Eine Puppe aus Las Palmas
Unsere Siedlung am Rande des Streudorfes bestand aus vier Häusern zwischen denen eine unbefestigte, vom Frühjahr bis zum Herbst dennoch weitaus befahrene Straße schnurgerade in die Felder führte. Im Winter bevölkerten einige Scharen Krähen und ein paar Hasen die schneebedeckten Felder. Durch das Wohnzimmerfenster beobachtete ich die Leute, wie sie in dicke Mäntel gehüllt, ihre Weihnachtsbäume nach Hause schleppten. Aus der Küche drang das Rattern von Großmutter Linas Nähmaschine. Gerne hätte ich zugeschaut wie sie für unsere Stoffpuppen neue Kleider nähte, was sie jedes Jahr tat. Dennoch machte sie immer wieder ein Geheimnis draus. In dieser Zeit durften wir Kinder ihre Küche nicht betreten. Mutter beschäftigte sich derweil mit der Weihnachtsbäckerei. Stollen, Zimtsterne, Mandelplätzchen sollten rechtzeitig zum Fest fertig werden.
Tags darauf begleitete ich zum ersten Mal meine Eltern und Großeltern auf den Weihnachtsmarkt. Sogar Oma Rike, Vaters Großmutter, ging mit. Ihre Gehbehinderung, die sie sich bei einem Oberschenkelhalsbruch zugezogen hatte, hinderte die Zweiundachtzigjährige nicht daran, diesmal ihren Weihnachtsbaum selbst auszusuchen.
„Meine Tochter soll eine richtige Tanne sehen“, sagte sie indem sie jeden Baum vor sich aufstellte und ihn von allen Seiten begutachtete. Groß und gut gewachsen mußte sie sein, wie sie es aus früherer Zeit gewohnt war. Für sie war dieses Weihnachtsfest 1949 von besonderer Bedeutung. Tochter Clara aus Buenos-Aires hatte ihren Besuch angekündigt. Zum ersten Mal erfuhr ich bewußt, von Vaters Familie. Seine Vergangenheit lag für mich bisher im Verborgenen. Dagegen pflegten wir zu Mutters weitreichender Verwandtschaft regen Kontakt.
Oma Rike humpelte nun von Tannenbaum zu Tannenbaum. Auf dem ganzen Basar gab es kaum eine Tanne, der ihre Kriterien erfüllte. Nachdem sie jeden Baum x-mal geprüft und unsere Geduld sowie die des Händlers reichlich strapaziert hatte, ging sie zufrieden mit einer gut gewachsenen Nordmann-Tanne nach Hause.
Für mich bekam der Begriff Verwandtschaft eine neue Dimension. Besessen von reiner Neugierde fieberte ich dem Anreisetag meiner Oma Clara entgegen. Ebenso gespannt erwarteten Mutter und meine Großeltern die bevorstehenden Ereignisse. In ihre Freude mischte sich eine gewisse Portion Scheu. Eine „fremde Person“ brach plötzlich in ihren vertrauten Familienkreis ein, noch dazu aus der Großstadt eines fernen Kontinentes – eine Weltreisende. Für Oma Lina war eine Fahrt in die fünfzehn Kilometer entfernte Stadt Minden schon eine Besonderheit.
Das Ereignis warf seine Schatten voraus. Das ganze Haus wurde vom Keller bis in die obere Etage gründlich geputzt. Auf Oma Rikes Waschtisch mit der weißen Marmorplatte stand die weiße Porzellanschüssel mit Goldrand und passender Karaffe. Die gute Waschgarnitur wurde nur für Übernachtungsgäste aus der Reserve geholt, und das war schon etwas Seltenes. Wir hingegen, nahmen unsere morgendlichen Teilbäder in einer Emailleschüssel.
Ein paar Tage vor Weihnachten, fuhr ich mit Vater und Mutter zum Bahnhof. Wir nahmen den großen Handwagen mit, indem wir sonst Kohlen, oder Heu für die Ziegen transportierten. Ich machte es mir im hinteren Teil bequem, und ließ meine Schuhsohlen über die Straße schleifen.
