Traum
1 Nacht
Ich weiß nicht wo ich bin, wer ich bin noch welches Jahr wir haben! Ich bin ein Kind. Ich lebe scheinbar in einer Siedlung die aus kleinen Holzhäusern besteht in einer waldigen, hügeligen Gegend an einem See.
Es scheint Sommer zu sein. Es ist heiß. Die Erwachsenen sitzen vor Ihren Hütten und unterhalten sich. Wir Kinder baden im See. Die Tage vergehen. Jeden Tag derselbe Ablauf.
Laute Rockmusik dringt in meine Ohren. Die Bilder verblassen. Der Radiowecker ist angesprungen. Ich bin wach. Ich bin wieder in meinem zu Hause.
2 Nacht
Mir fehlt die Erinnerung. Nur Dunkelheit. Vielleicht war der Tag zu anstrengend?
3 Nacht
Ich bin wieder dort! Die Hitze flimmert zwischen den Bäumen. Nur im See gibt es Abkühlung. Es gefällt mir an diesem Ort. Alles ist so friedlich. Auch wenn meine Mitmenschen dort scheinbar gesichtslos sind, so fühle ich doch, dass sie mir wohl gesonnen sind.
Wieder vergehen die Tage´. Wieder derselbe Ablauf. Wir Kinder spielen und baden im See, die Erwachsenen sitzen vor ihren Hütten. Nur was dort in den Nächten geschieht weiß ich nicht. Ob ich dort auch Träume? Jedenfalls sind diese Passagen dunkel.
4 Nacht
Als ich abends zu Bett gegangen bin, habe ich mich schon darauf gefreut wieder in meine Traumwelt zu gehen. Es ist so “Anders” dort. So ruhig und friedlich. Nichts scheint diese Welt aus der Ruhe zubringen. Scheinbar geht dort auch niemand einer geregelten Arbeit nach, oder interessiert sich für das Weltgeschehen. Auch Radio und Fernsehen scheint es dort nicht zu geben.
Auch in dieser Nacht läuft alles seinen gewohnten Gang.
5-10 Nacht
Mein Leben in der Traumwelt verläuft weiterhin in den gewohnten Bahnen. Ich bin glücklich.
11 Nacht
Die letzten Tage kann ich mittlerweile tagsüber an nichts anderes mehr denken. Ich tauche hinab in den Schlaf. Da kommen sie mir auch schon alle entgegen, meine Freunde.
Aber etwas scheint heute anders zu sein als sonst. Ich brauche eine Zeit um zu bemerken was es ist.
Die Farbe der Blätter an den Bäumen hat sich verändert. Es wirkt, als ob der Herbst kommen würde. Auch ist die Temperatur gefallen.
Unruhe macht sich in mir breit. Sollte das schöne ruhige Leben nun zu Ende sein?
Diese Nacht endet abrupt. Mit klopfenden Herzen schrecke ich in meinem Bett auf.
In dieser Nacht finde ich keine Ruhe mehr. Am Morgen dann greife ich zum Telefon und melde mich auf der Arbeit krank.
12-20 Nacht
So sehr ich mich auch bemühe. In den letzten Nächten gelingt es mir nicht, wieder dorthin zurück zu gelangen.
Ich bin lustlos und niedergeschlagen.
21 Nacht
Ich habe es geschafft. Ich bin wieder dort. Allerdings ist jetzt vieles anders. Die meisten der Hüttenbewohner sind verschwunden. Schwere Fensterläden wurden vor die Fenster gelegt. Mittlerweile liegt auch buntes Laub auf dem Boden und zum Baden scheint es bald zu kalt zu sein.
Trotzdem versuche ich den Tag mit den restlichen Kindern noch im See zu verbringen, dessen grüne Oberfläche von zunehmendem Wind aufgewühlt wird.
22 Nacht
Ich bin allein. Jetzt sind alle verschwunden. Traurig streife ich zwischen den verschlossenen Hütten umher. Die Stille ist fast greifbar. So müssen Geisterstädte aussehen.
In den nächsten Wochen brauche ich nachts wohl nicht mehr hierher kommen. Ob ich es im nächsten Sommer wohl wieder in diese heile Welt schaffen würde?
Traurig wie ich bin, beschließe ich noch ein letztes Mal im See zu schwimmen. Ich merke gar nicht wie das kalte Wasser meinen Körper auskühlt. Alles wird dunkel, der Traum verblasst.
Bis ins hohe Alter hinein habe ich es nicht wieder dorthin geschafft. Irgendwann sogar, habe ich meine Traumwelt vergessen. Es gab jetzt wichtigeres. Meine Frau, die Kinder.
Erst als meine Kinder bereits das Haus verlassen hatten, und meine Frau schon einige Jahre Tot war, fand ich eines Nachts den Weg zurück.
Ich erkannte die Gegend auf den ersten Blick. Die bewaldeten Hügel waren noch immer da. Verschwunden waren allerdings, bis auf ein paar Ruinen, die Hütten. Auch der See war verschwunden. Dort wo er war befand sich nun eine morastige Wiese.
Auch konnte ich mich selbst nicht sehen. Es war, als wenn ich als Schatten zwischen den Bäumen schwebte. Nichts Körperliches war mehr vorhanden.
Ich schwebte über den ehemaligen See. Hier habe ich zuletzt alleine gebadet, bevor alles dunkel wurde.
Ich verharrte über einer Stelle der Wiese. Etwas war hier anders und zog mich an wie ein Magnet.
Ich tauchte ein, glitt durch die Erdschichten als wäre dort noch Wasser. Vorbei an Felsen und vermoderten Baumstämmen. Die braunen Knochen hätte ich fast übersehen. Mein Herz krampfte sich zusammen, verzweifelt schnappte ich nach Luft.
Ich wusste sofort zu wem diese Knochen gehörten. Zu mir!! Deswegen endete der Traum in Schwärze. Ich bin damals ertrunken. Ein kleiner Junge. Einsam gestorben bei dem Versuch, sich seine heile Welt zu erhalten.
Ich kämpfe gegen die Panik an, versuche diesen Alptraum zu verlassen. Doch ich wache nicht auf.
Ich sehe meinen jetzigen Körper im Bett, sehe die gebrochenen Augen und weiß:
ICH BIN TOT!