Blutsbrüder
Die Verfolgung
Es war noch dunkel. Dunkel, kalt und neblig, wie es sich für einen Sonntag morgen im November wohl auch gehörte und Tobias wäre auf dem glitschig-feuchten Metall fast abgerutscht, als er sich über ein Hoftor schwang und prallte schmerzhaft auf sein Knie, dass es ihm Tränen in die Augen trieb. Er raffte sich sofort wieder auf und stellte erleichtert fest, dass er sich wohl nicht ernsthaft verletzt hatte und seine Flucht fortsetzen konnte. Normalerweise könnte er jetzt keinen einzigen Schritt mehr machen.
Aber normalerweise war auch niemand hinter ihm her und wollte ihn umbringen... Er warf einen flüchtigen Blick über die Schultern, konnte aber niemanden erkennen. Jedoch beruhigte ihn das nicht, denn der Nebel ließ ihn kaum 20 Meter weit sehen und er hatte in den letzten zwei Minuten festgestellt, dass sich dieses Monster, das ihn verfolgte fast lautlos bewegen konnte. Also rannte er weiter. Das war auch die richtige Entscheidung, denn nach wenigen Sekunden hörte er ein leises metallernes Scheppern, das Monster musste sich auch über das Tor geschwungen haben. Tobias war sich sicher, er musste das Waldstück, das an dieses Grundstück angrenzte erreichen, dort hatte er eine reelle Chance sich so zu verstecken, dass ihn sein Verfolger nicht finden konnte. Die wenigen Meter über einen Hof, an einer Garage vorbei und durch einen Garten zogen sich wie eine Ewigkeit. Er spürte neben seinem pochenden Knie deutlich, wie aus der brennenden Wunde, die ihm zugefügt wurde, warmes Blut seinen Hals hinunter floss. Als er den niederen Maschendrahtzaun schon vor sich sah, warf er noch einen Blick zurück und beinahe wäre sein Herz stehen geblieben. Der Verfolger war als rennender Schatten eher zu erahnen als zu sehen, hatte aber deutlich aufgeholt und auch seine Schritte und seinen keuchenden Atem konnte Tobias jetzt hören. Entschlossen hechtete Tobias über den niederen Zaun, rollte sich schmerzhaft über die Schulter ab und kam in der gleichen Bewegung wieder auf die Beine und rannte in den Wald hinein.
Beinahe wäre er in der fast vollkommenen Dunkelheit gestürzt, als er auf einer feuchten Baumwurzel ausrutschte, er konnte den Sturz aber im letzten Moment abfangen und rannte etwas vorsichtiger weiter. Dem Verfolger erging es aber nicht besser. Tobias konnte hinter sich einen dumpfen Schlag und ein zorniges Knurren hören und das Knistern von Laub und dünnem Geäst, als er sich wieder aufrichtete. Tobias änderte die Richtung, aber er hörte an den auf dem herbstlichen Waldboden gar nicht mehr so leisen Schritten seines Jägers, dass dieser an ihm dran blieb. Und er holte auf. Das tiefe, knurrende Keuchen kam näher und näher und Verzweiflung und Panik übernahmen Tobias' Denken. Er hatte keine Chance zu entkommen.
Zwei Arme schlossen sich um seinen Oberkörper und rissen ihn hart zu Boden. Tobias wollte schreien, aber eine Hand hielt ihm den Mund zu. Er hatte verloren. Das war zumindest sein erster Gedanke. Dann wurde ihm klar, dass das Gewicht der Person, die auf ihm lag und ihn auf den Boden drückte unerwartet leicht war und auch die Hand, die auf seinen Mund drückte, fühlte sich zart und feingliedrig an. Tobias wagte es, die Augen wieder zu öffnen. Das Gesicht, das nur wenige Zentimeter von seinem entfernt war, war im frühen Morgengrauen, das inzwischen angebrochen war, nur schemenhaft zu erkennen, aber es war das schmale Gesicht eines Jungen, der wohl nicht älter war als Tobias selbst. Die Gesichtszüge wirkten zart und harmlos im Schattenlicht, aber irgendetwas darin wirkte unheimlich und fesselnd zugleich. Was es war fiel Tobias erst später ein. Der Junge blickte ihm eindringlich in die Augen und nahm zögerlich die Hand von Tobias' Mund. Mit dem Zeigefinger deutete er Tobias an, still zu sein. Die Schritte des Verfolgers wurden langsamer und kamen immer näher. Tobias musste eine erneute Panikattacke abwehren, als der Verfolger, der in der Dämmerung inzwischen mehr war, als ein körperloser Schatten, keine drei Meter von ihnen entfernt stehen blieb und den verunstalteten Kopf in alle Richtungen drehte und den Blick eher nach oben richtete, so als würde er lauschen. Wenn er jetzt nach unten blickte müsste er sie eigentlich sehen. Doch er tat es nicht... Er stieß einen knurrenden Fluch aus in einer Sprache, die Tobias nicht kannte und ging an ihnen vorüber. Sie lagen noch eine gefühlte Ewigkeit reglos auf dem Boden und Tobias wagte kaum zu atmen. Er zuckte zusammen, als er die feuchte, geschmeidige Zunge des Jungen an der immer noch leicht blutenden Wunde an seinem Hals fühlte und schaute ihn verdutzt an. Der Junge lächelte entschuldigend. Mittlerweile war sein Gesicht deutlicher zu erkennen. Er war vielleicht fünfzehn oder sechzehn. Tobias hatte sich nicht getäuscht, er war tatsächlich in seinem Alter. Seine Haut schien etwas blass unter seinem schwarzen, wirren Haar. Und... Jetzt erkannte Tobias, was an diesem Jungen so unheimlich war. Es waren diese Augen. Sein Blick zog ihn in seinen Bann und schien direkt in seiner Seele zu lesen. Es war faszinierend und erschaudernd zugleich. Niemals würde er diese Augen vergessen.
