Der kleine blaue Vogel
Ich weiß nicht wie lange ich schon an diesem Ort verweile. Aber ich kann nicht dort hingehen, wo mein Weg mich hinführen sollte. Denn ich warte auf meine kleine, große Liebe. Meinen Namen spricht man nur noch selten aus, und dann auch nur mit Schmerz. Ich will nicht das sie noch mehr Leiden. Denn ich sehe, dass ihr Schmerz von Tag zu Tag größer wird.
Dabei waren wir alle einmal sehr glücklich. Mein Mann, meine Tochter und ich.
Wunderschöne Jahre haben wir zusammen verbracht. Und das größte Glück was wir erfahren durften, war unsere Tochter heranwachsen zu sehen. Sie war ein Baby, ein Vorschulkind, ein Schulmädchen und ein Teenager. Zum Leidwesen meines Mannes, auch oft verliebt. Bis die Liebe ihres Lebens die Hand nach ihr ausstreckte und sie eigene Wege gehen ließ.
Wie wunderschön sie war vor dem Traualtar. Ihre blonden Haare kringelten sich unter einem hauchdünnen Schleier, und in ihrem weißen Kleid, sah sie aus wie ein Engel der vom Himmel herabgestiegen war. Bei ihrer Geburt gaben wir ihr den Namen Maria und ich stellte zufrieden fest, dass er zu ihr passte.
Die Jahre vergingen und unser Kind wurde Mutter eines kleinen Mädchens. Sie tauften sie Sophie.
Aber Sophie schaffte es nur ein Schulmädchen zu werden, denn das Schicksal hatte etwas anderes mit ihr vor.
Jetzt stehe ich an ihrem Bett, halte ihre Hand und weiß dass sie mich spürt. Trauer? Nein, die empfinde ich nicht mehr wo ich jetzt bin, aber auch kein Glück. Wenn ich frage. Warum so früh? Höre ich eine Stimme hinter mir die flüstert „Was ist früh und was ist spät?“ Doch auf diese Frage kann ich der Stimme keine Antwort geben. Ich weiß es nicht. Wenn ich nur wüsste was Zeit ist. Als ich noch lebte, da wusste ich was Zeit bedeutet. Aber hier in der Unendlichkeit hat sie keine Bedeutung mehr für mich.
Vor mir öffnet sich ein Fenster und ich sehe mich auf einem Stuhl sitzend, weinen. Den Arzt, der mir zuvor gesagt hatte, dass meine Krankheit mich nun bald besiegen würde. Denn jede Therapie und jedes Medikament hatten mir nicht helfen können.
Ein weiteres Fenster öffnet sich und ich sehe Sophie. Wie sie das erste Mal in meinen Armen ein schläft. Sehe, wie sie ihre ersten Schritte macht. Eine Aufführung in ihrem Kindergarten zu Weihnachten. Und sehe mich, wie ich ihr eine Geschichte vorlese.
Oh ja, an diese Geschichte erinnere ich mich noch gut, denn es war Sophies
Lieblingsgeschichte. Sie handelte von Kindern, die sich aufmachten den blauen Vogel zu suchen. Viele Abenteuer hatten sie dabei zu bestehen und wenn sie jedes Abenteuer bestanden, erwartete der blaue Vogel sie in einem wunderschönen Schloss. Natürlich mit einer großen Belohnung. Sophies Kommentar zu der Geschichte war. Vogel wart? Was so viel heißen sollte wie, der Vogel wartet? So bekam der blaue Vogel, den Namen Vogelwart.
Die Fenster schließen sich wieder und ich halte immer noch Sophies Hand. Unsere Gedanken verbinden sich, verschmelzen zu einem. Mein Ich fließt in sie und wir stehen uns in ihrer Welt gegenüber. Jeder auf seiner Hälfte. Meine Seite scheint ein luftleerer Raum zu sein, in dem ich einfach nur schwebe. Aber Sophies Seite ist bunt, hell und schön. Da steht sie nun und lacht mich an, so wie früher.
„Hallo Sophie!“ rufe ich ihr zu.
„Hallo Omi, schön das du wieder da bist!“, ruft sie glücklich.“ Wo warst du denn so lange?“
„Weißt du es nicht mehr, Sophie?“, frage ich sie.“ Weißt du nicht mehr, dass ich eine lange Reise antreten musste?“
„Doch Omi, das weiß ich“, antwortet sie mir ernst.“ Wartest du auf mich?“
„Ja Sophie, ich warte auf dich!“, rufe ich ihr zu.“ Ich habe so viel Zeit, ich kann noch lange warten. Willst du denn mit mir kommen?“ frage ich sie.
