Es war doch erst gestern
Verwirrt schaute Mario sich um, denn er war einen Moment mit seinen Gedanken abgedriftet. Kein Wunder, denn die Liturgie zog sich in die Länge. Doch der Ellenbogen seines kleinen Mädchens, schmerzhaft in seine Seite gebohrt, hatte ihn zurück in die Wirklichkeit geholt.
„Wirklich, Papa, fast hättest du geschnarcht. Wie peinlich...“, wisperte sie vorwurfsvoll.
Er grinste schuldbewusst in ihre Richtung.
Sein kleines Mädchen sprach inzwischen auf Augenhöhe mit ihm, was kein Wunder war, denn mit dem heutigen Tag hatte sie den großen Schritt in Richtung Erwachsenwerden getan: die Allgemeine Hochschulreife. Wie würde es weiter gehen, welchen Weg mochte sie wohl wählen. Der nächste Schritt könnte ihr ganzes weiteres Leben beeinflussen. Mario seufzte, was ihm einen weiteren vorwurfsvollen Blick einbrachte. So wandte er sich, als vorbildlicher Vater, wieder der Kanzel zu und versuchte, sich auf die salbungsvolle Stimme des Priesters zu konzentrieren.
Doch er vermochte es einfach nicht, der, im ziemlich leierigen Tonfall vorgebrachten, Predigt zu folgen. Wieder ließ er den Blick schweifen, schielte nach oben, sah die eingemeißelten Zahlen im Schlussstein des Kirchengewölbes und erinnerte sich:
Es war erst gestern, da saß er an fast der gleichen Stelle in dieser Kirche. Eine winzige Kinderhand hatte sich vertrauensvoll und auch ein wenig schutzsuchend in die Seine gestohlen. Mit der anderen Hand hielt sein kleines Mädchen krampfhaft die Schultüte umklammert. Rundherum zappelten die I-Dötze auf den altehrwürdigen Kirchenbänken hin und her, während besorgte Eltern versuchen, dem aufgeregten Gehampel Herr zu werden. Allein seine Kleine, so kam es ihm jedenfalls vor, benahm sich vorbildlich, saß brav, wenn auch etwas verkrampft, neben ihm.
Langsam legte sich die Unruhe, denn der Organist trat mächtig in die Pedale und erstickte so jedwedes Kindergeschnatter. Die Kleine entspannte sich sichtlich, ließ den Blick schweifen, schaute fasziniert zur Gewölbedecke hinauf, immer wieder. Konnte letztendlich den Blick nicht abwenden. Mario, verwundert über ihr Interesse an mittelalterlicher Baukunst allgemein und dem Kreuzrippengewölbe der Kirche im Besonderen, folgte ihrem Blick.
Verschwörerisch stubste seine Tochter ihn an. „Du kannst das auch sehen, nicht wahr, Papa!“
„Ja was denn?“ flüsterte er zurück.
Sie wies mit dem Kinn in Richtung Decke. „Ganz da oben steht doch die Telefonnummer vom lieben Gott!“