Zwischen Traum und Wirklichkeit
Vampirgeschichte: Laura hat einen Unfall und begegnet dabei Alexis, der versucht, sie von der Organisation fernzuhalten.
Laura fuhr auf der Autobahn nach Hause. Es stürmte und die Straße glitzerten feucht. Der Regen prasselte hart gegen die Autoscheibe. Sie hatte einen anstrengenden Tag hinter sich und war froh, dass es nur wenige Kilometer waren. Sie würde abfahren, sich einen Weg durch die Innenstadt bahnen und in ihrer Garage parken. Sie sehnte sich nach ihrem warmen Bett. Laura war morgens, um halb sieben, fast allein unterwegs. Nur hier und da fuhren ein paar andere Autos an ihr vorbei. Ab und zu fielen ihr die Lider zu. Sie riss die Augen schnell wieder auf.
Pass auf, es sind nur noch ein paar Kilometer, ermahnte sie sich. Sie versucht sich, auf die gerade Strecke der Autobahn zu konzentrieren, jedoch verschwamm die Straße vor ihren Augen. Es fiel ihr schwer, die Kontrolle zu halten. Und dann passierte das Unglück. Ihr fielen die Lider erneut zu, bevor sie es richtig registrieren konnte. Als sie die Lider wider aufriss, starrte sie Panisch auf die Leitplanke, die ihr entgegen raste. Laura riss das Lenkrad herum, knallte seitlich dagegen und stürzte in Richtung Seitengraben. Der Wagen überschlug sich und rutschte auf dem Dach noch weiter, bis das Auto endlich zum stehen kam. Laura hatte die Augen fest zusammen gepresst und rechnete mit dem schlimmsten. Ihr Herz machte einen Sprung, als sie lachend feststellte, dass ihr nichts geschehen war. Sie ließ sich vorsichtig im Sitz zurück sinken. Laura konnte nicht glauben, dass sie ohne eine Schramme davon kam. Das sollte sich noch ändern, denn sie nahm einen fremden Geruch wahr. Die drehte sich herum und presste ihr Gesicht gegen die Scheibe.
Von draußen stiegen seichte Flammen auf. Laura riss die Augen panisch auf. Sie wusste, was als nächstes passieren würde. Das Auto könnte in die Luft fliegen und man fand nur noch ihre verkohlten Überreste. Ich muss hier raus, dachte Laura und ihre Finger zitterten, als sie versuchte, die Tür zu öffnen. Sie rührte sich nicht, egal wie sehr sie auch an dem Griff rüttelte. Sie schlug mit aller Kraft gegen die Scheibe um sie zum bersten zu bringen.
Sie schaffte es nicht einmal, den Gurt zu lösen. Laura spürte, dass es ihr Ende war. Tränen brannten in ihren Augen. Ich bin noch so jung, jagte es durch ihre Gedanken. Flehend starrte sie zur Straße. Kein einziges Auto fuhr an der Unfallstelle vorbei. Erschöpft ließ sie sich im Sitz zurück sinken und hatte sich mit ihrem Schicksal abgefunden. Als sie ihre Lider hob, war ihr Blick von Tränen getrübt und Laura wollte zum letzten Mal die Bäume sehen und den Wind auf ihrer Haut spüren. Vor ihren Augen verschwamm das Bild der Bäume, die in dieser Finsternis schwarz erschienen und Unheil ankündigten. Laura dachte, sie würde jemand zwischen den Schatten sehen, eine Bewegung. Das bildest du dir nur ein, sagte sie zu sich selbst. Laura war sich nicht sicher, ob es wirklich Einbildung war. Sie starrte wie gebannt auf die Stelle und wartete.
Sie war so abgelenkt, das sie den beißenden Qualm nicht bemerkte, der sich im Inneren des Wagens ausbreitete. Sie begann zu husten. Der Rauch brannte in ihren Augen. Laura ahnte, dass es bald vorbei sein würde. Aus den Augenwinkeln heraus nahm sie eine Bewegung wahr. Neben ihrem umgedrehten Wagen stand jemand und sie sah nur seine Beine.