Sophie schaut traurig hinter sich und ich sehe meine Tochter, meinen Mann uns Sophies Vater, die an ihrem Bett sitzen. Meine Tochter weint und hält dabei Sophies Hand. Sie streichelt sie und fleht immer wieder:“ Bitte Gott, nur das nicht. Das kannst du doch nicht wollen.“ Meine Lippen flüstern ihren Namen, aber sie hört mich nicht. „Maria“ flüstere ich immer wieder.
„Siehst du Omi, deshalb kann ich nicht mit dir kommen“ sagt Sophie.“ Die Mami ist so traurig. Der Papa und der Opa auch. Und schau mal.“
Sophie dreht sich ein wenig zur Seite und ich sehe die Silberschnur, die sie noch hält auf dieser Welt. „Ich kann ja gar nicht mit dir kommen. Siehst du?“, sagt sie bedauernd.
„Sophie“ sage ich. „Ich muss dich etwas fragen. Wer kann die Schnur durchtrennen?“
„Nur die Mama, Omi. Nur sie kann das“ antwortet sie mir. „ Sie hält mich fest.“
„Woher weißt du das, Sophie?“, frage ich.“ Hat dir das jemand gesagt?“
„Na ja, Vogelwart hat mir das gesagt“ antwortet sie. „ Aber er wartet auf mich.“
„Vogelwart? Der kleine blaue Vogel aus der Geschichte?“,frage ich Sophie nachdenklich.
„Ja, aber weißt du, sehen konnte ich ihn nicht“ antwortete sie mir gleichmütig. „Doch ich habe seine Stimme gehört. Die höre ich oft.“
Ich möchte noch etwas sagen, aber unsere Gedanken trennen sich und stehen wieder an Sophies Bettchen. Maria denke ich, wenn du mich nur sehen könntest oder mich spüren. Spüre mich doch noch einmal, so wie damals bei unserem Abschied.
In meiner Erinnerung liege ich in meinem Krankenbett und merke dass mein Leben mich verlassen will. Das, was mir immer das Liebste war ist bei mir in meiner letzten Stunde und ein Engel. Es kann nur ein Engel sein, denke ich. Denn die Ruhe und den Frieden tief in mir, verdanke ich ihm. Ich sehe ihn nur als helles Licht, aber ich weiß, was ich weiß.
Maria, kleine Maria weine nicht. Ich hebe ich noch einmal meine rechte Hand, und streichele ihr über das blonde Haar. Auch meinem Mann sage ich mit einem langen Blick, danke für deine Liebe. Und um zu zeigen dass er mich verstanden hat, berühren seine Lippen noch einmal die meinen.
Etwas zieht mich sanft aus meinem Körper. Wie eine Feder schwebe ich durch einen langen, hellen Tunnel. Und finde mich dort wieder, von wo aus ich gegangen bin.
Noch empfinde ich den Schmerz der Anderen, aber das will ich nicht. Also schließe ich mich dem Lichtwesen an und gehe hinüber in das Nirgendwo. Eine Stimme fragt mich, ob ich bereit bin zu gehen. Ich will schon ja sagen, aber da fällt mir ein, dass ich noch nicht kann. Nicht, ohne noch einmal Sophie gesehen zu haben.
Das Lichtwesen akzeptiert meinen Wunsch. Es sagt mir, dass ich durch die Kraft meiner Gedanken dort sein kann, wo ich sein möchte. Dann ist es verschwunden.
Immer wieder gehe ich von einem zum anderen und auch zu Sophie.
Sehe sie mit ihren Puppen spielen, mit ihren Freundinnen toben. Wie sie in ihrem Bettchen liegt und schläft. Tauche sogar in ihre Träume ein.
Ich weiß nicht wie viel Zeit vergangen ist. Denn Maria kann wieder lachen und ein Baby bekommt sie auch. So schnell tickten die Uhren hier in meiner Welt?
Wieder öffnet sich ein Fenster. In einer kleinen Kapelle steht ein weißer Sarg, geschmückt mit roten Rosen. Und ich weiß, dass es mein Körper ist der da ruht.
Wie voll die Kirche ist. In der ersten Reihe sitzen mein Mann, Maria und mein Schwiegersohn. Sie sind stumm vor Trauer und ich möchte ihnen sagen, seht her, mir geht es so gut. Aber es geht nicht.
