Die weiße Frau
„Es geschah in einer stürmischen Nacht…“ ich mache eine theatralisch lange Pause. „Was? geschah da? Und wo überhaupt? Nun erzähl schon!“ –„Ja, bitte! Komm schon, Hazel. Erzähl weiter!“ Wie immer sind Conner und Lukas sehr ungeduldig und wollen alles sofort und auf der stelle erfahren. Ich quäle sie noch ein, zwei Minuten weiter um die gruselige Spannung zu erhalten. „Nun gut, ich sag es euch. Vor circa 50 Jahren, oh nein, genau heute vor 50 Jahren begann eine junge, wunderhübsche Frau, auf dieser Brücke hier, Selbstmord. Sie hatte zuvor ihre beiden Kinder, ich glaub sie waren 9 und 10 Jahre alt, in ihrem Haus, auf der gegenüberliegenden Seite …“ –„Nicht dieses Haus da, “ Conner zeigt erschrocken auf das Baufällige Haus neben uns, „jedes Haus, nur nicht dieses dort!“ „Doch, tut mir leid mein kleiner“ sage ich zu ihm. In diesem Moment hält mir jemand die Augen zu. „Was zum …“ ich dreh mich um und Dean, mein Freund, grinst mich frech an.
„Hey Süße, ich bin doch hier für die Schauermärchen verantwortlich, “ sagt er. Ich nicke, um die Aufmerksamkeit meiner Coursens auf Dean zu richten. Lukas schaut von Conner nach Dean und wieder zurück nach Conner. „Meinst du, der da kann uns die Geschichte besser erzählen als Hazel?“ flüstert er Conner zu. „Bestimmt! Er und Hazel haben sich das alles doch nur ausgedacht, oder? Ich hab gehört wie die zwei vorhin telefoniert haben und von irgendeiner Gruselgeschichte geredet haben, “ entgegnet er. Die zwei Kinder schauen uns mit großen, runden Augen an und verlangen dass Dean die Geschichte von vorn erzählt.
Dean fordert die Jungen auf, sich neben ihn ans Lagerfeuer vor der Brücke zu setzen. „Okay, hört mir gut zu. Welcher Tag ist heute?“ –„Heute ist Samstag der 21. Juli ´84“ wispert Conner. „Heute, vor genau 50 Jahren…“ –„Also am 21.7.34 “. „Ja genau Lukas, also, vor 50 Jahren geschah hier ein großes Unglück. Eine junge, hübsche Frau sprang von dieser Brücke“ er deutet auf die brücke über uns, „in die tiefe dieses Sees. Sie ertrank zuvor ihre beiden Söhne, sie waren 9 und 10 Jahre alt, in ihrer Badewanne in dem gegenüberliegenden Haus. Ihr Mann fand die Kinder trocken, angezogen und friedlich aussehend in ihrem Kinderzimmer. Vor der Tür lag ein Brief mit der Aufschrift „Dear Raphael“ und der Grund, warum sie nicht zuhause sei. Noch am selben Tag machte Raphael eine Grausige Entdeckung. Er sah seine Frau, wie sie in ein Auto stieg und hörte sie sagen „Bring mich nach hause! Sofort!“, als er dem Wagen folgte und sich an das Brückengitter lehnte, um den Wagen besser im blick zu haben, erschauderte er. Vor ihm, auf dem See, trieb seine Frau in weißen Kleidern. Nun war auch das Auto an ihrem Haus angekommen und er hörte seine Frau schreien „Ich kann nie wieder nach Hause, nie wieder! Und Du wirst es auch nicht!“. Während sie diesen letzten Satz sagte, schrie der Autofahrer vor schmerz auf. Raphael rief die Polizei zum Wagen, doch der Mann, der den Wagen fuhr, war spurlos verschwunden. Er ist nie wieder aufgetaucht. Und so wie es dem Autofahrer erging, erging es auch weiteren Autofahrern die eine junge, hübsche, ganz in weiß gekleidete Frau in ihrem Wagen mitnahmen.“
„Haha, und das soll gruselig sein?“ lachte Conner. Und auch Lukas meinte „Ach ne, so schlimm war die Geschichte nicht!“. In diesem Moment hören wir eine Auto auf der Brücke. Wir schauen alle vier nach oben und sehen eine weißgekleidete Frau, die zum Autofahrer sagt „Bring mich nach hause! Sofort!“. Lukas und Conner gefriert das Blut in den Adern, ich schau Dean nur an und meine er solle bitte seinen wagen holen, wir machen den Spuck ein Ende.
