Die Vogelscheuche
Das Feld auf dem die Vogelscheuche stand, war lange verdorrt und bot weder saftigem Graß noch irgendwelcher Gerste genügend Nährboden um dem Besitzer des unscheinbaren Stück Landes eine erträgliche Ernte einzubringen.
Im Grunde bestand der trockenen Boden nur noch aus kargem Erdreich. Vertrocknet und aufgesprungen wie man es von alten Flussbetten kannte. Gelegentlich hatte es ein Distelstrauch oder eventuell sogar ein Löwenzahn überlebt dort Wurzeln zu schlagen und schienen die einzigen grünen Akzente zu sein.
Wem dieses Stück ursprünglich gehörte, wusste niemand mehr. Zwar lag es angrenzend an diversen üppig bebauten Äckern, doch keiner der ansässigen Bauern hatte jemals anrecht auf die wenigen Hektar Ödland erhoben.
Es war Niemandsland. Eine Wüste eingebettet in mitten fruchtbarer Felder, auf welchem nichts gedeihen wollte. Und dennoch strotze in mitten des Stückchen Ödlandes eine alte Vogelscheuche dem Wetter und dem Zahn der Zeit.
Die Kinder in meiner Stadt erzählten sich viele Gruselmärchen über die Vogelscheuche und das bisschen Land welches den Erzählungen nach von ihr bewacht wurde wie ein blutrünstiges Tier.
Doch nicht nur die Kinder meiner Stadt kannten die Märchen und Sagen um die Vogelscheuche und schmückten die Sagen die um sie rankten über die Jahre hinweg mit mehr und mehr schauerhaften Details aus. Nein. Auch die Alten unserer Stadt verstanden es gut ihre Gruselgeschichten rund um die Strohgefüllte Puppe zu winden.
So entstanden im Laufe der Jahre und der vielen verschiedenen Versionen der Geschichte, die man mir als Kind erzählt hatte unterschiedliche Erklärungen dafür, weshalb das Stück land brach lag und niemand es für sich beanspruchen wollte.
Manche Geschichten erzählten von einem grausamen Mord welcher sich auf dem Feld ereignet haben sollte. Andere ließen vermuten, das es sich bei dem Feld ursprünglich um einen alten Friedhof gehandelt haben soll und wieder andere gaben in ihrer Erzählung einem bösen Fluch die Schuld für die Unfruchtbarkeit.
Doch egal welche Erklärung man mir als Kind für die Eigenart des Feldes nannte, so hatte es doch immer ein und den selben Effekt. Nicht nur bei mir sondern bei fast allen Kindern unserer Stadt.
Keiner von uns hätte es je gewagt einen Fuß auf das verfluchte Stück Land zu setzen. Selbst dann nicht, wenn die Sonne ihren Zenit erreicht hatte und das Stück Ödland mit ihrer Wärme und Ihrem Licht so überhaupt nicht mehr gruselig erschienen ließ.
Und dennoch galt es in meiner Kindheit als größten Beweiß für seinen Mut, es eben doch zu tun.
Ich hatte mir geschworen mich nie auf eine dieser dämlichen Mutproben meiner Klassenkammeraden einzulassen. Weshalb sollte man anderen mit einer unsinnigen Tat beweisen müssen, was für ein toller Kerl man war und überhaupt! Doch war ich damals noch ein Kind und irgendwann überzeugte auch mich das ständige Nerven meiner Klassenkameraden dazu, es doch zu tun. Was sollte ich sagen, es schien mir damals auch weniger Gefährlich als die ansonsten so üblichen Mutproben, bei denen man sich verleiten ließ etwas zu stehlen.
Also entschlossen sich mein bester Freund und ich uns damals es zu tun. Wir würden auf das Feld gehen und allen beweisen wie mutig wir waren und der Vogelscheuche den alten Strohhut stibitzen. Das hatte sich bisher noch niemand gewagt. Meistens kamen unsere Klassenkameraden mit einer Distel oder einer Hosentasche voll trockener Erde zurück, von denen sie behaupteten, sie seien von dem Feld mit der Vogelscheuche. Doch im nachhinein betrachtet, hätten es auch Disteln oder Erde von irgendeinem anderem Feld sein können.
Doch Ben war das nicht genug. Als ich ihm den Vorschlag machte das wir von Bauer Smiths Feld eine Distel nehmen und sie unserer Klasse präsentieren würden, war er strickt dagegen und lachte mich aus.
