anderen – und sie hatten noch eine ganze Menge von ihnen – gab es so gut wie nie Probleme. Sie waren zufrieden mit ihrem Leben, taten, was man von ihnen verlangte, und stellten außer täglich Essen und Trinken keine großen Ansprüche. Gut, ein paar unverbesserliche waren in den Jahren schon darunter gewesen, aber das waren einzelne. Aber jetzt? Jetzt war es eine ganze Gruppe, und sie übten den Aufstand. Das musste aufhören, und zwar sofort.
Carola seufzte unhörbar. Sie tat diese Arbeit nicht gern, denn sie hatte das Gefühl, sie würde ihnen weh tun. Aber dem war nicht so. Es ging kurz und schmerzlos.
Marty holte die Werkzeugrolle aus der Schublade. Langsam und bedächtig löste er die Schlaufe und rollte das Paket auseinander. Er schaute sich die Werkzeuge an und suchte sich das geeignetste raus: eine lange scharfe Schere.
Er nahm eine herumliegende Hühnerfeder und schnitt sie am unteren Ende des Kiels durch. Zufrieden nickte er. Die Schere war scharf genug. Er würde keine Probleme bei Melitta haben.
Swatty räusperte sich. „Ähem, was haltet ihr von Ausbruch? Ein Opfer reicht doch, oder?“ Swattys Stimme klang irgendwie kieksend, so als ob ein Stimmbruch im Kommen war.
Die anderen sahen entgeistert und empört aus. „Und dann? Wo bleiben wir, wenn es dunkel ist? Spinnst Du? Du kannst Melitta doch nicht ihrem Schicksal überlassen! Draußen ist es noch viel gefährlicher!“
Sie schrieen alle durcheinander, aber eindeutig war, dass keiner von ihnen den Mut hatte, endgültig auszubrechen.
Natürlich war es toll, mal über den Zaun rüber abzuhauen, aber sie wussten, nachts ist es drinnen sicher. Die anderen hatten sie gewarnt; sie sagten, es gibt Konsequenzen, wenn ihr erwischt werdet, aber sie wollten es nicht glauben. Typisches Geschwätz von Alten. Die Alten piesackten sie sowieso die ganze Zeit. Vor allen Dingen Roland. Roland war schon sehr alt, aber er war der „Hahn im Korb“. Auf Swatty hatte er es abgesehen. Es verging kein Tag, an dem er Swatty nicht auflauerte und dann mit lautem Kreischen drangsalierte.
„Das haben andere auch überlebt, da musst du durch“ sagte Karly immer tröstend, wenn Swatty blutend in der Ecke kauerte. Toller Trost. “Was nicht tötet, härtet ab“ meinte Blanche dann immer lakonisch.
Melitta hatte Angst. Also hatten die Alten doch Recht. Niemand hatte ihnen geglaubt, wenn sie darüber sprachen.
„Wenn sie dich mal in die Finger bekommen und du kommst zurück – wenn du zurück kommst – glaub mir, dann bist du verändert.“ So oder ähnliches hatten die Alten geflüstert, wenn Carola und Marty am Zaun entlang gingen und alles überprüften. Natürlich hatte ihnen niemand von den Jungen geglaubt, vor allem niemand aus der Fünfer-Bande. Nur die, die nicht mehr ganz so jung waren, hatten zustimmend mit dem Kopf genickt und eigene Geschichten zum Besten gegeben.
Melitta hatte das Gefühl, keine Luft mehr zu bekommen. Sie lag auf dem Rücken, fest im Griff von Carola und konnte sich nicht rühren. Panik stieg in ihr hoch. Sie wollte schreien, aber das ging nicht, weil die Rückenlage auf ihre Stimmbänder drückte. Wenigstens konnte sie noch was sehen. Sie waren in einem Keller. Es roch leicht muffig und irgendwie nach Hund. Durch die Tür und das Fenster kam genug Licht herein. Sie konnte in der Ecke einen Eimer mit Federn stehen sehen. Großer Gott!
