Geschichten -> Fantasy- Geschichten -> Die Suchenden

Doc Morris | Gärtner Pötschke - Mehr Freude am Gärtnern | Socken und mehr! | Jetzt Versandkostenfrei bestellen!

Die Suchenden

Möglicher Weise sind bestimmte Menschen mit einem Seelenzauber belegt, denn ihre Seelen begegnen sich in jedem Leben in das sie hinein geboren werden.
Die meisten von ihnen bemerken es nicht einmal. Doch Einige spüren die alte Verbindung, ganz tief in ihrem Herzen. Und sie fragen sich, wer ist Er oder Sie? Warum fühle ich mich so zu diesem Menschen hingezogen?  Fragen ohne Antworten. Sie hoffen und leiden, träumen und verzweifeln, stöhnen und  jammern. Dennoch, sie lösen ihr Lebensrätsel nie. Vielleicht in einem anderen Leben. Doch nicht in diesem. Und so werden sie sich lieben in ihren Träumen, bis zum Schluss auch die letzte Hoffnung stirbt.
Wie die von Jonas und  Maria. Stirbt sie wirklich?
Ein langes Leben ist schnell erzählt. Es ist schnell gelebt, doch wir vergessen es nie. Aber wenn die Zeit uns einholt, bereuen wir das, was wir nie getan haben.

Maria besaß schon immer eine ruhelose Seele. Obwohl sie als Kind eher zurück haltend war, schüchtern und ängstlich. Doch mit den Jahren wuchs ein ständiges Verlangen in ihr.
So sehr sie sich auch bemühte, definieren konnte sie es nie. Eine Sehnsucht? Aber wo nach? Zu ihm?  Aber wer war er? Oder zu einem anderen Leben?
Mit 15  hatte Maria eine erste außergewöhnliche Erfahrung. Aus heiterem Himmel erinnerte sie sich  an ihren ersten Schwimmunterricht. Sie war gerade sechs Jahre alt und trug einen weißen Badeanzug, auf dem bunte Schmetterlinge tanzten. Maria  sprang wie die anderen Kinder in das warme Wasser. Landete unglücklich und kämpfte orientierungslos gegen die Wassermassen, die sie gefangen hielten. Die Panik machte bunten Farben Platz und einer ungewohnten Leichtigkeit. Etwas zog an ihr und stellte sie an den Rand des Beckens.
Ein Mann  in einem weißen Anzug und  pechschwarzen Haaren stand ihr in einiger Entfernung gegenüber.  Sie durfte nicht zu  ihm kommen, obwohl er mit ihr sprach. Maria erinnerte sich nie daran  was er ihr gesagt hatte. Bestimmt war es wichtig gewesen, denn der Mann hatte sehr ernst mit ihr geredet. Nur ein paar Sätze hatte sie behalten.
„Du musst zurück springen.“ Aber sie wollte nicht. „Und, du verstehst es jetzt noch nicht.“
 Die Perspektive veränderte sich.  Sie stand plötzlich neben ihrem eigenen Ich und erkannte, dass sie eine erwachsene Frau war. Obwohl sie doch erst sechs Jahre zählte. Dann trat sie in ihre erwachsene Seele ein und verbündete sich mit ihr.
 „Spring!“, hörte sie ihn rufen. „Du musst zurück!“
Maria blickte sich um. Sie sah den verzweifelten Bademeister, der stöhnte: „Ich dachte sie planscht nur im Wasser herum. Aber das sie mir fast ertrinkt, dass habe ich nicht bemerkt.“
Da sprang sie und vergaß für lange Zeit was damals geschehen war. Doch nach dieser Tragik, veränderte sich auch ihr damals, noch so junges  Leben. Aus einem geliebten Kind, wurde ein einsames, ungeliebtes Mädchen.
 
