Rügen, ganz rechts
„Schau dir das an!“ Alan klang völlig geschockt.
Wir hatten ein paar ruhige Urlaubstage auf „unserer“ Insel hinter uns. Rügen - hier verbrachten wir vor Jahren unseren ersten gemeinsamen Urlaub, lernten uns richtig kennen und stellten fest, dass es ohne den Anderen nicht mehr ging. Deshalb, und weil die Insel einiges zu Bieten hat, zog es uns in unregelmäßigen Abständen immer wieder hier hin.
Dieses Mal waren wir mit dem neu erworbenen Wohnwagen unterwegs. Der Campingplatz, direkt am Strand, machte richtig Spaß, war gepflegt und die wenigen Gäste gaben sich im täglichen miteinander freundlich und hilfsbereit.
Allerdings musste alles seinen wohlgeordneten, „sozialistischen“ Gang gehen, aber das passt einfach zu Land und Leuten.
Die Campingplatzregeln waren akribisch einzuhalten:
Achtung:
Von 13 bis 15 Uhr
herrscht Mittagsruhe!
Also kam man in dieser Zeit weder auf den Platz, noch konnte man ihn verlassen. Zumindest nicht mit dem Auto , denn eine Schranke versperrte die Ein-und Ausfahrt. Militante Mittagsruhe also…Aber das nahmen wir eher gelassen. Schließlich befanden wir uns im Urlaub und nicht auf der Flucht.
Da das Wetter heute nicht besonders vielversprechend war, hatten wir beschlossen, uns im Wohnwagen einzuigeln und zu lesen.
Doch was sich hier, direkt neben uns, tat war wirklich comedyreif, so dass wir unsere Krimis völlig vergaßen:
Zwei schrottreife Autos hielten mit quietschenden Reifen auf der Zufahrt zum nächstgelegenen Stellplatz. Die hintere Tür des ersten Autos öffnete sich und hinaus kletterte ein Junge, vielleicht 10 Jahre alt. Sein Kopf war so gut wie kahl geschoren, dafür zierte ein ca 50 cm langer Zopf seinen Hinterkopf. Ganz in schwarz gewandet streckte er sich erst einmal, um gleich darauf seine megacoole Sonnenbrille aufzusetzen.
„Ups, Karate Kid für Arme“, entfuhr es mir.
Kid bewegte sich mit wiegenden Hüften auf das Klettergerüst nebenan zu, enterte es und verkündete laut, was sowieso jeder ahnte: „Ich bin der Coolste hier!“
Doch damit nicht genug.
Der Fahrer der ersten Schrottkarre entpuppte sich als ein haarloser Mann mittleren Alters, ganz in braun gekleidet, der erst einmal einen ordentlichen Schluck aus seiner ‚Stier Bier‘ Flasche nahm.
Die Beifahrertür öffnete sich. Einen irren Moment dachte ich, Alice Cooper hätte seine Cyberbar verlassen, denn eine zu alt geratene Heavy Metal Braut mit dünn-zotteligen und tief schwarz gefärbten Haaren blinzelte ins Tageslicht. Das blasse Gesicht, die mit Kajalstift betonten Augen, die schwarzen Lederklamotten…Die Lady hätte glatt den Keeper in Coopers’s Bar machen können.
Aus dem anderen Auto schraubte sich ein glatzköpfiger junger Mann, ganz in Tarnkleidung gehüllt. In der einen Hand hatte er eine Bierflasche, in der anderen ein Kofferradio. Seine Beifahrerin blieb erst einmal im Auto sitzen. Während er einen ordentlichen Schluck aus der Bierpulle nahm, setzte Glatze das Radio auf dem Autodach ab und bald erklangen die ersten Radiospots.
„MDR 1“, wunderte sich Alan. „Ich hätte eher auf Musik von den ‚Böhsen Onkelz‘ oder ‚Rammstein‘ getippt.“
Alice und die beiden Glatzen begannen eifrig damit, ein kleines Zelt aufzubauen, während Karate Kid sich damit vergnügte, alle anderen Kinder vom Klettergerüst zu schubsen.
Nach einigem hin und her stand die Behausung und endlich stieg auch die Beifahrerin aus.
Ich muss gestehen, dass ich wirklich neugierig hinübergelugt hatte. Es wurde immer interessanter, denn offensichtlich handelte es sich hier um eine völlig schräge Familie und nun kam die Schwiegertochter auf den Plan.
Die übertraf meine Erwartungen bei weitem, denn sie sah aus, wie die jüngere Version ihrer Schwiegermutter, nur dass sie ihre Augen hinter einer Sonnenbrille versteckt hatte, die große Ähnlichkeit mit den coolen Augengläsern von Karate Kid hatte.
