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Ich zaubere dich blamabel

Eigentlich dachte ich immer, den besten Ehemann der Welt an meiner Seite zu haben. Wie man halt so denkt, wenn zwei Verliebte in den Hafen der Ehe schippern. Aber dann stapeln sich plötzlich die Jahre und du fragst dich: War dass jetzt alles? Immer nur Erbsensuppe? Ich will jetzt einen Braten.
 
Bis heute habe ich nur seinen köstlichen Duft in meiner Nase, mehr nicht. Später gibst du klein bei, denn der beste Ehemann der Welt liebt dich so wie du bist. Im mittleren Alter, etwas fülliger wie vor 25 Jahren, mit Schwangerschaftsstreifen, Fledermausoberarmen und ein paar grauen Strähnen im Haar. Er mag dich, er liebt dich, er will dich. Und du? Du hast jeden Abend eine andere Krankheit.

Migräne, Aua Bauch, Schwindel und zur Not schläfst du eben auf dem Sofa ein. Und wenn alle Krankheiten dieser Welt dich nicht mehr retten können, dann bringst du ein Notopfer, da dieses für sein hormonelles Gleichgewicht sorgt. Sprich, gute Laune. Bis du bemerkst, dass er nur noch gute Laune hat und ahnst Fürchterliches. Rasend schnell ziehen die gemeinsamen Jahre an dir vorbei.

Dieser Kerl, du hast ihm immer den Rücken frei gehalten, die Kinder fast alleine erzogen, seine Hemden gewaschen, nicht zu vergessen seine verschmauchten Unterhosen, das Mittagessen pünktlich auf den Tisch gebracht und und und. Das war jetzt also sein Dank.
Scheidung? Nein. Rache? Ja. Aber wie? Ja, ja und dann findest du das Buch der Hexe Fiona.

„Ich zaubere dich blamabel“

…Erbsen und Möhren oder Tomatensalat dachte ich gerade, als ich Heinos Wagen hörte. Ok, Erbsen und Möhren, das ging schneller. Verzückt betrachtete ich meinen leckeren Schweinebraten und schüttete die Kartoffeln ab. Deckte den Tisch und setzte einen Kaffee auf. Aber wo blieb Heino? Neugierig ging ich zum Wohnzimmerfenster und sah, dass er noch in seinem Auto saß. Er hatte einen Anruf auf seinem Handy. Ach so. Aber warum lächelte er dabei. Er hatte noch nie gelächelt, wenn er auf seinem Handy angerufen wurde. Ich war mir sicher, dass er gerade nicht über Kredite oder Anlagen redete. Ach ja, bestimmt hatte er Katja am Telefon. Wenn unsere Tochter etwas wollte, tastete sie sich zuerst an ihren Vater heran.
 
 Grinsend ging ich wieder in die Küche und schüttete den Kaffee in eine Warmhaltekanne.
Es dauerte noch gefühlte fünf Minuten, bis er endlich in die Küche spazierte. „Hm, duftet das,“ sagte er zur Begrüßung. Hauchte mir einen Kuss auf die Wange und setzte sich. „Na, wie war dein Tag?“, fragte er nebenbei und goss sich einen Kaffee ein.
 
„Ach, der war wie immer“, antwortete ich und fragte mich, warum er mir jeden Tag die gleiche Frage stellte. Eigentlich gab ich ihm nie eine konkrete Auskunft und er hakte auch nie nach.
Jetzt kam mein Part. „Und wie war dein Tag?“, fragte ich wie immer und schaufelte Kartoffeln auf seinen Teller.
 
„Ach ja“, antwortete Heino. „Immer der gleiche Stress und viel Theater. Seit dem Kredite nicht mehr so schnell genehmigt werden, ärgere ich mich mit wütenden Kunden herum.“
„Aha“, murmelte ich nur und setzte mich. Während des Essens betrachtete ich meinen Mann ausgiebig. Ein bisschen Sport dachte ich, würde ihm nicht schaden. Er sah so untrainiert aus. Irgendwie schlank, aber doch aus der Form geraten. Seine braunen Haare durchzogen Silberfäden nd ein kleines Doppelkinn wackelte beim kauen unter seinem Unterkiefer. „Mit wem hast denn telefoniert?“, fragte ich ihn neugierig. Meine harmlose Frage hatte eine bombastische Wirkung.

