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Die Auslandsreise

(Erinnerung an einen Kuraufenthalt 1984)

Noch nie waren wir allein und selbstständig im Ausland, mein Mann Fritz und ich! Abgesehen von einem Kurztrip nach Österreich und unseren beiden DDR- Ausflügen. Aber jetzt sind wir zur Kur in Bad Bergzabern, und die französische Grenze ist ganz nah, nur ca 5 km entfernt. Schon seit unserer Ankunft hier und auch schon vorher spukt uns der abenteuerliche Plan von einer Fahrt nach Frankreich im Kopf herum.

Bis jetzt ist noch nichts daraus geworden, merkwürdigerweise. Tag für Tag hab es wichtige Gründe, das Vorhaben aufzuschieben. Da musste man zum Arzt, zum Baden, zum Einkaufen. Dann ist man zu müde, oder man fühlt sich sonst nicht gut, und wenn gar nichts anderes ist, dann macht wenigstens das Wetter nicht mit... doch das Verlangen bleibt! Auffallend oft, beim Spaziergang in den Weinbergen, bleibt mein Mann stehen und blickt wortlos und versonnen in die Ferne, in südwestliche Richtung . Es arbeitet in ihm.

Dann plötzlich, eines Mittags, während einer ganz harmlosen Spazierfahrt, kommt es zum Ausbruch: "Heut hammer Zeit, auf, jetzt fahrmer nach Frankreich!" verkündet Fritz laut und bestimmt und mit nur leicht vibrierender Stimme. Erschreckt und etwas verstört versuche ich einige zaghafte Einwände: „Aber dein Fuß? Schon zwei Tage lang kannste net drauftrete! Un die Autokart ist net dabei, un de grüne Versicherungsschein auch net! Und überhaupt!" Es hilft nichts, Fritz ist wild entschlossen. Also gut! Ergeben sinke ich in die Polster zurück, schließe die Augen. Gott wird uns schützen, hoffentlich.

Mit steigender Geschwindigkeit kommt die Grenze näher. Schon sind wir in Schweigen, durchs Weintor, vorne das Zollhäuschen. Noch ein schwacher Protest: „ Aber wir haben kein Geld gewechselt! "Keine Antwort. Fritz starrt konzentriert geradeaus, die Reisepässe gezückt. Niemand will sie sehen, wir werden durchgewinkt. Vorne die Trikolore, drei französische Grenzbeamten stehn gemütlich beisammen. Fritz streckt unsere Pässe wieder mit voller Armeslänge aus dem Auto, aber auch hier scheint sich niemand für uns zu interessieren. Also auch hier sind wir durch, tatsächlich, jetzt sind wir in Frankreich! Na, wer sagt´s denn, langsam entspanne ich mich. Jetzt werden wir mal durch einige Dörfer fahren, irgendwo Halt machen, vielleicht was essen und ein Gläschen Wein trinken.

Forciert fröhliche Frage neben mir: „Wo kommemer denn jetzt hin?" „Nach Wissembourg, da stehts doch!" „Rechts oder links?" „Geradeaus!"

Einige hundert Meter weiter. Erneute Frage, etwas gedämpfter jetzt: „Simmer auch richtich hier?"
„Ja!" Und dann, noch ein paar Meter weiiter, noch gedämpfter: „Wo wollemer überhaupt hin?"„Weiß ich doch net, du wollst doch!"

Die Fahrt hat sich merklich verlangsamt. Ein schneller Seitenblick: Täusche ich mich, oder sitzt mein Mann etwas verkrampft am Steuer? Auch die Stimme klang so komisch? Und da fährt er auch schon scharf rechts ran, hält: „Komm, mir fahrn wieder zurück, was wollemer eigentlich hier?"

Ich schlucke kurz. „Na also, weißte, das wär ja noch schöner! Jetzt simmer hier, jetzt fahrnmer weiter!" „Und wemmer uns verfahrn?" „Mir verfahrn uns net! Mir bleibe auf de Hauptstraß, da kann überhaupt nix passiern!"

