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Ein langer Abschied

1959 verstarb mein Großvater durch einen Sturz aus seinem Kirschbaum.
Zu dieser Zeit war ich gerade 2 Jahre alt und habe von alle dem nichts mitbekommen. Doch später  war da immer eine leise Erinnerung an ihn. Obwohl jeder sagte: „Du kannst ihn nicht gekannt haben“, wenn ich mich an eine bestimmte Situation mit ihm erinnerte.
Es stellte sich aber immer heraus, dass es tatsächlich so gewesen war.
Meine Mutter erzählte mir später, dass er mit einer abgöttischen Liebe an mir gehangen hatte und sie sich manchmal gefragt hatte, wer nun die Mutter war. Sie oder er.
Mit 12 Jahren fingen diese Träume an, die ich bis zu meinem dreißigsten Lebensjahres regelmäßig träumte. Schweißgebadet aufwachte und nicht wieder einschlafen konnte. Ich träumte immer den gleichen Traum.

Der Traum

Ich komme von der Schule nach Hause, öffne die Wohnungstür und finde nur meine Großmutter vor, die ganz in schwarz gekleidet ist.
Sie sagt, dass ich mit ihr gehen müsse. Also folge ich ihr über den langen, dunklen Flur und sie öffnet die Tür, die zu den Kellern führt. Die steile Treppe ist voll mit Menschen, die mich traurig anschauen, aber nichts sagen. Langsam schiebt sich die Menge nach unten und bewegt sich in Richtung Waschküche. Nacheinander gehen die Menschen langsam dort hinein. Schon aus der Ferne sehe ich, dass eine kleine Holzhütte dort steht. Einzeln treten sie vor das Häuschen und verbeugen sich leicht, gehen weiter und verschwinden in der Wand.
Dann bin ich an der Reihe. Ich trete vor das Holzhäuschen, es hat rechts eine Scheibe und ich sehe einen Sarg, in dem ein Mann liegt. Es ist mein Großvater. Schon im Traum schlägt mein Herz und ich rufe nach Hilfe, aber es ist niemand mehr da.
Ganz alleine stehe ich vor dem Häuschen in dem mein toter Großvater liegt. Plötzlich  richtet er sich auf und streckt seine Arme nach mir aus. Panik macht sich in mir breit und ich renne zurück zur Kellertreppe, aber meine Beine sind wie aus Blei und ich komme kaum vorwärts. Ich schaue mich immer wieder um, sehe wie er mir folgt. Er trägt ein weißes Totenhemd und hat seine Arme nach vorne gestreckt. So, als wollte er nach mir greifen.
Ich schaffe  mit Mühe und Not das Ende der Treppe zu erreichen, dann quäle ich mich über den langen Flur und ich weiß, er ist hinter mir.Vor meinen Augen ist die rettende Türklinke, aber ich kann mich nicht bewegen. Verzweifelt strecke ich meine Hände nach ihr aus, dabei werfe ich einen Blick zurück und sehe, dass mein Großvater nach mir greifen will. Doch in diesem Moment bekomme ich die Klinke zu fassen. 
Mit rasendem Herzen und schweißgebadet wachte ich immer auf, knipste meine kleine Nachttischlampe ein und zitterte mich in den weiteren Schlaf.
Diesen Traum träumte ich 1-2-mal im Jahr.

