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Mein Tag X

Ich möchte Euch jetzt eine wahre Geschichte erzählen. Gerade heute, wo das Wetter grau in grau ist, fällt sie mir wieder ein. Das heißt, im Hinterkopf habe ich sie immer. Aber ich verdränge sie krampfhaft. Und wenn sich jemand in ihr wieder findet, ist es an der Zeit sich einige Fragen zu stellen. Z.B. Habe ich nur einen schlechten Tag?
Das wäre eine Möglichkeit. Habe ich statt Kreislaufpillen andere Pillen zu mir genommen? Aus Versehen natürlich. Das wäre Variante zwei. Oder hat sich das erste Alzheimerloch  in mein Hirn gebohrt. Muss nicht sein, sollte man aber in Betracht ziehen. Die harmloseste Variante, dass sind die Wechseljahre. Wenn sie dich überfallen mit -wassertreibenden Schweißausbrüchen. Du läufst bei den banalsten Dingen deines alltäglichen Lebens rot an. Alle denken du schämst dich, aber das tust du nicht. Und etwas Schlimmes getan hast du auch nicht. Du weißt es ja, aber dein Gegenüber nicht. Und wenn dein Herz dann auch noch Gas gibt, weil es wie eine Dampfmaschine hämmert, drehst du durch. Wenn Wutausbrüche dich zu einem anderen Menschen werden lassen, erkennst du dich selber nicht mehr. Dein Mann aber auch nicht. Sein sicherster Platz ist dann das Sofa, wo er sich nieder legt und den tief Schlafenden mimt. Aber er hört dich, dass ist wichtig, nichts anderes.  Am meisten nerven deine eigenen Kinder.
„Hast du heute einen Furz gefrühstückt?“, sind noch die harmlosesten Gemeinheiten, die sie dir  an den Kopf schmeißen. Sie vergessen dabei, dass sie einmal hier gewohnt haben, aber auch, dass diese Zeit schon lange vorbei ist. Auch, dass du in deinen eigenen vier Wänden randalieren darfst, so viel du willst. Also, da wohl Pillen, Alzheimer und Co  nicht auf mich zutreffen, können es nur Wechseljahre sein. Oder? Oder nicht? Dann zur Geschichte......

Draußen ist es trüb und dunkle Wolken ziehen über den Himmel. Außerdem ist es ziemlich kühl.
Ich stehe in meinem dünnen Nachthemd in der offenen Balkontür und rauche meine erste Zigarette, in der anderen Hand halte ich eine Tasse Kaffee. Drücke die Zigarette aus, lasse mich auf einen Stuhl sinken und warte die erste Schwindelattacke ab. Die erste Zigarette im Stehen haut mich immer um. Aber wir rauchen nicht in unserer Wohnung, nur in anderen. Die Zweite geht schon besser und ich überlege, was ich an so einem Tag kochen soll. Bei diesem Wetter, beschließe ich, kann es ruhig mal eine deftige Gemüsesuppe sein. Langsam mache ich mich fertig, gehe mit den Hunden hinaus und stelle wütend fest, dass unser Auto nicht vor der Tür steht. Nur der kleine Micra meines Sohnes, den ich ihm netter Weise abgetreten habe, steht einsam und verlassen vor mir.
Aber solche Tage gibt es bei uns. Das sind die Tage, wo an verschiedenen Baustellen gearbeitet wird. Also nicht schlimm für mich. Und der Autoschlüssel lag ja im Flur.

Ich fahre also einkaufen und besorge alles, was in meine Gemüsesuppe hinein soll. Blumenkohl, Kohlrabi, Porree, Petersilie, Möhrchen und Rindfleisch. Ja, dieses Rindfleisch. Ich stehe vor der Theke, als Einzige wohl gemerkt. Endlich bewegt sich die Dame dahinter auf mich zu und fragt nach meinen Wünschen. Schon als ich es ihr verrate, überkommt mich eine Unruhe und es wird mir kochend heiß. Am liebsten würde ich meine Jacke ausziehen und mich vor das kühle Glas pressen. Aber sie hat die Ruhe weg. Ganz langsam sucht sie nach den schönsten Beinscheiben, angelt zwei heraus und betrachtet sie von allen Seiten. In Gedanken schreie ich „Ich wiege sie selber aus, geben sie mal her. Kann ich heute hier arbeiten? Hier ist es so schön kühl.“  Aber ich stehe, wo ich stehe und gucke wie ein Lämmerschwanz. Endlich hat sie es geschafft. Und Tschüss.  Anschließend kaufe ich noch frische Brötchen und fahre wieder nach Hause. Auf dem Rückweg habe ich wohl aus Versehen die Wischer aktiviert. Sie schwingen hin und her, obwohl es nicht regnet. Verzweifelt drücke ich Schalter und betätige Hebel, um sie zum Schweigen zu bringen. Vergebens. Ich weiß nicht mehr wie sie abgestellt werden, obwohl ich dieses Auto Jahre gefahren habe. Zu allem Überfluss winkt der Heck-Wischer auch noch. Also gebe ich auf und fahre so zurück.