„Jungs, ihr geht jetzt in euer Zelt…“ –ein furchteinflößender Männerschrei- „und ihr müsst mir versprechen es nicht vor Sonnenaufgang zu verlassen.“ Dean schaut mich an und ich nicke ihm zustimment zu und sage noch zu den Jungs, wenn das hier alles gut geht, werden wir morgen das machen, was ihr euch wünscht. Lukas und Conner schlucken und bejahen Deans und meine Anforderung und verschwinden im Zelt.
„Süße, das wird scheiß gefährlich für dich.“ – „Ach ne, wir haben schon schlimmeres durchgestanden. Erinner dich nur mal an den Hackenmann oder den Wendego. Also, hast du schon einen Plan?“ -„Ja, ich werde gleich auf die Brücke fahren und die weiße Schlampe mitnehmen.“ –„Toller Plan Dean. Und als Dankeschön fürs mitnehmen wirst du ins Jenseits befördert. Nein danke. Ich hab da ne bessere Idee.“ –„Und welche?“-„Die „weiße Schlampe“ so wie du sie nennst, hat es doch nur auf Männer abgesehen, oder?“ –„Stimmt, aber…“ –„Und deshalb verkleide ich mich als Mann und nehm sie in deinem Wagen mit.“ –„Und dann? Die bringt dich doch um!“ –„Nicht, wenn ich sie vorher nach Hause bringe.“ –„Und wie willst du das machen?“ –„Ganz einfach mein Schatz. Ich werde einfach in ihr Haus fahren, verstehst du?“ –„Ahh… du meinst so wie damals bei dem Geisterfahrer? Wo wir dann im selben tempo wie er ineinander hinein gefahren sind?“ –„Ja, also, was sagst du?“ Dean sieht mich vorsichtig an und gibt mir sein Einverständnis.
Nun sitz ich, getarnt als Mann, in Deans Auto und roll langsam auf die Brücke zu. Auf einmal sehe ich sie. Ich mache nichts, das Auto bewegt sich selbst und fährt zu ihr. Sie steigt ein und sagt ihren Satz. Sie starrt mich an und plötzlich werde ich aus dem Auto geschleudert. Benommen wache da auf, wo mein Freund sich versteckt hat.
Nein! Die weiße Schlampe hat meinen Freund! Panisch renn ich zum Brückengitter um besser auf das Haus zu sehen. Ich höre Dean schreien und kurz darauf einen furchtbaren knall. Er ist ins Haus gefahren. Ich schließe meine Augen und wünsche mir so schnell wie möglich bei ihm zu sein.
Plötzlich merke ich einen Windhauch und im nächsten Moment stehe ich neben Deans Wagen im baufälligen Haus der weißen Schlampe. Vor uns, auf der Treppe stehen zwei Jungen, circa 9 und 10 Jahre alt. Ich höre Dean stöhnen und sehe wie er aus dem Auto steigt.
„Mama!!! Du bist zu uns zurück gekommen!“ rufen die Kinder. Sie stehen direkt vor ihrer Mutter und umarmen sie. Die weiße Frau schreit, angsteinflößend, beunruhigend. „NEIN!“ Das ist das letzte was Dean und ich von diesem Familientreffen hören. Die Kinder und die Frau, sie schmelzen. „Komm Hazel, verlassen wir diese Ruine.“ –„Ja, lass uns zurück zu den kleinen Monstern im Zelt.“ Dean nimmt meine Hand und wir verlassen das Haus.
Zurück am Zelt fehlt von meinen Coursens jede Spur. Ich bekomm schon fast einen Nervenzusammenbruch als Dean mich in den Arm nimmt und mir sagt, dass sein Bruder die zwei mitgenommen hat, um sie nicht in Gefahr zu bringen. „Und ich dachte schon…“ –„Ich weiß. Lass uns nach Hause fahren.“ Wir steigen in den Wagen und fahren los. Ich bin total müde und mir fallen die Augen zu. Das letzte was ich in dieser Nacht höre ist Deans Stimme. Er flüstert: „Hazel, ich liebe dich.“