Einen letzten Versuch will ich noch wagen. Ich gehe zu Maria und berühre sanft ihre Schulter. Nichts, nichts passiert. Also probiere ich es heftiger und das Wunder geschieht. Maria nennt meinen Namen.„Mama“ flüstert sie und immer wieder, Mama.“
Nein, warum schließt sich das Fenster gerade jetzt. Aber dafür öffnet sich ein anderes, durch das ich nach meinem Tod geschaut habe. Doch ich schloss es gleich wieder. Denn das was ich dort sah, konnte ich nicht glauben. Nun musste ich dieses Fenster noch einmal öffnen.
Es ist ein heißer Sommertag im Juli. Ich stehe an einem See und sehe Scharen von Menschen, die sich an Land und im Wasser tummeln. Kinder spielen und toben auf einem freien Platz.
Unter ihnen ist auch Sophie. Da höre ich Marias Stimme. „Sophie?“, ruft sie laut.“ Hallo Sophie! Komm doch mal kurz her zu mir!“
Obwohl Sophie nicht so gerne möchte, bewegt sie sich in Richtung Maria.
„Ja Mama, was ist denn?“, fragt sie Maria genervt. „ Wir wollen spielen.“
„Sophie, denkst du an dein Versprechen?“, fragt Maria sie eindringlich.“ Wenn du schwimmen willst, sagst du mir vorher Bescheid. Und auch daran, dass du immer deine Schwimmflügel im Wasser trägst?“ redet sie energisch weiter.
„Mama“ schnauft Sophie. Wie alt bin ich denn? Du tust ja so als wäre ich ein Baby.“
„Du bist sieben Jahre und kannst noch nicht so gut schwimmen, stimmst?“, antwortet meine Tochter.
„Ok, ich habe es dir versprochen, also sage ich dir auch Bescheid“ schmollt Sophie. Gut?“
„Alles klar, Sophie“ antwortet Maria.“ Ich wollte es nur noch einmal von dir hören.“
Sophie tummelt sich wieder zu ihren Freundinnen und Maria versucht ein Sonnenbad zunehmen. Der kleine Jan schläft auf einer Decke neben ihr. Jan, den ich nie halten konnte. Der seine Oma nur von Bildern und Erzählungen kennen wird.
Von da an nahm das Schicksal seinen Lauf. Denn nach einiger Zeit wurde es den Mädchen zu langweilig, und sie beschließen schwimmen zu gehen.
„Ich muss erst meiner Mutter sagen, dass ich mit euch ins Wasser gehe“ sagt Sophie zu den Mädchen. „Aber ich komme sofort nach.“
„Schau mal“ sagt Julia. Sie schläft doch. Willst du sie wecken. Und warum sollst du Schwimmflügel tragen? Du kannst doch schwimmen“ redet sie weiter.
„Und hier ist es doch gar nicht tief. Wir tragen sie doch auch nicht“ mischt sich Melina ein.
Sophie schielt in Marias Richtung. Sie haben Recht, denkt sie. Mama schläft, also lasse ich sie schlafen. Und wenn die anderen keine Schwimmflügel nehmen, brauche ich sie auch nicht. Außerdem merkt Mama das gar nicht.
So tummeln sich die Mädchen eine Weile im flachen Wasser und rollen den Ball, den Sophie mitgenommen hatte von einer zur anderen.
Ein älterer Junge kommt und schießt den Ball ein ganzes Stück auf den See hinaus.
„Eh, du!“, ruft Sophie böse. „Warum tust du das?“
„Weil ich Lust darauf hatte!“, ruft er ihr zu. „ Hole ihn dir doch wieder.“
Nach einigen Überlegungen und einen Blick auf Maria werfend, beschließt Sophie den Ball zu holen. Das würde sie schon schaffen und außerdem war es nur Mama die glaubte, dass sie noch nicht so gut schwimmen konnte.
Sie schaffte es nicht. Immer wenn sie glaubte den Ball erreicht zu haben, wurde er von ihren Schwimmbewegungen ein Stück weiter auf den See getrieben.
Ihre Kräfte erlahmten und sie bekam Angst. Sie schrie zum Ufer und versuchte ihre Arme zu heben. Aber bei jedem Versuch schluckte sie Wasser und versank ein Stück. Als endlich jemand auf sie aufmerksam wurde, war es zu spät. Sophie versank in den Wassermassen.
Mein Geist tauchte in das trübe Wasser ein, denn jetzt musste ich bei ihr sein. Retten konnte ich sie nicht, aber ich konnte ihr beistehen.
Sophie sank langsam nach unten. Ihre Augen waren weit geöffnet. So, als wollte sie noch einmal, einen letzten Eindruck des Lebens mit sich nehmen. Und ich bin mir sicher, dass sie mich sah. Da der letzte Schwall Wasser den sie schluckte, von einem erstaunten, liebevollen Blick begleitet wurde. Aber warum war sie jetzt nicht neben mir? Was war passiert?