Heino verschluckte sich an einer Erbse und bekam einen Hustenanfall. „Wie, wann habe ich telefoniert?“, keuchte er. Mit hochroten Kopf griff er nach einer Serviette und wischte über seinen Mund, an dem braune Soße klebte und ein Fitzelchen Möhre.

Ich musste lachen. „Oh, der Heino wird alt“, sagte ich scherzhaft. „Ich meinte im Auto.“ Mein Mann spießte erneut eine Erbse auf und antwortete: „Ach so. Das war der Müller. Er hat den Meier, den Schulze und mich, zu einem Frühstück in seinem Büro eingeladen.“
„Ach so“, sagte ich nur und widmete mich wieder meinem Essen.

Als ich die Spülmaschine einräumte, hörte ich, dass er duschte. Er hatte noch nie um diese Uhrzeit geduscht. Komisch. Aber wenn er sich schmutzig fühlte, war es ja ok. Warum sollte er sich schmutzig fühlen? Er duschte doch jeden Morgen. „Komisch, komisch“, seufzte ich und setzte mich ins Wohnzimmer. Komisch? Nein! Heute musste ich bestimmt ein Opfer bringen. Genervt packte ich mich an die Stirn und stierte wütend auf die Tür. In mir grummelte es gewaltig. Kein Wunder, dass mir die Lust schon lange vergangen ist, dachte ich sauer. Wenn er will, dann will er. Ohne Rücksicht auf Verluste, ohne Romantik, ohne Kerzen, ohne ein Glas Wein. Ich schnaufte wie ein Walross, so sauer war ich und beschloss, jetzt ist Schluss.

Wann war Heino das letzte Mal mit mir ausgegangen? Wann hatten wir ein gutes Gespräch geführt? Oder gar zusammen gekuschelt? Ein Egoist war er. Mehr nicht.
 
Die Tür ging auf, Heino schlenderte auf seinen Sessel zu, griff nach der Fernbedienung und zappte durch alle Kanäle. Eine geballte Ladung Parfüm wehte zu mir herüber und ich rümpfte die Nase. Hast du dich in der Uhrzeit vertan?“, fragte ich. „Du stinkst wie ein Moschusochse. Beleidigt drehte er seinen Kopf zum Fenster. „Das ist sauteures Parfüm“, nuschelte er beleidigt. „Ich muss gleich noch mal zur einer Besprechung, das habe ich dir aber gestern schon gesagt.“ Ich überlegte. „Gestern? Wann denn?“ , fragte ich zaghaft. „Bestimmt nicht, das wüsste ich doch.“
Lächelnd erhob sich Heino, setzte sich zu mir und legte einen Arm um meine Schulter.

„Altes Mädchen“, flüsterte er mir zu. „Sicher habe ich das. Wirst du mir etwa senil?“ ch holte tief Luft, lächelte aber als ich antwortete: „Mit 48 Jahren, da kann von Senilität keine Rede sein. Aber du, du bist sechs Jahre älter. Wie sieht das bei dir aus? So ein kleines bisschen, hm?“ Neckisch kniff ich in seinen schwabbeligen Bauchansatz und lachte.
Heino verzog sein Gesicht, stand auf und sagte: „Senilität, das Wort gibt es nicht. Ich muss jetzt los. Warte nicht auf mich, es kann spät werden.“ 

Irgend etwas stank hier zum Himmel. Nur was? Ich wusste, ich würde nun etwas tun, was ich noch nie getan hatte in unserer Ehe. Es konnte ja sein, dass er Sorgen hatte und diese vor mir verbarg? Oder hatte er gar seine Arbeit verloren? Im schlimmsten Fall ging er fremd.

Meine Nerven vibrierten als ich nach oben ging. Dort kramte ich in seiner Jackentasche, fand aber keinerlei Hinweise. Auch in seiner Hosentasche wurde ich nicht fündig. Also war alles in bester Ordnung. Ich wollte gerade wieder nach unten gehen, als mein Blick auf Heinos Aktentasche fiel. Neugierig öffnete ich den Reißverschluss und starrte auf irgendwelche Unterlagen. Darin sollte und wollte ich nicht herum schnüffeln. Aber einen Blick in seinen Terminkalender würde ich mir gönnen. Hatte ich wirklich vergessen dass er zu einer Besprechung musste. Neugierig blätterte ich durch die Seiten. Bei dem heutigen Datum waren nur drei Fragezeichen eingetragen. Was sollte das bedeuten? War er sich da noch nicht schlüssig? Ich staunte nicht schlecht, als ich in Abstand von drei Tagen, immer wieder diese Fragezeichen fand. Etwas segelte zu Boden. Ein kleines Stück Papier lag vor meinem Pantoffel. Mit gerunzelter Stirn bückte ich mich und griff danach, faltete ihn auseinander und las. Meine Sehnsucht ist unbeschreiblich G. „Och, Och, Och, Grrrrrrr...“