Wortlos geht's weiter. Vorne kommt eine Kreuzung: „Links oder rechts?" „Rechts, Richtung Strasasbourg!" Trotzdem erneut abrupter Halt. Hinten hupen einige Fahrzeuge.

Ob gutes Zureden hilft? Ich versuch´s: „Mir könne doch net gleich wieder zurück! Das sieht doch zu blöd aus! Komm, fahr noch e Stückche weiter, wo´s schön ist, da haltemer und setze uns hin!" „Wennde meinst"

Wir fahren weiter, suchen ein schönes Plätzchen zum Hinsetzen. Es kommt keins! Stark belebte Landstraße, soweit das Auge reicht. Die bewaldeten Berge neben uns scheinen leise immer weiter nach rechts zu verschwinden. Gibt's denn in ganz Frankreich kein schönes Plätzchen zum Hinsetzen? Offenbar nicht. Mein Mann wird immer unsicherer, kleine Schweißperlen stehn ihm auf der Stirn.

Langsam kommen auch mir wieder Bedenken. Wenn jetzt wirklich was passiert, oder wir verfahren uns tatsächlich und stehn dann da, einsam, hilflos und verloren im Feindesland? Quatsch! Reiß dich zusammen, verlier nicht auch die Nerven! Wenn es kein schönes Plätzchen gibt, dann halt ein weniger schönes.

Wir halten am nächsten Parkplatz. Es ist nur eine Fahrbahnverbreiterung, keine Rede von Bank, nur ein Mülleimer steht einladend offen. Trotzdem steige ich beherzt aus, gehe ein paar Schritte, gucke mich um - wo bleibt mein Mann? Mit schmerzverzerrtem, leidvollem Gesicht humpelt er hinter mir her, humpelt plötzlich weit stärker als noch vor einer Stunde: „Es geht net. Ich kann net, wirklich net. Es hat kein Zweck. Aber bitte, mach wasde willst!"

Mühsam unterdrücke ich einige unliebenswürdige Äußerungen wie „ich habs ja gewusst" oder „stell dich net so an" oder ähnliches, lediglich einen einzigen Blick werfe ich ihm zu, worauf er prompt mit „was haste gesagt?" reagiert. Ich hab gar nichts gesagt, aber es bleibt wirklich jetzt nichts als die restlose, bedingungslose Kapitulation.

Wir steigen wieder ein, wenden, es geht zurück. Keiner spricht ein Wort. Noch keine Stunde hat unser Ausflug gedauert! Fritz neben mir erregt sich: „Mir reichts! Ich fahr im Lebe net mehr da hin! Haste gehört, wie die gehupt hawwe, als ich nur mal kurz gehalte hab? Alles deutschfeindlich!"

Noch einmal probieren wir es mit einem kurzen Halt am Wegesrand, aber auch das wird nichts, meinen Mann zieht es magnetisch nach der Heimat.

Die Grenze kommt wieder in Sicht. Noch keine Stunde aber das hatten wir schon. Der Zollbeamte auf der deutschen Seite kommt heraus, winkt lebhaft: „Haben Sie nichts zu verzollen?" Nein, haben wir nicht. Er glaubt es nicht recht, guckt ziemlich misstrauisch: „Wirklich nichts eingekauft?"  „Nein, wirklich nicht!" Leises Kopfschütteln, aber er verzichtet auf eine Überprüfung, winkt uns durch, und dann sind wir wieder daheim. Daheim! Am liebsten möchten wir aussteigen und die Erde küssen!

Aber was soll´s, wir waren jedenfalls einmal im Ausland!

 

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Kommentar von: Twiddy 2010-11-03 15:53
Ja, liebe Gisela, solch eine Fahrt kenne ich auch, von Breisach sind wir über den Rhein und wollten Frankreich erobern. Eine karge, unfreundliche Landschaft begrüßte uns, zweimal verfahren. Wir waren auch froh wieder "drüben" zu
sein. Deine Geschichte hat sich gut gelesen. Gruß von Günter
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