Er kniete sich neben dem Wagen und starrte ins Wageninnere.
Er holte aus, zerschlug die Scheibe, als bestünde sie aus Styropor. Sie stieß einen halb erstickten Schrei aus und wusste nicht, wie ihr geschah, als der Gurt zerrissen und sie aus dem Auto gezerrt wurde. Wie aus weiter Ferne bekam sie mit, wie er sie auf die Arme lud und sie von dem Autowrack weg brachte. Es dauerte eine ganze Weile, bis sie registrierte, das sie gerettet war. Seidig glänzende, Rabenschwarze Haare vielen ihm ins Gesicht.
Als er Laura ins feuchte Gras legte, spürte sie eine feurige Hitze auf ihren Wangen, ausgelöst durch das nun vollständig brennende Auto. Sie hustete trocken und Laura hatte kaum die Kraft, den Kopf zu heben um zu dem Fremden zu blicken, der nun mit dem Rücken zu ihr Stand.
„Danke", war das einzige, was ihr über die Lippen kam. Der unbekannte Mann starrte weiterhin auf das brennende Auto und schien Laura nicht zu bemerken.
Sie schloss die Lider und atmete tief ein und aus. Sie genoss die frische Luft, die ihre Lunge durchströmte. Und dann drehte sich der Fremde zu ihr herum und Laura starrte ihn wie gebannt an. Seine Haare hingen ihm wirr ins Gesicht. Seine Wangenknochen hoch und seine Augen ... etwas lag in seinen Augen.
Ein Ausdruck, den Laura nicht deuten konnte. Sie waren so schwarz wie die Nacht. Undurchdringlich ruhten seine Blicke auf ihr. Laura wusste nicht, was sie sagen konnte. Er kam auf sie zu und kniete sich so dicht neben sie, dass Laura nur die Hand hätte ausstrecken müssen, um ihn zu berühren. Sie tat es nicht. Ihr Blick blieb an seinen rätselhaften, schwarzen Augen haften. Er sah sie besorgt an und berührte ihre Stirn. Laura fühlte sich wie ein Kind. Wie sollte sie reagieren?
Die Wolken lösten sich langsam auf und der volle, silberne Mond hüllte beide in einen glänzenden Schein. Und in diesem Moment merkte Laura, das mit ihm etwas nicht stimmte. So sehr sie auch darüber nachdachte, sie kam nicht drauf, was an ihm anders war. Der Unbekannte sagte nichts, er starrte sie weiterhin nur an. Ein Ausdruck von Ungeduld legte sich auf seine samtenen Züge. Er öffnete seine Lippen, als wollte er anfangen mit ihr zu sprechen. Etwas blitzte im Licht des Mondes auf, doch so schnell wie es gekommen war, verschwand es auch wieder.
Laura wusste nicht, warum, doch sie wurde zu ihm hingezogen, als wäre er ein Magnet. Seine Augen wirkten so voller Leid, dass es ihr fast das Herz zerbrach. Laura sah, wie er sich wieder zu ihr herunter beugte und ihr tief in die Augen blickte. Laura war wie hypnotisiert von seinem Blick. Sie nahm alles, wie durch einen Schleier wahr. Als sie ihre Lippen öffnete, um etwas zu sagen blieb sie stumm.
„Du hast mich nie gesehen und das alles ist wie ein Traum."
Laura wiederholte diese Worte, ohne dass sie wusste, warum. Die Stimme des Mannes entfernte sich und Laura trieb am Rande der Bewusstlosigkeit. Ihr Herz machte einen Sprung, als er aufstand und sich zum gehen umwandte.
„Dein ... Name ...", brachte sie gerade noch heraus. „Alexis, doch du wirst ihn vergessen."
Laura verstand diese Worte, als würde sie unter Wasser treiben. Dann verlor sie das Bewusstsein und wie von weit her hörte sie die Sirenen eines Krankenwagens.
