Abkürzung ins Grauen
Dumpf schlug die Glocke einer Turmuhr zwölf Mal.
„Mitternacht“, flüsterte Ursula, „und immer noch weit und breit kein Haus.“
„Geschweige denn eine Tankstelle“, ergänzte ihr Mann. „Die Nadel der Tankuhr ist auf den letzten Kilometern gefallen, als wäre ein Loch im Tank.“
„Hätten wir uns bloß nicht auf den Vorschlag dieses Alten im Landgasthof eingelassen“, jammerte Ursula. „Es kann ja sein, dass er dir eine Abkürzung durch den Teutoburger Wald erklärt hat, aber ich habe das Gefühl, wir fahren im Kreis. Über die Hauptstraße wären wir bestimmt längst in unserem Ferienhaus.“
Und bei ihren letzten Worten blieb der Wagen endgültig stehen.
„Aus!“ rief Björn. „Kein Sprit mehr.“
Das heftige Rauschen der Blätter im Wind durchbrach die plötzliche Stille im Auto.
„Fahren Sie doch vor dem Berg zum Galgenknapp links ab, dann sind sie gleich im Holperdorper Tal“, hatte der Alte im Gasthof mit heiserer Stimme vorgeschlagen. Obwohl noch mehrere Tische im Lokal frei waren, setzte er sich zu Ursula und ihren Mann und verwickelte die beiden sofort in ein Gespräch über die geschichtsträchtige Landschaft des Teutoburger Waldes. Björns Abendessen wurde kalt.
„Ein wildes, tapferes Volk lebte hier“, erzählte der Greis unbeirrt weiter, „wussten Sie denn, dass hier ganz in der Nähe die Römer endgültig von den Bewohnern unseres Osning geschlagen wurden?“ Björn wusste es nicht und Ursula schauderte unter dem Blick der wässrigen grauen Augen dieses Alten. Sie drängte zum Aufbruch.
„Nur ruhig, junge Frau, es bleibt noch lange hell“, hatte er sich wieder eingemischt.
Er hat uns in die Irre geführt, dachte Ursula. Es blieb zwar lange hell, aber nachdem sie vor dem Galgenknapp rechts abgebogen waren, kamen sie immer tiefer in hügeliges Gelände, fuhren bergauf und bergab, und endeten nach mehreren Versuchen wieder links abzubiegen, in einem undurchdringlichen Wald. Eine ungeteerte Straße entpuppte sich als Wanderweg, an dem die Bäume so dicht standen, dass Björn keine Möglichkeit fand, seinen Wagen zu wenden. Und nun war auch noch das Benzin ausgegangen.
Da! Wie aus dem Nichts tauchten im Lichtkegel des Scheinwerfers dunkle Umrisse eines windschiefen Kotten auf.
„Gib mir die Taschenlampe aus dem Handschuhfach“, bat Björn seine Frau und schaltete das Fernlicht aus. „Die Batterie muss ja nicht auch noch leer werden“, erklärte er ihr, „aber ich lass den Schlüssel stecken.“
„Wo gehst du hin?“ rief Ursula ängstlich, als Björn die Wagentür öffnete. Eine heftige Windboe erstickte ihre Stimme. Sie erhielt keine Antwort. Hastig verriegelte sie die Autotüren von innen und beugte sich nach vorne, um ihrem Mann durch die Windschutzscheibe mit den Augen zu folgen. Sie sah nur den Lichtkegel der Taschenlampe, der sich schnell in der drohenden Finsternis entfernte. Da! Grelle Strahlen erhellten den Eingang des Hauses auf der Anhebung. Deutlich sah sie die breiten Schultern ihres Mannes im Torbogen, dann verschwand er.
Ursulas Herz klopfte bis zum Hals. Der Wind riss die Wolkendecke auf und das Mondlicht beleuchtete die Wipfel der mächtigen Eiche über ihr. Grausen erfasste sie, als sich ganz bedächtig zwei gierige Arme aus dem Geäst lösten. Sie spürte, wie sich die langen mageren Finger in das Verdeck des Autos krallten. Der ganze Wagen schaukelte. Wurde hochgehoben. Einer Ohnmacht nahe schlug sie die Hände vors Gesicht. War das Björn, der sich neben sie setzte? Der Wagen schwankte wie ein Schiff auf hoher See. Mit blutigen Händen umklammerte er das Lenkrad.
„Was ist passiert?“ schrie Ursula.
Björns Stimme war seltsam heiser, kaum konnte sie ihn verstehen.
„Der Alte ... du weißt schon ... aus dem Landgasthof. Er war in dem Haus ... lachte mich aus, als ich telefonieren wollte. Ich hab das schmächtige Kerlchen beiseite geschoben und bin an das Wandtelefon in der Diele gestürzt. Aber als ich den Hörer abhob, zersprang er in tausend scharfkantige Stücke, die mir die Finger abrissen.“
Zitternd tastete Ursula nach ihrem hellblauen Seidenschal, um die blutende Hand zu verbinden. Und gelähmt vor Angst verfluchte sie dabei den Verbandskasten, der unerreichbar im Kofferraum lag.
Björn flüsterte weiter: „Der Alte schrie in höchsten Tönen. Er drohte mir: ‘Aus der Hexenküche kommt keiner lebend heraus. Meine langen Arme holen schon deine Frau aus dem Wagen’...
Immer heftiger dröhnte das Klopfen auf das Wagendach, auf die Tür, die Fenster.
„Er ist hier“, stöhnte Ursula. „Er holt mich.“
Ursula! Ursula! krächzte, kreischte, brüllte es um sie herum. Der Wagen schaukelte in den Fängen des Unholds. Die Beifahrertür wurde aufgerissen.
„Björn“, schluchzte Ursula erstickt, als sie aus dem Wagen gezerrt wurde.
Björn schüttelte seine Frau.
„Ursula, so wach doch auf“, rief er immer wieder. Und endlich schlug sie die Augen auf.
„Was ist passiert?“ fragte sie.
„Du warst anscheinend bewusstlos als ich zurückkam und hattest dich eingeschlossen. Du hast weder auf mein Klopfen noch auf meine Rufe reagiert. Zum Glück war der Kofferraum offen, so dass ich an meinen Werkzeugkasten konnte“, sagte Björn und lachte erleichtert.
„Es war so schrecklich“, sagte Ursula verstört und Björn legte den Arm um seine zitternde Frau. Blut tropfte auf ihren Seidenschal.
„Deine Hand blutet“, schrie sie auf und riss sich los.
„Ich habe mich verletzt, als ich versuchte, mit einem Draht die Autotür aufzumachen“, erklärte Björn, „komm, das ältere Ehepaar in dem Kotten hat kein Telefon, aber wir können bei Ihnen übernachten. Wir sind in eine völlig falsche Richtung gefahren. Aber gleich oberhalb des Felsens, den sie Hexenküche nennen, ist die Hauptstraße. Wenn es hell ist, kann ich hinaufklettern und Hilfe holen.“
„Das ist der Alte aus dem Gasthof. Er hat dich verhext!“ schrie Ursula wie von Sinnen.
„Nein, wie kommst du darauf, beruhige dich doch. Es sind ganz nette Leute. Sie haben mir erzählt, dass sich schon öfter Wanderer hier verirrt haben“, antwortete Björn, sperrte das Auto ab und führte Ursula zu dem alten Fachwerkhaus hinauf, aus dessen Eingangstor jetzt weiches helles Licht strahlte.
Und mit kräftigen Schlägen kündigte die Glocke auf dem Kirchturm ein Uhr an. Die Geisterstunde war vorbei.