„Du kannst nach Hause gehn. Er kann dir jetzt nichts mehr tun“ Seine sanfte Stimme passte erstaunlich gut zu seinem Äußeren.
„Wer zum Teufel war das?!“
Tobias richtete sich ungeschickt auf. Sein Knie schmerzte höllisch, als er es belastete und um ein Haar wäre er wieder zusammengesackt, aber der Junge stützte ihn und allmählich war der Schmerz erträglich.
„Das willst du gar nicht wissen. Aber keine Angst. Er scheut das Tageslicht. Und jetzt geh“
„Und wer bist du?“
Tobias bekam keine Antwort. Er hatte nur einen kurzen Augenblick den Blick abgewandt um sich umzusehen, aber als er sich dem Jungen wieder zuwenden wollte, war dieser verschwunden, als hätte er sich in Luft aufgelöst und Tobias stand alleine im Wald.
Er brauchte mehr als 10 Minuten bis er den Waldrand erreichte. 10 Minuten in denen ihn jedes Rascheln im Geäst, jeder Schatten im dünner werdenden Nebel das Blut in den Adern gefrieren ließ. Tobias war sich sicher, dass er noch immer verfolgt wurde. Er kann dir jetzt nichts mehr tun? Er scheut das Tageslicht? Das war doch verrückt. Woher wollte der Junge das wissen... Aber er erreichte den Waldrand ohne dass etwas passierte und auch sein Fahrrad fand er auf dem Bürgersteig, auf dem er es abgestellt hatte mit den Sonntagszeitungen im Korb auf dem Gepäckträger unversehrt vor. Einen Moment dachte er wirklich daran, die restlichen Zeitungen noch auszutragen, es waren ja nicht mehr viele, aber er verwarf den Gedanken schnell wieder. Er wollte jetzt nur noch nach Hause.
Nach kurzer Zeit kam er auch endlich zu Hause an. Die Blicke der wenigen Menschen, die ihm auf dem Weg begegnet waren, ließen Tobias erahnen, dass er wirklich ein jämmerliches Bild abgegeben haben musste, wie er sich von Kopf bis Fuß schmutzig, mit verkrustetem Blut gezeichnet, nicht nur vor Kälte zitternd auf sein Fahrrad gestützt durch die Straßen schleppte. Er wünschte sich jetzt nichts sehnlicher als eine warme Dusche und sein Bett. Es war kurz nach halb acht, als er die Haustür aufschloss und zum Glück war noch alles dunkel.
Tobias war auf einiges gefasst. Aber der Blick in den Spiegel im Badezimmer war dann doch erschreckend. Er hatte die schmutzigen und zum Teil eingerissenen Kleider ausgezogen und betrachtete nun seinen Körper. Sein normalerweise fröhliches, sympathisches Gesicht wirkte eingefallen und dunkle Ringe zeichneten sich unter seinen müden Augen ab. Der Schmutz ließ es noch düsterer wirken. Sein Knie war geschwollen und verschorft. Und diese Wunde am Hals... Tobias lief es eiskalt den Rücken runter. Sie war nicht besonders tief, eher nur eine Schramme, von der sich eine dünne Linie geronnenes Blut bis zur Schulter zog. Sein Verfolger hatte ihn mit seinem scharfen Raubtierzahn nur gestreift. Aber was, wenn er sich nicht im letzten Moment hätte losreißen können... Der Klang der aufenanderknallenden Zähne direkt neben seinem Ohr kam Tobias wieder ins Gedächtnis und ließ die restliche Farbe aus seinem Gesicht entweichen.
Ihm wäre der Hals durchgebissen worden.