Drei Jahre waren seit dem Unfall vergangen und Laura konnte sich kaum noch an die Ereignisse erinnern. Noch seltsamer, sie wusste nicht einmal, wie sie aus dem Wrack kam. Von ihrem Auto war kaum etwas übrig geblieben. Er war völlig ausgebrannt. Durch diese Nacht hatte Lauras Leben sich für immer verändert. Denn Wochen später wurde sie in eine Untergruppe der Polizei versetzt, dessen Aufgabe ihr nicht bekannt war. Die Organisation lag versteckt unter der Erde, und darüber lag ein altes, verlassenes Lagerhaus. Lauras Aufgabe bestand darin, nachts auf Streife mit ihrer Partnerin Natascha zu sein.
Es war vier Uhr morgens, ihre Schicht war bald zu Ende. Laura saß unruhig im Auto und starrte nervös aus dem Beifahrerfenster. Natascha sah ihre Freundin aus den Augenwinkeln besorgt an.
„Was hast du?", fragte sie.
Laura zuckte beiläufig mit den Schultern.
„Ich weiß es nicht. Es ist nur ...", sagte sie und schwieg für den Moment.
„Du weißt doch, ich hatte vor ein paar Jahren einen Unfall."
Natascha nickte, ohne Laura anzusehen. Sie lächelte leicht.
„Sag jetzt nicht, du hast plötzlich Angst, Auto zu fahren."
Laura schüttelte den Kopf.
„Das ist es nicht, ich werde nur das Gefühl nicht los, das damals etwas war. Irgendein Ereignis, an das ich mich erinnern sollte."
Natascha lachte leise.
„Das ist nicht witzig", zischte Laura und sah sie feindselig an.
„Ich mein es ernst. Es liegt mir auf der Zunge, ein Name ... ich träume in letzter Zeit oft von diesem Unfall." „Und was genau?", wollte Natascha wissen.
Laura ließ sich leicht erschöpft in den Sitz zurück sinken, als wäre bereits das Reden zu anstrengend.
„Ich bin in meinem Auto gefangen und komme nicht raus. Das Feuer breitet sich aus und im Inneren ist bereits der erste Rauch und ich bekomme kaum Luft. Dann sehe ich in den Schatten der Bäume jemanden stehen, der alles beobachtet. Er kommt näher, doch ich kann sein Gesicht nicht erkennen. Er zerschlägt das Glas, als wäre es aus Papier. Er zieht mich aus dem Wrack, und er sagt mir seinen Namen. Doch wenn ich aufwache, vergesse ich ihn sofort wieder. Irgendwie habe ich das Gefühl, das mich etwas mit diesem Mann verbindet."
Natascha schwieg, doch sie wusste, was es mit diesem Mann auf sich hatte und auch mit dem Unfall. Das Laura nur deswegen in der Organisation aufgenommen wurde. Sie konnte ihrer Freundin schlecht die Wahrheit sagen. Das muss sie selbst herausfinden, dachte Natascha und fuhr wortlos weiter durch die nächtliche Innenstadt. Es war ruhig und so vergingen die letzten zwei Stunden wie im Flug. Natascha hielt vor Lauras Adresse an.
„Mach dir keine Sorgen, das alles sind nur Träume. Du kannst vom Glück sagen, das du den Unfall überlebt hast und keine Folgen zurück geblieben sind."
Laura sah Natascha lächelnd an.
„Du hast recht. Das ist wahrscheinlich nur mein Unterbewusstsein das mir hilft, alles zu verarbeiten", antwortete Laura und stieg aus. Sie sah ihr nach, bis der Wagen um die nächste Ecke verschwunden war.