Jonas Lebensgeschichte ist leichter erzählt. Wohl behütet aufgewachsen  und zur Zielstrebigkeit erzogen, verbrachte er eine angenehme Jugendzeit. Später  studierte er Jura und wurde ein angesehener Rechtsanwalt. Auf einem Sommerfest lernte er Mathilde kennen und verliebte sich in sie. Ein Jahr später  heiratete das Paar und bekam zwei Kinder.
 Jonas ging immer gerade aus. Von seinem Weg abzuweichen, war in seinen Gedanken unmöglich.Ein Haus, Autos und eine gute Schulbildung für die Kinder, waren Dinge die ihm wichtig waren. Beharrlich verfolgte er seine Ziele und erreichte sie spielend. Bis zu jenem Tag, als das Schicksal ihm eine andere Welt zeigte.
Es war ein langer Tag gewesen. Erschöpft  saß Jonas über seinen Akten und bemühte sich zu verstehen, was da vor ihm auf dem Papier stand.  Doch die Müdigkeit ließ kein Verstehen mehr zu. Und die Fehler die er dadurch machen würde, kosteten ihm am anderen Tag nur Zeit und Geld. Er löschte das Licht und beschloss schlafen zu gehen.
Jonas hatte seinen Kopf gerade auf  das Kopfkissen gelegt, als er glaubte hindurch zu fallen.
Was war das? Wo war er? Wer war das Kind? Er blickte sich um und sah, dass er in einer  Schwimmhalle stand. Kinder tobten und lachten ausgelassen in einem  Becken herum.
 Ein kleines Mädchen stand in einiger Entfernung vor ihm und schaute ihn an. Jonas schluckte. Er kannte sie. Aber  woher sollte er dieses kleine Ding kennen?
Auch bei ihm veränderte sich plötzlich die Situation. Er trat neben sich und sah sein Ebenbild. Dieser Mann , der einen weißen Anzug trug, dass war eindeutig er. Die Haare, das Gesicht. Alles stimmte mit seinem Äußerem überein. Jonas hörte  was er dem kleinen Mädchen erzählte. Auch er konnte sich später nicht daran erinnern. Aber daran, das er ihr sagte. „Spring zurück. Du verstehst es jetzt noch nicht. Spring.“
Was war jetzt wieder los? Neben dem Mädchen erschien eine Frau.  Durch Jonas Körper raste ein Glücksgefühl. „Mein Gott,“ murmelte er. „Ich weiß wer du bist.“
Er wollte nur noch zu ihr. Da berührte ihn sein Ebenbild  und verband sich mit ihm.
Am anderen Morgen erwachte ein Mann , der eine tiefe Sehsucht in seinem Herzen trug. Er konnte sie nicht definieren. Sie nicht zuordnen. Jonas wurde ein Suchender.
 
Marias Erlebnis  prägte nicht nur ihren weiteren Lebensweg. Es veränderte auch die Menschen, deren Aufgabe es war, sich liebevoll um sie zu kümmern. In zeitlichen Abständen holte Maria die Vergangenheit ein und  schnürte ihr die Kehle zu. Aber so sehr sie sich auch bemühte, nicht in die Vergangenheit abzuschwenken, um so weniger gelang es ihr. Die Bilder die sie  vor ihren Augen sah, stachen in ihr Herz. Und sie fragte sich, wie eine Mutter es schaffte, ihr Kind nicht mehr zu lieben. Was sie empfunden hatte, wenn sie ihr Kind nicht beachtete. Die Erleichterung in dem Gesicht ihrer Mutter, als Maria endlich heiratete und von zu Hause auszog. Warum war sie plötzlich so zu ihr gewesen? Sie sah ihren Vater wie er sie beschimpfte, weil sie fehl am Platze war. Verletzungen säumten ihren Lebensweg. Sie wuchs an ihnen und zerbrach teilweise daran. Ängste warfen sie zu Boden. Aber sie kämpfte sich frei. Schon als junges Mädchen hatte sie das Bild eines Mannes vor Augen den sie nicht kannte. Er war ihr Freund. Sie träumte von ihm und er schützte sie. Sie begegnete ihm wirklich und erschrak zu tiefst.  Marias Ehe, die sie eigentlich nicht gewollt hatte zerbrach. Aber diese Ehe war die einzige Möglichkeit für sie gewesen, ihr liebloses Nest zu verlassen. Mit Wehmut dachte sie an ihre Geschwister, die nie das Defizit der Nichtliebe erfahren mussten. Oft stellte sie sich die Frage, ob sie nicht jemanden ermordet hatte und nun ein Leben lang büßen musste. Natürlich hatte sie dass nicht getan. Ihre Mörder  liefen noch frei herum und taten so als wäre nichts gewesen. Aber er, der sie in ihren Träumen besuchte, er liebte sie.
Vier Kinder hatte sie mit ihrem Mann bekommen und  liebte sie abgöttisch. All die angestaute Liebe die in ihr war,  schenkte sie ihnen. Nicht ihrem Mann und keinem Anderen. Diese Liebe war für die, die sie nicht verletzten. Sie hätte sie besser verteilen müssen, dass wusste sie. Doch sie konnte nicht.
 Obwohl sie  körperliche Liebe mit einem Mann hasste, heiratete sie danach noch einmal.
Aber der Drang ihre Suche fortsetzen zu müssen blieb. Er war stärker als alle Vernunft. Und das Ende einer Beziehung tat ihr nie besonders weh. Wie auch? Achtete sie doch stets darauf, dass sie nie zu viel empfand. Und das Wenige was sie empfand, erlosch schnell von selber. Und so zerbrach auch die neue Ehe schnell, ohne das Maria litt.
Gespräche über Gefühle und Sexualität wurden in ihrer Jugend  nie geführt. Er war Schmutz und brachte Schande. Sex war schlecht. Sie sagten es ihr immer wieder und Maria glaubte ihnen.
Er war das Ende. Obwohl er der Anfang war. Nur das wusste sie damals noch nicht.
Maria hatte ihr eigenes Sexleben mit einem Unbekannten. Sie vermisste nichts.Außer ihn.
 