Der Schrankenwärter drehte an der Kurbel, einige Meter vor uns schloss sich die Bahnschranke. Minuten später lief der Zug ein. Unzählige Türen sprangen auf, und im Nu glich der Bahnsteig einem Rummelplatz. Menschen eilten auf die Bahnhofshalle zu, die sie mit wenigen Schritten durchquert hatten, und in den Nebenstraßen verschwanden. Ich hielt gespannt nach einer fremden älteren Dame Ausschau. Wie aber sollte sich meine Oma unter den vielen Menschen erkennen? Ich wußte ja nicht einmal wie sie aussah. Während ich noch die Gesichter der Vorübereilenden studierte, ging Vater auf eine Dame zu, die gerade mit einem stattlichen Handkoffer über die schmalen Stufen auf den Bahnsteig balancierte. Ihr weißes, dauergewelltes Haar bedeckte ein schwarzer Hut mit breiter Krempe und steiler Feder. „Ich muß mich erst von meinen Mitreisenden verabschieden“, sagte sie hastig, indem sie Vater ihren Koffer reichte, und noch einmal in das Abteil zurückging. Erst dann stieg sie aus, wobei ihr Vater half.
„Na, mein Junge, wie geht es dir?“ frage sie etwas verlegen, indem ihre hellroten Finger seine Schultern umfaßten. Sie drückte ihm eilig einen Kuß auf die Stirn. Dabei zeichnete sich dort ein leichter roter Schimmer ab. Wie angewurzelt stand ich da und bekam keinen Ton heraus, obwohl Großmutter und Oma Rieke mit mir die Szene der Begrüßung x-mal geübt hatten.
„Sag höflich: „guten Tag liebe Oma“ und vergiß den Knicks nicht.“
In diesem Augenblick hatte ich alles vergessen.
„Das soll meine Oma sein?“ dachte ich bei mir, und sogleich fiel mir Großmutter ein. Noch nie hatte ich sie mit roten Fingernägeln gesehen. Und sie hatte auch nicht einen so roten Mund, daß er gleich abfärbte. Sie war die Frau mit der Schürze, die ihre schützenden Fittiche über die ganze Familie spannte. Also fiel die Begrüßungsszene eben doch nicht so aus, wie sie geprobt war. An dieser Stelle hätte ich eigentlich Mutters traditionellen Rippenstoß spüren müssen. Erstaunlicher Weise blieb dieser aus. Sie selbst hatte wohl genug damit tun, ihre Rolle als frischgebackene Schwiegertochter perfekt über die Bühne zu bringen. Vielleicht hatte Großmutter auch ihr gewisse Verhaltensregeln mit auf den Weg gegeben. So begrüßte sie ihre Schwiegermutter mit gebührender Achtung. Ein freudiges Zusammentreffen, eingezwängt in ein Korsett, das für lockere Szenen keinen Platz ließ.
Meine anfängliche Scheu hatte ich inzwischen verloren, und mit ihr all die Förmlichkeiten, die man mit mir einstudiert hatte. Meine Großmutter nahm mich einfach in den Arm, und ich spürte ihren weichen Pelzmantel. „Hallo mein Kind“, sagte sie lachend, „du bist ja groß geworden.“
Am Gepäckschalter mussten wir einige Zeit warten. Es dauerte ziemlich lange, bis der Gepäckwaggon ausgeladen war. Dann öffnete sich eine große Schiebetür aus Milchglas, und der Mann am Gepäckschalter reichte uns eine beachtliche Anzahl Koffer heraus. Es mußten wohl alle Koffer aus dem Gepäck-Waggon gewesen sein. So kam es mir vor. Mit dieser Fracht war dann unser großer Handwagen voll beladen. Vater und Mutter zogen vorn an der Deichsel. Meine Oma nahm mich an ihre Hand und ich ging, elegant den Schlaglöchern ausweichend, neben ihr die Straße hinunter. In diesem Augenblick fühlte ich mich als das reichste Mädchen der Welt. Ich besaß etwas, was kein Kind in unserem Dorf hatte, eine Oma aus Südamerika.
Oma Rike saß auf ihrer Bettkante und weinte Freudentränen als sie nach all den Jahren ihre Tochter wieder in die Arme schloß. „Clara, meine Clara.“ Mehr brachte sie nicht heraus. Dabei gab es so vieles zu fragen und zu erklären. Aber Wunden kann nur die Zeit heilen. So wurde über Vergangenes nicht gesprochen.