Laura seufzte resigniert. Sie hatte Natascha zwar erzählt, dass ihr Unterbewusstsein daran schuld war, über das, was sie träumte, doch glauben konnte sie es nicht. Laura wusste, was ihre Träume zu bedeuten hatten. Etwas war damals passiert, an das sie sich nicht erinnerte. Ihr Gedächtnis war getrübt von Bruchstücken, die sie nicht zusammen setzen konnte, wie bei einem Puzzel, wo Teile fehlten. Sie musste die Stücke nur zusammen setzen und dann ... was dann?
Würde sie sich an alles erinnern? Was, wenn sie sich nicht erinnern wollte, wenn damals etwas Schreckliches passiert war und ihr Geist beschlossen hat, es tief zu verbannen und nicht wieder an die Oberfläche zu lassen? Laura konnte sich auf nichts anderes konzentrieren, als auf ihren Traum. Es war kurz nach sechs, als Laura ihre Tür aufsperrte und sie hinter sich ins Schloss fallen ließ. Resigniert ließ sie sich auf dem Sofa nieder. Es war inzwischen zum Ritual geworden, bis halb acht fernsehen zu gucken oder Zeitung zu lesen, bis sie dann endlich ins Bett ging. Langen Schlaf fand sie nie. Jeden Tag träumte sie von dem Unfall und wachte auf, nachdem sie den Mann gesehen hatte.
Es war immer Vollmond gewesen und Laura sah jedes Mal etwas im silbernen Schein aufblitzen. Fast so, als wollte jemand ihr etwas zeigen. Laura konnte dieses Bild nicht deuten. Sie schaltete den Fernseher ein und folgte den Nachrichten. Ihre Gedanken schweiften wieder ab und Laura dachte an diesen Mann. Wenn ich doch nur seinen Namen wüsste, dachte sie. Laura machte es sich im Sessel bequem, rutschte noch ein Stück tiefer hinein und zog die Beine dicht an ihren Körper heran. Die Müdigkeit machte ihr zu schaffen. Sie fragte sich, wie lange es wohl her war, seit sie das letzte Mal ausgeschlafen hatte. Laura wollte es vermeiden, auf dem Sessel zu schlafen, doch als sie ihre Lider für einen Moment schloss, war sie bereits im Reich der Träume.
Es war mitten in der Nacht. Laura lag unter den Bäumen und der seichte Wind wehte ihr die langen goldblonden Haare ins Gesicht. Sie war verwirrt. Heute Nacht träumte sie nicht von dem Autowrack und dem Unfall. Laura blickte sich um.
Am Himmel waren keine Sterne zu sehen, nur der Mond schien hell und Rund auf sie herab. Der Wind wehte in den Baumkronen. Für sie klang es wie ein flüstern. Laura richtete sich auf und ging die ersten Schritte in ihrer Traumwelt. Stimmen durchbrachen die Stille. Die Worte waren so undeutlich, dass Laura sie nicht verstehen konnte. Sie wirbelte im Kreis herum, alles sah gleich aus. Alles, bis auf den Schatten eines Mannes, der wenige Meter vor ihr stand. Sie erkannte ihn. Es war der Mann, den sie in ihren Träumen von dem Unfall sah. Seine Augen waren so schwarz wie eine mondlose Nacht und seine schulterlangen Rabenschwarze Haare glitzerten, als wäre silbernes Mondlicht darin eingewebt. Laura wich einen Schritt zurück. Aus irgendeinem Grund hatte sie Angst vor ihm, obwohl er sie schon so oft aus dem brennenden Wrack gerettet hatte. Er hatte etwas an sich, was sie erstarren ließ.
Etwas unwirkliches, eine düstere Aura umgab ihn. Er öffnete den Mund, als wollte er etwas sagen und da war es wieder. Dieses unheilvolle Schimmern zwischen seinen Lippen. Laura wollte zurückweichen, doch etwas hielt sie fest. Der Mann kam näher, und dann war etwas in ihren Gedanken. Sie erinnerte sich endlich an seinen Namen ...
„Alexis, bleib wo du bist. Komm nicht näher."
„Wer will mich daran hindern? Etwa du?"