Jonas Leben hatte sich in jener Nacht verändert. Die  Liebe die er für seine Frau empfunden hatte, erlosch ganz langsam. Die Liebe zu seinen Kindern blieb und erleichterte sein Leben wesentlich. Sexualität wurde Pflicht und diente der Erleichterung, wenn er von seiner Sehnsucht träumte.
 Wenn er sie liebte gab es keine Tabus. Seine Träume waren wild und leidenschaftlich.
 Sie war wild und ohne Scham. Er schützte sie wenn es ihr schlecht ging. Und tröstete sie wenn sie weinte.Wenn sie unschlüssig war, gab er ihr einen Rat. Und er wurde zornig, wenn sie grobe Fehler machte. Er war alles für sie und sie für ihn. Sie war sein Zorn, weil sie ihm nicht sagen konnte wer sie war und wo sie  war. Und doch gab es Zeiten, da vergaß er sie. Dann  blieben die Träume weg und eine gewisse Normalität machte sich breit. Wie oft hatte er seinen Kopf geschüttelt, weil er nicht verstand, warum er so fühlte und träumte. „Ich bin nicht normal.“ Das sagte er sich dann, wenn er in einen Spiegel blickte. Aber er suchte sie weiter. Die Träume kamen wieder und ließen ihn stöhnen. Verzweifelt wehrte er sich, aber sie besiegte ihn immer wieder. Und er ließ es geschehen.
Er fand sie in einem kleinen Laden. Ein Blitz raste durch seinen Körper und ließ ihn erstarren. Jonas zweifelte an seinem Verstand und betete doch inbrünstig, dass sie es war.  Wie sie da stand und lachte, wie sie sich bewegte. Ihre Mimik, ihre Augen  in denen ein leichter Jähzorn tobte. Und die Haarsträhne, die sie immer wieder aus ihrer Stirn wischte. Mit schweißnassen Händen stellte er sich vor die Theke. Sein Herz raste und hüpfte.
 „Was darf es sein?“, fragte sie auch schon und blickte ihn lächelnd an. Jonas hörte ihre Stimme und möchte schreien. „Du!“ Aber er kaufte eine Schachtel Zigaretten und ging ohne sich zu bedanken, von ihr fort. Er spürte ihre Blicke auf seinem Rücken und seine Schritte wurden unsicher.
Sein Körper zitterte und vibrierte, als er seinen Autoschlüssel drehte und wieder nach Hause fuhr.
Was folgte, war eine schlaflose Nacht. Es war wie Wahrheit oder Lüge. Träumte er die Wahrheit, oder lebte er in einer Lüge? Erschuf er sich eine Welt in der er leben wollte? Hatte er sie erschaffen? Und eine Kopie getroffen? Diese Ungewissheit zerrte an seinen Nerven. Jonas wurde nervös und ungerecht. Er kämpfte gegen seine Gedanken und verlor. Sie schlich sich weiter in seine Träume und er bestrafte sie hart. Dann riss er sie an sich und  liebte sie wild und hemmungslos.
 
