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Das Medaillon

Es ist 4 Uhr früh am Morgen. Neblig, dunkel, Neuschnee, gut 5 cm hoch. Ich stapfe durch die Straßen im alten Stadtviertel, bin müde und niedergeschlagen.  Zeit, nach Hause zu gehen, in mein kaltes Dachkämmerchen! Es hat sich nicht sehr gelohnt an diesem Abend, in dieser Nacht. Ich war in einigen Bars und raucherfüllten Lokalen, wenig Besucher habe ich angetroffen. Trotzdem, drei Geldbörsen habe ich erbeutet, aber viel war nicht drin. Auch zwei Taschenuhren, einfache, keine goldenen. Kein Wunder in diesen Zeiten, an diesem 31. Oktober 1924! Bei so vielen Arbeitslosen, kaum ist die Inflation vorbei. Auch ich bin arbeitslos, schon lange. Zum Dieb bin ich geworden, hätte ich mir früher auch nicht träumen lassen. Was soll man machen, man muss leben. Ob es wohl jemals besser wird?

Auf meinem Nachhauseweg muss ich jetzt durch einige dunkle, enge Gassen. Alte verfallene Häuser stehen hier. Alles ist totenstill, wie ausgestorben, die Fenster sind dunkel, nur eine Ratte huscht über die Straße. Mich fröstelt., ich ziehe meine Jacke fester um mich, ziehe den Kopf zwischen die Schultern und gehe schneller.

Was ist das jetzt? Ich sehe ein Licht von weitem, es fällt aus einem Fenster eines düsteren Hauses auf die Straße. Ich gehe näher, neugierig, wer da noch auf ist, bleibe stehen. Ja, ein niedriges Erdgeschossfenster, es steht halb offen, die Vorhänge bewegen sich leicht. Vorsichtig klettere ich auf einen Mauervorsprung und schaue hinein. Es ist ein Schlafzimmer. Ich sehe ein Bett, die Bettdecke ist aufgeschlagen, das Kissen zerdrückt, als hätte gerade noch jemand darin gelegen. Ein hoher, dunkler Schrank steht an der gegenüber liegenden Wand. Eine kleine Lampe auf einem Nachttisch taucht das Zimmer in ein schummeriges Licht. Und da, auf dem Nachttisch, da glitzert etwas - ein Schmuckstück?

Ich halte den Atem an und lausche. Alles ist still. Ob ich es riskieren kann? Es wäre eine Kleinigkeit, ins Zimmer zu kommen! Ich sehe mich um, nach rechts, nach links, keine Menschenseele zu sehen - ein rascher Entschluss, schon stehe ich im Zimmer. Dann stocke ich, bleibe stehn. Da, über dem Bett am Kopfende, im Halbdunkel, ein Plakat, ein Poster – nein, es ist ein Bild, ein großes Bild in einem dunklen Rahmen. Eine Frauengestalt, ein Mädchen mit dunklen, langen Haaren. Große dunkle Augen in einem weißen Gesicht starren mich mit einem merkwürdigen, intensiven Ausdruck an. Gekleidet ist sie in ein helles altmodisches Kleid, um den Hals hängt eine Kette mit einem Anhänger – ein Medaillon? Ja, ein Medaillon und ich sehe es jetzt - das gleiche Medaillon liegt auf dem Nachttisch und glänzt im Licht der Lampe.

Ich reiße mich los, ergreife rasch das Medaillon und flüchte. Die dunklen Augen verfolgen mich, aber es bleibt alles still. Merkwürdig! Ich laufe einige Schritte vorwärts zur nächsten Straßenlaterne und betrachte das Medaillon. Es ist samt Kette aus massivem Gold, eine schöne, etwas altmodische Arbeit. Neugierig öffne ich den Deckel. Darin liegt unter Glas eine braune Haarlocke. Von wem die wohl sein mag ? Nachdenklich drehe ich das Schmuckstück um – eine eingravierte Schrift wird sichtbar:

"Für Melinda Betancourt - Zum Andenken"

Ganz sonderbar wird mir zumute. Melinda Betancourt - wer sie wohl ist, diese Melinda, ob sie dort wohnt, in diesem Zimmer, in dieser Wohnung? Und wo ist sie wohl zu dieser Zeit... weit konnte sie ja nicht sein. Ach was, ich sollte mich einfach über den unerwarteten Fund freuen und schleunigst verschwinden! Ein letzter Blick zurück zum Fenster, wo noch immer Licht brennt. Schemenhaft bewegt sich eine leicht gebeugte Gestalt dahinter. Mann oder Frau? Es ist nicht zu erkennen.

Dann plötzlich sehe ich noch etwas, was mir vorhin gar nicht aufgefallen war: eine Fußspur! Nicht meine eigene, eine andere. Sie führt eindeutig vom Fenster aus weg, die Straße entlang. Wer hat sie hinterlassen, wohin führt sie?

Eine unwiderstehliche Neugier packt mich, ein sonderbares Verlangen! Ich folge vorsichtig der Spur, deutlich ist sie zu sehen. Nicht sehr lange muss ich ihr folgen, dann komme ich an eine hohe Mauer, eine Friedhofsmauer? Wirklich eine Friedhofsmauer, und da ist eine Treppe mit fünf Stufen. Sie führt zum Eingang hoch, und die Fußspuren führen genau dorthin.

Mir wird unheimlich zumute. Wer geht zu dieser Zeit wohl auf den Friedhof? Ich will es wissen, ich muss es wissen! Ich folge weiter der Spur. Am Eingangstor bleibe ich einen Moment stehen und blicke hinein. Niemand ist zu sehen. Halb zögernd, halb angetrieben von meinem Verlangen betrete ich den Friedhof und gehe vorsichtig weiter. Die Spur führt zuerst den Hauptweg entlang, dann biegt sie in eine Abzweigung ein. Hohe Bäume und Hecken stehen hier, offenbar ist dieser Teil des Friedhofes ziemlich alt.

Der Mond ist mittlerweile durch den Nebel gedrungen und taucht die Umgebung in ein bleiches Licht. Alte Holzkreuze und Grabsteine sind zu sehen. Aber offenbar bin ich alleine hier, der geheimnisvolle Besucher ist nicht zu entdecken. Doch dann sehe ich: die Fußspur hört plötzlich auf! Sie endet ganz unvermittelt an einer Grabstelle, sie führt weder weiter, noch zurück. Gebannt trete ich näher. Es ist ein altes Grab, unberührt, der weiße Marmorstein hat sich schon etwas zur Seite geneigt. Der Mond beleuchtet die Inschrift, ich kann sie gut erkennen und dann überfällt mich plötzlich Entsetzen, namenloses Grauen, die Beine drohen unter mir nachzugeben, als ich die Inschrift lese:
"Melinda Betancourt geb. 1861 gest. 1882 - Gott sei ihrer Seele gnädig"

 

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Kommentar von: Twiddy 2010-11-03 16:12
Das ist eine sehr schöne Geschichte beim Lesen wird man immer mehr in ihren Bann gezogen. Ich wollte Dir 5 Sterne geben, ging aber nur bis drei ? Liebe Grüße von Günter klat*
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Kommentar von: Moni 2010-11-03 17:34
Solche Geschichten liebe ich....Twiddy hat Recht, sie zieht einen mit. Schreibst du noch eine? Gruß Moni **
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Kommentar von: Gisela 2010-11-03 18:06
Danke! Nein, im Moment schreibe ich andere, jetzt kommt ja die Advents - und Weihnachtszeit, Halloween ist vorbei! Gruß von Gisela
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