„Ich habe zwei Hunde“, erzählte sie, „einen Boxer und einen Dobermann, und eine kleine Miezekatze“, fügte sie hinzu. „Die Hunde habe ich aus einem Tierheim geholt und die Katze von der Straße aufgelesen.“
„ Ja ja“, warf Oma Rike ein, und über ihr Gesicht huschte ein Lächeln, „für arme Tierseelen hattest du schon immer ein großes Herz.“
„Hannelore ist bereits eine junge Frau“, erzählte Oma weiter, „sie arbeitet als Haushaltshilfe. Jutta ist jetzt 17 Jahre und Adolf macht sein letztes Schuljahr. In einem Jahr geht er in die Berufsausbildung. Drüben habe ich auch wieder eine evangelische Gemeinde gefunden, in der ich sonntags die Orgel spiele.“
Ihren Mann erwähnte sie nicht, denn bei ihrer Mutter wäre sie nur auf Unverständnis gestoßen. Oma Rike hatte als überzeugte Protestantin ihren Schwiegersohn seiner Religion wegen nie so recht akzeptiert.
Vater freute sich, seine Mutter nach elf Jahren wieder zu sehen. Und es tröstete ihn, etwas über seine Geschwister zu erfahren. Wie gerne hätte er auch seine beiden Schwestern Hannelore und Jutta und seinen Bruder Adolf wieder gesehen. Aber dazwischen lagen etliche tausend Kilometer und die Aussicht auf ein Wiedersehen lag in weiter Ferne. Abgesehen davon, daß Mutter niemals eine so weite Reise gemacht hätte.
Oma Lina und Opa Wilhelm traten ein.
„Das sind Herr und Frau Pahl, Lieschens Eltern“ erklärte Oma Rike. Sie war mit Mutters Eltern immer per Sie, und so hielt es dann auch Oma Clara.
Meiner Mutter war die neue Rolle als Schwiegertochter noch recht ungewohnt. Das wurde besonders deutlich, wenn Oma Clara sich in unserem Wohnzimmer an das Harmonium setzte und Weihnachtslieder spielte. Vater begrüßte dies natürlich, waren es doch bisher immer seine Schwiegereltern, die uns regelmäßig Gesellschaft leisteten. Und wenn Oma Clara auf dem Harmonium spielte, freute ihn das besonders. Dieses Instrument stammte aus Besitz seines Großvaters. Vater hielt dessen Erbe in Ehren, erinnerte es ihn doch an ein früheres Stück Heimat und Familie. Die Großeltern zeigten für Vaters Liebe zur Musik wenig Verständnis.
„Wat schall düsse brotlose Kunst“, hatte Opa oft gesagt, „he schall doch leiwer Hah vom Bodden halen, dat de Ziegen wat to fräten hebben.“ Daß Vater ein gelernter Musiker war, hatten sie scheinbar nie ganz wahrgenommen. Seit seinem Arbeitsunfall in einer Möbelfabrik führte er diesen Beruf nicht mehr aus. Und das lag schon etliche Jahre zurück.
