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Bertram auf Brautschau

„Meinst du wirklich, Mutti? Ich weiß nicht ob ich das möchte!“ Bertram schaute leicht verzweifelt aus der Wäsche, was seine Mutter nicht davon abhielt weiter energisch auf ihn einzureden.
„Doch, Berti, glaube mir. Immerhin bist du schon über 40. Es ist wirklich das Beste für dich. Schau mal, ich werde älter und bin nicht für immer auf dieser Erde. Wer soll denn für dich sorgen, wenn ich nicht mehr da bin.“
„Ach Mutti, meine Hemden kann ich alleine bügeln und wie man sauber macht hast du mir doch schon längst beigebracht! Wozu brauche ich also eine Frau!“
Jetzt wurde Bertram wirklich besorgt, denn seine Mutter hatte es sich in den Kopf gesetzt, ihn zu verheiraten. Er wusste aus Erfahrung, dass er ihr wenig entgegenzusetzen hatte. Wenn Mutti etwas wollte, so setzte sie sich eigentlich immer durch.
Seit sein Vater gestorben war hatte Mutti darauf bestanden, dass er sie überall hin begleitete, wie es der Vater in den letzten Jahren getan hatte. So traten Berti und Mutti meist im Doppelpack auf, was in der Verwandtschaft zunächst auf Kopfschütteln und später auf ein mildes Grinsen stieß. Schließlich nahm man die traute Zweisamkeit hin, Berti und Mutti, das gehörte zusammen wie Laurel und Hardy. Und so gaben sich die Beiden auch: Während Mutti, wohlbeleibt,  Lebensweisheiten von sich gab, alles und jeden kritisierte und allzu gerne das Wort ergriff, saß der rappeldürre Berti meist stumm dabei und kratzte sich ab und zu den Kopf.
Und jetzt das; Bertram verstand die Welt nicht mehr. Es war doch alles perfekt, er fühlte sich wohl mit seiner Mutter, denn nur sie verstand ihn wirklich. Warum also sollte er sich jetzt plötzlich eine Frau suchen?
„Hörst du mir überhaupt zu? Ich kriege schon wieder Herzschmerzen! Da siehst du, was du wieder einmal angerichtet hast!“ Ihre schrille Stimme holte ihn zurück in die raue Wirklichkeit und Bertram schüttelte kurz den Kopf.
„Ich hole dir sofort deine Medizin, Mutti, und dann legst du dich einfach hin. Das ist ja auch alles zu viel für dich. Die vielen Sorgen, die ich dir mache und dazu noch meine undankbare Schwester, die sich überhaupt nicht um dich kümmert!“
Im Gegensatz zu Bertram hatte die Tochter des Hauses sehr schnell bemerkt, wie die Mutter gestrickt war und eine gewisse Distanz zu ihrem Elternhaus geschaffen. Sie ließ sich sporadisch blicken und war schnell wieder verschwunden.
So kümmerte sich Bertram erst einmal um seine Mutter, die wirklich auf das Sofa sank und eine Hand auf ihr Herz presste.

***

„Ich hoffe du bist jetzt endlich zufrieden. Ich habe mich bei einem Eheinstitut angemeldet und glaube mir, es war nicht billig!“ Bertram hatte sich dem Druck gebeugt und war frauentechnisch tätig geworden. Er meldete sich bei einer virtuellen Partnervermittlung an, füllte ellenlange Fragebögen aus, bezahlte eine saftige Vermittlungsgebühr und bekam prompt die ersten Angebote. Jetzt wusste er nicht so Recht, wie es weiter gehen sollte.
Seine Mutter schloss ihn in die Arme. „Mein Junge, das ist der erste Schritt in die richtige Richtung! Jetzt kann ich dir helfen, die passende Dame auszusuchen. Schließlich bist du recht unerfahren in solchen Dingen!“

Eifrig stellte Bertram seinen Computer an. „Das ist toll, Mutti! Ich zeige dir gleich mal die ersten Bewerbungen.“
So steckten Mutter und Sohn die Köpfe zusammen und waren eifrig bei der Sache.
„Nein, diese Person sieht ordinär aus. Bestimmt macht sie nicht gründlich sauber.“
„Was hältst du von der, sie schreibt so nett. Allerdings ist sie ein wenig vollschlank.“
Bertram traf ein strafender Blick. „Nein, einen solchen Geschmack hätte ich dir nicht zugetraut. Diese Frau ist auf dein Geld aus, das merke ich sofort. Was ist das für eine dubiose Firma, die du kontaktiert hast. Ich sehe keine seriösen Damen in deinen Angeboten!“
Mutti schien gar nicht zufrieden mit den Bewerberinnen zu sein und wandte ihrem Sohn und seinem Computer abrupt den Rücken zu. „Wie kommst du auch nur auf die Idee, dir eine Frau zu suchen und das auch noch im Internet!“
Jetzt war selbst Berti baff erstaunt. Hatte ihn seine Mutter nicht mit aller Macht gedrängt, sich auf die Frauensuche zu begeben? Er nahm sich vor, in Zukunft etwas vorsichtiger zu sein und eine Vorauswahl zu treffen, um sie dann seiner Mutter für die endgültige Entscheidung zu präsentieren.

