Der Ladendieb
Willi Wunderlich war etwas träge geworden. Die regelmäßige Arbeit im Schuhgeschäft, die gemütlichen Abende zu Hause und die hervorragende Küche seiner Frau hatten dazu beigetragen, dass er in den letzten Jahren seine sportliche Figur verloren hat. Ja, auch das regelmäßige Handballspiel hatte er nach der Heirat aufgegeben.
Schwerfällig bediente er kurz vor Feierabend einen jungen Mann, ein Kunde wieder mal, der sich nicht entschließen konnte und dann, zu Willis Verdruss, ohne etwas zu kaufen, aufstand und grußlos an der Theke vorbei zum Ausgang marschierte.
„Schnösel“, brummte Willi verärgert, räumte die verschmähten Schuhe in ihre Kartons ein und stapelte sie auf den Armen. Er wollte möglichst in einem Gang alles wegbringen. Aber die Schuhkartons fielen zu Boden, als Willi plötzlich den Hilfeschrei seines Chefs hörte:
„Haltet den Dieb!“
Ohne lange zu überlegen stürzte Willi hinter den beiden her. Sein Herz klopfte aber schon nach wenigen Metern und so blieb er schnaufend stehen, verfolgte Chef und Dieb nur noch mit den Augen.
„Was ist los?“ fragte Elke Sommer und kam auf ihn zu. Sie war mit Willi zur Schule gegangen und arbeitete seit einem halben Jahr im benachbarten Café. Sie wird immer hübscher, dachte Willi, laut aber sagte er:
„Ein Dieb, wer hätte das gedacht, erst lässt er mich Berge von Schuhen anschleppen, dann kauft er nichts und so im vorbeigehen beklaut er uns auch noch.“
Da kam der Chef heftig prustend zurück und die beiden Männer gingen zusammen zum Laden. In der großen Glastür spiegelte sich Elkes rotes Kleid, als sie den beiden nachschaute.
„Ärgerlich, dass er uns entkommen ist“, sagte Willi zu seinem Chef.
„Naja, es war ja nur ein Paar Socken“, antwortete dieser, „ich habe wohl etwas überreagiert.“
Willi hielt ihm die Tür auf, dann aber blieben beide wie angewurzelt stehen. Die Ladenkasse war weit aufgerissen. Und leer! Die Tageseinnahme war weg.
„Ein Trick, ein fauler Trick!“ schrie der Chef außer sich.
Willi wurde blass. Er hat nur wenige Meter von der Tür entfernt gestanden. Er hätte den zweiten Dieb doch sehen müssen. Hatte die hübsche Elke ihn absichtlich abgelenkt?