Mir wurde schwindelig. Wer war G.? Ich wühlte durch alle Seitenfächer der Tasche und hielt schon bald ein Passfoto, das geschickt zwischen Visitenkarten versteckt war, in den Händen. Das war also G. G war circa 30 -35 Jahre alt, rothaarig, langmähnig und hübsch. Auf ältere Herren mit Geld scharf und deshalb gut im Bett.

Ich zitterte am ganzen Körper, als ich alles wieder an seinen Platz beorderte. Jetzt nur nicht die Nerven verlieren. Heino war eindeutig im zweiten Frühling angekommen. Er holte sich den Braten, auf den ich immer verzichtet hatte. Wütend und verletzt legte ich mich ins Bett und grübelte.

Sollte ich Heino zur Rede stellen und sofort die Scheidung beantragen? Nein. Ich liebte den Luxus und das Haus. Außerdem wollte ich unseren Kindern das nicht antun. Sie lebten zwar ihr eigenes Leben, konnten aber immer noch einen nicht reparablen Schaden davon tragen. Mich bei Freundinnen ausheulen? Nein. Diese Titten konnten sowieso nichts für sich behalten.Aber irgendetwas musste ich tun. Nur was? Auf keinen Fall würde ich G kampflos hier einziehen lassen.
Ich merkte, dass es mir gar nicht so um Heino ging. Es ging um mein Zuhause, um meine Ehre, um meine verletzte Seele, um Betrug. Es ging um einen Braten, der mir versagt geblieben war.
 
Heino kam gegen vierundzwanzig Uhr zurück. Leise zog er sich im Bad um und schlich ins Schlafzimmer. Ich stellte mich schlafend. Aber es kribbelte in meinen Händen, zu gerne würde ich ihm jetzt einen Kinnhaken nach dem anderen verpassen. Aus dem Fenster schmeißen, das Genick brechen, ihn vergiften oder ihm die Kniescheiben zertrümmern. Aber ich verhielt mich ganz  still.
Drei weitere Tage noch und ich würde ihm folgen.

„Guten Morgen!“, rief Heino gut gelaunt. Griff nach einer Tasse und schüttete sich Kaffee ein. „Wer pfifftete, ich pfifftete... lalalalala... ich pfoff, ich pfoff... hohoho...“, sang er übermütig und klopfte mir auf den Hintern. Angewidert starrte ich aus dem Fenster, entknitterte aber schnell meine Gesichtszüge und sagte heiter: „Guten Morgen. Na, gut geschlafen? (Du Arschloch?) Wie war deine Besprechung?“ ( Du Hackgesicht?)

Heino setzte sich an den schon gedeckten Frühstückstisch und griff nach einem Brötchen. „Ach, immer der gleiche Mist“, antwortete er lahm. „Weiß gar nicht was das immer soll. Aber watt mutt, dat mutt.“

„Ja, ja“, murmelte ich. „So ist das nun mal. Und sonst?“ Unsicher schielte er mich über den Rand seiner Tasse an. „Wie meinst du das?“, stotterte er verlegen. „Sonst war nichts.“
In diesem Moment wünschte ich mir eine endlos lange Zunge, die ich um seinen Knitterhals schlingen würde, um ihn zu erwürgen. Aber ich spielte die Heitere und ließ mir nichts anmerken. „Ach, das sagte ich nur so,“, antwortete ich statt dessen. „Denke nicht drüber nach.“
Eine halbe Stunde später schnappte er seine Tasche und ging zur Arbeit.
Auf dem Weg zum Auto sang er laut. „Wer pfifftete, ich pfifftete ...lalalalala... ich pfoff, ich pfoff... hohoho.“ In meinem ganzen Leben, hatte ich noch nie, ein so bescheuertes Lied gehört.
 