Es verging eine geraume Weile, ehe Bertram es wagte, das brisante Thema wieder anzuschneiden. Er hatte in nächtelanger Knobelarbeit eine Liste erstellt, die unter Umständen Gnade vor Muttis strengen Augen finden würden. Jetzt legte er vorsichtig die ausgedruckten Profile der handverlesenen Damen vor seine Mutter hin.
Die fixierte den Papierstoß. „…und, was soll das jetzt wieder?“
„Möchtest du vielleicht einmal durchschauen? Das wäre eine kleine Auswahl der in Frage kommenden.“
Langsam rückte Mutti ihre Lesebrille zurecht und durchblätterte die Seiten, wobei sie hin und wieder nickte und einige Blätter zu Seite legte. Allerdings schüttelte sie öfter den Kopf.
Schließlich hatte sie eine Auswahl getroffen und tippte auf die beiseitegelegten Profile.
„Also so richtig ist keine der Damen, aber wenn du dich unbedingt mit einigen treffen willst, dann solltest du es mit diesen hier versuchen. Vielleicht entpuppen sie sich ja als besser als beschrieben.“

Bertram war glücklich, denn endlich hatten einige der Bewerberinnen Gnade vor den strengen Augen seiner Mutter gefunden. Vielleicht würde jetzt alles gut werden.
Er hatte sich in letzter Zeit mehr und mehr für die Idee erwärmen können, sich eine Frau zu suchen. Sicher, so toll wie Mutti würde sie nicht sein. Seine Mutter war und blieb eben unübertrefflich, aber vielleicht könnte die Auserwählte die zweite Stelle in seinem Herzen einnehmen. Er stellte es sich heimelig vor, nach vollbrachter Arbeit nach Hause zu kommen und von seinen zwei Liebsten erwartet und verwöhnt zu werden! Mutti könnte ja kochen und seine Frau würde anschließend den Abwasch machen, während er sich gemütlich mit seiner Mutter ein Gläschen Likör gönnte.
So setzte er sein Vorhaben sofort in die Tat um und machte Termine, wobei er nicht unerwähnt ließ, dass sich seine Mutter an der Auswahl der jeweiligen Dame beteiligt hatte. Auch dass er daran dachte, das neue Eheleben in trauter Zweisamkeit mit Frau und Mutter zu verbringen brachte er an.
Wen wundert’s, dass die Auserwählten ganz plötzlich keine Zeit/schon jemanden gefunden hatten/völlig überraschend unbekannt verzogen waren.
So blieb letztendlich eine völlig unerschrockene Bewerberin übrig. Emma, ein spätes Mädchen, hatte erkannt, dass dieses ihre letzte Chance war, um überhaupt noch an einen Mann zu kommen. Schließlich musste sie so langsam an ihre Altersvorsorge denken. Bertram schien ihr durchaus noch formbar zu sein. Da sie von Berufs wegen sowieso mit querköpfigen alten Menschen zu tun hatte, traute sie es sich ohne Weiteres zu, auch mit der Mutter fertig zu werden. Bertram sollte erst einmal mit ihr verheiratet sein, dann würde sie alles Weitere regeln!
So traf sie sich also mit ihm und hörte sich die Lobgesänge auf seine Mutter geduldig an. Zum Abschied schaute sie ihm tief in die Augen. „Ich habe jetzt schon so viel Gutes von ihrer Mutter gehört, dass ich sie natürlich sehr gerne einmal kennen lernen würde. Meinen sie das würde passend sein, wo wir uns gerade erst kennen gelernt haben?“
Bertram strahlte. „O, das würde mich zu tiefst freuen und ich weiß genau, dass auch meine Mutter darauf brennt, sie kennen zu lernen.“
So verabredete man sich für den nächsten Sonntag zu einem gemütlichen Kaffeetrinken in Bertrams Heim.

