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Die Prüfung

„Na du hast gut Reden, du hast deine Prüfung ja auch schon bestanden!“ Manu fixierte ihre Freundin leicht verzweifelt.
Die behielt die Ruhe. „Ach was, das machst du schon, da habe ich keine Zweifel!“

Die beiden standen im Flur der Berufsfachschule. Während Kirsten ihre mündliche Prüfung zur Bürokauffrau am Vortag absolviert hatte, wartete Manu jetzt darauf, vor den Prüfungsausschuss gerufen zu werden.
Während sie bei der schriftlichen Prüfung nach guter Dinge gewesen war, wurde Manuela immer nervöser, je näher der mündliche Termin rückte. Sie wälzte sich nachts im Bett hin und her. Schlief sie schließlich ein, so träumte sie davon, dass lauter Monster mit riesigen Fangzähnen und ekeligen Tentakeln im Prüfungsausschuss saßen, die darauf warteten, sich auf sie zu stürze, wenn sie die Fragen nicht einwandfrei beantworten konnte. Meistens kam sie ins stottern und die Monster setzten über den Tisch – an dieser Stelle wachte sie immer schweißgebadet auf.
Auch ihr Appetit ließ zu wünschen übrig, sie wurde immer dünner und durchscheinender. Sowieso nicht mit einer übermäßigen Körpergröße gesegnet sah sie jetzt aus wie ein magersüchtiges Kind. Heute Morgen hatte sie mit Entsetzen festgestellt, dass die vor einigen Wochen extra für diesen Tag gekaufte „Bürotaugliche Kleidung“ viel zu groß geworden war. Besonders der Blazer schlotterte und schlabberte zum Gotterbarmen. Entsprechend waren die Bemerkungen der anderen Prüflinge ausgefallen. „Hey, Manu, ist diese unglaubliche Jacke jetzt von deinem Papa, oder hast du sie vom Opa ausgeliehen?“
„Blödsinn, die habe ich von Tante Berta, als Glücksbringer!“ Manu tat cool, obwohl ihr die Knie zitterten.
Jetzt stand sie also mit ihrer Freundin im Flur vor dem Prüfungsraum und sah aus, als ob sie auf ihre Exekution wartete. „Wenigstens habe ich noch richtig gebüffelt!“ sprach sie sich selber Mut zu. „Der Lehrer hat mir ja netter Weise gesagt, dass ich speziell in BWL auf Herz und Nieren geprüft werde!“
Kirsten schaute ihre Freundin zweifelnd an. „Na wenn das mal so ist! Aber es wird schon. Ehrlich, die Prüfung ist halb so wild.“
Die Tür des entsprechenden Raumes öffnete sich und die abgefertigen Prüflinge kamen durchweg freudestrahlend heraus. Ihnen folgte ein strengblickender, glatzköpfiger Herr. Er ließ seinen Blick über die teilweise gelassenen, teilweise wie Manu bibbernden Wartenden gleiten.
„Frau Kindler? A-ha, da sind sie ja. Bitte folgen sie mir.“
Manu warf ihrer Freundin einen letzten verzweifelten Blick zu und folgte der Aufforderung. Der Mensch, der eine frappierende Ähnlichkeit mit einem mittelalterlichen Henkersknecht hatte, führte sie in den Raum, in dem vier weitere, ziemlich gemein aussehende Prüfer an einem langen Tisch saßen. Gegenüber stand ein Schreibtisch, hinter dem Manu Platz nahm. Sie fühlte sich wie in ihrem Alptraum und hätte sich nicht gewundert, wenn die Prüfer allesamt lange Tentakel ausgefahren hätten, um sie zu packen.
„Frau Kindler, sie werden besonders was das Rechnungswesen anbetrifft geprüft.“ Verkündete der Glatzkopf.
„Aber“, Manu hatte das Gefühl sich übergeben zu müssen und schluckte krampfhaft. Das war schlimmer als ihr Alptraum, denn offensichtlich hatte der Lehrer ihr eine falsche Information gegeben. Sie hatte nächtelang für das falsche Fach, nämlich Betriebswirtschaftslehre, gelernt. Rechnungswesen, Buchführung, das war während der Ausbildung immer ihr Schwachpunkt, und ausgerechnet in diesem Fach wurde sie also geprüft. Sie würde niemals bestehen, das wusste sie jetzt schon und plötzlich wurde sie ganz ruhig.
„Also, dann fangen wir mal an“, der Henkersknecht verlor keine Zeit, um sie in ihr ganz persönliches Waterloo zu führen. „Und? Wie war es? Alles klar mit dir?“ Kirsten musterte ihre Freundin besorgt. „Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich meinen du bist völlig bekifft…“
„Gute Idee, ich brauche jetzt ne Zigarette. Meinst du ich kann hier rauchen?“
Kirsten verlor die Geduld. „Nun sag schon, wie war es? Hast du bestanden? Lass das, du darfst hier drinnen nicht rauchen!“
Manu hatte sich in aller Seelenruhe eine Zigarette angesteckt und pustete den Qualm in Kirstens Richtung. „Ist doch egal, ich bin sowieso durchgefallen. Die Prüfungsfragen waren fast alle aus dem Bereich Rechnungswesen.“
„Und die hast sie nicht beantworten können?“
„Das weiß ich nicht, ich weiß überhaupt nicht mehr so richtig, was ich gesagt habe! Jedenfalls habe ich diese Prüfung versiebt! Ich soll hier draußen warten, aber eigentlich kann ich schon gehen!“ Manu hegte keine Zweifel an ihrem Versagen.
Ehe sie ihre Absicht in die Tat umsetzen konnte öffnete sich die Tür des Prüfungszimmers und der Glatzkopf kam heraus.
„Frau Kindler, ich muss sie tadeln, sie…“
„Ja, ja ich weiß, ich hab’s vermasselt.“
Glatzi musterte diesen seltsamen Prüfling verwundert. „Nein, aber sie dürfen hier nicht rauchen. Was ihre Prüfung anbelangt, so haben sie bestanden! Herzlichen Glückwunsch!“
Er steckte Manu die Hand entgegen, um ihr zu gratulieren.
Die streckte ihm ihrerseits die Hand entgegen, doch zum Shake-Hands kam es nicht mehr, denn ihr wurden die Knie weich und sie kippte mit einem lauten Knall nach hinten weg. „…um Gottes Willen, das ist ja noch nie passiert….Frau Kindler…..hallo….“ langsam kam Manu wieder zu sich. Der Prüfer mit dem schütteren Haar kniete neben ihr und wedelte ihr Luft zu. Er schien völlig außer sich zu sein.
Auch Kirsten saß erschrocken neben ihr. „Mensch Manu, hast du mir einen Schrecken eingejagt. Geht’s wieder?“
Langsam setzte Manu sich auf. „Klar geht’s“, grinste sie. „Schließlich habe ich eine super Prüfung abgelegt und das war gar nicht so schwer!“

 

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Kommentar von: Moni 2010-05-18 14:58
Erinnert mich irgendwie an meine eigene Prüfung vor ? Jahren.In Gedanken voll am rattern. Schöne Geschichte.
Gruß Moni
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Kommentar von: almebo 2010-08-17 22:22
Also Prüfungsangst habe ich nie gehabt, weil Nerven wie Drahtseile und rotzfrech. Andere hatten Schwierigkeiten , was aber nicht heißen sollte, dass sie später im Beruf sich nicht durchgesetzt haben, Ganz im Gegenbteil! Ihnen zur Seite stand der Fleiß, Und das ist das Wichtigste!
Gruß, Alfred & Pünktchen
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