Sie hatte Blanche, als sie sie wegtrugen, schreien gehört: „Mörder!“ Richtig. Sie war in die Hände von Mördern gefallen. Melitta fühlt, wie ihr Herz immer schneller schlug und sie immer heftiger atmete. Gleich hyperventiliere ich, dachte sie. Marty kam in ihr Blickfeld. Er hatte ein furchterregendes Werkzeug in der rechten Hand. So sieht also der Tod aus.
Wir müssen doch was tun. Es geht hier doch um alle. Karlys Gedanken rotierten.
„Swatty und Rusty, ihr kennt doch den Weg hinter dem Kirschbaum, der direkt zum Haus führt.“
„Ja.“
„Ihr macht beide über’n Zaun rüber. Rusty nimmt den Weg am Kirschbaum entlang und schleicht sich dann durch das Gebüsch neben der Garage. Swatty kann oben auf’m Kirschbaum aufpassen, falls Marty rauskommt. Rusty, du kannst dich bis zum Ende der Garage im Gebüsch ranpirschen und dann um die Ecke sehen. Du hast dort direkten Blick in den Keller. Ich vermute, sie sind mit Melitta direkt bei der Tür, dort haben sie ihre Werkzeuge. Wenn die Tür auf ist, kann du sie sehen. Swatty, wenn Marty rauskommt, fängst du so laut es geht an zu schreien. Rusty, du ziehst dich dann sofort ins Gebüsch zurück. Dort kann man dich nicht sehen. Alles klar?“
„Alles klar. Was machst du?“ Rustys kleine, fast schwarze Augen funkelten. Bisher waren sie immer nur zum Spaß über den Zaun gegangen, aber diesmal war es bitterer Ernst.
„Ich versuche bei den Alten herauszufinden, was sie mit einem machen, wenn sie einen holen.“ Karly schüttelte sich. Ihr war unwohl bei dem Gedanken, einen der Alten - oder noch besser Roland - Informationen zu entlocken. Das ging in der Regel nicht ohne Streit und Hiebe ab. Aber sie musste wissen, was Carola und Marty vorhatten, sonst würde sie wahnsinnig werden. Hätte sie doch besser zugehört, wenn Roland darüber sprach! Aber eigentlich hatten sie die Geschichten nicht geglaubt, sie ins Reich der Märchen abgetan.
Sie schaute Rusty und Swatty noch mal kurz an. „Nur schauen, dann kommt ihr sofort zurück, verstanden?“
Entschlossen drehte sie sich um und ging, wie verlegen mit den Füßen scharrend, auf Roland zu.
„Was war das?“ Marty drehte sich um.
„Die zanken sich mal wieder. Kommt doch im Moment jeden Tag vor.“ Carola hielt Melitta ungeduldig fest. Wenn Marty doch endlich mal anfangen würde! Er war immer so umständlich, legte alles, was er benötigte, sorgfältig hin. Fast so wie ein Ritual.
Marty machte einen Schritt auf die Tür zu, überlegte es sich aber anders. Er lachte.
„Roland der alte Schwerenöter hat sicher ne Neue im Auge. Und der passt das vermutlich gar nicht.“
„Wundert dich das? Die haben doch gar keine Chance bei dem Gewicht. Sie müssen stillhalten, ob sie wollen oder nicht. Ich würde das auch nicht wollen!“
Carola überlegte kurz. „Außerdem trauen sie sich nicht, über den Zaun abzuhauen, weil sie Angst haben, von uns geschnappt zu werden. Also ertragen sie es. Aber die Jungen sind noch nicht so schicksalsergeben wie die Alten, die wehren sich noch. Und da die Zeit für die Jungen reif ist, gibt es nun mal zur Zeit ständig Zeter und Mordio. Fangen wir endlich an?“
Rusty hielt die Luft an. Er hatte sich gerade durch das Gebüsch herangepirscht und wollte um die Ecke der Garage schauen, als er Stimmen hörte und eine Gestalt im der Tür auftauchen sah. Marty! Was sollte er nochmal machen?
Ihm auflauern? Auf ihn einhacken? Er wusste es nicht mehr!
