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Bittersweet nightshade

Prolog

Es regnet. Dicke Tropfen laufen mir den Nacken hinunter und hinterlassen kalte unangenehme Spuren auf meiner Haut. Ich laufe durch die kleinen Gassen dieser trostlosen Stadt. Straßen ohne Lichter in der Nacht. Niemand will hier genauer hinsehen. Und doch bin ich hier und ich sehe hin. Sehe all das, was versteckt werden will, auch ohne Straßenlampen oder beleuchtete Fenster. Jede Nacht drehe ich hier meine Runde, vorbei an leeren Häusern mit zerbrochenen Glasscheiben in verrotteten Holzrahmen. Jede Nacht versuche ich Antworten zu finden, Antworten auf zu oft gedachte Fragen die mit der Zeit immer mehr verblassen, bis von ihnen nur noch Schatten in meiner Erinnerung bleiben.
 
Ein Stück vor mir, zwischen den zerbeulten Mülltonnen, beleuchtet vom Licht des Mondes sitzt ein alter Mann, halb bedeckt von Zeitungspapier und Kartonresten. Er scheint zu schlafen, jedenfalls hat er die Augen geschlossen. Atmet er noch? Trotz meiner so gut wie kaum vorhandenen sozialen Ader und der dafür umso größeren Menschenscheu gehe ich näher heran um nach ihm zu sehen. Völlig unerwartet öffnet er ein Auge. Nur eines, als ob es ihm zu viel Kraft abringen würde das zweite auch zu bewegen. Er blinzelt nicht, endlose Sekunden starrt er mich einfach nur an. Ich will weitergehen, doch meine Beine bewegen sich nicht. Sie verweigern es, sich dieser aufkeimenden Angst zu ergeben.
 
  „Ziemlich spät dran heute.“ Er hält weiterhin ein Auge geschlossen während er zu mir spricht. Seine Stimme klingt heißer und kratzig, sie erinnert mich an eine zu oft gespielte Schallplatte.
   „Ich schaue selten auf die Uhr.“ War das meine Stimme? Unsicher und unvertraut dringt sie zurück an meine Ohren. Warum antworte ich? Ich habe noch zwei Blocks vor mir bis zu meiner kalten Wohnung. Ich sollte nicht stehen bleiben, geschweige denn ein Pläuschchen mit irgendeinem Fremden halten wie alte Waschweiber es tun. Doch irgendetwas hält mich fest am Boden.
   „Das solltest du aber. Nicht alles wartet so lange… nicht Jeder verbringt das Leben ohne Zeit.“
Wovon redet dieser Mann? Irgendetwas in diesen Worten findet einen längst vergessenen Widerhaken in meinem Kopf, verankert sich dort und reißt mich aus meiner, so verzweifelt aufrecht gehaltener Lethargie. Warum die Stunden zählen wenn doch jede Minute gleich vergeht wie die vorherige? Meine Gedanken rasen. Es spielt keine Rolle ob es Morgens, Mittags oder Abends ist… meine Aufgaben und der Inhalt meines Lebens bleiben doch stets die Selben. Aber das spreche ich nicht aus. Ich überlege mir etwas Nichtiges zu sagen, doch mir fällt nichts ein. Alle Worte die mir gerade in den Sinn kommen erscheinen mir zu wertvoll um sie für Oberflächlichkeiten zu verschwenden.
   „Was bedeutet dir die Zeit, alter Mann?“ fragend gehe ich einen Schritt auf ihn zu. Bei näherem Betrachten erkenne ich, dass es sich keinesfalls um einen, wie bisher von mir angenommen, alten Mann handelt. Der Dreck in seinem Gesicht wirft Schatten, die sein wahres Alter nicht erkennen lassen. Doch er kann nicht sehr viel älter sein als ich… seine Augen strahlen aus diesem mit Schmutz verkrusteten Schattengesicht in einem hellen, fast kindlichen blau. Auch sonst haben seine Züge eher etwas von einem kleinen Jungen als von einem Erwachsenen, der es nicht leicht gehabt haben muss in seinem bisherigen Leben.
   „Ja, das Alter… die Menschen neigen dazu, offensichtliche Äußerlichkeiten zu bewerten. Sie passen die Dinge ihrem eigenen Weltbild an um nicht nachdenken zu müssen. Doch genau das steht ihnen im Wege, sie lassen sich dadurch nur zu gerne einschränken… Was hätten sie doch für Fähigkeiten… für Möglichkeiten…Eine Schande!“ Er räuspert sich, steht auf und schüttelt dabei altes Papier und Unrat von sich ab. Dann streckt er sein Kreuz durch und gibt dabei Geräusche des Wohlbehagens von sich. „Was denkst du nun über mich, Eric? Steht hier ein alter und gebrechlicher Mann vor dir?“
Eric? Warum nennt er mich so? Nicht viele Menschen sind am Leben geblieben, die mich mit diesem Namen in Verbindung bringen können. Erinnerungen haften an ihm die nicht die meinen sein sollten. „Was willst du denn von mir?“
   „Du gehst den falschen Weg. Ich sollte dich darauf hinweisen.“
   „Woher willst du wissen dass es der falsche Weg ist? Du kennst mein Ziel nicht!“ Alles in mir scheint sich zu weigern weiter mit dieser Gestalt zu reden. Diese eine kleine Stimme in mir warnt mich immer eindringlicher. Ich sollte auf sie hören, sie schützt mich, hatte immer Recht, oder etwa nicht?
   „Kennst du denn dein Ziel? Wo willst du hin? Du drehst deine Runden in dieser Stadt, Nacht für Nacht. Merkst du nicht wie du dich im Kreise drehst? Du hast noch keine einzige Antwort gefunden, auch du weißt nicht wo du hin willst. Du denkst, wenn du nur lange genug an diesem Ort bleibst, dann wird SIE dich finden. Hier ist es geschehen und du denkst sie ist noch immer irgendwo hier, ist es nicht so?“ fast unmerklich verändert sich etwas in seinem Gesicht und lässt ihn nun milde, mit schräg gestelltem Kopf auf mich nieder blicken.
 