Die Großeltern hielten sich bedeckt. Von Vaters Mutter trennten sie Welten. Besonders Großmutter Lina machte sich in dieser Zeit rar, obwohl sie sich sonst täglich bei Mutter aufhielt. Sie half im Haushalt, legte Mutter beim Hemdenbügeln das Wäschestück exakt auf den Tisch und achtete darauf, daß sie das Bügeleisen in die richtige Richtung lenkte. Jeden Morgen schaute sie, daß ich korrekt angezogen, und meine Haarschleife richtig gebunden war. Dabei kam es nicht selten vor, daß sie mich ganz neu kämmte, weil ihr Mutters Kreation anscheinend nicht gefiel. Doch seit nun Oma Clara bei uns war, lief eben vieles anders, und meine Mutter verunsicherte das. Oma Clara wohnte während ihres Aufenthaltes bei uns im Zimmer von Oma Rike, und das war zudem mit Koffern voll gestellt. Diese bargen etwas Geheimnisvolles. Und als Oma Clara sie öffnete, war es schon fast wie Bescherung. Für Mutter waren Kleider, Mäntel und Schuhe dabei. Für Vater einen Mantel und Anzüge. Außerdem wunderschöne Hüte mit Federn und Blumen. Am besten gefiel mir ein nachtblaues Festkleid mit aufgenähten rosa Tulpen. „Das hat Jutta auf ihrem Abschlussball getragen“, erklärte Oma Clara. Ein Ballkleid also. Schade, daß ich da noch nicht hineinpaßte. Aber ein Schulranzen war für mich dabei, denn zwei Jahre später sollte ich eingeschult werden. Ich war begeistert von meiner neuen Großmutter. So oft es möglich war, ging ich zu Oma Rike und nicht zuletzt wegen Oma Clara. Ich saß auf ihrem Schoß, und sie flocht meine schulterlangen blonden Locken zu schmalen Zöpfen, die sie manchmal zu „Affenschaukeln“ drehte. Ich fand mich damit total hinreißend. Stolz zeigte ich meiner Mutter und Großmutter meine neue Frisur. Doch unerwartet erntete ich dafür entsetzte Blicke und die Bemerkung: „Du siehst aus wie Piefke.“ Wer immer auch Piefke sein mochte, dieses Kompliment klang nicht gerade begeisternd, brachte mir aber spontan einen Spitznamen ein. Eins war sicher. Großmutters Meinung wurde von Mutter uneingeschränkt bejaht. Und wenn Großmutter meine Zöpfe mies fand, dann war Mutter dergleichen Ansicht. Ich hingegen war stolz auf meine „Affenschaukeln“ selbst dann, wenn ich dafür „Piefke“ genannt wurde.
Am Heiligen Abend gingen wir alle zur Christvesper. Ungeduldig warteten ich auf das Amen des Pfarrers, und auf das letzte Lied: „Oh du fröhliche, oh du selige, gnadenbringende Weihnachtszeit...“ Die Glocken läuteten auf dem Heimweg, und dann – ja dann war endlich Bescherung. Die ganze Familie drängte sich in Oma Riekes Zimmer um den großen Weihnachtsbaum, der mit roten, blauen, grünen und goldenen Kugeln und silbernem Lametta geschmückt war. Oma Rike war über glücklich, denn seit Jahren gab es für sie wieder ein richtiges Weihnachtsfest. Auf dem großen Eichentisch lagen Geschenke: Für Vater eine Armbanduhr, für Mutter eine Handtasche, für Oma Rike ein warmes Wolltuch usw. Auf dem Sofa entdeckte ich einen langen schmalen Pappkarton, indem eine wunderschöne Puppe schlummerte. Sie war mindestens 50 cm groß – eine brünette Senõrita aus – Süd Amerika? Ihre dunkelbraunen Korkenzieherlocken aus echtem Haar schmückte ein Strohhut mit bunt gezackter Krempe und einer roten Filzblume. Oma Clara hatte sie aus Las-Palmas mitgebracht.
„Sieh mal, deine Puppe kann laufen“, sagte Oma, und tatsächlich kam mir die Puppe Schritt für Schritt entgegen und drehte dabei ihren Kopf mal nach rechts, mal nach links. Meine Begeisterung war grenzenlos. Alle anderen Geschenke traten in den Hintergrund. Immer wieder nahm ich meine Puppe und führte sie spazieren. Dabei hätte ich fast den traditionellen Heiligabendschmaus vergessen – Brötchen und Heringsalat. Es war Mutters Spezialität – und alle langten kräftig zu.
Mich hielt es nicht allzu lange am Abendbrottisch. Ich beschäftigte mich wieder mit meiner neuen Puppe.
„Wenn du den ganzen Abend damit spielst ist sie am Ende kaputt“, war Großmutters Reaktion. Sie nahm mir die Puppe aus der Hand und legte sie wieder in den Kasten. So verblieb mein Lieblingsspielzeug vorerst einmal bei Oma Rike. Für mich um so mehr ein Grund, sie und Oma Clara zu besuchen. Und jedes Mal war ich überglücklich, wenn ich mit meiner neuen Puppe spielen durfte, und obendrein ein Stückchen von der großen Tafel Schweizer Schokolade bekam, die Oma Clara mitgebracht hatte.