Rusty hatte ein Gedächtnis wie ein dummes Huhn. Aber das wusste er Gott sei Dank nicht. Während er noch abwog, was zu tun sein, drehte Marty sich
um und verschwand im Keller.
„PSST!“ Rusty schaute nach oben. Sein Gehör war im Gegensatz zu seinem Gedächtnis vorzüglich, ebenso seine Augen. Oben im Baum saß Swatty und versuchte seine Aufmerksamkeit auf sich zu lenken.
„Was ist?“ zischte er leise zurück.
„Wir könnten uns doch von beiden Seiten der Tür anschleichen, Marty überwältigen und uns dann Melitta schnappen, oder?! Dann sind wir die Helden, die sie gerettet haben und Melitta ist uns zu ewiger Dankbarkeit verpflichtet.“
Rusty überlegte. Jetzt fiel es ihm wieder ein. „Das geht nicht. Der Auftrag lautet ‚Nur schauen, dann sofort zurückkommen’. Du hast gehört, was Karly gesagt hat.“
Swatty verdreht die Augen und schnaubte leise. „Na und? Wo ist das Problem? Wenn wir mit Melitta zurückkommen, fällt uns Karly vor Freude um den Hals. Sie ist ihre Schwester, schon vergessen?“
„Sie ist aber in erster Linie unsere Anführerin. Sie reißt uns den Kopf ab, wenn wir ohne sie die Helden spielen. Also vergiss es einfach.“
Rusty konzentrierte sich wieder auf die Kellertür. Was er da sah, gefiel im gar nicht. Auf einem Stuhl saß Carola, Melitta fest in der Mitte haltend, die auf dem Rücken über Carolas Beinen lag. Links von ihr stand Marty. Er hatte ein furchterregendes, langes Teil in der rechten Hand, das er mit einer Hand bedienen konnte. Mit der linken Hand griff er nach Melitta. In diesem Moment drehte Melitta den Kopf, so dass sie zur Tür sehen konnte.
„He, Roland, wie geht’s denn so?“ Sich langsam wiegend, ging Karly auf Roland zu. ‚Auf in den Kampf’, dachte sie. ’Der Zweck heiligt die Mittel, und für diese Informationen ist jedes Mittel recht.’
Roland drehte sich um. Was wollte denn die Anführerin der Fünfer-Bande von ihm? Die Mitglieder dieser Truppe waren so ziemlich das Widerspenstigste, was er bisher in seinem Leben erfahren hatte. Man sollte doch meinen, dass sie nach einem Jahr endlich bereit wären, sich anzupassen; ja mehr noch, dass sie gefügig und willig waren. Aber nichts da! Über die Zäune gingen sie, und zwar alle. Das hatte in dieser Form bisher noch keine Gruppe – und Gruppen bildeten sich immer mal – gewagt. Es waren immer nur einzelne, die nicht glaubten, was die Alten ihnen erzählten, und die zahlten meistens einen hohen Preis dafür.
Natürlich gingen sie nicht jeden Tag; sie waren vorsichtig, und vor allem kamen sie immer pünktlich zurück, bevor die Tür verschlossen wurde. Aber sie gaben mit ihrem Tun an. Hauptsächlich Swatty, dieses Großmaul. Man wusste nicht mal, ob das Männlein oder Weiblein war, so unproportioniert sah seine Figur aus. Ihn hatte er hauptsächlich im Auge. Er hatte ihn sich schon ein paar Mal zur Brust genommen, ihn traktiert, bis er – oder sie? – blutete, aber diese Unperson ordnete sich ihm einfach nicht unter. Roland wusste, dass es eines Tages auf einen Endkampf hinauslaufen würde. Darüber würde er sich Gedanken machen, wenn es soweit war.
Jetzt zu Karly. Was wollte sie von ihm?
„He, Karly. Was gibt’s denn?“ Roland stellt sich neben sie und streckte sich, das rechte Bein drückte er gerade nach hinten.
Karly lehnte sich an ihn und rieb mit ihrem Kopf an seinem Hals. Machte sie ihn etwa an?