Mehrere Männer tauchten plötzlich an mir vorbei. Sie packten Sophie und schwammen mit ihr zur Oberfläche.
Mein Geist eilte zum Ufer um nach Maria Ausschau zu halten. Und da sah ich sie, gestützt von zwei Frauen. Maria schrie verzweifelt Sophies Namen. „Sophie, bitte komm zu mir zurück!“, rief sie verzweifelt. „ Mama, bitte hilf mir!“ Aber leider konnte ich ihr nicht helfen und auch ihren Schmerz konnte ich nicht teilen. Der Engel des Vergessens war gnädig und ließ mein Kind in eine tiefe Ohnmacht sinken
Die Ärzte bemühten sich, Sophie in dieses Leben zurück zu holen. Vergebens.
Angeschlossen an Maschinen, lag meine kleine große Liebe in ihrem Bettchen.
Ich sah einen Arzt, der auf dem Gang des Krankenhauses stand und sich mit meiner Familie unterhielt. Meine Tochter weinte erbärmlich und die Männer starrten betreten zu Boden.
So verließ ich Sophies Zimmer und hörte dem Gespräch zu.
Soeben hatte der Arzt, Sophie offiziell für Hirntod erklärt.
Doch als er in Marias schmerzverzerrtes Gesicht sah, sagte er mit weicher Stimme. „ Wir warten ab und sehen was noch so alles passiert. Denn Wunder geschehen immer wieder.“
Kein Wunder geschah. Sophie blieb in ihrer Welt und Maria verweigerte das Abstellen der Maschinen. Sie glaubte wirklich, dass ihr kleiner Liebling noch einmal aufwachen würde.
Welche Mutter in ihrer Situation, wünschte das nicht.
Wochen vergingen. Täglich besuchte ich meine Familie. Verzweiflung hieß der Gast, der hier nun täglich verweilte. Ich nahm an ihren abendlichen Gesprächen als Lauscherin teil und erkannte, das mein Schwiegersohn seine kleine Tochter nicht mehr leiden sehen wollte. Er hatte verstanden, das Sophie, wo immer sie auch war, den Weg zurück nicht finden würde.
Maria verstand nicht, dass er so etwas sagen konnte und eine Mauer des Schweigens, und des Hasses baute sich um sie auf. Was konnte ich nur tun? Wie konnte ich helfen?
Mein Geist schwebte durch die Unendlichkeit und ich wusste nicht was zu tun war. Wie konnte ich Sophie aus ihrer Welt holen. Wie konnte ich ihr helfen.
Erst jetzt bemerke ich, dass das Lichtwesen. Mein Engel war bei mir.
„Kannst du mir sagen was ich tun kann?“, frage ich ihn.“ So kann es nicht weiter gehen.“
„ Das kann ich, aber du weißt es auch.“, antwortet er mir.
„ Wie meinst du das?“, frage ich ihn. Was weiß ich auch?“ Ich verstand nicht was er mir sagen wollte. „Warum machst du es so schwer, sag es mir einfach und ich werde es tun“ sage ich ungehalten. Langsam wurde ich ungeduldig.
Das Lichtwesen stöhnt und sagt „ Komm nimm meine Hände“ fordert er mich auf.
Also nehme ich seine Hände und eine gewaltige Energie nimmt Besitz von mir.
Nicht kleine Fenster öffneten sich jetzt, nein es öffnete sich ein Riesiges.
„Jetzt schaue genau hin“ sagt das Lichtwesen.
Was war denn das? Maria mit sechs Jahren. Sie war gefallen, blutete am Knie und weinte bitterlich. Alles bitten mit mir zu kommen, um die Wunde zu reinigen, erzeugten noch mehr Tränen. Also sagte ich ihr, dass ich den Schmerz nun in meine Hand nehmen würde und ihn dann einfach wegschmeißen könnte. Aber nur, wenn sie ihn nicht mehr bräuchte.
Unglauben war in ihren Augen, aber der Gedanke gefiel ihr. Ich hielt meine Hand über ihr Knie und ballte sie nach kurzer Zeit zur Faust. Kämpfte für Maria mit dem Phantom in meiner Hand, und schmiss den angeblich Gefangenen anschließend ins Gebüsch.
Maria kicherte und sagte „ Ein bisschen tut es noch weh.“
Also wiederholte ich mein Schauspiel und der Schmerz war tatsächlich verschwunden.
Der erste Zahn der ausfiel und nur noch an einem Fitzel Zahnfleisch hing.
Die Angst die sie hatte, als mein Mann ihr den Vorschlag machte, einen Faden an die Türklinke zu binden.