Dabei begann der der Morgen ganz normal, als um 5:30 der Wecker klingelte. Natürlich war es unangenehm an einem Sonntag so früh aufzustehen und natürlich musste sich Tobias wieder einmal überwinden, als er barfuß über den kalten Laminatboden schlich, nicht einfach wieder umzudrehen und sich unter die warme Bettdecke zu kuscheln. Und natürlich stieß er sich den kleinen Zeh mal wieder schmerzhaft an der Bettkante an, als er durchs dunkle Zimmer Richtung Lichtschalter schlich. Tobias fluchte leise vor sich hin. Umständlich zwängte er sich in die warme Kleidung einschließlich der ungeliebten langen Unterhose. Wenn er sich beeilte würde er in knapp eineinhalb Stunden wieder im Bett liegen. In der Küche stopfte Tobias noch schnell das Marmeladenbrot hinunter, das seine Mutter am Vorabend für ihn vorbereitet hatte, spülte einen Schluck Milch aus der Tüte hinterher und während er sich noch in die warme Daunenjacke hineinzwängte, verließ er auch schon die Wohnung. Das Paket Sonntagszeitungen, das er austragen musste, lag neben der Haustür schon bereit. Er packte es in den Korb auf seinem Fahrrad und startete seine Runde. Von Anfang an ließ Tobias das Gefühl nicht los, beobachtet zu werden. Aber das war bestimmt nur Einbildung. Die gruselige Atmosphäre der durch den dichten Nebel gefilterten Straßenlaternen, deren gedämpftes Licht die menschenleeren Straßen irgendwie unecht und durch die Schatten verzerrt wirken ließ, ließ ja schließlich auch genügend Freiraum zum fantasieren. Tobias musste dabei unwillkürlich an einen zweitklassigen Horrorfilm denken, den er letzte Woche gesehen hatte und grinste über sich selbst und seine überzogene Fantasie. Aber das mulmige Gefühl konnte er einfach nicht abschütteln. Mal ein Knirschen hinter ihm, mal ein huschender Schatten vor ihm. Sein Herz schlug immer schneller. Aber er hatte schon einen Großteil seiner Zeitungen ausgetragen und würde bald wieder in sein Bett kommen. Vielleicht noch 20 Minuten, dann hätte er es hinter sich. Tobias lehnte sein Rad an einen Gartenzaun und schwang sich spielerisch elegant über ein Hoftor. Er legte Familie Bayer, die immer ein sehr großzügiges Trinkgeld zahlten, die Zeitung direkt vor die Haustür und schwang sich wieder auf die Straße. Als er gerade wieder auf den Füßen aufkam wurde Maurice von einer starken Hand an der Schulter gepackt. Die vergilbten langen Fingernägel gruben sich unter furchtbaren Schmerzen durch seine dicke Kleidung unter seine Haut in Tobias' Fleisch. Er wollte schreien, aber er brachte nur ein heißeres Krächzen heraus, da er im gleichen Moment direkt in das Gesicht des Angreifers sah. Wobei, Gesicht konnte man das eigentlich nicht nennen... Fratze wäre wohl das richtige Wort. Es war schon das Gesicht eines Menschen. Aber die Haut des Klatzköpfigen war verschrumpelt als hätte sie schwerste Verbrennungen erlitten. Die ganzen Gesichtszüge waren irgendwie entstellt und absolut unsymmetrisch. Die vergilbten Augen schielten, so dass Tobias nicht erkennen konnte, wo sie überhaupt hinschauten. Und dann... Das Monster öffnete seinen Mund und entblößte schmutzig-gelbe rasiermesserscharfe Zähne, wie man sie eher bei Raubtieren kennt und seine hässlich verformten Mundwinkel sollten wohl so was wie ein Grinsen darstellen. Nur einen Augenblick war Tobias wie versteinert, aber im gleichen Moment, als die widerlichen Zähne nach seinem Hals schnappen wollten, löste sich die Starre und Tobias rammte hart seinen Ellenbogen in den Unterleib des Anderen. Er spürte, wie unter einem überraschten Quieken etwas scharfes brennend seinen Hals streifte und hörte nur wenige Millimeter daneben Zähne aufeinanderklacken. Tobias nutzte die Gelegenheit, als sich der Griff ein klein wenig lockerte und riss sich unter einem zweiten Ellenbogenschlag, dieses Mal in den Magen seines Gegners, los und rannte um sein Leben.
Tobias dachte, er könnte kein Auge zumachen, als er sich wieder in seine Bettdecke einrollte. Zu viele Fragen gingen ihm durch den Kopf. Vielleicht sollte er ja zur Polizei gehen und Anzeige erstatten, oder zumindest mit seiner Mutter reden. Aber wer würde ihm glauben... Nein, das war unmöglich. Man würde ihn für verrückt halten. Er konnte das Erlebte ja selbst kaum glauben. Er würde sich eine Ausrede überlegen müssen für seine Verletzungen und seine zerrissene Kleidung, aber das hatte noch Zeit.
Und was für eine Geschichte steckte wohl hinter dem Jungen, der da mitten in der Nacht im Wald saß, ihm das Leben rettete und dann so plötzlich wie er auftauchte auch wieder verschwand. Tobias war noch immer fasziniert von dem düsteren Charisma, das der Junge ausstrahlte und hoffte, ihn wieder zu sehen. Mit diesem Gedanken schlief Tobias ein.
Fortsetzung folgt ...
Lg almebo