Clooney für die Westentasche
Alice wollte sich mit Andrew, dem ‚Clooney für die Westentasche', wie ihn ihre Freundin Maggie spöttisch nannte, treffen. Der Bahnhof schien ihr geeignet, denn so konnte sie sich den Wartenden in Ruhe anschauen und gegebenenfalls direkt kehrt machen. Frau lernte ja aus ihren Erfahrungen. Wie gewöhnlich kam Alice ein wenig zu spät und erkannte Andrew schon von weitem. „Hallo, ich bin Alice und du bist Andrew, richtig." Abschätzend schaute er sie von oben bis unten an. „Ja, richtig. Schön das du da bist. Wollen wir einen Kaffee trinken?" Das klang doch schon mal gut. Die Unterhaltung beim Kaffee war kurzweilig und nett, bis Andrew von seinem großen Hobby erzählte. Er schien ein ausgesprochener Sportfreak zu sein: „Meine Freizeit gestalte ich nach Möglichkeit Outdoor. Ich fahre gerne Fahrrad und wenn es geht, mache ich große Touren, die letzte habe ich zum Hermannsdenkmal gemacht."
„Aber das sind doch wenigstens 150 km." Alice war fassungslos. „ Die hast du mit dem Fahrrad zurückgelegt? Warum das denn?"
„Aber, aber, wie ich bereits sagte ist Bewegung mein Lebenselixier. Wenn ich nicht draußen fahren kann, dann nehme ich regelmäßig am Indoorcycling im Fitnesscenter teil. Beim Spinning kann ich erst so richtig entspannen. Das ist für mich wie Meditation. Hinterher ein schöner Salat und schon ist der Tag in Ordnung."
Alice blickte ihn zweifelnd an. „Ich mache wirklich gerne Sport, aber das Spinning gehört nicht zu meinen bevorzugten Sportarten. Man kommt so gar nicht von der Stelle und 150 km fahre ich dann eher mit dem Auto! "
„Vielleicht könnte ich dein Interesse dafür wecken. Ich stelle es mir schön vor, einmal einen gemeinsamen Ausflug zu unternehmen und unterwegs die Natur zu genießen."
„Die Natur genießen, dagegen ist nicht zu sagen, aber das muss doch nicht unbedingt von Fahrrad aus sein. Auch kann ich mir nettere Methoden vorstellen, um in Bewegung zu sein." Andrew ließ sich nicht von seinem Sporttrip abbringen. „Joggen ist natürlich auch eine Möglichkeit, aber das machen meine Kniegelenke das nicht mehr mit."
„Ach und das Fahrradfahren ist nicht belastend für die Kniegelenke?" fragte Alice verblüfft.
„Man muss eben etwas für seinen Body tun und wie ich bereits anmerkte, Sport ist mein Leben." Alice betrachtete den Sportfanatiker noch einmal kritisch. So toll sah er eigentlich doch nicht aus und mit George Clooney ließ er sich auch nicht vergleichen. Und sie hatte sich, auf Maggies Anraten hin, für dieses Treffen einen Pushup mit extra großen Silikonpolstern zugelegt! Dieses unglaubliche Teil ließ ihren Busen mindestens doppelt so groß erscheinen, als er in Wirklichkeit war. Doch erschien ihr diese Investition inzwischen mehr als zweifelhaft. „Kaffee habe ich genug getrunken", meinte sie. „Vielleicht sollten wir es für heute gut sein lassen."
„Aber der Abend hat doch gerade erst angefangen, sollen wir nicht noch etwas unternehmen?" Andrew schaute enttäuscht drein.
„Na gut, in der Nähe ist ein Pub, den ich mir schon lange einmal anschauen wollte." Alice wusste sowieso nichts mit dem angebrochenen Abend anzufangen, dann konnte sie ihn genau so gut mit Andrew verbringen und sie hatte sich wirklich schon lange vorgenommen, den Pub einmal zu besuchen.
„Hier ist es wirklich gemütlich, nicht wahr!" das Lokal gefiel Alice ausnehmend gut und ihre Laune hob sich zusehends.
„Ja es ist ganz nett. Aber was ich noch erzählen wollte: Es wäre mein Traum mit dem Fahrrad durch ganz Deutschland zu fahren. Stell dir das einmal vor." Das wollte sich Alice wirklich nicht vorstellen und versuchte das Thema zu wechseln. „Wie sieht es denn mit einem anderen Zweirad aus? Was hältst du von Motorradfahren? Mit einer Maschine durch ganz Deutschland zu düsen, das könnte ich mir sehr gut vorstellen."
„Davon halte ich gar nichts. Das Motorradfahren ist eine gefährliche Sache. Wie schnell man damit verunglücken kann. Das Fahrrad ist im Gegensatz dazu eines der sichersten Transportmittel." Es war hoffnungslos. Andrew ließ sich nicht von seinem Fahrradtrip herunterholen und Alice gab es auf. Sie ließ ihn einfach reden, warf ab und zu ein paar bejahende Worte ein, oder nickte zustimmend. Bald drängte sie darauf, den Abend zu beenden.
„Das war wirklich ein schöner Abend, den wir bald mal wiederholen sollten", meinte Andrew, als er sie zu ihrem Auto begleitete. Alice brummelte zustimmend, nahm sich aber vor, weitere Treffen mit ihm abzuwimmeln. Sie war umfassend über das Fahrradfahren informiert worden und legte keinerlei Wert auf weitere Crashkurse darüber. Am Auto angekommen hielt Andrew ihr die Fahrertür auf und stieg anschließend, zu ihrer Überraschung, an der Beifahrerseite ein. „Was gibt das denn?" fragte Alice belustigt.
„Na ein so schöner Abend sollte doch auch angemessen abgeschlossen werden", meinte Andrew und küsste sie, während er gleichzeitig die Hand in ihren Ausschnitt schob. Jetzt wurde Alice wirklich sauer. Was dachte sich dieser Typ eigentlich. Erst hatte er sie den ganzen Abend mit seinen Sportgeschichten gelangweilt und jetzt gedachte er sie zu betatschen? Und das auch noch mitten auf dem Parkplatz? Für solche Kinderspielchen war sie entschieden zu alt. Doch ehe sie reagieren konnte, regelte sich diese Geschichte von allein, denn Andrew hatte, statt ihres Busens das Silikonpolster in der Hand. Er zog die Finger zurück, als hätte er sie sich verbrannt. „Äh, ich will dann mal gehen", mit diesen Worten stieg er aus. „Ja, besser ist es", meine Alice trocken und richtete ihre verschobene Silikoneinlage.
Gruß Gisela
Liebe Grüße von Gisela