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Quiztime!

Als reichlich angejahrte Rentnerin verfüge ich bekanntlich  über sehr viel Zeit.  Das wissen oder vermuten jedenfalls auch meine Freunde aus dem Schreibforum, die mit mehr oder weniger Zustimmung meine mehr oder weniger gelungenen Kommentare zu ihren geistigen Erzeugnissen zur Kenntnis nehmen (müssen!)

Sie wissen auch, zumindest, wenn sie ein paar meiner „Gedanken zu …“ gelesen haben, dass ich viel Zeit vor dem Fernseher verbringe und , durch einen rätselhaften Zwang getrieben, mir nahezu Tag für Tag nachmittags die ständigen Psycho– und Gerichtsshows ansehn muss. Muss! Obwohl sie mir eigentlich gar nicht gefallen und ich sie und mich selbst dafür manchmal förmlich hasse.  Trotzdem: ich kann nicht anders!

Was ich aber wirklich gerne und freiwillig ansehe und kaum einmal versäume, das sind die Quizsendungen mit Jörg Pilawa und Günter Jauch!  Da sitze ich gespannt in meinem Sessel und drücke den verschiedenen Kandidaten die Daumen. Ich rate auch sehr eifrig mit und hätte bestimmt, würde ich da mitmachen, schon viele Tausende Euro gewonnen, mitunter bis in die höchsten Kategorien!  Nur: ich mache nicht mit. Nie im Leben könnte ich mich da hinsetzen und vor Millionen Zuschauern  Fragen beantworten. Auf dem „heißen Stuhl“ wüsste ich rein gar nichts und würde in die Erde versinken. Auftritte in der Öffentlich, vor Publikum, sind mir nämlich ein Graus.

Das nur als Vorgeschichte zu dem, was ich eigentlich erzählen will.

Vorgestern hat mich ein befreundetes Ehepaar, beide frühere Lehrer, nach Hanau in die Kongresshalle mitgenommen.  Da fand auch eine Quizsendung statt, vielleicht kennt sie die oder der eine oder andere?  Nämlich von hr 2  das  „Literaturquiz“  mit Peter Härtling. Da sitzen zusammen mit ihm einige Experten vorne am langen Tisch, Härtling moderiert, die Experten und Expertinnen geben Kommentare ab, und einer liest Texte aus   Büchern  verschiedener Schriftsteller  vor. Danach sind die  Zuhörer im Saal und draußen am Radio  aufgefordert, sich zu melden, wenn sie  wissen, worum es sich handelt.  Das ist immer sehr interessant und unterhaltsam, und wir drei haben uns das schon im Radio angehört und waren auch bereits zwei – dreimal selbst anwesend. 

Wir betreten  also erwartungsfroh den Saal, suchen uns Plätze, finden auch welche ziemlich weit vorne.  Es ist noch Zeit für ein Gläschen trockenen Weißwein!. Meine Freundin, übrigens wesentlich jünger als ich und bereits bester Stimmung, holt ihn an der Theke  und  fröhlich plaudernd und trinkend erwarten wir den Beginn. Vorne sitzt schon das Gremium, Mikrofonproben werden gemacht, dann die Begrüßung durch die Veranstalterin und es geht los.

Wir drei lesen gerne und viel, aber echte Experten sind wir nicht gerade.  Wir raten im Geiste mit, können aber meistens nur Vermutungen anstellen, die manchmal stimmen, manchmal auch nicht. Es ist wirklich nicht leicht! Aber im Saal oder am Telefon ist trotzdem immer jemand, der erkennt, um wen und was es geht und sich meldet. Ich hege ja den Verdacht, dass Peter Härtling jeweils  jemanden informiert, der sich für den Notfall bereithalten muss!  -  Egal.

Die Lesung ist im Gange. Plötzlich horche ich auf: da kommt mir was  bekannt vor! Nicht der Text, aber der Stil  - so was ähnliches habe ich doch gerade in letzter Zeit mit einer meiner türkischen Kinder für die Schule durchgekaut  -  ja, unverkennbar! Ich beuge mich zu meiner Freundin hin und flüstere ihr ins Ohr. „Johann Peter Hebel!?“  -  Gleich danach kommt auch eine Stimme von ganz hinten mit der gleichen Vermutung. .