„Sag mal, du bist doch hier eigentlich der Chef, oder?“ Karly kicherte in sich hinein. Hoffentlich trug sie nicht zu dick auf.
Roland Brust schwoll an vor Selbstbewusstsein. „Klar, dass weiß doch jeder. Es gibt nichts, was ich nicht weiß.“
„Na ja, ich habe mich gefragt, ob die ganzen Geschichten von den Alten von wegen Konsequenzen, wenn man über den Zaun macht und so, wohl stimmen. Und weil du immer die Wahrheit sagst, wollt’ ich mal fragen, ob du mir was drüber erzählen könntest.“
Aha. Daher wehte also der Wind. Roland hatte zwar von den Weibern mit den dicken Hintern gehört, dass eine von der Fünfer-Bande von Marty bearbeitet werden sollte, aber die Dicke-Hintern-Weiber redeten viel, wenn der Tag lang ist. Schien also doch zu stimmen.
In diesem Moment drehte Melitta den Kopf, so dass sie zur Tür sehen konnte.
Sie wusste, jetzt hatte ihr letztes Stündchen geschlagen. Marty stand über ihr, die Hand mit diesem merkwürdigen Werkzeug erhoben. Er bewegte die Finger und sie sah voller Entsetzen, wie sich dieses Ding bewegte. Dann streckte er die Hand nach ihr aus.
Dann sah Melissa Rusty neben der Garage aus dem Gebüsch äugen. Sie kamen, um sie zu retten! Sie wusste, auf die Fünfer-Bande war Verlass. Logisch, ihre Schwester war ja auch die Anführerin. Sie wollte sich bemerkbar machen, doch aus dem Schrei wurde nur ein Krächzen. Sie merkte, wie Marty Hand an sie legte. Auch Rusty sah das, und er drehte sich um und rannte ins Gebüsch zurück.
Rusty rannte, so schnell er konnte, den Weg zurück, über den Zaun, mit flinken Augen Karly suchend. Swatty rannte ein Stück hinter ihm. Es musste erst vom Baum runter. Auch er hatte gesehen, wie Marty bei Melitta anfing. Und er hatte gehört, wie Carola zu ihm sagte, er solle endlich die Schere ansetzen, damit sie’s hinter sich hätten. Mit Grausen lief er hinter Rusty her. Melitta war verloren. Diese Prozedur konnte niemand überstehen. Und das Schlimmste war: sie hatten sie nicht gerettet, obwohl sie es hätten tun können. Nur weil Rusty so viel Respekt vor Karly hatte. Verdammt!
„Mmh. Das was die Alten erzählen, stimmt. Aber sie kommen immer zurück, wenn Marty und Carola sie hier tagsüber schnappen. Sie sind verändert, ja. Und glaub mir, sie gehen nicht mehr über den Zaun. Ich weiß nicht genau, was Marty mit ihnen macht, sie haben mit mir nicht darüber gesprochen. Vielleicht, weil sie auch vor mir Angst hatten. Ich habe nur mal mitbekommen, wie einer der Unverbesserlichen zu eine der Dicke-Hintern-Weiber gesagt hat, er hätte jetzt Feder lassen müssen, dafür dass er wissen wollte, was nach dem Zaun kommt.
Aber was heißt das schon. Jeder von uns muss mal Federn lassen, das ist der Lauf des Lebens.“ Roland wiegte den Kopf vor und zurück. „Die, die nicht zurückkommen, die holen sie abends, wenn sie die Tür zu machen. Dieser zottige Hund – Digger heißt er – ist dann dabei und ist immer ganz aufgeregt, weil er sie beschnuppern darf.“ Er zuckte mit den Schultern. „Das ist alles, was ich weiß.“ Er rückte ein Stück näher an Karly heran. „Man kann es nicht ändern, aber sag mal, hast du Lust, ein paar Korn mit mir zu nehmen?“
Karly starrte ihn ungläubig an. Das war alles? Und dafür hatte sie sich so an ihn rangeschmissen, dass ihr fast schlecht davon wurde!? Und jetzt lud der Widerling sie auch noch auf ein paar Korn ein! Als wenn sie die nicht selber besorgen könnte! Sie hörte Rusty kreischen und ließ Roland stehen.