Ein Lachen, kalt wie Eis, drang aus seiner Kehle. Laura war wie gelähmt und dann stand er ihr so nah gegenüber, dass sie nur ihre Hand nach ihm hätte ausstrecken müssen, um ihn zu berühren. Es war das erste Mal, dass sie so intensiv von ihm träumte. Vorher hatte sie ihn immer nur schemenhaft gesehen.
„Ich dachte, du hättest mich vergessen. Dafür hätte ich sorgen müssen, doch am Ende kam es anders."
Laura wusste nicht, was er meinte. Verwirrt sah sie ihm in die schwarzen Augen. Etwas lag darin, was sie nicht deuten konnte. Ihr Geist verweigerte es ihr. Laura war ihm ausgeliefert, wie ein Reh einem Wolf, dass in die Enge getrieben war. Alles um Laura herum begann zu verschwimmen. Nichts existierte mehr, nur noch Alexis und sie. Die Stimmen der Nacht waren verstummt und auch der Wind regte sich nicht mehr, als wäre die Zeit eingefroren. Eine unangenehme Kälte breitete sich in ihrem Herzen aus. Ihr wurde heiß und die Hitze durchströmte jede Pore ihres Körpers. Etwas lag an ihm, was sie magisch anzog. Ihre Nackenhaare stellten sich auf und ein unheimliches Leuchten lag in seinem Blick. Eine Gier, die sie noch nie bei einem Menschen gesehen hatte.
Es sollte noch schlimmer kommen, ohne dass Laura es wusste. Alexis musterte sie wie ein Wolf ein Schaf. Ein Hunger verdrängte die Gier. Es ist nur ein Traum, dachte sie und in dem Moment lachte Alexis.
„Hast du Angst vor mir?"
Laura sah ihn verwirrt an.
„Nein, hab ich nicht", log sie, doch sie merkte an seinem Ausdruck, dass er die Wahrheit wusste.
Laura hatte Todesangst vor ihm. Sie konnte es ihm gegenüber nicht zugeben. Er kam auf sie zu.
„Du erinnerst dich wieder", sagte er.
„Woran soll ich mich erinnern?"
Er zuckte mit den Schultern.
„Du weißt schon, der Unfall, den du vor drei Jahren hattest."
Sie lächelte nüchtern.
„Also hab ich mich doch nicht getäuscht. Du hast mich gerettet."
Alexis nickte viel sagend.
„Ich weiß nicht, ob das richtig oder falsch war."
Laura verstand die Welt nicht mehr.
„Was sollte daran falsch sein, einem anderen Menschen das Leben zu retten?"
Alexis brach in schallendes Gelächter aus. Und in binnen von wenigen Sekunden bohren sich scharfe Reißzähne aus seinem Oberkiefer.
„Weil du auch meine Beute sein könntest", stieß er hervor.
Er packte Laura an den Handgelenken und zog sie dicht zu sich heran. Ihr Herz schlug ihr bis zum Hals und das Blut schoss ihr ins Gesicht, als sie ihm so nah gegenüberstand. Alexis spürte ihre Angst, er roch es über jede Pore und er genoss es, die nackte Panik in ihren Augen zu sehen. Er beugte sich zu ihr herunter und fuhr mit seiner Zunge die Stelle an ihrem Hals entlang, unter der die Halsschlagader verbogen lag. Ein Prickeln durchfuhr Lauras Körper. Es brachte ihr Blut in Wallung.
Es rauschte nur so durch ihre Adern. Dann warf Alexis sie wie eine Puppe einfach von sich. Dabei sah er sie feindselig an. Laura begriff nicht, was in diesem Moment los war. So kannte sie Alexis nicht, dass er sie grob behandelte. Sie wusste nicht, wie er wirklich war. Dann grinste er. Er ging auf sie zu und reichte ihr die Hand. Laura verstand die Welt nicht mehr. Warum ist er jetzt wieder freundlich? - fragte sie sich.