Ich tat so als sei ich ganz böse auf den Papa und sagte zu ihr, komm lass mich mal nachschauen ob das überhaupt geht. Ich fühlte über ihre Zähnchen und schwupps hatte ich ihn zwischen meinen Fingern, und Maria hatte es noch nicht einmal bemerkt.
Der erste Liebeskummer kam und immer war ich eine kleine oder große Hilfe für sie.
„Ich werde jetzt das Fenster schließen, denn ich denke du weißt was ich meine“ flüstert das Lichtwesen.
„Ja, ich glaube ich weiß was du meinst“ antwortet ich ihm.
„Dann gehe und hilf ihr noch einmal. Was du tust, wird das Richtige sein“ sagt das Lichtwesen. Dann verschwindet es in der Unendlichkeit.
Wieder einmal verschmilzt mein Geist, mit dem von Sophie.
Sie sitzt auf einer Wiese und schaut mich traurig an. „Sophie wie geht es dir?“, frage ich.
„Nicht so gut, Omi“ antwortet sie mir „Ich bin so müde und so einsam hier. Wo warst du denn so lange?“, fragt sie mich böse.
„Oh Sophie, ich hatte sehr viel zu erledigen. Aber jetzt bin ich ja da“ antworte ich„ Sophie?“
„Ja, Omi?“, sagt Sophie müde.
„Kannst du träumen, Sophie?“ frage ich sie.
„Ja, denn ich träume sehr oft davon, wie es ist ein Engel zu sein“ antwortet sie stolz. „Vogelwart sagt immer, dass ich ein Engel werde.“
„Und, findest du das schlimm, Sophie?“, frage ich sie lächelnd.
„Nein, das finde ich schön“ sagt sie strahlend.“ Dann kann ich endlich bei dir sein, ohne dass so etwas Komisches zwischen uns ist.“
„Willst du das wirklich?“, frage ich sie.“Hast du keine Sehnsucht nach deiner Mama und deinem Papa?“ will ich wissen.
„Doch, die habe ich und nach Jan auch“ antwortet sie unglücklich.“ Vogelwart sagt, dass ich nicht zurück kann und mit dir gehen soll. Aber dann kann ich sie besuchen so oft ich will.“ „Das kann man nämlich auch, wenn man schon in das Licht gegangen ist“ erklärt sie mir.
„Siehst du Vogelwart jetzt?“, frage ich sie und suche ihre Welt mit meinen Augen ab.
„Nein Omi, ich sagte doch, dass ich nur seine Stimme höre“ antwortet Sophie.“Aber er kommt mit uns wenn wir gehen.“
„Sophie, dann musst du jetzt mit mir träumen“ fordere ich sie auf.
„ Und wovon soll ich träumen, Omi?“, fragt sie mich. „ Von etwas Schönem?“
„Wir träumen uns jetzt zu deiner Mama“ sage ich geheimnisvoll. Bist du bereit?“
„Ja, ich bin bereit“ flüstert Sophie.“ Das wird spannend werden.“
„Also los!“, rufe ich ihr zu.
Unsere Gedanken verschmelzen ein letztes Mal und wir tauchen ein in Marias Träume.
Maria träumt von einem Haus. Sie steht in einer ihr fremden Küche. Aber im Traum ist es ihre Küche. Berge von schmutzigem Geschirr stehen auf einem Tisch. Alles ist ihr vertraut und auch wieder nicht. Sehr viele Türen führen in andere Räume. Sie öffnet eine Tür und steht in einem Wohnzimmer, mit sehr alten Möbeln. Dann die nächste Tür und wieder eine .
„Da führt ja eine Treppe nach oben“ denkt sie.“ Ob ich da etwas finden werde?“
Also steigt sie die Stufen hoch. Türen, alles Türen. Maria ist verzweifelt. Welche Tür sollte sie nehmen? Was erwartete sie dahinter? Obwohl es nur ein Traum ist, fängt Marias Herz an zu pochen und es beschleicht sie ein Gefühl, dass etwas Seltsames passieren wird.