Während es sich die Familie mit reichlich Alkohol vor dem Zelt gemütlich machte, betätigte sich Young Alice Cooper als DJ. Jedenfalls versuchte sie es, indem sie eine CD in das Kofferradio schob. Nach etlichen Versuchen gab sie auf und beschwerte sich laut lamentierend bei ihrem Mann. Der wusste Rat: Er öffnete alle Autotüren, fummelte am Radio herum und schon bald erklang die CD in voller Lautstärke.
„Die Gefühle haben Schweigepflicht …“
…sang Andrea Berg. Ach hätte sie es gesungen – sie grölte es mit der Lautstärke einer Post Hardcore Band in die Welt hinaus.
Nachdem die CD zum dritten Mal erklungen war und von neuem mit dem ersten Titel begann, zeigten sich bei Alan die ersten Stresserscheinungen.
„Was meinst du, sollte ich mal rüber gehen und um Gnade bitten?“ fragte er ziemlich ratlos.
„Ach weißt du Schatz, kein Mensch kann sich das permanent anhören! Jedenfalls nicht ohne bleibende Schäden.“
Das hätte ich nicht sagen sollen, denn wieder meinte Andrea
„Die Gefühle haben Schweigepflicht“
Alan stand auf.„Ich werde unsere Nachbarn jetzt bitten die Musik leiser zu machen. Das kann ja nicht so schwierig sein.“
Ich schaute ihn zweifelnd an. „ Du kannst das versuchen, aber die Leute sehen nicht wirklich kompromissbereit aus…“
„Ach was, ich versuche das einfach. Die Beifahrerin ist doch schon längst ausgestiegen, das Autoradio grölt immer noch! Wahrscheinlich sind die Leute einfach gedankenlos.“
Mit diesen Worten schlenderte er zum Nachbarzeltplatz.
„Siehst du, man muss nur vernünftig argumentieren.“ Alan grinste mich an. „Dann klappt es auch mit dem Nachbarn. Jetzt machen wir einen Strandspaziergang und anschließend könnte ich mich zu einem Eisbecher überreden lassen.“
Wirklich war die Musik, wenn auch unter lautstarkem Protest, etwas leiser gestellt worden und so brachen wir in guter Hoffnung auf. Doch man soll den Tag nicht vor dem Abend loben.
„Die Gefühle haben Schweigepflicht“
schallte es uns bei unserer Rückkehr entgegen und das noch lauter als vorher.
„Na ja, es war auch blöd um Ruhe zu bitten und anschließend weg zu gehen. Jetzt, wo wir wieder hier sind werden die Nachbarn ihr Radio sicher leiser machen“, meinte Alan einsichtig.
Eine Stunde später, war selbst er nicht mehr von seiner Behauptung überzeugt. Wir hatten es aufgegeben selbst Musik zu hören und ans Lesen war gar nicht zu denken.
Zwei Stunden später, als der Lärm-und scheinbar auch der Alkoholpegel nebenan ungeahnte Ausmaße annahm, wurde er richtig sauer.
„Basta, jetzt reicht es! Ich gehe zur Rezeption und frage, ob wir einen anderen Stellplatz bekommen. Es sind genug Parzellen frei.“ Wirklich war der Campingplatz alles andere als ausgebucht. Warum diese Leute sich ausgerechnet neben uns breit gemacht hatten und nicht auf einer Parzelle ohne Nachbarn schien unverständlich.
Alan stapfte in Richtung Rezeption davon und ich fing an den Wohnwagen aufzuräumen. Das Vorzelt abbauen, alles einpacken, das war eine Menge Arbeit. Diese Gedanken schienen Alan auch durch den Kopf gegangen sein, denn als er wenig später wieder auf der Bildfläche erschien meinte er:
„Wir können sofort auf einen anderen Stellplatz überwechseln. Der Mann an der Rezeption will zusätzlich gleich vorbei kommen, um die Störenfriede zur Räson zu bringen, denn es haben sich noch weitere Gäste beschwert. Ich starte jetzt einen letzten Versuch, um vernünftig mit den Leuten zu reden. Es kann doch nicht angehen, dass sie so wenig Rücksicht auf ihre Mitmenschen nehmen!“
Entschlossen machte er sich erneut auf den Weg. Ich sah ihm mit gemischten Gefühlen hinterher, denn diese schrägen Vögel erschienen mir alles andere als einsichtig.
