Natas - Die Vorbereitung
Kroto nahm die Feder auf, die der Bote ihm draußen vor der Tür hatte liegen lassen:
Sie war schwarz, doch zu groß für eine Raben oder Krähenfeder. Bei ihr hatte ein Schreiben gelegen. Auf ihm stand in schwungvollen Buchstaben:
Master Kroto,
auf ihren Wunsch hin bringt mein Bote ihnen
diese Feder. Sie ist wie folgt anzuwenden:
Bitte schreiben sie in der siebten Neumondnacht
dieses Jahres mit dieser Feder den vereinbarten Pakt
auf ein Pergament von feinster Kuhhaut.
Verbrennen sie es in der nächstfolgenden Vollmondnacht
in ihrem eigenen Kamin. Damit ist es besiegelt
und sie bekommen was sie wollen, ich meinen Preis.
Herzlichsten Gruß,
Natas
PS : Sie benötigen keine Tinte
Soll ich es wirklich tun? , fragte sich Kroto. Heute war Neumond. Der richtige Neumond. Er musste sie bekommen. Um jeden Preis. Also würde er jetzt auch den Pakt schreiben, den er mit dem Herren Natas besprochen hatte.
Herr Natas, ein sehr freundlicher, Mann in den mittleren Jahren, hatte eines Tages an Krotos Haustür geklingelt, mit einer schicken Melone auf dem Kopf und in einem schwarzen Anzug.
"Guten Tag, Master Kroto.", sprach er, als dieser die Türe öffnete.
"Guten Tag, mein Herr. Wollt ihr eintreten?", sprach Kroto. Er hatte es zwar etwas seltsam gefunden, dass der Mann einfach so hereinschneite, aber nicht weiter darüber nachgedacht.
"Sehr gerne. Aber, verzeiht mir, ich habe mich noch gar nicht vorgestellt.
Mein Name ist Natas. Natas S.", sagte der Mann und trat ein.
"Kommen sie, kommen sie, mein Herr, wir setzten uns in die Stube, dann können wir uns über ihr Anliegen unterhalten."
Kroto führte den Mann in das große Zimmer, in dem die Familie früher zusammen gesessen hatte, früher, bevor seine Frau und seine Kinder an der Pest gestorben waren. Mit dem Rest der Familie war er seit langem schon zerstritten, also lebte er ganz allein in dem großen Haus.
Herr Natas S. setzte sich auf das feingliedrige Sofa und Kroto ließ sich auf dem schweren Ohrensessel nieder.
"Nun", sprach Natas S. nach einer langen Stille, während deren er unentwegt ins Feuer des Kamins gestarrt hatte. " Nun, ich bin hier, weil ich weis, dass ihr euch schon seit langem etwas wünscht. Vielleicht nicht bewusst, aber ihr wünscht es euch."
"Und was sollte das sein?"
"Eure Familie, jedenfalls der Teil, mit dem ihr noch nicht zerstritten seid, ist tot. Eure Frau, Minnie, war ihr Name, nicht wahr? Und eure Kinder, Wilhelm, Heinrich, und Elisabeth. Wünscht ihr euch nicht, das sie zurück kehrten, aus dem Reich der toten?"
"Und wenn ich es mir wünschen würde. Wie wolltet gerade ihr sie zurück holen?", Kroto war eigentlich immer höflich und wurde selten wütend, aber dieser Mensch brachte ihn wirklich auf die Palme!
"Ich... bin dazu da, unmöglich erfüllbare Wünsche zu erfüllen.", sagte Natas mit einem spitzen Lächeln.
Kroto blickte ihn ungläubig an.
„Oh doch! Ich kann ihre Familie zurückholen. Freilich erwarte ich einen Preis. Hier ist alles niedergeschrieben. Bitte sehr.“, er überreichte Kroto ein zusammen gefaltetes Stück Pergament. Auf diesem stand geschrieben:
Ich kann ihnen ihre Familie zurückgeben .Wir werden einen Pakt
schreiben. Demnach werden sie an jedem siebten im Monat ein
Blutopfer von ihrem eigenen Blut geben. Anweisungen für den
Pakt werden sie später noch erhalten.