„Ich nehme jetzt irgendeine Tür“ denkt sie. „Die, die rechts neben mir, die werde ich jetzt öffnen.“Leise schwingt die Tür auf. „Welch ein schöner Duft“ flüstert sie.“ Was ist hier los?“
„Und warum ist es hier so hell?“ Sie betritt das Zimmer und steht in dem Wohnzimmer ihrer Eltern. Es ist Weihnachten und die Luft ist erfüllt von einem angenehmen, süßen Zimtgeruch. „Mama, Papa was macht ihr hier?“, fragt sie erstaunt. „Und wer ist das Kind?“ „Mein Gott!“, ruft sie. „Das bin ja ich.“ Maria sieht sich als vierjährige, die andächtig vor einem großen Weihnachtsbaum steht. Sie spürt noch einmal die Freude als sie ihre Geschenke auspacken durfte. Den Stolz den sie empfand, weil ihre Eltern sich so über die selbst gemalten Bilder freuten. Sie schmeckt die Weihnachtsgans auf ihrer Zunge, und fühlt den zarten Schmelz der Weihnachtsschokolade.
Ihre Mutter lächelt sie an. Aber ihr Vater nahm sie nicht wahr. Wie war das möglich? Es blieb ihr keine Zeit darüber nachzudenken, denn das Licht erlosch und Maria stand wieder alleine auf dem großen Dachboden.
Neugierig geworden öffnet sie die nächste Tür. Eine kleine Kapelle, in der ein großer Eichensarg steht offenbart sich ihr.
Ihre Eltern, Opa und sie stehen davor und schauen in den Sarg hinein. Maria ist jetzt sechs Jahre. Sie hat Angst, denn die Oma liegt ganz ruhig und schläft. Mama hatte ihr gesagt, dass die Oma jetzt im Himmel bei den Engeln ist. Und das sie dort keine Schmerzen mehr haben würde. Aber Oma war nicht bei den Engeln, sonst würde sie doch nicht mehr da sein. Sie zupft an Mamas Kleid und sagt was sie denkt. Da nimmt Opa sie auf den Arm und sie schauen zusammen die Oma an. „Jeder Mensch hat auch eine Seele und die lebt später woanders weiter“ sagt er zu ihr.“ An einem viel schöneren Ort. Und an diesem Ort haben wir keine Schmerzen mehr. Da wo Oma jetzt ist braucht sie keinen Körper“ erklärt er ihr.
Ihre Mutter streichelt noch einmal Omas Gesicht und dann nickt sie Maria zu. Wieder wird der Raum dunkel und sie steht verlassen auf dem Dachboden.
Die dritte Tür ist am Ende des Dachbodens und öffnet sich von selber.
Sie ist 16 Jahre und liegt weinend auf ihrem Bett, denn ihre erste große Liebe hat sie verlassen. Ein bohrender Schmerz tobte in ihrer Brust und am liebsten wäre sie gestorben. Ihre Mutter betritt das Zimmer und setzt sich zu ihr. Sie will sie trösten, aber Maria lässt es nicht zu.“ Geh weg!“, schreit sie. Ich will keinen sehen, nicht heute und morgen auch nicht.“ „Am liebsten würde ich sterben“ schluchzt sie. Ihre Mutter lächelt. „Daran stirbt man nicht“ sagt sie tröstend.“ Du wirst sehen.“
Die Szene wechselt. Ein halbes Jahr später lernte sie Ralf kennen und war wieder ein glückliches, junges Mädchen. Sie hatte in ein paar Minuten, Schmerz und Glück empfunden, denn so nah lagen die beieinander.
Die vierte Tür öffnet sich und Maria bekommt Angst. Ihre Mutter sitzt in ihrem Bett, ganz blass und abgemagert sieht sie aus. Sie hat eine Glatze und das Mittagessen, das Papa ihr gebracht hat rührt sie nicht an.
Dann sitzt sie in Mamas Sterbestunde an ihrem Bett und hält ihre kalte, feuchte Hand.
Sie spürt die unsagbare Angst in ihrem Herzen. Und sieht Mamas friedliches Gesicht, nachdem sie gestorben ist.
Ein weißer Sarg in einer Kapelle. „Da liegt Mama“ denkt sie. Gleich wird sie mich berühren, ich habe es gespürt. Ich weiß dass es meine Mutter war, die mir sagen wollte, dass es ihr gut geht. „Leb wohl, Mama“ flüstert sie. „Leb wohl“.
Die fünfte Tür, was wird dahinter sein? Jetzt tobte ein Orkan in ihrer Brust. „Ich glaube, ich kann sie nicht öffnen“ flüstert sie verzweifelt.“Denn ich habe Angst, fürchterliche Angst.“
„Mama, bitte öffne die Tür“ hört sie Sophies Stimme.
„Sophie?“ fragt sie zaghaft.“ Sophie?“ Marias Stimme ist nur noch ein Flüstern in der Dunkelheit. „Ja, ich komme mein Mädchen, ich komme jetzt!“ ruft sie aufgeregt.
Mit zitternden Fingern drückt sie die Klinke herunter. Aber die Schwelle der Tür kann sie nicht übertreten. Es ist, als würden unsichtbare Hände sie festhalten.