Meine Ahnung trog nicht, denn wenig später hörte ich den älteren Glatzkopf aus vollem Halse schreien. So schnell ich konnte lief ich Alan hinterher und glaubte meinen Augen nicht zu trauen. Während der Vater unverständliches Zeug brüllte und die beiden Alice Cooper Double in aller Seelenruhe an ihren Bierflaschen nuckelten, hatte sich sein Sohn dicht vor Alan aufgebaut und holte zum Schlag aus.
„Du Judensau, ich ritze dir ein Hakenkreuz in die Stirn“, schrie er drohend, während er seine Faust knapp an Alans Kopf vorbeizischen ließ.
Einen Moment hielt ich verblüfft inne. „Wieso jetzt Jude? Aber wir sind doch gar keine Juden und wie will man überhaupt sehen, ob jemand jüdisch ist?“ In extremen Situationen gehen einem die seltsamsten Gedanken durch den Kopf.
Dann allerdings hatte ich keine Zeit mehr über solche Kleinigkeiten nachzudenken, denn Alan lief gefährlich rot an und ballte die Fäuste. Mein Mann ist ein wirklich ruhiger und besonnener Zeitgenosse, aber wenn eine bestimmte Grenze überschritten ist kann auch er ungemütlich werden.
Also hängte ich mich fest an Alans Arm. „Bitte, Schatz, wir gehen jetzt sofort. Einer muss doch vernünftig sein. Hier wird niemand angefasst.“
„Ick fasse dir ja nich an, aber dat kann sich janz schnell ändern!“ Jung Glatzkopf schien unbelehrbar. Er ließ zum zweiten Mal seine Faust in unsere Richtung sausen. Wieder knapp an Alans Kopf vorbei. Der schien über den Aggressionsmoment weg zu sein und ging einen Schritt zurück, während er mich schützend in den Arm nahm.
Endlich tauchte der Rezeptionist auf. Er erfasste die Situation sofort.
„Sie packen jetzt sofort ihre Sachen und verlassen den Campingplatz, sonst rufe ich die Polizei.“
Plötzlich und unerwartet trat old Alice Cooper in Aktion. Sie wies mit der Hand auf uns und trompetete. „Der Mann da hat angefangen. Er war gleich total unfreundlich. Da ist Kevin wieder mal ausgerastet, kein Wunder.“
Kevin rückte auf. „Wenn wir hier weg müssen, dann komme ick heute Nacht wieder und fackele euch dat Auto ab“, drohte er.
Es lief mir kalt den Rücken herunter, denn ich glaubte ihm sofort. „Bitte, Alan, ich möchte hier weg. Ich bleibe auf keinen Fall länger auf diesem Stellplatz.“
Das Gesicht des Rezeptionisten hellte sich auf. „Das ist die beste Lösung. Entweder sie fahren sofort ab und ich berechne ihren Aufenthalt neu, oder sie suchen sich einen andere Parzelle irgendwo hier auf dem Gelände aus. Sie können mir dann morgen früh Bescheid sagen, ich habe jetzt nämlich Feierabend. Die Rezeption ist über Nacht nicht besetzt.“
Mit diesen Worten setzte sich der mutige Mann in sein Auto und fuhr schnell weg. Wobei er in guter Gesellschaft war, denn kein Gast des Campingplatzes mischte sich in irgend einer Form ein.
So bauten wir schnellstmöglich unser Vorzelt ab, hängten den Wohnwagen ans Auto und suchten uns für die Nacht einen anderen Stellplatz, möglichst weit weg von diesen schrecklichen Menschen. Es blieb uns gar nichts anderes übrig, denn die 700 km nach Hause waren an diesem Abend nicht mehr zu bewältigen und die meisten Campingplätze konnte man um diese Uhrzeit nicht mehr anfahren.
Während wir mit Packen beschäftigt waren, sprang Karate Kid auf dem Klettergerüst herum und grölte: „Wir haben gewonnen, ge-won-nen.“ Armes Kind, der Junge tat mir leid.
Weniger Leid taten mir seine Eltern und Großeltern, die uns immer wieder mit einem aufmunternden „Scheiß Wessi, hau bloß ab!“ motivierten.
Nach einer ziemlich schlaflosen Nacht machten wir uns am frühen Morgen auf den Heimweg.
„Weißt du was, hier machen wir eine kurze Pause, die Raststätte sieht ganz nett aus. Aber zuerst tanke ich.“ Alan stoppte an der Tankstelle, öffnete die Autotür, schlug sie gleich wieder zu und fuhr weiter. Aus dem Lautsprecher der Tankstelle ertönte:
„Die Gefühle haben Schweigepflicht“
Sorry Andrea, aber diesen Titel wollen wir in der nächsten Zeit wirklich nicht hören.