Langsam erledigte ich meine Hausarbeit. Schleppte mich von Zimmer zu Zimmer und sann dabei auf Rache, als ein schwarzer Schatten an mir vorbei huschte. „Komm, folge mir...“,flüsterte er. „Folge mir...,folge mir...,komm.“ Mir wurde kotzübel. Jetzt halluzinierte ich auch schon vor lauter Wut. „Nein..., das tust du nicht“, hauchte der Schatten...“Folge
mir.“

Ich stellte meinen Schrubber ab und folgte dem Schatten, der langsam die Treppen herunter schwebte. „Komm..., folge mir...“  Er waberte unter die Kellertür hindurch und verschwand. Unschlüssig blieb ich stehen. Machte ich mich nicht gerade zum Affen? Doch da klopfte es auch schon von innen an die Tür. „Komm!“,  rief die Stimme befehlend. Also öffnete ich die Tür und stieg die Stufen nach unten. Aber wo war der Schatten geblieben? „Hier... komm hierher... komm...“

Aha, da war er ja. Er rannte immer wieder gegen eine Mauer und rief: „Hier wirst du es finden..., suche es..., komm...!“ Ich schluckte. Wen würde ich finden? „Was...“, hauchte der Schatten und seufzte. Ok, dachte ich und steuerte auf die Wand zu. Aufmerksam wanderte mein Blick über das Mauerwerk. Oh ja, waren da nicht ein paar Steine locker? Ich drückte mit meinen Händen dagegen und siehe da, die Steine ließen sich bewegen.  Aufgeregt entfernte ich sie. Ein Loch, na Klasse. Mehr nicht. Ich hatte ein Loch vor meinen Augen. Der Schatten seufzte. „Greif hinein..., schnell..., mach es...“, jammerte er.

Also tat ich auch dieses und hielt kurz darauf ein Buch in den Händen. 'Ich zaubere dich blamabel', las ich laut. Kaum hatte ich den Titel des Buches ausgesprochen, manifestierte sich der Schatten. 

Eine Frau, die ein grünes, langes Kleid trug und deren Gesicht von langen blonden Haaren umrahmt wurde, stand vor mir. Entsetzt wich ich zurück. „Wer bist du?“, flüsterte ich. Die Frau lachte leise und antwortete: „Ich bin die Hexe Fiona und möchte dir helfen. Lies in meinem Buch und nutze mein Wissen. Du hast das Hexenbuch gefunden und mich  von einem Fluch befreit. Danke.“ Sprach's und verschwand.

„Hallo, hier geblieben!“, schrie ich aufgebracht. Ich habe es nicht gefunden, du hast es mir gezeigt!“  Aber Fiona rührte sich nicht mehr.  Ein Blick kann nicht schaden, beschloss ich und setzte mich an den Küchentisch. Das Buch war alt und in schwarzes Leder gebunden. Ein Pentagramm aus roten Steinen zierte den Einband. Vorsichtig schlug ich es auf. Nicht tötende Zaubersprüche, stand auf der ersten Seite. Es wunderte mich, dass ich diese alte Schrift lesen konnte. Aber da hatte wohl diese Fiona nachgeholfen.

Aufmerksam las ich was dort geschrieben stand und überlegte anschließend, ob ich es glauben sollte oder lieber nicht. Angeblich war Fiona eine gute Hexe gewesen, die von 1612 – 1653 gelebt hatte. Die Schergen der Kirche  waren ihr stets auf den Versen gewesen und mit ihren nicht tötenden Zaubersprüchen hatte  sie diese auf Abstand gehalten. Aber  1653 erfasste der Zauber des Midion sie und  Fionas Leben endete auf dem Scheiterhaufen. Midion hatte so eine Angst vor ihr, dass er ihren Geist in das Buch bannte und dieses einmauerte. Mein Gott, unter unserem Haus war ein altes Fundament gewesen. Bingo.

Aber wie sah es mit den Zaubersprüchen aus? Funktionierten sie?  Ich nahm das Buch und machte es mir im Garten bequem. Jemanden ein Haarbüschel an der Lippe wachsen lassen, las ich. Ok, dass wollte ich versuchen. So ein Zufall, die gute Frau Kaiser von nebenan, die aus  Intrigen ihren Lebensquell zog, zupfte Unkraut. Jetzt wollte ich es wissen.