In dem hellen, freundlichen Mädchenzimmer stehen drei Bettchen.
Das erste ist eine Wiege. Sie sieht, wie sie sich über Sophie beugt und ihr Gesicht zärtlich streichelt. Sie sieht das erste Lächeln, die ersten Schritte und hört das erste Wort das Sophie
spricht.
Das zweite, ist ein größeres Bett. Sophie schläft und träumt. Das Bild verändert sich und Sophie spielt mit ihren Puppen, mit ihren Freundinnen und fährt Rad. Geht zur Schule, tobt durch das Haus und darf zum ersten Mal ihren kleinen Bruder halten. Eine glückliche, lebendige Sophie sieht Maria.
Das dritte Bett ist steril und die Atmosphäre kühl. Ihr kleiner Liebling liegt blass in den Kissen. Dünne Schläuche sind in Nase und Mund gesteckt. Maria rollen Tränen über die Wangen und tropfen auf ihr Traumkleid. Die unsichtbaren Hände geben sie frei und sie kann das Zimmer betreten.
„Mama, du musst nicht weinen“ sagt Sophie traurig.“ Bitte, weine nicht.“
Maria kann es nicht glauben. Da steht ihr kleiner Engel am Ende des Bettes und spricht mit ihr „Sophie, wie kann das alles sein!?“, ruft sie ihr zu. „ Du bist wieder gesund.“
Sophie geht auf Maria zu und schmiegt sich an sie.“ Mama“ flüstert sie leise und streichelt Marias Hand. „ Jetzt bin ich bei dir.“
„Oh, Sophie“ haucht Maria. Dann nimmt sie ihr Kind auf den Arm und drückt es fest an sich.„Ich lasse dich nie mehr los. Nie mehr“ weint sie.
„Ich möchte dich auch nicht loslassen, Mama“ antwortet Sophie.“ Aber ich kann nicht bei dir bleiben.“
„Du wirst gesund werden, meine Kleine“ stammelt Maria. Ihre Stimme zittert, denn sie weiß plötzlich dass es nicht so sein wird.
„Mama, ich möchte mit Oma gehen“ sagt Sophie ernst. „Sie wartet doch schon so lange auf mich. Und Vogelwart wird uns begleiten. Wo ich jetzt bin, fühle ich mich so alleine und habe Angst“ erzählt sie ihrer Mutter. „Ich kann nicht zurückkommen. Aber ich kann dich immer besuchen. Wann immer ich es will“ flüstert sie Maria zu.
Eine Hand legt sich auf Marias Schulter und sie weiß, dass sie nun zum letzten Mal ihre Mutter sehen wird. „Mama?“, flüstert sie tonlos. „ Bist du es?“
„Ja Maria, ich bin es“ antwortet eine vertraute Stimme. Langsam dreht Maria sich um und schaut in die vertrauten Augen ihrer Mutter. „Bitte sage mir, was dass alles zu bedeuten hat?“, fleht sie. „Ich verstehe es nicht. Es ist ein Traum und doch Wahrheit, ich fühle es“ flüstert sie mit gebrochener Stimme.
„Es ist der einzige Weg gewesen um dir zu zeigen, dass Sophie, dort wo sie jetzt ist, verlassen und alleine lebt“ antwortet ihre Mutter. „Sie ist so müde. Maria, du musst sie loslassen. Wenn du sie liebst, dann lasse sie gehen.“
Mit Sophie auf dem Arm, sinkt Maria auf die Knie.„Wie kann ich das, Mama!?, ruft sie verzweifelt. „Ich kann es einfach nicht .Oh Gott, warum hilft mir niemand.“
„Mama“ sagt Sophie und streichelt dabei Marias Gesicht. „Bitte hilf mir und lass die Schläuche aus mich ziehen. Und ich möchte doch Vogelwart nicht mehr warten lassen. Wenn du es nicht tust, werde ich für immer, alleine in dem anderen Land bleiben. Das willst du doch nicht, oder?“, fragt sie Maria.“Aber wenn Oma mich mit nimmt, kann ich zu dir und Papa kommen, wann immer ich will.“
Marias Gesicht wirkt auf einmal klar und ihre Stimme ist fest, als sie antwortet.
„Ja Sophie, ich glaube du hast Recht“ sagt sie leise. „Ich will nicht, dass du noch mehr leidest. Die Omi wird gut auf dich aufpassen, das weiß ich. „Und Sophie, bitte komm so oft es geht zu uns. Ich werde es merken, wenn du bei mir bist“ sagt sie tapfer.