Irgendwann hatte Maria sich mit ihrem Leben auseinander gesetzt. Sie schrieb sich alles von ihrer  Seele. Grub ein kleines Loch im Wald und beerdigte ihren Schmerz. Nun war sie frei. Maria liebte ihre Freiheit, und genoss von nun an das Leben. In den Jahren hatte sich ihr Freundeskreis enorm erweitert. Ihre Kinder waren selbstständig und fast Erwachsen. Außerdem hatten sie ihre eigenen Freundschaften und suchten nicht mehr so oft  ihre Nähe. Sicher gab es auch Höhen und Tiefen in Marias Leben, doch die gehörten für sie dazu. Aber vorwiegend war sie glücklich. Unbeschwert und fröhlich. Anflüge aus der Vergangenheit ließ sie zu und entledigte sich ihrer, in dem sie ein gutes Buch las. Mit Freunden ausging oder sich sportlich betätigte.Und in den vielen einsamen Nächten, suchte ihr Traum sie auf um sie zu trösten. Er  hielt sie in seinen starken Armen und wiegte sie wie ein Kind. Hatte sie Probleme, gab er ihr einen Rat. Und er wurde zornig, wenn sie ihn nicht befolgt hatte. Dieser Unbekannte liebte sie leidenschaftlich. Er entfachte eine Glut in ihr, die sie alles vergessen ließ. Sie gab ihm alles wovon ein Mann träumte und er gab ihr alles zurück. Maria und Jonas sogen sich auf, wie Schwämme das Wasser .
Sie begegnete ihm ein zweites Mal. Bei ihrer ersten Begegnung war sie 22 Jahre und er schon wesentlich älter. Ein Aufzug, zwei Menschen. Einer stieg aus und einer stieg ein.
Nur der Schreck der durch ihre Glieder raste, bestätigte ihr, dass sie nicht geträumt hatte.
Die zweite Begegnung hatte Maria bei einer wildfremden, alten Frau. Bei dem durchstöbern der Zeitung stieß sie auf eine Anzeige. Alte Stehlampe günstig zu verkaufen. Und da sie eine alte Stehlampe schon lange suchte, nahm sie den Hörer in die Hand und hoffte, dass sie noch zu haben war. Tatsächlich  hatte sich noch niemand gemeldet und Maria machte sich auf den Weg.
Die alte Dame war sehr freundlich und bestimmt so alt wie die Lampe, die Maria für schlappe 15 Euro mit nach Hause nehmen sollte. Maria schob einen Sessel beiseite, um den Stecker der Lampe aus der Steckdose zu ziehen. Dabei fiel ihr Blick auf ein Bild. Fünf Männer standen auf einer Wiese nebeneinander und lächelten in die Kamera. Nur einer lächelte nicht. Ihr Traum.
Ungläubig musste sie immer wieder auf das Bild schielen. „Ich werde bekloppt,“ murmelte sie.
„Haben sie etwas gesagt?“,  fragte die alte Dame. Maria schüttelte den Kopf. „Nein“, log sie.
 „Ich habe nur den Stecker nicht aus der Dose bekommen. Das ist alles.“
Verwirrt und mit einer alten Stehlampe auf dem Rücksitz, fuhr sie wieder nach Hause.
 „Nur nicht dran denken“, beschwor sie sich. „Alles nur Zufall. Du  drehst langsam durch und bald bringen sie dich dahin, wo Pillen dein Grundnahrungsmittel sein werden. Und soweit soll es doch nicht kommen. Aber es funktionierte nicht. Die Gedanken blieben und nagten an ihr.
 