„Du glaubst doch nicht ernsthaft, das an dem Stück Land irgendwas unheimliches ist, oder etwa doch ?“ hatte er mich gefragt und nur noch mehr gelacht. Nein. Für ihn stand es außer Frage. Er war der jüngste von vier weiteren Brüdern und scheinbar durch ihre Gruselgeschichten bereits von Kindheitsbeinen an abgehärtet gegen Aberglauben und Geistergeschichten. Was auch immer seine Motivation, er wollte allem die Krone aufsetzen und für ihn gab es nur einen waren Beweiß. Der Hut der Vogelscheuche.
Ich hätte ihn seiner Zeit dafür verfluchen können, als er mich eines Abends, es muss gegen Dreiundzwanzig Uhr gewesen sein aus dem Schlaf riss. Er hatte mit kleinen Steinchen so lange gegen mein Fenster geworfen bis ich aufgewacht war und überzeugte mich schließlich mitzukommen.
Wir hatten nur einen kleine Taschenlampe bei uns, als wir durch das dunkel der Nacht schlichen und schließlich die Felder etwas außerhalb der Stadt erreichten.
Das Licht der Taschenlampe reichte nur spärlich aus um den Weg zu beleuchten und ein kalter Wind wehte uns ins Gesicht. Der Himmel war Sternen klar, obgleich es noch am Morgen wie aus Eimern geregnet hatte und der Boden der unbefestigten Straße war noch immer voller Schlamm und Matsch.
Mir fröstelte und auch wenn ich es Ben nicht spüren lassen wollte, fand ich es unheimlich zu so später Stunde noch auf den Feldern herumzuirren. Aber ich wollte auch nicht der Lacher der Klasse werden, wen ich einfach weggerannt wäre.
Ich zuckte unwillkürlich zusammen als Ben unerwartet einen Freudenruf ausstieß. „Wir sind da.“ Triumphierte er regelrecht und leuchtete mit der Taschenlampe in eine bestimmte Richtung.
Und tatsächlich. Im schwachen Schein der Taschenlampe konnte ich das Stück Land ausmachen, um welches sich so viele Geschichten rankten.
Ich denke, dass mir der Mund weit offen Stand als ich versuchte etwas erkennen zu können, aber eines viel mir sofort auf. Obgleich der Weg den wir gegangen waren und sämtliche Felder ringsum Feucht und voller Schlamm auf Grund des Regens waren, lag des Stück Ödland knochentrocken und geborsten vor uns, als hätte nie ein Tropfen regen seine Oberfläche berührt.
Ich kam erst gar nicht dazu Ben darauf aufmerksam zu machen, als er mich bereits am Arm mit sich auf das Feld zog und ich mehr schlecht als recht hinter ihm her stolperte.
Ich spürte die ein oder andere Distel, deren Stacheln sich durch meine dünne Hose bohrten, doch ansonsten gedieh nichts auf dem staubigen Boden.
Ben blieb jäh stehen und stieß mich mit dem Ellbogen an. Ich war verunsichert und hatte gar nicht darauf geachtet, wie weit wir bereits auf das Feld gerannt waren, als er mit dem Finger auf etwas im Lichtkegel der Lampe deutete.
„Da ist sie.“ Raunte er und grinste breite.
Mir blieb für einen Moment der Atem weg als ich das ausgemergelte, in alten Lumpen gekleidete Etwas erkannte, welches einen kaputten Strohhut trug und schlaff an einer alten Mistgabel herab hing.
„Die Vogelscheuche.“ Hatte ich noch hervorgebracht, bevor mir abermals die Luft weg blieb.
Der Kopf der Strohpuppe hing schlaff an seiner Schulter herunter. Aus dem zerlumpten Hemd konnte man das trockenen Stroh herausquellen sehen, aus welchem die Vogelscheuche schon vor langer Zeit gemacht worden war. Die Jeanshose die man ihr hatte zukommen lassen war längst von der Sonnen ausgebleicht und die Schuhe (ich war selbst erstaunt das man ihr welche angebracht hatte) waren voller Staub und kaum noch als Turnschuhe zu erkennen, die sie wohl einst waren.
„Schnappen wir uns den Hut.“ Sagte Ben schließlich, und riss mich aus meinen Gedanken, während ich die Strohpuppe anstarrte. „Vielleicht können wir ja sogar noch ein Knopfauge mitgehen lassen. Was denkst du wie beeindruckt alle sein werden ?“
Mir war gar nicht wohl bei dem Gedanken noch an dem Kopf der unheimlichen Strohpuppe Hand anzulegen und ich schüttelte nur mit dem Kopf. Ich konnte gar nicht sehen, ob die Vogelscheuche überhaupt ein Gesicht hatte, da es von dem Strohhut verdeckt war. Aber ich wollte es auch nicht wirklich wissen. Ich wollte ihr Gesicht nicht sehen, ganz egal wie oft mir Ben sagte, das doch alle nur eine Gruselgeschichte wäre, die man sich erzählte, an der doch nichts dran sei.