„Es … ist … zu spät!“ Rusty blieb keuchend vor Karly stehen. „Er hat schon begonnen. Wir können nichts mehr für sie tun.“
„Das ist allein deine Schuld. Ich habe gesagt, wir holen sie da raus, aber du hast ja Angst vor Karly, du Schisshase!“ Swatty kam gleich hinterher, auch er keuchend außer Atem.
„Moment, langsam ihr beiden. Was habt ihr gesehen?“ Karly beruhigte die beiden, die sonst aneinander geraten wären. „Rusty, erzähl.“
„Also, Carola saß auf einem Stuhl, und Melitta lag über ihren Knien. Carola hat sie ganz fest gehalten, so dass sie sich nicht mehr bewegen konnte. Dann kam Marty mit so einem komischen langen Gerät, das immer auf- und zuging. Und dann ….“
Rusty konnte nicht weitersprechen. Er schüttelte den Kopf und krächzte nur noch.
„.. dann sagte Carola zu Marty, er solle endlich die Schere ansetzen, damit sie’s hinter sich hätten.“ Swatty ergänzte Rustys Worte. „Und dann griff Marty nach Melitta und hat es getan.“
Alle waren jetzt ruhig. Sogar die Dicke-Hintern-Weiber, die sich zusammen mit Blanche und Roland zu ihnen gestellt hatten, um sich die Lage anzuhören, waren still.
Nach einer Weile ergriff Karly das Wort. Sie räusperte sich. „Dann… dann können wir wohl nichts mehr tun. Obwohl ….vielleicht besteht ja noch Hoffnung …. Roland hat mir erzählt, wenn sie dich am Tag hier schnappen, kommst du immer zurück, stimmst, Roland?“
Bevor Roland antworten konnte, mischte sich Blanche ein. „Ja, das stimmt. Und ich weiß auch, was mit ihnen geschieht.“
Alle wandten sich Blanche zu.
„Erzähl schon“ fordert Karly ungeduldig. Schließlich ging es um ihre Schwester, und sie wollte wissen, ob sie sie wirklich lebend wiedersehen würde.
„Also“ begann Blanche.
„So, fertig.“ Marty betrachtete Melitta zufrieden, die wie tot auf Carolas Knien lag.
„Meinst du, das reicht?“ Carola hatte ihre Zweifel.
„Natürlich reicht das. Bei den anderen hat das auch gereicht. Glaub mir, die wird so schnell nicht mehr abhauen. Und jetzt bring sie zurück, die anderen müssen ja auch noch bearbeitet werden.“ Marty legte die Schere auf den Tisch.
Carola stand auf, und nahm Melitta vorsichtig auf den Arm.
„Du armes Ding, du hast sicher Todesängste ausgestanden. Aber glaub mir, die anderen hatten auch am Anfang Angst. Entweder du lernst es dadurch, oder aber die Sache muss irgendwann wiederholt werden.“ Langsam ging sie mit Melitta zum Zaun zu den anderen zurück.
Marty holte sich einen Besen und den Eimer, der in der Ecke stand.
‚Manchmal sind ja schon ein paar besonders hartnäckige Kandidaten dabei’, dachte er.
Aber was soll’s. Gestutzte Flügel wachsen bei der nächsten Mauser wieder nach.
Und Hühner haben nun mal kein Langzeitgedächtnis.
Kommentar von:
anngel
2010-10-17 22:14
süüß. mit hühnern hätte ich nicht gerechnet. sehr gelungene geschichte!
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Kommentar von:
Twiddy
2010-10-18 09:45
Das ist so eine spannende und lustige Geschichte, die man gern zweimal liest.
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Kommentar von:
P.Böttcher
2011-02-09 03:10
So eine schöne Geschichte ließt man immer wieder gern. Besonders der Schluß gefällt mir.
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