Haare der Frau Kaiser, murmelte ich. Ein Sprechgesang dröhnte in meinen Ohren. "Haarkus, Bararkus, Kämmalot... Haarkus, Bararkus, Kämmalot..." Mit trockenem Mund wartete ich auf das Ergebnis. Ein lauter Schrei und ich wusste, es hatte geklappt. Die Kaiser riss an etwas, das an ihrer Lippe hing und trampelte wie ein Pferd auf dem Rasen herum. „Was ist das!?“, hörte ich sie schreien. „Haare“, antwortete ich ehrlich. „Ganz viele. Sie sollten sich mal rasieren.“ Man, die wuchsen aber schnell, denn mittlerweile reichte das Büschel schon bis zu ihren Knien.

„Hilfe, Hilfe“, bettelte die Kaiser mich an. Oh Mann, wie machte ich den Zauber bloß rückgängig. Wie eine Besessene blätterte ich in dem Buch herum. Fand aber keinen Gegenzauber. „Aus!“, rief ich ratlos. „Aus! Aus! Aus!“  Und war überrascht, als es wirkte. So einfach war das also. Wünschen, geschehen lassen und beenden mit einem Aus. Das Buch hatte mich in seinen Bann gezogen und ich las und las. Es gab sogar einen drei Stunden Unsichtbarkeitszauber.  Genau den brauchte ich. Mein lieber Heino, zieh dich warm an, dachte ich. Jetzt kannst du was erleben. Du und deine G.

Die drei Tage plätscherten so dahin. Heino bemühte sich um Normalität und ich tat so, als wüsste ich von nichts. Ertrug seine Parfümwolke, seinen verliebten Blick, der nicht mehr mir galt und wusch weiterhin seine Sachen. Ich sagte auch nichts, als ich ein Etui mit einem zierlichen Armband in seiner Aktentasche fand. Schnüffeln war zu meiner Lieblingsbeschäftigung geworden.  Aber genau wie er, sehnte ich den Tag X herbei.

„Du weißt ja, dass heute wieder eine Besprechung ist“, erinnerte Heino mich gleich beim Frühstück. Ich nickte. „Klar, ich habe es nicht vergessen“, antwortete ich ruhig. „Wann bist du wieder hier?“, fragte ich beiläufig. Heino zuckte mit den Schultern. „Warte einfach nicht auf mich“, sagte er freundlich. „Du weißt ja, manchmal haben die so viel zu besprechen. Ok?“ Sicher war das ok für mich. Ich würde heute einen tollen Abend haben, das stand fest. Mit einem Bussi und einem misslungenem, 'Ich liebe Dich Blick' verabschiedete er sich von mir. Meine Güte, war das ein Schauspieler.  Dieser alte Sesselfurzer würde heute sein Fett abbekommen. Aber so richtig.

Endlich fiel die Tür hinter ihm ins Schloss. Vergnügt trällerte er sein,  Ach – was – bin – ich – doch - blöd - Lied  „Wer pfifftete, ich pfifftete …lalalalala... ich pfoff, ich pfoff... hohoho.“
Aber heute störte es mich nicht, im Gegenteil, dieses saudumme Lied bestärkte mich bei meinem Vorhaben. „Wer zaubert gleich, ich zaubere gleich... lalalalala... ich tu es, ich tu es... hohoho.“

Mit hochroten Ohren fischte ich nach dem Buch, dass ich  hinter meinen verstaubten Kochbüchern versteckt hatte und legte mich aufs Bett. Als erstes prägte ich mir den Unsichtbarkeitszauber ein. Als nächstes, alle kleinen, fiesen Zaubersprüche die ich anwenden wollte. Ich war eine Meisterin im auswendig lernen. Nach drei Stunden war es in meinem Hirn. Hurra.

Um fünfzehn Uhr setzte ich mich in meinen kleinen Fiat und fuhr in die Stadt. Telefonisch hatte ich bei einem Autohaus einen Leihwagen klar gemacht. Schließlich durfte ich nicht auffallen, wenn ich ihm folgte. Ich parkte in einer Seitenstraße und wartete auf Heino.

