Please observe the speed limit
„Mist, jetzt habe ich die falschen Schrauben mitgebracht!“
Mein Liebster guckte vorwurfsvoll auf seine sowohl kunstvolle, als auch verwegene Konstruktion. Er hatte es sich in den Kopf gesetzt, eine Satanlage an unserem Wohnwagen zu befestigen.
In Familienkreisen für seinen Einfallsreichtum bekannt war, machte er seinem Ruf wieder einmal alle Ehre, denn als Basis für die Halterung diente eine Wäschespinne. Alle nötigen Kleinteile hatte er fein säuberlich zusammengepackt und mit auf den Campingplatz gebracht. Nun fehlten ihm also die richtigen Schrauben.
„Ich schaue gerade mal auf meinem I-phone nach, wo es hier in Bad Gandersheim einen Baumarkt gibt.“ Es lebe der technische Fortschritt. Seit Alan sich im Besitz des tollsten Handys der Welt befand, verbrachte er einen Großteil seiner Freizeit damit, irgendwelche Apps herunterzuladen und sich auch anderweitig mit dem I-phone zu vergnügen.
Ein Baumarkt im Ort, das schien mir unwahrscheinlich zu sein. Jedenfalls hatte ich hier noch nie einen derartigen Markt gesehen. Doch das Wunderwerk der Technik wurde schnell fündig.
„In Danhausen ist ein Baumarkt, das ist gar nicht weit. Fährst du mit?“
„Ja klar, vielleicht gibt es dort ja auch eine Blumenabteilung.“ Darauf, mir Schrauben und Muttern anzuschauen, konnte ich gut verzichten, aber jede Art von Pflanzenmarkt zog mich magisch an.
So machten wir uns also auf den Weg.
Stop, zunächst einmal steckte Alan sein Handy in die dafür vorgesehene Halterung. „Das Teil kann ich nämlich auch als Navi nutzen“, erklärte er mir.
Ich grinste. „Irgendwann wirst du ganz auf meine Anwesenheit verzichten, dann hat dein I-phone wirklich alle Funktionen übernommen. Hör dir bloß die Stimme des Navis an, wenn das keine blonde Chantal ist …“
Alan grinste breit zurück. „Hüte deine Zunge, Weib, sonst geschieht das wirklich. Und wenigstens gibt das Handy keine Widerworte …“
Ehe ich antworten konnte, übernahm die coole Blondine das Kommando und dirigierte uns in Richtung Danhausen. Im Örtchen angekommen wurde Blondie unpräzise.
„Biegen sie in 50 Metern links ab.“
Verblüfft schaute ich mir den Straßenzug an. „Wie jetzt, links abbiegen? Da ist doch gar keine Straße!“
Chantal ließ sich nicht beirren. „Biegen sie jetzt links ab“, befahl sie in strengem Ton.
„Bestimmt ist die Straße da vorne gemeint.“ Alan schien vom strengen Tonfall beeindruckt zu sein, denn er bog tatsächlich in eine kleine Gasse ab.
„Ein Baumarkt? Hier?“ zweifelnd schaute ich mich um und auch mein Göttergatte schien ins Grübeln zu kommen.
„Biegen sie in 50 Metern scharf rechts und anschließend gleich scharf links ab.“
Die Gasse wurde immer enger und es gab weder die Möglichkeit rechts, noch links abzubiegen.
Chantal fing an zu randalieren. „Biegen sie jetzt scharf recht und anschließend gleich scharf links ab!!!“ befahl sie.
Alan stoppte den Wagen, denn vor uns befand sich ein eindeutiges Schild: Einbahnstraße, Durchfahrt verboten.
„Ich denke wir wenden und fahren noch einmal auf die Hauptstraße. Dort mache ich mein normales Navi an. Schau’n wir mal, was das sagt.“
Gesagt – getan. Alan wendete unter einiger Mühe den Wagen, denn diese Gasse war mehr als eng, während Chantal vehement protestierte.
Auf der Hauptstraße angekommen, setzte er das herkömmliche Navigationssystem in Betrieb, ohne sich die Mühe zu machen, das Navi im I-phone auszuschalten.
So wurden wir bald zweistimmig beschallt.
„Biegen sie jetzt rechts ab“, quäkte es aus dem I-phone.
„Please turn left“, kam es britisch cool aus dem Navi.
Leicht irritiert erkundigte ich mich: „Sag mal Alan, warum redet dein Navi plötzlich englisch? Hast du dir ein neues Gerät gekauft?“
Die Antwort verblüffte mich, obwohl ich so einiges gewohnt war.
„Ach weißt du, Schatz, ich konnte den Satz „Bitte beachten sie die Geschwindigkeitsbegrenzung“ nicht mehr hören. Da habe ich die Sprache geändert. Das Gerät ist immer noch das alte.“
„Please observe the speed limit“, erscholl eine strenge Stimme.
Verdutzt schaute ich Alan an, seine Mundwinkel zuckten, ansonsten verzog er keine Miene.
„Das klingt doch irgendwie netter“, fügte er hinzu. Ich prustete los und Alan fiel in mein Gelächter mit ein.
Wenigstens schien die britische Navi-Dame den Weg zu kennen und wir standen nach einigem hin und her, bei dem Handy Chantal ständig ihren Senf dazugab, vor einem großen, verlassen aussehendem Gebäude.
An der Tür klebte ein großes Schild:
„Wir sind umgezogen, die neue Filiale unseres Baumarktes befindet sich in Bad Gandersheim.“
Es lebe der technische Fortschritt!
© Angie Pfeiffer -
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