Bekleidungsgeschäfte
Ab und zu hat Frau das dringende Bedürfnis nach neuer Garderobe.
Und da ich nicht anders bin, wie all die Anderen, setzte ich mich in mein Auto und fuhr in meinem Umkreis zwei bekannte Geschäfte an.
Unterwegs dachte ich schon: Na, ob das heute ein günstiger Tag zum schoppen ist?
Ich werde doch wohl keinen Blähbauch haben und die Sachen spannen beim anprobieren?
Wenn ja, würden die ausgesuchten Sachen nicht sitzen, mein Körper würde Stresshormone ausschütten, die mein Blut zum kochen brachten. Also Kopf hoch, vielleicht löste sich ja was, in Form von Blähungen. Im Auto hörte es ja keiner.
Geschäft Nummer Eins konnte ich schon vergessen.
Dort hatte ich nur Mode für ganz junge Mädchen entdeckt. Oder eben nur etwas, für sehr viel ältere Damen. So in zwanzig Jahren würde ich wieder mal vorbei schauen.
Also ab in meinen Superlieblingsladen. Dort ärgerte ich mich immer und machte den Flattermann, konnte aber nichts gegen diesen Trieb tun, der mich überkam, wenn ich an ihn dachte.
Na ja, meistens fand ich zwei oder drei schöne Teilchen.
Außerdem bestand ja die Möglichkeit, dass ich heute ganz ruhig blieb und mich nicht ärgerte.
Im Eingangsbereich sah ich schon die ersten, schönen Teile hängen.
Eine hübsche, taillierte Bluse gefiel mir spontan und ich nahm sie siegessicher von der Stange. Größe M? Das sollte Größe M sein? Diese wunderschöne Bluse, würde in einem Jahr vielleicht, meiner bis dahin, achtjährigen Enkelin passen. Aber niemals mir.
Eine Nummer größer? Zu klein. Noch eine Nummer größer? Auch zu klein.
Nächster Ständer, neues Glück.
Er wurde umlagert von drei Frauen. Wobei die Eine ihn nach links drehte und die Nächste nach rechts. Die dritte Frau traute sich nicht so recht und griff auf gut Glück, immer wieder nach einem Shirt. Aber hatte sie es gerade zwischen ihren Fingern, drehte sich der Ständer wieder und sie versuchte es erneut.
Also, ich auch hin. So was, dachte ich und hielt krampfhaft die Stange fest. Gedreht wird jetzt erst mal nicht und du junge Frau holst dir schnell dein Shirt, dachte ich und schaute sie beschwörend an. Obwohl ich fest zu griff, versuchte Dame Nummer Eins, krampfhaft den Ständer zu bewegen. Ich sagte zu ihr: „Moment bitte, ich möchte mir doch nur das Shirt hier heraus nehmen.“
Dame Nummer Zwei, antwortete: „Das versuche ich schon die ganze Zeit, aber wegen der Dreherei kann man nicht in Ruhe gucken.“
Dame Nummer Eins, keifte: „Mein Gott, dass ist ja schlimmer wie im Ausverkauf.“
Drehte sich um und verließ uns beleidigt. Das Shirt erwies sich leider als totaler Reinfall. Qualität gleich Null. Bei der ersten Wäsche würden die Nähte wohl auf dem Rücken sitzen.
Also beschloss ich etwas mehr Geld anzulegen. Ich schmiss mir eine Jeans über den Arm, 40/42 passte immer und eine beige Stoffhose, eine passende Bluse und ein paar hübsche Shirts. Suchte mir eine Umkleidekabine und zog den Vorhang zu. Doch bevor ich mich auszog, kontrollieret ich noch einmal ob er auch wirklich blickdicht war. Zu viel ältere Herren saßen vor den Kabinen auf Stühlen und warteten gelangweilt auf ihre Frauen. Einige probierten sich sogar als Einweiser von freien Kabinen.