Mit fast 30 träumte ich ihn plötzlich 2-3-mal die Woche. Am Anfang konnte ich gut damit umgehen, doch nach ein paar Wochen nicht mehr. Hinzu kamen noch andere Begebenheiten. Oft hatte ich das Gefühl, dass mich irgendwer in den Arm nahm, was ich aber nicht als unangenehm empfand. Es kam mir  irgendwie vertraut vor.
Schlafen ging ich nun mit dem Gedanken, „Träume ich es schon wieder?“ Und ich tat es. Bis eine Erkältung mich zum Arzt gehen ließ. Am Ende fasste ich mir ein Herz und erzählte ihm von meinem Traum. Davon, dass ich ihn schon als Kind geträumt hatte, aber selten. Aber nun 2-3-mal die Woche.
Ich hätte nie gedacht, das er mir so interessiert zuhören würde, aber das tat er.
Er gab mir den Rat, nicht mehr nach der rettenden Klinke zu greifen, sondern abzuwarten, was geschehen würde, weil er da so seine eigene Vermutung hätte. Es würde nicht beim ersten Mal klappen, aber wenn ich mir jeden Abend sagen würde: „Du greifst nicht nach der Klinke,“ dann würde es irgendwann schon so geschehen. Auf jeden Fall sollte ich ihm Bericht erstatten.
Es hat Monate gedauert, bis ich wirklich nicht nach der rettenden Türklinke gegriffen habe. Was ist passiert?  Gar nichts und doch viel.
Der gleiche Traum wie immer. Die gleichen ausgestreckten Hände, das gleiche Totenhemd. Aber ich blieb stehen. Er lächelte mich an, nahm mich in seine Arme und drückte mich ganz fest an sich. Dann drehte er sich um und ging. An der Kellertür vorbei, zur Haustür. Auch trug er kein Totenhemd mehr, sondern einen Mantel und einen Hut. Den zog er, bevor er die Tür öffnete, und verschwand. Ich verstand, dass es ein Abschied gewesen war, den ich erst jetzt zulassen und verstehen konnte.
Irgendwann hakte auch mein Hausarzt nach. Ich erzählte ihm alles und er sagte, dass er sich so etwas gedacht hätte. Es war ein langer Abschied.
Diesen Traum habe ich nie wieder geträumt. Auch in anderen Träumen tauchte mein Großvater nicht mehr auf.

 

4 Wertung(en)    Schlecht »« Super  



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Kommentar von: Ronny 2010-08-30 17:19
Eine tolle Geschichte! Ich habe schon ein bisschen geahnt was da kommen wird und warum dennoch habe ich es bis zum Schluss lesen wollen, um Gewissheit zu haben. Es hat sich ja auch prima und leicht spannend lesen lassen. Danke
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Kommentar von: almebo 2010-08-31 09:24
Liebe Moni, diese eindeutige Traumgeschichte kann ich gut nachvollziehen. Ich habe ähnliches in wiederholten Träumen erlebt, die ich als Junge während des Krieges gesehen habe. Als sei es eine Mahnung, nie mehr solche Zustände erleben zu müssen. Deine Geschichte war beeindruckend! Lg Alfred
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Kommentar von: Pedro 2010-09-02 07:51
Morgen Monika,
deine Geschichte hat mich beeindruckt. Sehr spannend hast du sie erzählt, genau beschrieben. Ich konnte mich einfühlen und mitfühlen. Gerne gelesen. Pedro
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Kommentar von: Moni 2010-09-02 10:45
Ronny, almebo, Pedro, sage Danke. Pedro, danke für die Hinweise. Gruß Moni
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Kommentar von: Gisela 2011-02-28 17:26
Ähnliche Träume kenne ich. Bei mir sind die Toten nie richtig tot, sie bewegen sich, sollten aber tot sein! Was das wohk zu bedeuten hat? LG Gisela
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Kommentar von: Moni 2011-02-28 19:33
Hallo Gisela. Ich denke dass wir die Verstorbenen in unseren Träumen so sehen, wie sie zu Lebzeiten waren. Meinen Traum träumte ich ja seit meiner Kindheit. Es war immer der gleiche, denn es gab nie Abweichungen. Ich bin froh, dass ich ihn nun nicht mehr träume. Es war wirklich ein langer Abschied. Gruß Moni.
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Kommentar von: Angelina 2011-03-01 07:59
Hallo Moni, die Geschichte ist wirklich gespenstisch und gleichzeitig faszinierend. Dass es möglich ist, Träume bewusst zu ändern, habe ich noch nie gehört. Immer wiederkehrende Träume hat wohl jeder von uns, schön, dass der deine sich in Luft aufgelöst hat! LG
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