***

„Schau mal, Emma hat mir ein Gedicht per Email geschrieben. Ich habe es dir gleich einmal ausgedruckt, damit du es auch lesen kannst.“ Freudestrahlen drückte der Sohn seiner Mutter die ausgedruckte Seite in die Hand.
Die warf kauf einen Blick auf das Blatt. „Kannst du noch so eine Seite drucken, dann kann ich das deiner Schwester auch gleich geben, wenn sie wieder mal vorbei kommt!“
Bertram konnte nichts mehr erwidern, denn es läutete an der Tür. Emma war ein wenig zu früh und wurde von dem nervösen Gastgeber ins Wohnzimmer geführt, wo Mutti die Angekommene prüfend-streng musterte. „Also sie sind das, sie sind zu früh. Setzen sie sich, ich werde dann mal Kaffee kochen.“
Emma ließ sich in die Polster eines der stark abgegriffenen Sitzmöbel sinken. „Schön habt ihr’s hier“, merkte sie an, während sie sich umschaute. „Ich mag Eiche rustikal!“
„Ja und das ist gut so, denn ich werde keine Veränderungen dulden!“ Offensichtlich hatte Mutti jedes Wort mitgekriegt, denn sie steckte den Kopf kurz durch die Wohnzimmertür.
Bertram lächelte entschuldigend. „Sie ist so lieb. Manchmal etwas gerade heraus, aber eigentlich durch und durch eine herzensgute Person.“
„Daran zweifle ich keine Minute“, beteuerte Emma und nutzte die Abwesenheit der Herzensguten um beherzt nach Bertrams Händen zu greifen. „Ich würde sie sehr glücklich machen.“ Allerdings ließ sie schnell wieder los, denn Mutti betrat, mit einem Tablett bewaffnet, den Ort des Geschehens.
„So, und jetzt erzählen sie doch mal…“, mit diesen Worten begann sie den Tisch zu decken.

***

„Diese Frau will nur dein Geld, das habe ich dir schon so oft gesagt. Übrigens ist sie dick und nicht sehr ansehnlich. Du hast wirklich etwas Besseres verdient.“ Mutti fixierte ihren Sohn mit strengem Blick. Der duckte sich ob dieser harten Worte und giftigen Blicke, blieb aber eisern.
Bertram staunte selbst über seine Standfestigkeit, doch wie hatte Emma gesagt: „Berti, wir werden ein wundervolles Leben haben. Wenn sich deine Mutter erst einmal an die Situation gewöhnt hat, so werden wir sie zu uns holen und eine harmonische Beziehung führen, mit ihr!“
Diese Ausführungen gaben ihm die Kraft, das Gespräch mit seiner Mutter durchzustehen. Er straffte sich. „Mutter, ich werde die gute Emma heiraten! Sie ist die Richtige, davon hat sie mich überzeugt. Übrigens hast du sie selbst ausgesucht. Emma wird alles tun, damit wir eine harmonische Beziehung zu dritt führen können.“
Bertrams Mutter stockte der Atem, so energisch hatte sich ihr Berti noch nie gegen ihren Willen gestellt. Sie erkannte ihren Jungen überhaupt nicht wieder. Selbst ihre Herzattacken nahm er neuerdings mit stoischer Gelassenheit hin. Das musste am Einfluss dieser unmöglichen Person liegen. „Also gut, wenn du unbedingt in dein Unglück rennen willst, ich werde dich nicht davon abhalten. Aber sage hinterher nicht, ich hätte dich nicht gewarnt…“

***

Ein Jahr später

„Emma, wollten wir Mutti heute nicht im Altenheim besuchen?“ Bertram sprach seine Frau vorsichtig an, denn man konnte nie wissen, wie sie reagierte.
Heute allerdings schien sie aufgeräumt und guter Dinge zu sein, denn sie strich ihm liebevoll über das Haar. „Heute nicht, Berti. Ich möchte dir doch deine Lieblingsspeise kochen und das braucht viel Zeit. Ich verspreche dir, dass wir nächste Woche hin fahren!“

Nachsatz: Jede Ähnlichkeit mit lebenden oder toten Personen und Persönlichkeiten ist nicht gewollt und rein zufällig! Bertram, so bist du nicht!

 

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Kommentar von: MeisterLeu 2010-02-22 21:30
Bei diesem Reizthema fühlt sich jeder männliche Single angesprochen. Sehr lebendige Formulierungen. Text etwas zu lang.
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Kommentar von: almebo 2010-02-23 11:31
Es zeigt sich wieder einmal, was doch dominierende Frauen für einen Einfluss auf den so schwachen Bertram ausüben können. Ich hatte schon befürchtet, "er" hätte nach dieser Bevormundung seiner Mutter die Richtung zum "anderen Ufer" eingeschlagen. - Klasse geschrieben !
Mfg almebo
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