Laura nahm seine Hand entgegen und er half ihr auf die Beine. Als sie seine Hand in ihrer fühlte, war es, als würde ein elektrischer Schlag durch ihre Finger gehen. Laura begriff nicht, was zwischen ihnen geschah. Es war, als gäbe es plötzlich eine unsichtbare Kraft zwischen ihnen, die sie zueinander hinzogen. Nur wiederwillig ließ sie seine Hand los.
„Danke", war das einzige, was sie sagen konnte.
Zu verwirrt war sie von diesem Traum. Das Lächeln auf seinen Lippen erstarb und Alexis wurde wieder ernst. Durchdringend blickte er ihr in die Augen. Er beugte sich so dicht zu ihr herab, das seine Lippen nur wenige Zentimeter von ihr entfernt waren. Laura schloss die Lider. Reiß dich zusammen, schalt sie sich. Sie musste all ihre Kraft konzentrieren, um Alexis wieder in die Augen zu sehen. Er lächelte, doch seine Augen blieben unberührt. Laura hatte keine gute Menschenkenntnis und so wusste sie nicht, was er im Schilde führte. Genauso wenig ahnte sie, was Alexis wirklich war. Er lachte leise und strich ihr über die Wange.
„Es ist nicht gut, wenn du mich findest. Diese Arbeit in der Organisation kann für dich gefährlich werden", sagte er.
Seine Stimme war nicht mehr als wie ein Flüstern.
Irritiert starrte sie ihm in die nachtschwarzen Augen. „Warum soll diese Arbeit gefährlich werden? Ich fahre mit meiner Partnerin durch die Stadt und wir passen auf, das auf den Straßen nichts passiert. Wir sind gut ausgebildet und da kann nichts geschehen."
Er packte sie unsanft an den Handgelenken.
„Du verstehst nicht, was es mit dieser Organisation auf sich hat. Hat dir denn nie jemand gesagt, was in der Dunkelheit auf dich lauern kann?"
Wie in Trance schüttelte sie den Kopf. Langsam machte Alexis ihr Angst. Sie wusste, dass es nur ein Traum war, doch ihr Geist arbeitete so, als wäre das alles Real.
„Es gibt Dinge auf dieser Welt, von denen du nichts verstehst, Menschen die wie Menschen aussehen, doch keine sind. Und dazu gehöre ich."
„Ich versteh das nicht. Menschen, die keine sind?" Alexis drehte ihr den Rücken zu.
„Du solltest es eigentlich verstehen. Wunderst du dich nicht, warum du nur nachts unterwegs bist, und nicht am Tag, wie die anderen Polizisten? Wunderst du dich nicht, dass du nur durch die Gegend fährst, immer auf der Hut, ob es irgendwas Fremdes gibt?"
Laura schüttelte den Kopf. Alexis lachte laut und es hallte von allen Ecken wieder. Dann erstarb es auf einmal.
„Lauf", flüsterte er.
Laura blieb wie angewurzelt stehen. Verwirrt starrte sie ihn an. Nach einer schier unendlich langen Zeit drehte er sich ganz langsam zu ihr herum. Seine Augen waren zu dünnen schlitzen verengt und glühten vor Zorn. Er hatte seine Lippen geöffnet und scharfe Fangzähne waren deutlich zu sehen, die im Licht des Vollmondes aufblitzten.
Ein knurren drang aus seiner Kehle, wild und nicht menschlich. Aus ihren Traum wurde ein Alptraum. „Lauf um dein Leben", fauchte er.
Das musste er ihr nicht zwei Mal sagen. Laura wirbelte auf dem Absatz herum und rannte in die Finsternis und versuchte, mit den Schatten der Bäume zu verschmelzen. In ihrem Geiste fügten sich die Teile zusammen. Alexis hatte ihr das Leben gerettet, er besaß unmenschliche Kräfte und die langen Fänge. Es bestand kein Zweifel mehr, Alexis war eindeutig ein Vampir. Laura nahm all ihren Mut zusammen und rannte weiter. Die Bäume vor ihr wirkten wie bedrohliche Schatten und versperrten ihr den Weg. Sie musste im Zickzack laufen, um nicht mit den Bäumen in Berührung zu kommen. Sie spürte, dass Alexis hinter ihr her war, doch sie hoffte, dass er sie nicht finden würde.