Nun fing das an, was ich so hasste. Anprobieren bei heißem Wetter. Als erstes erschrak ich vor meinem eigenen Spiegelbild. Puh, diese Spiegel in den Garderoben, mit ihrer ach so schrecklichen Beleuchtung. Sah ich wirklich so aus? Delle hier, Delle da? Delladonnatrallala? Mir wurde schlecht. Aber das nützte mir nichts, die Sachen mussten anprobiert werden.
Also stieg ich in die Jeans und musste feststellen, dass sie mir viel zu lang war und obendrein kniff sie an meinem Bauch. Die war es auf jeden Fall nicht. Nur wegen der Blähungen.
Nun die beige Hose. Aber was war denn nun schon wieder? Ich steckte feste, denn sie wollte nicht über meinen Po rutschen. Mittlerweile schwitzte ich und meine Haare klebten an meinem Kopf. Obendrein fing die Wut in meinem Bauch an zu brodeln. Es kann doch nicht sein, dachte ich aufgebracht, dass eine Größe 2-3 Mal anders ausfällt. Aber es blieb wie es war und hasserfüllt griente ich mein Spiegelbild an.
Nun die Bluse. Diese hatte ich schon per Augenmaß taxiert und eine Nummer größer genommen. Aber nein, ich konnte sie nur bis unter die Brust zuknöpfen, weiter ging es nicht. Ich war emotional gerade auf meinem Höhepunkt, da hörte ich eine Stimme aus der gegenüberliegenden Kabine. „Verdammt, zu Hause bin ich schöner.“
Die Frage des Mannes. „Hast du denn so zugenommen?“
Die Antwort der Frau. „Spinnst du, du weißt doch, dass hier alles so unterschiedlich ausfällt.“ Schweigen im Walde.
Ich dagegen fühlte mich bestätigt. Ja, es stimmt wollte ich dazwischen rufen, wir müssen neu vermessen werden. Aber ich hielt meinen Mund und probierte die Shirts. Eines passte, sah aber angezogen nicht so gut aus und in dem nächsten sah ich aus wie eine Leberwurst.
Mittlerweile machte ich den Eindruck, als käme ich aus einer Sauna und wollte gar nichts mehr anprobieren.
Aber wegen diesen Klamotten war ich doch gefahren. Also probierte ich weiter ein Teil nach dem anderen an, fand schließlich eine Hose und ein Shirt, die ich gefrustet kaufte.
Nun noch ein paar Schuhe, dann war es geschafft. Aber durch das stundenlange herumlaufen, hatte ich geschwollene Füße und kein Schuh wollte passen. Nein und nochmals nein, dachte ich. Das war das letzte Mal. Ab jetzt bestelle ich per Katalog. Sah eine flotte Jeans, griff danach und verschwand in der Umkleide. Knall eng saß sie und bücken konnte ich mich damit nicht. Aber ich kaufte sie und beschloss, von nun an, wieder jeden Tag auf mein Trimmrad zu steigen. So lange zu mindestens, bis sie richtig passte. Rechnete aus,wie viele Kalorien mir diese Stresssituationen gekostet hatten und fuhr in die nächste Eisdiele. Morgen war ja auch noch ein Tag und mein Rad lief ja nicht weg.
Heute hängt die Jeans im Schrank und ist viel zu groß. Konnte das damals nicht so sein? Denn einen Tag später setzte ich alle guten Vorsätze in die Tat um.
Falsche Selbsteinschätzung nenne ich so was. Der Spiegel zu hause sagte immer: „Nein, du bist nicht zu dick.Ach was, suche doch nicht nach der Waage, die ist eh staubig. Oder willst du dir die Hände schmutzig machen?“
Nein, das wollte ich nicht. Außerdem hatte ich sie mal unter das Bett getreten und bei dem Versuch sie wieder hervor zu holen, wäre ich bestimmt stecken geblieben. Heute auch, aber das liegt am Bett, dass ist nämlich neu. Da passt nichts mehr drunter.
LG Angie