Ihr Traum in der kommenden Nacht, erschuf wieder einen anderen Blickwinkel. Die Situation veränderte sich und wurde noch komplizierter.
Maria stieg auf einen alten Dachboden. Sie schaute sich um und sah, dass überall Schaufensterpuppen standen, die atemberaubende alte Kleider trugen. Ihre Freundin Birte kam auf sie zu. Über ihrem rechten Arm,trug sie ein weißes Brautkleid.
 „Wenn du es anziehst, habe ich eine Überraschung für dich“, sagte sie geheimnisvoll.
 Maria stieg in das weiße Kleid und wartete. „Was für eine Überraschung hast du denn für mich?“, fragte sie Birte. „Ich bin schon ganz neugierig. Spann mich nicht so auf die Folter.“
Birte nahm ihre Hand. „Siehst du es denn nicht?“, fragte sie. „Schau ganz genau hin.“
„Guck einfach in den Raum. Dann siehst du es,“ beschwor sie Maria.
Maria entspannte ihre Augen und tat was Birte ihr gesagt hatte. „Mein Gott,“ flüsterte sie. „Ich kann durch die Zeit sehen.  Birte, ich sehe die Vergangenheit. Ich sehe was hinter dem Raum ist. Hinter der Luft hier. Oder was weiß ich.“
Birte lächelte. „Und was siehst du?“, fragte sie neugierig. „Erzähle es mir.“
Maria war fasziniert von dem was sie sah. „Ich sehe ein altes Haus“, flüsterte sie. „Es steht aber nicht in Deutschland. Nein, ich glaube in Amerika. Birte ich kenne dieses  Haus. Es ist sehr groß und hat eine Veranda. Ich weiß wie es drinnen aussieht, ohne das ich es betreten habe.“
„Geh hinein , Maria“, forderte Birte sie auf. „Es ist wichtig, das du es tust.“
Maria stieg die Stufen zur Veranda hinauf, und mit klopfenden Herzen streckte sie ihre Hand nach dem Türknauf aus. „Ich kann nicht“, sagte sie mit zittriger Stimme und zog ihre Hand zurück.
„Du musst“, antwortete Birte. „Du musst das tun.“
Noch einmal legte sie ihre Hand  auf den Knauf und drehte ihn. Mit einem quietschenden Geräusch schwang die Tür auf, und gab den Blick auf  einen nicht all zu kleinen Raum frei.
„Ich kenne es“, flüsterte Maria. „Hier habe ich gelebt. Das ist die Küche. Der lange Holztisch, die Bank . Und der alte große Küchenofen. Die Schränke und dieser Geruch.“
 Rechts von ihr  war eine Tür. Sie stand auf  und Maria sah einen Mann, der an einem großen schweren Schreibtisch saß. Er tauchte seine Feder immer wieder in das Tintenfässchen das vor ihm stand, und schrieb eifrig etwas in ein Buch. Dann klappte er es zu und schaute sie an. „Oh, mein Gott“, hauchte Maria. „Jetzt verstehe ich gar nichts mehr. Er ist es. Was hat das zu bedeuten? Und warum nimmt er mich nicht wahr?“ Sie sieht sich weiter um. Die große Treppe die nach oben führte war ihr vertraut. Dort oben gab es nur eine Tür und die führte zu seinem Zimmer. Langsam stieg sie die Stufen hoch und hielt den Atem an. Neben ihr gab es noch ein paar Holzstufen. Sie wusste , dass sie  zu ihrem Zimmer führen würden. Maria hörte Schritte hinter sich und blickte sich erschrocken um. Mit einer Öllampe in seiner Hand stieg er die  Stufen hinauf. Kurz vor ihr blieb er stehen und schaute hoch . Dann holte er tief Luft und öffnete seine Tür. Unbemerkt folgte Maria ihm. „Alles wie immer“, flüsterte sie leise. „Sein Bett, sein Schrank und sein ganz privater zweiter Schreibtisch.“  In diesem Moment drehte er sich um. Maria kam sich ertappt vor. Hatte er sie gehört? Er schaute sich um und  seine Augen wanderten durch das Zimmer. So, als suchte er sie.
Maria hielt den Atem an. „Er kann mich nicht sehen“, dachte sie unsicher.  Und ist erleichtert, als er seinen Kopf schüttelt und sich für die Nacht fertig macht.
„So ein Körper“, staunte sie, als er nackt vor ihr stand. „Atemberaubend schön. Ich weiß, ich sollte nicht hinsehen“, murmelte sie. „Aber ich muss.“
Wieder drehte er sich zu ihr. Und wieder traf sie sein erstaunter, fragender Blick.
Maria verließ sein Zimmer und stieg die nächsten Stufen hoch. Sie öffnete die schmale Tür und trat ein. In einem  Bett links von ihr, lag eine junge Frau, doch sie schlief nicht. Auf ihrem Nachttisch standen zwei Kerzen und spendeten ihr dürftiges Licht. In ihren Händen hielt sie ein Buch. Aber sie schien nicht zu lesen, denn ihr Blick und ihr Atem waren unruhig. Maria ging zu der Frau und sie erschrak nicht, als sei erkannte, dass sie es war die da  lag. Ihre Augen wanderten  weiter durch das kleine Zimmer. Ein schmaler Schrank und eine Kommode, über der ein alter Spiegel hing schmückten den Rest des Raumes. „Hier habe ich also einmal gelebt?“, stellte sie nochmals fest. „Oben, in einer kleinen Kammer, einsam und alleine? Und was ich damals trug, war auch nicht  so schlecht.“  Über einem schweren Sessel lag ein langes, grünes Kleid mit hellen Rüschen. „Schick und schön,“ murmelte sie angetan. „Wenn mir jetzt noch jemand erklären kann, was das alles zu bedeuten hat, geht es mir besser. Aber ihre innere Stimme sagte ihr, dass sie bald etwas Unbegreifliches, begreifen würde. In ihr tanzte plötzlich ein kleiner Teufel. Schnell verließ das Zimmer  und trat wieder bei ihm ein. In  dem schwachen Schein einer Kerze, lag er auf dem Rücken und blickte zur Decke. Es sah so aus, als würde er angestrengt über etwas  nachdenken.
„Was spürst du, wenn ich dich küsse?“, fragte sie ihn. Maria schlüpfte unter seine Decke und suchte seine Lippen. „Du spürst es, nicht wahr,“ freute sie sich, als sie in seine Augen blickte.
Er lächelte und eine Gänsehaut kroch über seinen Körper. Sie fühlte es als sie ihn streichelte.
Etwas wurde anders. Maria fühlte sich an ihn gekettet. So sehr sie sich  auch bemühte, sie kam einfach nicht los von ihm. Zusammen stürzten sie schließlich durch Zeit und Raum.
In dieser Schwerelosigkeit erkannte er sie und  umklammerte ihren Körper. „Was passiert hier mit uns?“, fragte er sie. „Mary“, antworte mir.
„Ich sterbe“, antwortete sie ihm tonlos. „Mehr nicht.“ Mit einem Mal wusste sie wer sie war. Sie erkannte ihn. Maria erinnerte sich an ihre gemeinsame Lebensgeschichte. Nun wusste sie wer der Mann war, den sie fast jeden Tag in dem kleinen Laden sah. Innerlich hatte sie es geahnt. Eine altbekannte Sehnsucht tobte stets in ihr wenn er sie ansah. Doch gleichzeitig erfasste sie ein gewaltiger Zorn. Jetzt wusste sie warum.
 