„Möchten sie diesen Pakt mit mir eingehen?“, fragte Natas S. .
„Ich möchte den Pakt mit ihnen eingehen.“, erwiderte Kroto ohne von dem Pergament aufzublicken.
Da ertönte ein Gong-Schlag. Laut und Hallend dröhnte er durch das Haus. Kroto fuhr auf.
Dort, auf dem Sofa, auf dem Herr Natas gesessen hatte, war nur noch ein dunkler Fleck zusehen, aber der Herr selbst war verschwunden. Doch noch ehe Kroto sich wundern konnte, ertönte ein lautes „PUFF“! Er sah hinab zu seinen Händen:
Er hatte statt einem normalen Pergament, ein schwarzes Blatt in der Hand. Auf ihm stand in weißer Schrift geschrieben:
Tu debet sanguino ab meus cruor.
Tu debet mihi familia dare
Ego debet sanguino ab meus cruor.
“Das muss der Pakt sein “, hatte Kroto gemurmelt und war noch lange am Feuer sitzen geblieben, hatte sich überlegt, ob Natas wirklich seine Familie zurückholen konnte. Ob er, Kroto, wirklich das richtige tat. Es gab schließlich genug Geschichten darüber, dass Menschen, die zurückkehrten meistens still, abwesend und traurig waren…
Sollte er es wirklich wagen? JA! Er würde es wagen. Er würde seine Familie zurückbekommen, würde das vorzügliche Essen seiner Frau genießen, mit seinen Kindern auf einer Wiese spielen, ihnen abends noch eine Geschichte vorlesen…
JA so würde es werden, dachte Kroto.
Er nahm die Feder und setzte sie auf das Pergament, das ihn viel Geld gekostet hatte, aber das war nicht von Belang: Er würde seinen Familie zurückbekommen!
Tu debet hatte er erst geschrieben, mit roter Tinte, wie es schien, als er einen schmerzhaften Stich an seinem Herz spürte. Er riss sein Hemd auf: Dort, direkt über seinem Herzen sah man einen roten Punkt. Winzig nur. Aber er war da. Mit wachsenden Entsetzten betrachtete er die rote Schrift auf dem Pergament. Sie war leuchtend rot. So rot wie…Blut!
Kroto schrie entsetzt auf und wollte die Feder aus der Hand schmeißen. Aber… sie klebte an seiner Hand und er wurde, so sehr er auch die Hand schüttelte, sie nicht los. Sich seinem Schicksal ergebend setzte er wieder die Feder auf und schrieb die Worte weiter.
Tu debet sanguino ab meus cruor.
Tu debet mihi familia dare.
Ego debet sanguino ab meus cruor.
Jetzt endlich konnte er die Feder aus der Hand legen. Der stechende Schmerz in seiner Brust war ins unerträgliche gewachsen. Das Blut rann in feinen roten Rinnsalen über seine Brust, tropfte auf den Boden, hinter ließ blutige Spuren, färbte sein Hemd rot.
Und Kroto saß einfach nur da und versuchte sich zu erholen. Lange saß er vor seinem Schreibtisch in seinem kleinen Arbeitszimmer. Er wusste nicht, wie lange, aber er wusste, das er lange das saß.
Herr Natas S. saß in einer großen Höhle in einem gemütlichen Ohrensessel und rauchte ein Pfeifchen.
„Nun, Gerewaldt“, sagte er und stieß den seltsam riechenden Rauch aus. „Diesmal ist es nicht besonders schwierig. Wir können es relativ leicht erreichen.“
Gerewaldt, sein kleiner buckliger Diener, der immer mit verdrießlicher Miene herum lief und wenn er besonders aufgeregt war von sich selbst in der dritten Person sprach, sagte: „Mein Herr! Mein Herr! Gerewaldt meint, was ist, wenn er uns wieder dazwischen funkt!“
„Da hast du schon recht Gerewaldt. Aber wir sollten einfach unser bestes versuchen.“
„Ja, ja Gerewaldt immer recht hat!“, wieherte Gerewaldt .Dann wurde er wieder ernst. „Gerewaldt und der Herr werden ihr bestes versuchen. Gerewaldt schwört! Er schwört!“
LG Ronny