Schließlich ließ er sich nicht mehr zurück halten und langte nach dem Hut der Vogelscheuche, daran zerrend, als wäre sie der Strohpuppe am Kopf festgenäht worden.
Ich kann nicht mehr genau sagen, wie lange ich dort stand und Ben zurief es doch sein zu lassen. Was wenn doch einer der Bauern käme und uns erwischen würde wie wir seine Vogelscheuche zerrissen. Ich wollte einfach nur noch weg. Mir war dieses Feld und die komische Strohpuppe zu unheimlich.
Ben zerrte weiterhin an dem Hut und das Geräusch von reißendem Stoff deutete darauf hin, das der Hut tatsächlich angenäht war und sich unter den Anstrengungen meines Freundes, langsam aber sicher von Kopf der Puppe löste.
„Beeil dich.“ Hatte ich Ben zugerufen, als ihm die Taschenlampe aus der Hand viel und auf dem staubigen Boden landetet.
„Heb sie auf !“ hatte er mir zugerufen. „Ich kann nicht sehen ob er bald ab geht.“
Ich folgte seiner Bitte und beugte mich vor um nach der Lampe zu greifen, als mir etwas im Lichtkegel auffiel, was uns vorher gar nicht bewusst geworden war.
Zwischen den Spitzen der Mistgabel, an welcher die Vogelscheuche baumelte, lag eine Tasche. Als ich die Lampe ergriff und das Licht gezielter auf die Tasche richtete, erkannte ich, das es eine blaue Schultasche war. Eine blaue Schultasche mit einem Namensschild auf dem der Namen eines Klassenkameraden stand, welcher vor einigen Monaten spurlos verschwunden war.
Ich schrak auf und wollte Ben von meiner Entdeckung erzählen, als ich ihn nur noch in Panik schreien hörte und mir der Hut der Vogelscheuche ins Gesicht schlug.
Ich hatte mich nicht mehr umgesehen. Mich nicht getraut über die Schulter zu blicken, ob Ben hinter mir sei, als ich so schnell lief, wie mich meine Beine trugen. Ich rannte wie besessen über das verdorrte Feld, die Taschenlampe unterwegs fallen lassend und gelegentlich nach Ben zu rufen, dass er schneller laufen solle und es doch keine gute Idee war, auf das Feld zu gehen.
Als ich am Haus meiner Eltern ankam, mir die Seiten schmerzten und ich nach Atem rang, viel mir auf, das von Ben nichts zu sehen war.
Ich begann nach ihm zu rufen. Brüllte seinen Namen in die Nacht, bis in meinem Elternhaus und den Häusern ringsum sämtliche Lichter angingen. Die Nachbarn öffneten ihre Fenster um zu sehen wer dort so spät nachts aufschrie, bis meine Eltern kamen und mich ins Haus holten.
Es dauerte ganze zwei Monate, bis ich mich von dem Schock erholt hatte und mich traute, meinen Eltern von der Nacht in der Ben verschwand zu erzählen.
Man hatte überall nach ihm gesucht, als er in der besagten Nacht nicht nach Hause gekommen war. Suchtrupps der Polizei und die halbe Ortschaft hatten die Stadt und die angrenzende Umgebung durchkämt, ohne eine Spur von ihm zu finden. Selbst die Spürhunde, die man hatte kommen lassen, fanden nichts. Nicht den kleinsten Hinweis darauf, was mit Ben geschehen sein könnte.
Als ich meinen Eltern von der Nacht erzählte an der Ben verschwunden war, glaubten sie mir nicht. Sie nahmen an, das es der Schock war, der mich dazu veranlasst hatte Ben´s Verschwinden mit einer stadtbekannten Gruselsage in Verbindung zu bringen. Und egal wie sehr ich sie bat auf dem verdorrten Feld nach Ben zu suchen, so taten sie es als Hirngespinst ab und blieben dem Feld fern.
Man fand weder Ben noch seine Leiche bis zu dem Tag, als meine Eltern aus der Stadt zogen und wir in einer Großstadt ein neues Leben begannen. Sie hielten es für das Beste aus dem Ort vorzugehen, an dem ich so ein Trauma erlebt hatte und obgleich die Jahre vergingen, vergaß ich nie was in dieser Nacht geschehen war.