Packe aus, setze das Fleisch auf und putze Gemüse. Schäle Kartoffeln und setze mich vor den Computer, denn er hatte Guck- Guck gerufen, dieser alte ICQ- Vogel. Chatte ein bisschen mit meiner Freundin und erzähle ihr von meiner Gemüsesuppe. „Was tust du alles rein?“ schreibt sie auch prompt. Also zähle ich brav alles auf und doch nicht alles. Ein Gemüse war mir entfallen. Wie hieß es nur? Besorgt gehe ich in die Küche und gucke mir meine gewürfelten Kohlrabi an. „Was ist das nur?“, denke ich sorgenvoll. Da ich es langsam mit der Angst bekomme, nehme ich ein Stück Schale und schnüffele daran herum. Wieder nichts. Zum Schluss greife ich ein Stück von dem namenlosen Gemüse, stecke es in meinen Mund und kaue andächtig, alle Gemüsesorten in Gedanken aufzählend. Aber ich kam nicht drauf. Stürme zu meinem Computer, aber die Blume meiner Freundin ist wieder rot. Also rufe ich sie an und bekomme die Info, dass ich Kohlrabi in meine Suppe werfen werde. Oh Gott, genau. So heißt ja das Gemüschen. Aber mir ist gar nicht wohl bei dem Gedanken, dass ich nicht auf Kohlrabi gekommen bin. Da bleibt nichts anders übrig, als zu Googeln. -Sympthome bei Alzheimer-  da nur eine Sache passte, nämlich das Vergessen, war ich beruhigt. Aber nicht lange. Vor kurzem habe ich meinen Mann gefragt, warum ich kein Überlaufrohr unter meiner Spüle habe?  Das wusste er auch nicht, versprach aber, schnellst möglich dafür zu sorgen. (Ich habe heute immer noch keins) Auf jeden Fall wusste ich um die Sache. Ließ mir Wasser ein, um meine Spuren weg zu wischen. Denke an Kohlrabi, renne zum Computer und google mir noch einiges zusammen. Telefoniere mir meinen Kummer von der Seele, stehe beruhigt auf, schlendere zur Küche und stehe schon im Flur mit den Füßen im Wasser. Renne ins Schlafzimmer und reiße alle Handtücher aus dem Schrank. Diese werfe ich auf den Boden (Laminat). Renne zurück, reiße Bettwäsche aus dem Schrank, diese werfe ich in die Küche (Granit) und stelle fest, dass ich das Wasser immer noch nicht abgedreht habe. Nach dem ich alles trockengelegt hatte, betrachte ich meinen Granitboden, der nicht mehr hellgrau war, sondern dunkelgrau. An einigen Stellen sogar fast schwarz. Hole eine Verlängerungsschnur und meinen Föhn. Knie mich auf den Boden und versuche Granit trocken zu föhnen. Aber selbst ich, in meinen außergewöhnlichen Zustand, merke dass es zwecklos ist.

Kurze Zeit später saß ich wieder vor meinem Computer und loggte mich in einen Wechseljahre-Chat ein. Schilderte nur meine Kohlrabi Misere und war erleichtert, dass es anderen auch so ging. Eine wusste z.B. nicht mehr, wie sie ihre Kaffeemaschine bedienen sollte. Obwohl sie diese schon Jahre ihr eigen nannte. Das war Erleichterung pur. So etwas ist mir nie wieder passiert. Gott sei Dank, ich bin normal. Juchu! Mein Mann zeigt mir heute noch manchmal Kohlrabi, wenn wir zusammen einkaufen gehen. Dann fragt er mich, wieviel Äpfel ich denn haben möchte. Aber auch nur, weil er sich dann ziemlich witzig findet. Ich lache dann immer später, wenn ich viel Zeit habe.
Ach so. Mein Granitboden ist auch wieder trocken.

 

3 Wertung(en)    Schlecht »« Super  



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Kommentar von: Pedro 2010-09-18 08:14
Du hast eindrucksvoll auf die Situation von Alzheimer-Patie nten hingewiesen und auf die Angst davor, von dieser Krankheit befallen zu werden.
Ich habe mal längere Zeit mit Alzheimer-Patie nten gearbeitet und kenne diese Tragik.
Über den uralten "Witz", dass man zuerst Ausfälle alleine bemerkt, dann die anderen auch, zum Schluss nur noch die anderen, kann ich nicht lachen!
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Kommentar von: Moni 2010-09-18 08:25
Hallo Pedro, wenn man so einen Tag erwischt wo alles schief geht, ist der erste Gedanke "Alzheimer". Ich finde, es ist auch ein oft so daher gesagter Satz, den ich oft höre, wenn jemand etwas nicht mehr weiß.War vor einigen Jahern selbst in der Pflege tätig und bin mit den Patienten in Berührung gekommen.Zum Lachen ist es wirklich nicht. l.G. Moni
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