Laura wusste keine Zuflucht. Überall nur Finsternis und die bedrohlichen Bäume. Das Mondlicht reichte nicht aus, um ihr den Weg zu weisen. Es herrschte ein unangenehmes Zwielicht. Sie wünschte sich, aus diesem Alptraum zu erwachen, doch ihre Bitte wurde nicht erhört. Ihre Gedanken überschlugen sich. Laura versuchte sich zu erinnern, was sie über Vampire wusste. Sie hatten einen feinen Geruchssinn und konnten sich schnell bewegen. Das war auch schon alles. Laura rannte und wich herunterhängenden Ästen aus. Ihr Wille war gebrochen, doch ihr Kampfgeist nicht. Er wird mich nicht kriegen, dachte sie und eilte weiter. Doch ihre Energie ließ langsam nach, sie wurde langsamer. Dann blieb Laura endgültig stehen. Sie wagte es kaum zu atmen und sie achtete auf jedes kleinste Geräusch.
Es war totenstill wie auf einem Friedhof. Laura wusste, dass er in ihrer Nähe war. Sie konnte ihn fühlen, Alexis war dicht hinter ihr. Sie versuchte einen Plan in ihrem Kopf zu entwickeln, wie sie ihm entkommen konnte, doch sie ahnte, dass es hoffnungslos war. Sie würde etwas Zeit heraus zögern können, mehr auch nicht. Sie ließ sich erschöpft gegen einen Baum sinken. Ihr Atem kam stoßweise über ihre Lippen. Sie blickte sich hastig um und zuckte zusammen, als irgendwo in ihrer Nähe ein Ast zerbrach. Sie sah in die Richtung und war erleichtert, dass es nur ein Vogel war, der sich gerade in die Luft erhob. Ihr Blick blieb an einer kleinen Höhle hängen, der in einem Baumstamm lag. Laura blickte sich noch einmal um und als sie sich sicher war, das Alexis noch nicht hier war, schlich sie zur Höhle, immer darauf bedacht, kein unnötiges Geräusch zu machen, um seine Aufmerksamkeit nicht auf sich zu lenken.
Sie ging in die Hocke und kletterte hinein. Vor dem hohlen Baumstamm lagen jede Menge Blätter, abgebrochene Zweige und toter Farn. Sie häufte alles zu einem Stapel vor dem Eingang und wagte es kaum zu atmen. Der Haufen hielt und von außen, so hoffte sie, würde die kleine Höhle nicht sichtbar sein. Sie ließ nur einen kleinen Spalt um die nähere Umgebung sehen zu können. Die Zeit schien für einen Moment stillzustehen und sie atmete heftig. Ihr Puls raste und ihr Herz schlug ihr hart gegen die Rippen. Sie kroch ein Stück weiter in die Höhle hinein und stieß gegen die Wand. Sie lag zusammen gekauert darin, die Beine eng an ihren Körper gezogen. Die Hände ruhten zusammen gefaltet auf ihrem Schoss. Sie schloss die Lider und sendete ein Stoßgebet zum Himmel und hoffte, dass Alexis sie nicht sehen würde. Sie wusste nicht, wie lange sie da saß, in dieser unbequemen Haltung. Langsam machte sich Hoffnung in ihr breit, dass Alexis sie doch nicht verfolgt hatte und ihr nur einen Schrecken einjagen wollte. Sie war kurz davor, ihre Deckung zu verlassen. Doch dann hörte sie das Echo, von schweren Schritten. Ihr Herz schlug immer schneller und lauter, sie hatte Angst, das er sie hören würde.