Jonas zog es immer wieder zu ihr. Fast täglich fuhr er zu dem  kleinen Laden und kaufte eine Kleinigkeit ein. Aus der Ferne beobachtete er sie. Ihr Blick war nicht mehr unwissend. Er war jetzt fragend und manchmal sogar wütend.  Jonas störte es nicht. Sollte sie nachdenken und grübeln. Er war sich nun ziemlich sicher, dass sie eine schwerwiegende Gemeinsamkeit  verband.
Er hatte einen Punkt erreicht, wo er alles hinter sich lassen würde. Nur um mit ihr leben zu dürfen.
Die zermürbenden Fragen.Was wäre wenn? Wenn sie anders wäre, wie er sie aus seinen Träumen kannte? Wenn sie einfach wäre und nicht fordernd? All diese Fragen interessierten ihn nicht mehr.
Er wusste , dass sie das war, was er brauchte. Jonas Ehe existierte nur noch auf einem Blatt Papier.  Sein Sohn und seine Tochter waren fast erwachsen und verständig. Sie liefen nicht mit verschossenen Augen durch die Welt. Er wusste das sie erkannt hatten, wie es um die Ehe ihrer Eltern stand. Und auch Mathilde schien mit dem Leben was sie führte einverstanden zu sein. Aber er nicht. Nicht, seit dem er sie erkannt hatte.
In dieser Nacht fiel er  mit ihr in die Unendlichkeit. Er hielt sie und sie erkannten sich. Aus Maria wurde Mary und aus Jonas wurde Jo. Jo und Mary Potter.
 