Sechszehn Uhr. Endlich. Nun würde es nicht mehr lange dauern. Da kam er auch schon. Beschwingt wie ein junger Gott stieg er in seinen Mercedes und fuhr los. Langsam, immer auf Abstand bedacht, folgte ich ihm. Er fuhr die üblichen Fremdgehläden an. Ein Badehaus für Männer, einen Frisör und einen Blumenladen. Ich schäumte vor Wut. Blumen... pah, wann hatte ich dass letzte Mal welche bekommen. „Du fremdgehender Urwaldaffe“, schimpfte ich laut. „Womit hat G. sich die verdient? Mit ihrem G – Punkt? Was hast du denn für Blumen? Sind es Gosen? Gulpen oder Gelken?“
Eine Frau, die auf der rechten Spur neben mir fuhr, schaute mich kopfschüttelnd an. „Popel jetzt“, sagte ich leise. Wieder dröhnte ein Sprechgesang in meinen Ohren. „Popolos – Fingerikus – Leckmichdoch.“

Ich lachte, als ich ihr verzweifeltes Gesicht sah. Sie kämpfte dagegen an, aber mein Zauber war stärker. Zitternd steckte sie ihren rechten Zeigefinger in die Nase und wühlte nach Schätzen. Anschließend..., na guten Appetit. An der nächsten Ampel bekam sie sogar Applaus. Aber nicht von mir. Ich sagte nur zufrieden „Aus.“

Heino verließ mit  mir im Schlepptau unsere Stadt und fuhr in den nächsten kleineren Ort. „Du bist ja ein ganz Ausgebuffter“, nuschelte ich. „Dann wollen wir doch mal sehen, was du als nächstes tust.“ Mittlerweile hatten wir  fast neunzehn Uhr und ich wurde ungeduldig.

Vor einem sehr teuer wirkenden Restaurant hielt er an. Stieg aus, wickelte das Papier von den Blumen, warf es in den Rinnstein ( Es waren Gosen) und ging auf einen roten Twingo zu.  Klopfte an die Scheibe und öffnete die Autotür. Lange, in Strumpfhosen steckende Beine schwangen auf den Gehweg. Wie eine Schlange schälte sie sich aus dem Innern des Autos. Stück für Stück. Bis ein kleines Schwarzes, gefüllt mit G. in seine Arme sank.
Jetzt war es an der Zeit meinen Unsichtbarkeitszauber zu sprechen.

„Du – Da – Bim – Kra -  Unsichtbar.“  Ich wartete den Sprechgesang ab und stieg aus. Die heißen Turteltäubchen waren nicht mehr zu sehen, aber ich würde sie schon finden. Da war ich mir sicher.

Nervös betrat ich das feudale Restaurant. Ein Gast guckte erstaunt, als sich die Tür öffnete und wieder schloss. Mehr nicht.  Es war schon komisch unsichtbar zu sein. Ich sah alles, nur mich nicht. Aber ich gewöhnte mich schnell daran.

„Gloria, mein Schatz“, hörte ich Heinos Stimme. „Mein Liebling, ich habe dich so vermisst“, säuselte er sabbernd. Das Blut in meinen unsichtbaren Adern kochte. Ich ging schnurstracks auf den Paravon zu, eilte an ihnen vorbei und stellte mich in eine schützende Ecke.
Das war also Gloria G – Punkt, die Dreißig bis Fünfunddreißigjährige, rothaarige Geliebte meines Mannes. Sie sah gut aus, dass musste ich ihr lassen. Aber ihr doofes Dauergrinsen schadete  ihrer perfekten Optik. „Heino“, hauchte sie schwach. „Mir ging es nicht anders. Ich liebe Dich doch so. Jede Sekunde ohne dich, ist wie Atmen ohne Luft für mich.“ Heinos Ego floss über den Tisch und ich wusste, jetzt musste ich meinen ersten Zauber anwenden. „Babysprache“, flüsterte ich atemlos und wartete.

„Hat du dass wiklich?“, plapperte Heino zuckersüß. „Oh, du kleines Putziputzi. Papa hat dich doch auch lieb. Komm gib mir ein dickes Schnullischnulli.“ Sprach es und  spitzte die  Lippen wie ein Karpfen. Gloria, die mit Heinos Babysprache gar nichts anfangen konnte, lachte affektiert und tat ihm den Gefallen. „Aus“, flüsterte ich siegessicher.

Mein guter Ehemann rutschte verlegen auf seinem Stuhl hin und her. „War nur ein Spass“, entschuldigte er sich schwitzend. „Blöder Spass, ich weiß.“  Gloria griff nach seiner Hand und antwortete: „Ich liebe Scherze. Du hast so viel Humor.“ Du hast so viel Geld, meinst du wohl, dachte ich sauer. Da kann man über einiges hinweg schauen. Ich überlegte mir gerade meinen nächsten Zauber, als ein junger Kellner an ihren Tisch trat. „Spreche in blöden Reimen“, flüsterte ich jetzt.

