Krise in der Hölle
„Cool"! Entzückt nahm Luzifer die Sonnenbrille ab und drehte sich einmal um die eigene Achse. „Das ist ja noch abgefahrener, als ich es erwartet habe!" Er fühlte sich in dem düster-dunklen Gang sofort heimisch, erinnerte der mit seinen hohen Decken doch an ein Grabgewölbe. Auch die abgestandene, nach altem Schweiß, Existenzängsten und Beamtenmief riechende Luft sagte ihm mehr als zu. „Mensch, diese Location könnten wir unten prima gebrauchen, dann wäre endlich mal wieder Leben in der Bude", beschloss er.
„Du musst eine Nummer ziehen!"
Erst jetzt nahm Luzifer die fast durchscheinend wirkende Gestalt wahr, die sich unter das einzig etwas Tageslicht spendende Oberlicht gesetzt hatte.
„Was machst du denn hier?" fragte er verblüfft.
„Die Frage kann ich zurückgeben", war die Antwort.
„Na ja, es ist eben alles nicht mehr so, wie es mal war, das weißt du doch selbst."
„Wie wahr, wie wahr." Gott nickte zustimmend.
„Zum einen gibt es kaum noch Kunden, die sich wirklich fürchten. Die haben scheinbar alle schon die Hölle hier auf der Erde hinter sich. Mit der Vorhölle brauchst du denen gar nicht erst kommen, da reagieren die gar nicht drauf und die schwereren Geschütze, wie das Fegefeuer und die ewige Verdammnis, können auch nicht mehr so richtig schrecken. Meine Gehilfen bekommen reihenweise Depressionen und stürzen sich selbst ins Feuer, weil sie mit dieser unhaltbaren Situation nicht klarkommen."
„Bei uns sieht es ähnlich aus. Kein Mensch ist dankbar dafür, die ewige Glückseligkeit zu erhalten. Sie meckern und jammern, wollen ein Animationsprogramm, statt der immerwährenden Ruhe. Wollen Fitness und Nordicwalking, statt einfach mal auszuschlafen. Selbst Gabriel, den sonst wirklich nichts aus der Ruhe bringt, ist ein nervliches Wrack."
Jetzt war es an Luzifer, zustimmend zu nicken. „Deshalb suche ich Veränderung, dazu ist man nie zu alt. Letztens hatte ich eine rabenschwarze Seele zur Läuterung unten, derer ich mich persönlich annahm. Wie ich bereits erwähnte, haben wir im Moment einen akuten Personalmangel. Um es kurz zu machen - Diese wirklich rabenschwarze Seele ließ sich einfach nicht läutern. Was... sagt sie, ihr hier wollt mir Angst machen? Na dann geht doch mal ins Sozialamt von Notulm und beantragt Hartz IV. Da könnt ihr Höllenqualen erleben, dagegen ist das hier ein Spaziergang.'"
„Hartz, Hartz ..." nachdenklich kratzte sich Gott den Kopf. „Den Namen kenne ich irgendwoher. Ja, stimmt, der hat doch Hausverbot bei uns."
„Genau", pflichtete Luzifer bei. „Auch mir kam der Name gleich bekannt vor. Hartz steht auf meiner VIP-Liste. Wenn der mal bei uns einfährt, dann ist er mit höchster Priorität zu behandeln! Jedenfalls schaue ich mich hier mal um und frage gegebenenfalls nach einem Job in gehobener Position. Was ich hier so sehe, das gefällt mir wirklich gut." Er musterte seinen gegenüber misstrauisch. „Du hast doch wohl nicht vor, mir den Job hier wegzuschnappen, oder?"
In diesem Moment klickte ein uhrartig aussehender Automat und zeigte eine neue Zahl an. Gott erhob sich umständlich. „Ich bin dran, wenn du willst, kannst du gleich mitkommen."
Das ließ sich Luzifer nicht zweimal sagen und bald saßen die Beiden einem Beamten gegenüber, der sie genervt musterte. „A-ha, die Herren laufen gleich zu zweit hier auf. Was wollen sie also?"
Gott lächelte ihn milde an. „Ich bin arbeitssuchend und war auch schon beim Arbeitsamt, aber dort habe ich die Auskunft erhalten, dass ich nicht genügend qualifiziert und deshalb schwer zu vermitteln bin, denn ich kann über meine bisherige Tätigkeit keine ausreichenden Zeugnisse beibringen, jedenfalls nicht in schriftlicher Form. Deshalb hat man mich zu ihnen geschickt, sie sollen mir weiterhelfen..."
Er wurde unwirsch unterbrochen. „Was heißt das, sie können keine schriftlichen Zeugnisse beibringen? Sie haben also keine vernünftigen Unterlagen, haben wohl nicht gearbeitet. So was mögen wir schon gerne hier. Wie soll man denn da vernünftige Berechnungen anstellen?"
„Ich möchte nicht berechnet werden, ich suche Arbeit."
An dieser Stelle räusperte sich Luzifer dezent. „Wenn ich mal unterbrechen darf: auch ich suche Arbeit und das Klima hier bei ihnen würde mir außerordentlich zusagen. Ich wäre wie geschaffen für eine Karriere in ihrer Behörde. Ich habe natürlich auch keine schriftlichen Zeugnisse, könnte allerdings einige eloquente Seelen dazu bringen, mir eine entsprechende Empfehlung auszusprechen, vielleicht auch in schriftlicher Form. Wenn sie Referenzen von Cato, dem Älteren und Perikles akzeptieren würden? Oder doch lieber von Lenin und Harry S. Truman?"
Der Beamte stutzte einen Moment, dann polterte er los. „Passen sie mal auf, verarschen können sie sich alleine. Ich habe keine Zeit für ihr schizophrenes Gesabbel." Er zog einen Packen Papier aus seiner Schreibtischschublade. „Hier, diese Formulare füllen sie mir sorgfältig, ich wiederhole, sorgfältig, aus und dann können sie sich erneut hier einfinden. Guten Tag." Er wies mit der ausgestreckten Hand auf die Ausgangstür.
„Verflixtes helles Licht", murmelte Luzifer und setzte sich die Sonnenbrille wieder auf. Er schaute unschlüssig auf die Formulare, die er immer noch in der Hand hielt. „Diese Aktion ist ja wohl ziemlich in die Hose gegangen, was."
„Hab dich nicht so, Luzi!" Gott schlug ihm aufmunternd auf die Schulter. „Wenigstens haben wir es versucht."
„Da hast du Recht, mein Lieber, ich glaube wir lassen alles so, wie es ist, denn ich denke, dieser Menschheit ist nicht mehr zu helfen. Sie schafft sich ihre Hölle ganz von allein. Vielleicht sollte ich über meinen Ruhestand nachdenken...Gehst du noch einen mit mir trinken, oder musst du gleich wieder nach oben?"
Gott grinste ihn fast diabolisch an. „Nö, auf ein paar Jahrhunderte mehr oder weniger kommt es mir nicht an..."
habe sie gleich zweimal gelesen klat*