Seine Worte rufen etwas aus meiner Erinnerung wach. Zuerst nur ein formloser Schatten, doch nach und nach verändert sich der Nebelschleier bis mir ein Augenpaar aus einem einstmals geliebten Gesicht entgegen blickt. Emilie… Ich spüre wieder diesen Schmerz den ich schon zu vergessen gehofft hatte.
   „Du kennst mich nicht!“ Ich schreie ihn nun an. „Du kannst nicht wissen was in meinem Kopf vor sich geht. Du kennst meine Vergangenheit nicht. Du bist nur ein verwirrter Mann der nicht weiß was er redet!“ Ich verteidige mich, versuche mein Innerstes zu schützen. Es darf nicht so einfach von einem Fremden bloß gelegt werden. Ein Fremder? Ist er denn ein Fremder für mich? Etwas an ihm kommt mir schmerzlich vertraut vor. Woher kenne ich diese raue, kratzige Stimme? Und warum muss er mich gerade an diese eine Sache erinnern? Diese schmerzvolle und noch immer eiternde Wunde in meinem Innersten…
   „Du bist noch nicht so weit. Die Wut und der Schmerz nehmen noch zu viel Raum in deinem Geist ein. Ich hatte es ihnen gesagt, aber sie wollten mir nicht glauben. Jetzt sehen sie es.“ Damit dreht er sich um und läuft die Gasse entlang, auf die Dunkelheit zu bis sie ihn vollständig verschlingt. Noch immer verwirrt und verletzt schaue ich ihm nach. Erst als ihn meine Augen schon lange nicht mehr erfassen können wende ich meinen Blick ab.
Etwas hat sich verändert, jetzt wo ich wieder allein hier stehe, umringt von Elend und dem Geruch von Verfall. Ist es das Licht? Es scheint dunkler geworden zu sein.

Vortsetzung folgt ...

 

6 Wertung(en)    Schlecht »« Super  


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Kommentar von: XIII 2010-06-10 19:07
Deine Geschichte ist wirklich fesselnd und mysteriös. Habe anfangs nur kurz über den Anfang gelesen doch dann wurde ich immer aufmerksamer und konnte meine Augen nicht davon lassen, ehe ich es mich versah war zu fertig und erwarte nun gespannt die fortsetzung :-)
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Kommentar von: Simplicitas 2010-06-18 18:50
Danke! Da dieser Prolog an einem Abend der Langeweile entstanden ist, hatte ich noch gar keine wirklichen Pläne einer Fortsetzung.
Aber durch Dein Feedback wurde doch wieder Lust zum weiterschreiben geweckt. Also vielleicht gibt es bald Kapitel eins zu lesen.
Danke nochmal :-)
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