Die Brille
Aus den Erinnerungen der Sophie Blume
Ich habe ein langes und bewegtes Leben hinter mir und möchte es noch einmal an mir vorüberziehen lassen. Im Februar 1915 wurde ich geboren. Meine ersten Erinnerungen sind vom Sommer 1917. Ich war bei meiner Großmutter. Sie führte damals eine Wäscherei und Plätterei, die direkt neben der Küche lag. Hier spielte sich ein großer Teil des Lebens ab, auch die Kunden kamen hier durch, um Wäsche abzuholen oder zu bringen. Ich war ängstlich und damit ich in der Küche blieb, stellte Oma mein Holzpferd in die Tür. So konnte ich sie sehen. Gebrutzelt wurde sowieso nicht viel. Schließlich tobte seit einem Jahr der 1. Weltkrieg. Aber ein einfaches Essen hatte sie immer für mich.
Eines Tages kam ein Baby zu uns. Das war Friedchen, meine Schwester. Sie wurde auf den Küchentisch gelegt und alle bestaunten das Neugeborene. Damit das Licht das kleine Lebewesen nicht blendete, wurde Zeitungspapier um die Lampe gesteckt. Bald nach Friedchens Ankunft aber wurden Kränze ins Haus getragen. Ich musste doch sehen, was das zu bedeuten hatte und lief hinterher. Meine Großmutter aber zog mich barsch zurück. Sie weinte. Alle weinten. Meine Mutter war nicht dabei. Also fing auch ich an zu weinen und zu jammern. Ich suchte meine Mutter. Oma zog mich zum Fenster und zeigte Nach oben:
„Deine Mutter ist jetzt im Himmel“, sagte sie.
Nun habe ich immer zum Himmel geschaut. Sie musste doch einmal herunterschauen und mich am Fenster stehen sehen. Aber es tat sich nichts. Sie sah nie nach mir. Oder konnte ich sie bloß nicht sehen, weil es so weit weg war? Da hatte ich eine gute Idee. Als ich einmal alleine in der Küche war, habe ich einen Stuhl an den Küchenschrank gezogen, die Tür vorsichtig geöffnet und die Brille meiner Großmutter herausgenommen. Oma setzte sie doch auch immer auf, wenn sie etwas ganz genau sehen wollte. Ich setze also die Bille auf. Aber, oje, ich sah gar nichts mehr und dann wurde mir ganz schwindlig! Ich legte die Brille wieder an ihren Platz zurück und war sehr traurig.