Jo Potter wurde 1845 in Ohio geboren. Mit 40 Jahren übernahm er die Farm seines verstorbenen Vaters, James Potter. Zu damaligen Zeit war es nicht unüblich, das Ehen geschlossen wurden die nur einem Zweck dienten. Den Fortbestand des Namens und der Farm zu erhalten. Obendrein heiratete man eine Frau die den Haushalt führte. Die Frauen waren abgesichert und stumpften mit  den Jahren ab. Die Liebe so dachten sie, käme von alleine. Aber meistens kam sie nicht.
 Jo gefiel so etwas ganz und gar nicht. Aber sie hatte es ihm schon immer angetan. Mary Bryans, die 26 Jahre alte Pflegetochter, von Benjamin  und Luisa Bryans. Stolz, schön und unnahbar. Aber er liebte sie. Von Benjamin selber hatte er erfahren, dass er einen Mann für Mary suchte. Diese aber, alle herangeschleppten Verehrer, eigenwillig abwies.
„Jetzt ist Schluss, Jo“, hatte er zu ihm gesagt. „Den Nächsten nimmt sie. Sonst ist was im Busch.“
Der Nächste sollte es nicht sein. Sondern er. Jo hielt sofort um Marys Hand an und bekam den Zuschlag, für Benjamins stures Fohlen.
Zu seiner eigenen Überraschung führte er sie tatsächlich zum Altar. Zwar  zog er sie mehr dorthin, aber immerhin wurde sie seine Frau. Jo stellte keine Bedingungen. Bestand nicht auf eine gemeinsame Hochzeitsnacht oder ein gemeinsames Schlafzimmer. Er gab ihr Zeit.
So wurde aus Mary Bryans, Mrs. Jo Potter, die es wirklich vorzog ihre Hochzeitsnacht alleine zu verbringen. Lieber lange schlief  und sich ihre Freizeit angenehm gestaltete. Zarte Hinweise auf Pflichten, ignorierte sie konsequent und lebte weiter so wie sie es mochte.
Es kam wie es kommen musste. Jo wurde jeden Tag zorniger auf seine Mary. Eines Morgens stieß er wütend ihre Zimmertür auf und holte sie mit Gewalt aus ihrem Bett. Schleifte sie die Treppen nach unten und zeigte Mary, was in Zukunft ihre Pflichten sein würden.
Schleppte ihre Kleidung in sein Zimmer und verschloss oben die Tür.  In jener Nacht zog er sie an sich und es erstaunte ihn, was für eine Leidenschaft sie plötzlich entwickelte. Sie wurde zu einem Feuer, was ihn drohte zu verbrennen.
Nach jenem Tag und jener Nacht wurde alles anders in ihrem gemeinsamen Leben. Mary entwickelte sich langsam zu einer guten Hausfrau und  nebenbei zu einer tabulosen , feurigen Geliebten. Ein perfektes Leben. Ein glückliches Leben. Bis zu dem Tag, an dem sie von ihm ging.
Das Fieber hatte sie ihm genommen und er schrie seinen Zorn in die Nacht. Jo schwor an ihrem Grab, das er sie wieder finden würde. „Ich hole dich zu mir zurück, Mary Potter“, flüsterte er unter Tränen an ihrem Grab. Er heiratete nie wieder. Diese Liebe konnte keine andere Frau ersetzen. Er wollte es auch gar nicht.
Eng umschlungen blickten sie zurück, auf  ein gemeinsam gelebtes Leben. Jonas erinnerte sich an seinen Schwur und Maria an ihre Liebe zu ihm. Dann sind sie noch einmal Mary und Jo.
„Ich sterbe, mehr nicht“, flüsterte sie tonlos. „Jo, du wirst mich finden“, tröstete sie ihn. „Ich werde dich finden. Aber jetzt musst du mich loslassen.“
Jo blickte noch einmal in ihre grünen Augen und drückte sie an sich. „Ich finde dich“,  flüsterte er. Dann ließ er sie los. Ein letztes Mal schrie er verzweifelt  ihren Namen in die Dunkelheit.
Mary Potters Seele reiste in die Zukunft und fiel in den Schoß einer Frau, die irgendwann bemerkte, dass das Kind was sie geboren hatte, zu niemanden gehörte.
Ihr Kind  sprach von Menschen, deren Namen sie nicht kannte und von Orten die ihr kein Begriff waren.  Sie hat keine blauen Augen mehr“,  murmelte sie einmal. „Warum sind sie plötzlich grün?“ Sie bekam Angst vor dieser kleinen Seele. Manchmal ließ sie ihrer Angst freie Hand. Sie schlug auf sie ein, wie auf einen Teufel. Einen Teufel, der ein liebevolles Herz in sich trug.
Mit einem heftigen Ruck erwachte Jonas. „Mein Gott“,  murmelte er benommen.
 „Mein Name ist Jo Potter und ich suche Mary. Ich habe es ihr versprochen. Sie hat es mir versprochen.“ Er dachte an ihre erste Begegnung. Das kleine Mädchen im Schwimmbad. Die Frau die sie plötzlich war. Aber warum gab es ihn noch einmal? Noch moderner und wissender?
Auf einmal wusste Jonas jedes Wort, was er damals gesprochen hatte. Und er wusste, dass das Gesprochene geschehen musste. Sonst würde es keine weiter Zukunft geben.
Maria erwachte weinend aus ihrem Traum. Sie hatte einen Einblick in ein vergangenes Leben bekommen und ihr Herz schnürte sich zusammen.  Jo“, weinte sie. „Du weißt wo du mich findest.“ Und auch ihr fällt das Erlebnis im Schwimmbad wieder ein. Sie hörte die Worte die sie vergessen hatte, und wusste dass es geschehen musste. Entspannt legte sie sich zurück in die Kissen und lauschte den Worten des Mannes.
„Du kannst nicht hier bleiben, Mary“, sagte er zu ihr. „Auch wenn ich es wollte. Werde Erwachsen Kleine und lasse dich finden. Mein Ich, was in diese Zeit hinein geboren wurde wird dich finden.“
Es ist ein Seelenzauber, der immer mit uns ziehen wird. Egal wo wir wieder geboren werden. Lasse dich finden, damit ich dich hier in der Zukunft finden kann. Du verstehst es jetzt noch nicht.“ 
Nein, damals verstand sie ihn noch nicht. Aber jetzt wusste sie, was er ihr sagen wollte.
Das war es also. Die Kette des Versprechens durfte nicht unterbrochen werden. Nur so würden sie sich immer wieder finden
 