„Das verspreche ich dir, Mama“ antwortet Sophie.“Und Vogelwart bringe ich dann auch mit.“
Ein letztes Mal, nehmen wir uns alle in den Arm. Dann erwacht Maria.
Der Abschied
Maria hat ihren Traum sehr ernst genommen. Am anderen Tag ist sie alleine zum Krankenhaus gefahren, und hat sich zu ihrem Kind gesetzt. Lange hat sie ihr Baby angeschaut und Zwiesprache mit Sophie gehalten. Nachmittags kam auch Sophies Vater Ralf und Maria erzählte ihm von ihrem Traum. Und ihrem Entschluss, Sophie gehen zu lassen.
Mein Mann, Ralf und die Ärzte waren erleichtert. Und dennoch tat der Gedanke daran, allen schrecklich weh. Sie wussten, dass Sophie niemals zurückkommen würde. Sie erlösten sie nur von ihrem Leid und ihrer Einsamkeit. Der Gedanke, das Sophies Bett bald leer stand und ihr Körper in einem kleinen weißen Sarg unter der Erde ruhte, nahm ihnen die Luft zum Atmen.
Maria und Ralf beschlossen, dass die Ärzte abends um halb acht die Geräte abstellen sollten. Diese Uhrzeit war in Sophies Leben die Zeit, wo sie schlafen ging. Ein letztes Mal, würden sie ihr heute Gute Nacht sagen.
Halb acht
Ich verlasse meine Stille um bei ihnen zu sein.
Maria und Ralf sitzen an Sophies Bettchen, einer links und einer rechts von ihr.
Jeder hält eine Hand von Sophie in der seinen. Der Arzt hat sich etwas Abseits gestellt und schaut auf seine Armbanduhr.
Noch zwei Minuten, dann würde er einen Schalter drücken und die leisen Geräusche der Maschine würden verstummen.
Maria schaut ihn an und er nickt ihr zu. Ja, es war soweit.
Stille
Nur der Herzmonitor stört den Frieden, der gerade in Sophies Zimmer herrscht. Bis auch er in einem lang gezogenen Ton anzeigt, das Sophie ihren letzten Weg nun gehen konnte.
Ralf nimmt Maria in seine Arme und in einem herzzerreißenden Weinen, fallen alle Mauern, die Maria um sich erbaut hat zusammen.
Sie nehmen Sophie noch einmal in ihre Arme und küssen sie. Für drei Tage würde Sophie nun nach Hause kommen. Drei Tage würde sie in ihrem Bettchen liegen. Ganz nah bei ihnen.
Sophie
Ich stehe immer noch mit ihnen am Totenbett und warte auf Sophie.
Da ist sie endlich. Sophie strahlt und leuchtet wie ein kleiner Engel.
„Hallo, Omi!“, ruft Sophie. „Wir haben es geschafft, nicht wahr?“,fragt sie mich.
„Ja Sophie, das haben wir“ antworte ich zufrieden.
„Es war auch gar nicht schlimm“ plappert Sophie. „Ich bin mit Vogelwart durch einen hellen Tunnel geschwebt und jetzt bin ich hier.“
„Und wo ist Vogelwart jetzt?“, frage ich sie.
„Na, schau doch. Dort ist er!“, ruft sie munter.
Und wirklich, auf Marias Schulter sitzt ein kleiner blauer Vogel und es sieht so aus, als würde er ihr etwas ins Ohr flüstern.
Maria schaut in unsere Richtung und sie winkt. Wir wissen, dass sie uns kurz gesehen hat. Denn auf ihrem Gesicht erscheint ein Lächeln.
„Bist du bereit, Sophie?“, frage ich sie. Sollen wir gehen?“
„Ja Omi, wir können jetzt gehen“ antwortet sie mir. „Denn schon bald werde ich wieder bei ihnen sein und du auch.“
„So“ sage ich erstaunt. „Und woher weißt du das?“
Der kleine blaue Vogel fliegt heran und setzt sich auf Sophies Hand.
„Ich weiß es, weil Vogelwart gesagt hat, dass Mami noch zwei Babys bekommen wird. Unsere Seelen bekommen dann ein neues Zuhause“ antwortet Sophie schelmisch.
„Dann sollten wir schnell gehen, Sophie“ flüstere ich ihr zu. „Umso schneller werden wir zurück kehren.“
Vor uns ist ein helles, wunderschönes Licht. Wir nehmen uns an den Händen und schweben mit Vogelwart hinein.
Umschauen brauchen wir uns nicht. Wir wissen, dass ein Ende auch immer ein Anfang ist
Und auch der kleine blaue Vogel, wird wieder auf uns warten.