Bernhard
„Wie sehe ich aus?" Alice stand in der Zimmertür und grinste ihren Ältesten an. Sie hatte heute ihr erstes Internet Date und sich entsprechend aufgebrezelt. „Mutter, dieser Rock ist zu kurz!" Sven musterte sie von oben bis unten. „Und überhaupt, musst du dich schminken, in deinem Alter?" Alice stöhnte theatralisch. „Du bist ja schlimmer als die Oma. Die hat mich letztens mal in Unterwäsche gesehen. Weißt du was sie gesagt hat?" Jetzt war es an Sven, zu stöhnen. „Keine Einzelheiten bitte." Anna, Svens Freundin kam ins Zimmer. „Lass dir nichts einreden, du siehst toll aus. Was hat die Oma gesagt?"
„Na sie hat mich gemustert und dann ganz streng über ihren Brillenrand geguckt. ‚Das ist keine anständige Unterhose, was du da an hast, mein Kind, da ist entschieden zu wenig Stoff dran! Wo ist dein Unterhemd, denkst du denn gar nicht an deine Nieren! Und überhaupt, unsere Strümpfe früher haben völlig anders ausgesehen! Wo ist denn dein Strumpfhalter'?"
„Genau das wollte ich jetzt wissen! Könnt ihr eure Weibergespräche vielleicht draußen führen?", Sven was not amused. „Ich werde mal mit meinem kleinen Bruder beratschlagen, wie wir einen möglichen ‚Ersatzvater' in die Flucht schlagen können." Mit diesen Worten trollte er sich in das Zimmer seines Bruders. „Stör´ dich nicht an dem Quatschkopf", Anna musste lachen." Viel Spaß."
Alice betrat das „Extrablatt" und schaute sich suchend um. Seltsam, obwohl sie spät dran war, schien ihre Verabredung noch nicht eingetroffen zu sein und so setzte sie sich erst einmal an einen Bistrotisch. Er war Polizeibeamter, ein gut aussehender Mann, der sich selbst als treu, großzügig, aufgeschlossen und sehr nett schilderte. Seine Emails klangen ein wenig langweilig, aber vielleicht war er einfach kein großer Briefschreiber. „Da sind sie ja, haben sie mich gar nicht gesehen?" Der Mann hatte wenig mit dem Foto gemein, das sie von ihm bekommen hatte. Eine gewisse Ähnlichkeit war zwar vorhanden. Sie musste sich den Herrn nur weniger faltig, ausgemergelt und verhärmt, mindestens zehn Jahre jünger und mit vollem Haupthaar vorstellte. „Ich habe schon auf sie gewartet", er schaute sie streng an. „Ich schätze eine gewisse Pünktlichkeit, das ist ja bekanntlich die Höflichkeit der Könige. Schwamm drüber, jetzt sind sie ja hier. Möchten sie etwas trinken?"
„Ja gerne, eine Cola." Das fing ja gut an.
„ Cola kann ich nicht vertragen. Sie müssen wissen, dass ich magenleidend bin. Ich bevorzuge Tee und stilles Mineralwasser und ich ernähre mich vegetarisch." Alice schaute sich demonstrativ die Speisekarte an. „Ich hätte gerne ein Burrito, dazu bitte eine doppelte Portion Pommes mit Majo." Die Bedienung notierte die Bestellung und Alice wandte sich dem sichtlich entsetzten Polizisten zu. „Ich esse unheimlich gerne Fleisch!"
„Ähm, ja, " er nippte an seinem Tee. „Wo wir doch so nett zusammen sitzen, wollen wir uns nicht duzen? Ich bin der Bernhard, wie sie wissen." Solange sie mit diesem ausgemergelten Meckerer keinen Bruderschaftskuss tauschen musste, war Alice alles Recht. „Ja sicher, Bernhard, oder soll ich Bernie sagen?"
„Bitte Bernhard, meine Liebe", wieder ein strenger Blick. „Ich halte gar nichts von dieser Unsitte, die schönen deutschen Namen zu verniedlichen." Alice suchte nach einem unverfänglichen Gesprächsthema. „Hast du schon länger Probleme mit dem Magen?" Das war Bernhards Stichwort. Er holte tief Luft und erzählte seine Leidensgeschichte. Man verstand ihn nicht. Nicht in seiner Dienststelle, nicht privat. Seine Frau hatte sich scheiden lassen und überhaupt wurde er überall verkannt. Deshalb auch die Magenprobleme. Der Burrito kam, Alice verspeiste ihn genüsslich, nickte ab und zu mitfühlend und hörte nicht mehr zu.
„...ist dir 22 Uhr Recht?" Alice erwachte aus dem Koma, denn Bernhard war am Ende seiner Leidens- und Lebensgeschichte angekommen und erwartete scheinbar eine Antwort. „Ja", sagte sie erst mal probeweise. Bernhard strahlte, soweit ihm das bei seinem mürrischen Gesicht möglich war. „Das ist schön, ich freue mich."