Als ich schließlich volljährig wurde, kehrte ich das erste Mal seit vielen Jahren in meinen Geburtsort zurück. In der Zeit als ich fort war, hatte sich nicht viel verändert und es schien, als wäre ich erst gestern das letzte Mal auf den bekannten Straßen entlang gegangen. Es schien mir sogar, als säßen noch immer die selben Menschen in den Cafes und Bistros auf der Hauptstrasse und auch unser altes Haus sah noch so aus wie früher.
Ich fand das Feld ohne Probleme.
Als ich den Motor meines Wagens aus machte wurde mir bewusst, das ich kaum auf die Strasse gesehen hatte und dennoch ohne weiteres zurück fand an diesen unheilvollen Ort.
Fast eine ganze Stunde blieb ich in meinem Wagen sitzen und traute mich nicht aus dem Fenster zu meiner Linken zu sehen. Ich wusste genau das ich dort direkt auf das verdorrte Feld blicken würde. Das Feld um welches sich so viele Geschichten und Schauermärchen rankte und welches mir meine besten Freund gekostet hatte.
Als ich schließlich doch ausstieg, bemerkte ich das die Strasse voller Matsch war. Es musste geregnet haben in der Nacht zuvor und große Fützen hatten sich gebildet.
Das Feld hingegen, war knochentrocken. Ebenso wie in jener Nacht.
Zögernd betrat ich den staubigen Boden, noch immer auf meine Füsse starrend als ich weiter lief. Ich wußte nicht ob ich mich trauen sollte nachzusehen ob die Vogelscheuche noch immer dort stand. Wußte nicht ob die schrecklichen Kindheitserinnerungen wiederkehren und mich vielleicht in den Wahnsinn treiben würden.
Schließlich hob ich den Kopf.
Sie stand noch immer dort. In Mitten des Feldes. Den Kopf schlaff an der Schulter herabhängend. Die Kleidung zerlumpt und verschlissen, aus deren Löchern das Stroh quoll.
Und auch der Strohhut, den Ben damals von ihrem Kopf reisen wollte, trug sie noch immer.
Ich brauchte beinahe eine Stunde um mich näher an sie heran zu trauen.
Schließlich stand ich vor ihr. Zwar wirkte sie nicht mehr so bedrohlich groß wie zu meinen Kindertagen, aber dennoch strahlte sie etwas aus, das mir einen kalten Schauer den Rücken herunter laufen ließ.
Ich verlor die Beherrschung. Ich schrie und verfluchte die Strohpuppe, während ich mit Fäusten auf ihren schlaffen Kopf einschlug. Wieder und wieder schlug ich zu, spürte wie leicht der Strohgefüllte Kopf von den Schlägen hin und her gerissen wurde und Tränen der Verzweiflung und Trauer schossen mir in die Augen.
Wie lange ich auf die Strohpuppe einschlug weiß ich nicht mehr. Doch mit einem zornerfüllten Schrei begleitet, riss einer meiner Fausthieb den Kopf vom Rumpf der Puppe und er fiel mir vor die Füsse.
Ich werde diesen Anblick den Rest meines Lebens nicht vergessen. Er verfolgt mich bis heute in meinen Alpträumen und wenn ich nur für einen Moment die Augen schließe, ist das Bild da.
Es war Ben´s Gesicht. Ben´s Gesicht anstelle dessen der Vogelscheuche. Die Haut vertrocknet als hätte man ihr alle Flüssigkeit entzogen, sie gegerbt und getrocknet wie Leder. Die Augenhöhlen waren mit alten Knöpfen versehen und das was von seinen kindlichen Lippen übrig geblieben war, mit dicken Fäden zu einem makaberen Grinsen zusammen genäht.
Es schien so, als würden mich die Knopfaugen traurig ansehen und bevor ich das Bewusstsein verlor, glaubte ich seine Schreie zu hören.
Ich weiß das man mir diese Geschichte nie glauben wird. Und ebenso sicher scheint es mir, das ich diese Psychiatrie nie mehr verlassen darf, doch wer auch immer das hier ließt, soll alle warnen nie das verdorrte Feld mit der Vogelscheuche in meiner Heimatstadt zu betreten.
Kommentar von:
Karaya
2011-02-09 19:31
Einfach nur genial! Das ist echt eine super gute Geschichte. Mir lief es kalt den Rücken runter. Boah echt brrr
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Kommentar von:
Petra
2011-09-08 19:00
Gut und sehr spannend geschrieben, fast wie ein Stephen-King-Be stseller! Weiter so! LG
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Kommentar von:
sandra
2012-03-03 20:32
Traurig und zugleich spannend! Das ist gruselig. Das möchte ich nicht abends im Fernsehen sehen!
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