„Haben die Herrschaften schon gewählt?“, fragte er überfreundlich und schielte dabei auf Glorias tiefes Dekolleté. „Als Vorspeise, dass ist Weise, bitte eine leichte Speise“, legte Heino los. „Zwei mal Fischsuppe, aber ohne des Fisches Schuppe. Einmal für mich und einmal für meine Puppe. Als Hauptgang bitte den Butt. Aber nicht lebend, sondern kaputt. Zum Dessert bitte flambierte Weintrauben, die werde ich später der Liebsten ans Bein schrauben.“ Die Gesichtszüge des Kellners zuckten verdächtig, aber er antwortete höflich: „Sehr wohl, mein Herr.“

Ich war soweit, dass ich meinen unsichtbaren Kopf gegen die Wand haute, sonst hätte ich laut gelacht. Na ja und was unsichtbar gegen Wände knallt, kann etwas ganz normales sein. Auf jeden Fall störten die drei bis vier Knaller niemanden.

Heino wand sich wie ein Aal und lachte verlegen. „Dem habe ich aber eingeheizt“, sagte er mit zitternder Stimme. „Ich bin manchmal poetisch.“  Gloria G- Punkt lachte aus Sympathie mit.  „Das war wirklich klasse“, kicherte sie. Alberne Gans. Was war bitte schön Klasse gewesen? Heinos hirnlose Reimerei? Leidest du unter dem G- Punkt – Syndrom? Ich fasste es nicht.
Also musste ich härtere Geschütze auffahren. Damit wartete ich aber bis zur Vorspeise und beobachtete die Beiden bei ihrer liebestollen Balz.

„Zwei mal Fischsuppe“, sagte der Kellner und verschwand wieder. „Kampfpopel“, flüsterte ich. Die Beiden legten sich ihre Servietten über die Oberschenkel und griffen nach ihren Löffeln. Nicht beim ersten, nein beim zweiten Löffel Fischsuppe, lief plötzlich Heinos Nase. Entschuldigend zückte er sein Taschentuch und schnäuzte sich. Faltete es zusammen und erschrak. Ein langer Schleimfaden verband Nase und Taschentuch. Mit hochroten Gesicht versuchte er sich noch einmal an seiner Nase. Vergebens. Er zog nach rechts, er zog nach links, doch immer länger wurd das Dings. Gloria G – Punkt würgte und griff sich an den Hals. Grrrrpaaaatsch..., ein Geräusch wie Suppe rückwärts, hallte durch das gut besuchte Lokal. Zufrieden sagte ich „Aus.“

Klatsch Peng, der langgezogene Kampfpopel trennte sich von dem Taschentuch und klatschte Heino mitten ins Gesicht. Wie eine glitschige Wabbelschlange, deren Ende angstvoll zitterte. Gloria G- Punkt hatte sich wieder gefangen und versuchte ein Lächeln. „Gebissreiniger“, flüsterte ich schnell. Heino schwitzte und suchte nach einer Entschuldigung. Fächelte sich mit dem Bierdeckel Luft zu und tupfte sich die Stirn ab. Dann zog er sein oberes Gebiss aus seinem Mund, steckte es in sein Weinglas, spülte es gut durch und stülpte  wieder auf seine Kauleiste. Durstig setzte er sein Weinglas an. „Grrrrpaaaatsch“  Suppe nochmals rückwärts und ich rief „Aus“

Der G – Punkt war mit den Nerven am Ende, dass sah ich und freute mich tierisch. „Ich möchte gehen“, sagte sie schroff. „Was ist nur los mit dir?“ Heino tat mir schon fast leid, aber was er dann sagte, schnürte mir die Kehle zu. „Das ist nur“, stotterte er. „Wenn ich daran denke, dass ich gleich zu meiner Frau zurück muss, da wird mir ganz anders. Sie ist nicht ganz normal im Kopf, weißt du. Ihre ständigen Blähungen ertrage ich nicht mehr. Sie sabbert und wiegt 120 Kilo.“
Ich tobte in meiner Ecke. Hatte er mich gerade als einen sabbernden, furzenden Fleischberg beschrieben? Das letzte bisschen Gefühl in mir erlosch. Tränen rannen aus meinen unsichtbaren Augen und tropften zu Boden.