„Worauf jetzt genau? " fragte Alice vorsichtig. „Aber, aber, meine Liebe, willst du mich foppen? Samstag, soll ich dich abholen, oder treffen wir uns gleich im Tanzlokal?" Verflixt, da hatte sie wieder mal einen schönen Mist gebaut. Hätte sie lieber mal besser zugehört. Das fehlte noch, dass dieser magersüchtige Langweiler sie von zu Hause abholte. „Wir treffen uns lieber gleich im Lokal, wo war das jetzt noch mal?"
„Meine liebe Alice, an deiner Konzentrationsfähigkeit müssen wir aber gelegentlich arbeiten. Es war das ‚Casablanca', dort ist mein Chef, wie ich bereits erwähnte, Stammgast." In Alice kochte es, wenn Bernhard noch einmal diesen salbungsvollen Ton anschlug und ‚meine Liebe' zu ihr sagte, dann würde sie ihm seinen Kamillentee über den Kopf schütten, Polizist oder nicht! „Ich muss jetzt wirklich los. Ich habe noch einen Termin, den hatte ich ganz vergessen." „Ts-ts-ts", Bernhard wusste nicht, wie hart er am Abgrund stand. „Konzentration, meine Liebe und nicht vergessen: Samstag, 22 Uhr im Casablanca." Ungeduldig winkte Alice der Bedienung, die auch sofort zur Stelle war. „Zahlen sie getrennt oder zusammen?" Bernhard musste nicht lange nachdenken: „Selbstverständlich getrennt!"
„Ach lass mal, Bernhard, ich bezahle dein Teechen mit, schließlich bin ich emanzipiert!" meinte Alice und grinste der Bedienung zu.
***
„Versprochen war Versprochen", dachte Alice, als sie ihr Auto auf dem Parkplatz der Disco abstellte. Sie würde den Abend nett hinter sich bringen, Bernhard erklären, dass ein weiteres Treffen nicht in ihrem Sinne wäre und zur Tagesordnung über gehen. Wie zu erwarten, war das Casablanca um diese Uhrzeit nicht gerade überfüllt. Bernhard war nicht zu übersehen, denn er trug ein ziemlich kariertes Sakko. „Hallo, dieses Mal bist du fast pünktlich", meinte er, nicht ohne noch einmal auf seine Uhr zu schauen. „Hallo", antwortete Alice schwach, mit diesem Sakko hatte sich nicht gerechnet. „Heute keinen Tee?"
„Nein, ich trinke ausnahmsweise Cola light, wie du ja siehst."
„Geschüttelt oder gerührt", das konnte sich Alice jetzt nicht verkneifen. „Haha, das ist witzig", Bernhard ließ sich nicht die Stimmung verderben. „Möchtest du tanzen?"
„Ja, gerne", Alice beschloss das Beste aus dem Abend zu machen. Auf der Tanzfläche drehten sich schon einige Paare. Bernhards Tanzstil passte zum Sakko, er war ziemlich kariert. Wieder zurück an ihrem Platz, ergriff Alice die Gelegenheit: „Hör mal Bernhard, ich muss dir etwas sagen. Das wird wohl nichts mit uns..." „Ja, das dachte ich auch schon", antwortete Bernhard zu Alices Verblüffung. „Du hast einige Eigenschaften, die mir nicht so gut gefallen und mit denen ich mich nicht abfinden könnte: Du bist unpünktlich..."
„Genau", unterbrach Alice ihn eifrig, „ und ich bin so unaufmerksam und höre nie richtig zu. Überhaupt – ich könnte niemals auf´s Fleisch verzichten. Das könntest du als Vegetarier auf Dauer bestimmt nicht ertragen." Bernhard schaute leicht irritiert. „So ist es."
„Dann lass´ uns heute einfach nur Spaß mit einander haben und ansonsten weiter nach dem Idealpartner suchen!" Alices Laune hob sich um einiges. „Los, jetzt wird noch einmal getanzt!" Sie zog Bernhard auf die Tanzfläche und plötzlich machte ihr weder sein seltsames Sakko, noch sein Zappeltanzstil etwas aus. Auch Bernhard wurde um einiges lockerer. Grinsend drückte ihm Alice einen Kuss auf die Wange und versuchte ein wenig mit ihm zu flirten, was sich als nicht so leicht herausstellte, denn Dienstgespräche lagen ihm mehr.
So wurde aus dieser verunglückten Verabredung doch noch ein netter Abend. Man trennte sich im beiderseitigen Einvernehmen und mit der festen Absicht, den Anderen nicht wieder zu sehen.
Eben, aber selbst ne Krankenschweste r ist nicht soo leidensfähig. schli*