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Fernweh - Heimweh

Die alten Römer wußten schon, wovon sie sprachen: tempus fugit - wie wahr, wie wahr! 
Hat sich tempus endlich bis Ende April durchgedrängelt, fugit, sozusagen, muß ich eine Extra-Ration Heu und zusätzliche Wassereimer in die Tiefgarage schleppen, um die mittlerweile angegrauten Pferde milde zu stimmen.
Am Donnerstag ist es dann soweit, der Kofferraum ist bereits am Vortag beladen.
Ich drücke die Fernbedienung, die Zentralverriegelung hebt saugend die Verschlüsse der Türen, entriegelt Kofferraum und Tankdeckel. Ich führe den Sicherheitsgurt seiner Bestimmung zu und starte, langsam steigt die Öldruck-Anzeige. Verschlafen erwacht der schwere Sechszylinder zum Leben. Noch schnurrt er zufrieden wie ein satter Kater, Behäbigkeit vortäuschend. Ich schalte den CD-Player ein, lege den Hebel auf D - ein leichter Ruck geht durch das Fahrzeug, als die kraftvolle Automatik den Gang einlegt, lasse die Bremse los. Auf flüsternden Reifen rollt der Wagen langsam vorwärts, ohne daß ich Gas geben muß.
Der Tiefgarage entkommen, legt der Vormittag seine lauwarmen Nüstern an die Scheibe. Gemächlich, die Zügel schleifen lassend, zuckeln wir in Richtung Autobahn.
Ab Oelde bleibt die A2 endlich für lange Zeit dreispurig, es wird Zeit für das richtige Kommando. Und tatsächlich, die bislang schlummernde Raubkatze läßt sich durch meine Fußsohle kitzeln und aufwecken. Ganz tief holt sie Luft, um ausführlich nach Benzin und Luft zu schnappen,  dann ist sie soweit und stimmt ein einmaliges Motor-Orchester an. Aufbrüllend zeugt sie davon, daß sie Herrin über 180 Pferde ist, die noch gewaltig der Hafer sticht, die bullige Durchzugskraft eines schwarzen Panthers wird geweckt. Ich weiß schon, warum ich sie liebevoll Blacky nenne. Sie sprintet los und frißt Kilometer um Kilometer, nichts als Scheinwerfer und Blinklichter, übergossen von Chrom und Lack wie ein glasierter Geburtstagskuchen.
Erst bei weit über 200 Stundenkilometern würde ihr die Puste ausgehen, Schmusekater und Wildkatze in einem.

Um diese Zeit erzählt mir meist Jim Morrison, daß der Tag die Nacht zerstört und die Nacht den Tag unterbricht. Erst dann bin ich mir ziemlich sicher, zwar nicht wie er zur anderen Seite, wohl aber nach Berlin aufzubrechen, als Beifahrerin gesellt sich meist meine kleine Freiheit hinzu. Den Rest der Fahrt brüllt mir meist Mick Jagger den Weg frei, es sei denn, mir ist nach Knitteln zumute, bis es Gretchen vor Heinrich graut.
Verlasse ich in Rangsdorf die A 10 und sehe links einen Pflaumenbaum weiß ich, es ist halb zwei und es kann nicht mehr lange dauern, bis ich nach fast einem Jahr wieder sagen kann: "Sehn Se, det ist Berlin !"

 

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Kommentar von: Ronny 2009-12-03 20:32
Was für eine tolle, mit Worten bebilderte, Kurzgeschichte ... Wow. Das Thema selbst wird glatt zur Nebensache. Bitte mehr davon :D
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