Ein Parkplatz. Zwei Menschen. Er öffnet ihr die Tür und Sie steigt in seinen Wagen. Erleichtert  blickt er in ihre grünen Augen und lächelt sie an. Sie legt ihre Arme um seinen Hals und küsst seinen vertrauten Mund. Sie fangen nicht von vorne an. Gemeinsam werden sie da weiter machen,  wo es einmal endete. Doch sie wissen, dass es einen Tag in ihrem Leben geben wird, wo sie zornig der Liebe hinterher rufen werden. Sie würden wieder die  Suchende sein. Aber  ein Seelenzauber begleitete sie im Leben, wie auch im Tode. Sie blieben immer, Mary und Jo.

© Monika Litschko -

« Zurück   Weiter »
 
2 Wertung(en)    Schlecht »« Super  

Wenn Dir dieser Beitrag gefällt, kannst Du ihn hier weiter empfehlen... Beitrag empfehlen
 
Kommentar von: Gisela 2011-02-28 17:09
Es ist eine faszinierende, tantasievolle Geschichte, die Du da geschrieben hast! Ob es wirklich so erwas gibt? Ich weiß nicht, könnte aber sein. Allerdings, ich selbst habe nie ähnliches empfunden, wahrscheinlich gut so! Liebe Grüße Gisela
Melden
 
 
Kommentar von: Moni 2011-02-28 19:51
Ausschließen kann man das ja nie. Aber ich kann mir vorstellen dass es Menschen gibt, die so ein Erlebniss hatten. Meine Geschichten sind reine Fantasie. Gruß Moni
Melden
 

Wir haben 94 Gäste online
Zum Seitenende
Die jeweils 100 neuesten...
Noch unveröffentlicht
Alles lebt
Zu viel