Und was tut jetzt meine Freundin? Beflügelt von ihrer Stimmung, und vielleicht  auch vom Gläschen Wein,  packt sie meinen Arm, reißt ihn wie elektrisiert hoch und brüllt laut „Hier!!“ in den Saal!  Ich erstarre.,  zu Tode erschrocken, will mich wehren  -  vergeblich.   Schon sehe ich ein Mikrofon drohend auf mich zu kommen.      

Ich werde etwas gefragt, weiß gar  nicht richtig was, dann reiße ich mich zusammen und äußere  auf gut Glück nochmals  zaghaft, aber doch deutlich  „Johann Peter Hebel?!“  Es stimmt!  Gottseidank.  Aber es ist noch nicht vorbei, es wird weiter gefragt. Ob ich das Buch kenne, ob ich noch weiteres von Hebel gelesen habe?  -   Ich bin einer Ohnmacht nahe, was soll ich bloß sagen ? -    dass ich Hebel  nur von Geschichten aus dem Schulbuch kenne  -  ?  - unmöglich!!  Ich stottere so etwas wie  „Ja, sicher  -  “.   gleichzeitig wehre ich mit beiden Händen, verzweifelt   den Kopf schüttelnd,  Mann und Mikrofon von mir ab.  Es ist eine Katastrophe,  eine Blamage!  -  Aber der Mensch hat wenigstens ein Einsehen und lässt ab von mir.  Ich bin gerettet!

Die Veranstaltung geht weiter, aber ich bin nur noch halb bei der Sache.  Noch einmal ist mir ein vorgelesenes Gedicht bekannt. Von wem ist es bloß  -  Fontane?  Aber ich hüte mich, den Mund aufzutun! Jemand anderes weiß es, es ist tatsächlich Fontane. Und auch das Letzte, den „Ring des Polykrates“, erkenne ich, den habe ich in der Schule gelernt. Dann ist die Veranstaltung endlich vorbei.

Zum Schluss, noch am Ausgang, kommt der Mann mit dem Mikrofon noch einmal auf mich zu. Wieder kriege ich einen Schreck, aber er will nur meinen Namen und die Adresse wissen. Die gebe ich ihm und versuche gleichzeitig, mein dämliches Verhalten zu entschuldigen und zu erklären, dass ich in Panik gerate, wenn ich öffentlich was sagen soll!  Das hätte er gemerkt, beruhigt er mich, es wäre nicht schlimm. Na ja.

Für was er meine Adresse haben will, habe ich ganz zu fragen vergessen. Meine Freundin meint, dass oftmals Leute, die richtige Antworten geben , beim nächsten Mal aufs Podium eingeladen werden.  Na, da haben sie mit mir aber kein Glück, ganz bestimmt werde ich da nicht erscheinen!

Aber hingehn werde ich sicher wieder, sollte Peter Härtling erneut in der Nähe seine Sendung haben. Dann werde ich mir aber  ein Plätzchen ziemlich hinten suchen, mitten in der Menge, und eisern meinen Mund halten!

PS.:  Ich bin später nicht eingeladen worden, aber ich habe zwei Bücher als „Belohnung“  zugeschickt bekommen!

 

2 Wertung(en)    Schlecht »« Super  


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Kommentar von: Twiddy 2010-10-21 14:46
Es ist, wie immer, eine Freude, etwas von Dir zu lesen, ich habe Deine Panik richtig mitempfunden. Liebe Grüße von Günter
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Kommentar von: Gisela 2010-11-05 18:20
Lieber Günter, schön, dass Du mir so einen netten Kommentar zu dieser Geschichte geschrieben hast! Gruß von Gisela
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Kommentar von: Dave 2011-04-28 22:07
Liebe Gisela, ich muss Twiddy zustimmen, denn auch ich konnte deine Panik nachempfinden. Mir wäre es garantiert genauso ergangen. Aber wieder mal eine schöne Erzählung aus dem waren Leben. Grüße Dave
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Kommentar von: Gaby Molnar 2011-06-05 15:40
Wirklich nett und ohne Schnörkel frei von der Leber weg, schön! Gaby
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