Zur Jahreswende versammelte sich die ganze Familie in der Wohnstube der Großeltern zum Sylvesterpunsch. Sogar Tante Clara und Tante Liesbeth, Oma Rikes Schwestern, waren gekommen, nicht zuletzt wegen ihrer Nichte Clara. Onkel Willi, Mutters jüngerer Bruder, hielt mit seinen neuen Fotoapparat diese Sylvesterparty auf schwarzem Streifen fest. Mich packte jedes Mal ein Schauer wenn er weiße Papierstreifen anzündete um das Zimmer für ein gelungenes Foto auszuleuchten. Das Familientreffen mußte verewigt werden und jeder setzte sich in Positur, wollte er doch eine besonders gute Figur machen. An Schönheit übertraf natürlich die Senõrita aus Las-Palmas. Sie durfte auf keinem Bild fehlen, sollte sie doch ein Stück Erinnerung an Oma Clara sein. Für die Szene des Jahreswechsels blieb gerade noch ein Foto übrig. Die gefüllten Sektgläser läuteten das Neue Jahrzehnt ein, und man wünschte einander Glück und Gesundheit. Wer ahnte schon, daß der Eintritt in die fünfziger Jahre die nächste Familienüberraschung bescheren sollte?
Es war in den ersten Januartagen 1950 als jemand an die Haustür klopfte. Der Zufall wollte es, daß Oma Clara öffnete.
„Ach, du bist es“, hörte ich ihre Stimme, „dann komm herein.“ Ich sah, wie der Fremde Oma Rikes Zimmer betrat. Wieder einmal war die ganze Familie bei ihr versammelt. Etwas verschämt beobachtete ich den fremden Mann, der nun auf dem Sofa Platz genommen hatte und wortlos von einem zum andern blickte.
„Nun sag deinem Onkel Walter guten Tag“ forderte mich Mutter auf. Als stünde ich einem Außerirdischen gegenüber sagte ich verlegen:
„ Onkel Walter? Den kenne ich nicht.“
„Er ist Papas Bruder und aus russischer Gefangenschaft heimgekehrt.“
Für mich war das Ganze erneut aufregend. Jetzt besaß ich also neben einer Oma aus Argentinien noch einen Onkel aus Rußland. Was aber bedeutete „russische Gefangenschaft?“ Mit diesem Begriff konnten ich absolut nichts anfangen, und - ehrlich gesagt, hatte es mich auch weiter nicht interessiert.
Irgendwann im Frühjahr reiste Oma Clara wieder ab. „Wenn ich einmal wieder komme, dann nehme ich dich mit nach Argentinien“, versprach sie mir zum Abschied.
„Wenn ich einmal wieder komme“, hatte sie gesagt. Wann wird das sein?“ Jetzt reiste sie ab, und ich spürte: „Uns trennten Raum und Zeit.“ Die ganze Familie begleiteten Oma Clara zum Bahnhof. Sie stieg in den Zug mit dem sie gekommen war. Abschiedstränen zeigte sie nicht. „Macht`s gut Kinder“, sagte sie lächelnd, als lägen zwischen Veltheim nach Buenos-Aires nur ein paar Kilometer. Ein seltsamer Abschied, den wohl jeder auf seine Weise verarbeitete. Gerne wäre ich mit ihr gefahren. Aber Mutter und Großmutter hätten es niemals zugelassen, daß ich mich über die Grenzen meines Dorfes wagte. Auch Onkel Walter zog eines Tages aus. Die großen Ereignisse – sie waren vorbei. Der Alltag nahm alle wieder in seinen Besitz.
Die Puppe schlummerte fortan im Kasten auf dem Kleiderschrank und niemand durfte sie anrühren. Großmutter hatte es so angeordnet. Und sie bestimmte es, wann ich mit ihr spielen durfte, was recht selten vor kam. Sie blieb bei ihrem Argument „Du machst sie nur kaputt.“ Dabei war ich gerade mit dieser Puppe sehr behutsam umgegangen. Oft ging ich ins Schlafzimmer meiner Eltern, trat vor den großen Kleiderschrank und blickte gedankenverloren auf den Kasten. Da drin lag diese wunderschöne Puppe, und ich durfte sie nicht einmal ansehen. Nachts träumte ich von ihr, und ich malte mir aus, wenn ich sie meinen Spielgefährten zeigte: „Seht mal, meine Puppe hat echtes Haar und kann laufen – und sie ist aus Südamerika.“ Alle würden blass vor Neid, denn bei uns gab es nur kleine Puppen aus Zellerloid.