„Hier ist eine Leitung undicht“, sagte Heino lahm. „Es tropft von der Decke. Komm ich bringe dich zum Auto.“  Während G –  Punkt nach ihrer Tasche griff, rief Heino nach dem Kellner. „Zahlen bitte.“ Er zückte seine Brieftasche und Gloria G – Punkts Blick fiel auf etliche Euroscheine. „Ach, Liebster“, hauchte sie verführerisch. „Wir sollten in ein Hotel gehen und über unsere gemeinsame Zukunft reden. Ich wusste nicht, dass so etwas zu Hause auf dich wartet. Du tust mir leid.“ Erleichtert öffnete Heino seine Arme und drückte sie an sich. „Ich danke dir mein Engel“, hauchte er demütig. Dann griff er in seine Jackentasche und überreichte ihr das Armband.

Traurig schaute ich ihnen nach. Das war es dann wohl gewesen. Mein Mann würde sich gleich von G – Punkt verführen lassen, morgen die Scheidung verlangen, mich später aus dem Haus klagen und sie würde einziehen. „Denk nach“, hörte ich Fionas Stimme in meinem Kopf. „Gib nicht auf und folge ihnen. Du wirst das Richtige tun. Regel dein Leben.“ Und ich folgte ihnen.

Heino und Gloria hielten vor einem kleinen Hotel. Ich verlängerte meinen Unsichtbarkeitszauber und schloss mich ihnen an. Sie bestellten Sekt und machten es sich bequem. Gloria setzte sich auf Heinos Knie und streichelte ihn. „Sag mal“, flüsterte sie ihm zu. „Wie stellst du dir dass mit uns vor?“ Heino räusperte sich. „Ich werde meiner Frau alles sagen und die Scheidung verlangen“, antwortete er. „Wir werden uns ein neues Leben aufbauen, du und ich.“
Also doch, ich wurde weggeworfen wie ein kaputtes Hemd. Aber wollte ich ihn überhaupt noch? Nein, ich wollte nicht. Ich wollte nur eines, ihn richtig fies demütigen. So wie er mich gedemütigt hatte. Jetzt und hier. Dann würde ich gehen. „Richtig“, hörte ich Fionas Stimme.

Es kam wie es kommen musste. Sie landeten eng umschlugen auf dem großen Bett und liebten sich. Ich betrachtete seinen schlaffen Körper und hörte sein abartiges Keuchen. Sah ihren jungen, straffen Körper, die Abneigung in ihren Augen, hörte ihre gespielten spitzen Schreie und flüsterte verschiedene Zaubersprüche. "Bravo", flüsterte Fiona. "Ich gehe nun, du hast es geschafft."

Auf Heinos Nase tummelten sich bald dicke, schwarze Mitesser, die Augen quollen aus seinen Höhlen und baumelten vor ihrer Nase hin und her, sein Gebiss rutschte ihm heraus und die letzten unteren Zähne verschluckte sie, als er sie küsste. Aber mein Finale stellte alles andere in den Schatten. Seinen Höhepunkt erlebte er gleichzeitig mit einem Abgang von den schlimmsten Blähungen, die ihn je geplagt hatten. So viel zu dem sabbernden, furzenden Fleischberg der ich nicht war und auch niemals sein würde. Müde sagte ich „Aus“ und ließ sie allein. Gloria folgte mir würgend und schreiend in die rabenschwarze Nacht.

Heute lebe ich in Malibu und gehe bei Millionärs ein und aus. Sie schätzen meine Arbeit und ich verdiene so meine Milliönchen an ihnen.  Wie? Na wie wohl. Meine Arbeit ist so gefragt, dass ich kaum nachkomme.

Heino hat mich nie mehr wiedergesehen. Er ist der Letzte an den ich einen Gedanken verschwende. Ich weiß aber, dass er Gloria G - Punkt geheiratet hat. Heino hatte sich in eine Filiale, die in den Vereinigten Staaten tätig ist, versetzen lassen. Die gute Gloria schmiss sein Geld mit vollen Händen aus dem Fenster und ruinierte ihn finanziell. Dann verließ sie ihn. Das Letzte was ich von ihm weiß, ist, dass er zur Zeit zahnlos durch Seattle irrt. Meine Kinder kommen mich oft besuchen und dass freut mich. Ich habe einige Korrekturen an mir vornehmen lassen und kann mich kaum retten vor reichen, heiratswilligen Kandidaten. Aber Männer sind das Letzte was mir zum Glück fehlt. Ich habe meine Arbeit, Spass, Abwechselung und Geld. Reicht das nicht?
 

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