Laura späte durch den kleinen Spalt und sah nichts, außer die Bäume, die sich sanft im Wind wogen. Panik machte sich in ihrem Körper breit und eine eisige Kälte, stieg von ihrem inneren nach außen. Sie begann am ganzen Körper zu zittern. Die Schritte kamen näher, kleine Zweige zerbrachen, wie Schüsse hallten sie wieder. Sie schlang ihre Arme um ihren Körper und versuchte das Zittern zu unterdrücken. Sie sah Beine vor sich.
Laura riss die Augen auf und hörte auf zu Atmen. Sie versuchte ihren Körper zu beruhigen, das zittern zu unterdrücken. Sie wollte ihn um nichts auf der Welt auf sich aufmerksam machen. Sie schloss die Augen und betete, dass er sich nicht entdecken würde. Und ihr Wunsch schien sich zu erfüllen, denn er verschwand. Die Schritte entfernten sich schnell, bis sie ganz verstummten. Schwer atmend blieb sie noch sitzen und lauschte, doch es war absolut ruhig. Nicht einmal der Wind rüttelte an den Ästen. Sie zerstörte den schützenden Hügel und kletterte aus der Höhle. Sie sah sich um und war froh, in Sicherheit zu sein.
Sie seufzte erleichtert und wandte sich um. Doch vor ihr stand Alexis. Er grinste und seine Fänge blitzen im schwachen Licht auf. Sie wirbelte herum und wollte rennen, doch blitzschnell packte er sie am Handgelenk. Er zerrte sie zu Boden. Laura wehrte sich und versuchte, ihn von sich zu stoßen, doch mit Leichtigkeit hielt er ihre Hände fest umklammert, wie eiserne Ketten, die sich um ihre Glieder legten. Er saß auf ihrer Hüfte und starrte eisig auf sie herab. Er beugte sich zu ihr herunter. Das glühen in seinen Augen verschwand und seine Zähne schoben sich in den Oberkiefer zurück. Er brach in schallendes Gelächter aus und stand auf.
„Ich habe dich gewarnt", sagte er und wurde sofort wieder ernst.
„Was sollte das? Wolltest du mich zu Tode erschrecken?", fragte sie und fuhr sich über die nasse Stirn.
Alexis schüttelte den Kopf.
„Ich wollte dir zeigen, dass wir Vampire gefährlich sind. Und nach denen sucht ihr. Das kann ich nicht gutheißen."
„Mir hat nie jemand gesagt, das es Vampire gibt", stieß Laura hervor.
„Das dachte ich mir."
Er kam näher.
„Bitte pass auf. Ich will nicht, dass dir etwas passiert. Ich kann dich nicht immer beschützen. Es wäre mir lieber, wenn du bei dieser Organisation aufhörst."
Laura schüttelte wie wild den Kopf.
„Das kann ich nicht. Es ist nun mal meine Arbeit und die will ich weiter führen."
Er seufze enttäuscht.
„Wenn es das ist, was du willst, bitte. Doch ich werde einen Weg finden, um dich davon abzuhalten. Glaube mir, ich werde eine Möglichkeit finden."
Laura sah in seine dunklen Augen und spürte eine Vertrautheit, die sie noch nie zuvor gefühlt hatte. Und in seinem Blick lag sowas wie Traurigkeit, als hätte er etwas gefunden und dann wieder verloren. Sein Blick lag eindringlich auf ihr und sie fühlte sich unbehaglich. Dies ist nur ein Traum, sagte sie zu sich. Laura beschloss Alexis zu finden. Sie wollte wissen, wie er im Realen war. Und dann wurde Alexis durchsichtig.
Sie griff nach ihm, als könne sie ihn halten, doch ihre Hand ging durch ihn hindurch. Tränen brannten in ihren Augen. Laura konnte ihn nicht aufhalten. Sie wusste, dass sie erwachte. Das hatte sie sich gewünscht, aber nicht jetzt, sie musste noch bei ihm bleiben. Doch es gab kein Halten mehr. Alles verschwamm vor ihren Augen und Alexis verschwand.