In den darauffolgenden Jahren bekam ich zu Weihnachten meine alten Zellerloid-Puppen mit neuen Kleidern geschenkt, und zusammen mit meiner Schwester einen Puppenwagen aus weiß lackiertem Korbgeflecht. Großmutter konnte wunderbar Puppenkleider nähen, und die Wagenausstattung mit Spitzen und Rüschen machte ihrer Nähkunst alle Ehre. An die Puppe auf dem Kleiderschrank dachte niemand mehr. Sie schien für immer in ihren Pappkarton verbannt.
Ich ging bereits ein paar Jahre zur Schule, als ich Großmutter erklärte, daß ich doch jetzt groß genug sei um meine Puppe von damals in Besitz zu nehmen. Erstaunlicher Weise lenkte Großmutter ein, aber sogleich machte sie die Einschränkung: „Du kriegst sie aber erst zu Weihnachten.“ Auf Mutters entsetzte Frage, warum ich meine Puppe nicht gleich bekommen sollte, antwortete Großmutter energisch: „Dat Lüd mott Geduld hebben. Geschenke gift et Wienachten, nich vörher.“ Mit Mutter und Großvater sprach sie plattdeutsch, während sie mit der übrigen Familie hochdeutsch sprach. Die Angelegenheit war geklärt. Was Großmutter anordnete, das galt ohne Widerspruch. Nun, bis Weihnachten dauerte es nur noch ein viertel Jahr, gemessen an all den vergangenen Jahren, in denen ich mich nach dieser Puppe gesehnt hatte. Weihnachten also sollte sie aus ihrem Dornröschenschlaf geweckt werden.
Fünf Jahre waren seit jenem Ereignis vergangen. Und wieder feierten wir Weihnachten. In der Wohnstube meiner Großeltern war eine Puppenstube aufgebaut mit einer Sitzgarnitur aus weißem Korbgeflecht. In einer Ecke stand eine kleine Puppe mit rotblonden Zöpfen, einem dunkelblauen Taftkleid mit hellblauen Rüschen. In der anderen befand sich fast die gleiche Puppe, nur etwas größer, und mit hellblonden Zöpfen. Voller Freude nahm meine Schwester die kleine Puppe mit den rotblonden Zöpfen in den Arm. „Das ist meine „Giesel“, sagte sie lachend. Ich dagegen, war peinlich überrascht. Eine neue Puppe? Für mich? Aber die wollte ich doch gar nicht. Ich hatte mich doch so sehr auf die Senõrita von damals mit dem Strohhut gefreut.
„Gefällt sie dir denn gar nicht – deine neue Puppe?“ fragte Großmutter. Ehe ich überhaupt antworten konnte, kam mir meine Puppe entgegen und bewegte dabei den Kopf mal nach rechts mal nach links.
Erst jetzt erkannte ich sie. Nur ihre braunen Augen waren dieselben geblieben. Zu dem blauen Taftkleid trug sie, statt der weißen Sandalen schwarze Schnürschuhe. Die aufgehellte Gesichtsfarbe und die hellblonden Zöpfe hatten sie völlig entstellt. Wo waren die dunkelbraunen Korkenzieherlocken, das hübsche weiß-geblümte Kleid mit dem Bolero und der aparte Strohhut geblieben?
„Freust du dich denn gar nicht?“ fragte mich Großmutter herausfordernd. Dabei hatte sie mir die Antwort fast in den Mund gelegt. „Ja – ich freue mich.“ Es ist doch Weihnachten.
Muss man sich selbst belügen weil man dem anderen nicht weh tun darf?
Zu Großmutters Entsetzen hatte ich meiner Puppe eines Tages die blonden Zöpfe abgeschnitten. So fand sie bald ihren Platz in der großen Truhe, in der abgelegtes Spielzeug aufbewahrt wurde, und später auf dem Dachboden. Doch in meiner Erinnerung ist sie lebendig geblieben, die brünette „Senõrita“ aus Las-Palmas mit dem weiß-bunten Kleid, den dunklen Korkenzieherlocken, dem bunt umrandeten Strohhut und das Weihnachtsfest mit meiner Großmutter aus Argentinien.