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Der vergessene Weihnachtsengel

Auf einem alten Dachboden, versteckt in einem verstaubten Regal, ganz weit hinten, wartete ein kleiner Engel seit fast 50 Jahren auf das Weihnachtsfest. Wie oft war er auf seinen kleinen Knien bis ganz nach vorne gerutscht, nur um Ausschau nach der Weihnacht zu halten.
Aber seine Bemühungen waren stets vergebens gewesen. Der kleine Engel blickte immer auf das gleiche alte Gerümpel, das mit den Jahren stetig gewachsen war. Da ihn seine hölzernen Flügel nicht trugen und er sich nicht traute zu springen, gab er irgendwann auf und kauerte sich in die hinterste Ecke seines ungewollten Versteckes, um weitere Jahre zu warten.
Aber einmal im Jahr wurde sein Herz besonders schwer. Da fühlte er eine tiefe Sehnsucht in seinem Herzen und das Verlangen sich in die Lüfte zu erheben. Dann roch er Schnee und Zimt, Tannenduft und süße Mandeln. Die Wehmut, die sich dabei in seine kleine, hölzerne Seele schlich, ließ seine Augen immer trauriger aussehen, bis aller Glanz irgendwann verschwunden war.
Schön sah er nicht mehr aus. Es fehlte ein Stück von seinem Füßchen, ein Fingerchen war abgebrochen, und die goldene Farbe seiner Flügel verblasste so langsam. Da schloss der kleine Engel seine Augen und wünschte sich nie mehr aufzuwachen. Und damit ihm nicht ganz so langweilig wurde, träumte er von den längst vergangenen Weihnachtsfesten.
Dann stand er strahlend schön auf einem Schrank, ganz nahe an einem bunt geschmückten Baum, und blickte zufrieden auf alle herab. Er spürte noch einmal den Stolz, den er empfand, wenn er wegen seines Liebreizes bewundert wurde. Sah in strahlende Kinderaugen und lauschte den Geschichten der Erwachsenen, die ihnen Weihnachtsgeschichten erzählten. Aber diese Zeiten gab es nun nicht mehr. Vor langer, langer Zeit, wurde er hoch auf diesen dunklen Dachboden getragen, in einem Regal abgestellt und vergessen. Für immer.
Ein ganzes weiteres Jahr hatte der kleine Engel nun geschlafen, geträumt und geweint, als er von einem lauten Poltern geweckt wurde. Voller freudiger Erwartung rutschte er bis zum Rand des alten Regals und spähte in die Dunkelheit. Sein kleines Herzchen klopfte, als er sah wie sich die Bodenluke öffnete und jemand zu ihm hoch stieg.
„Weihnachten“, murmelte er selig. „Es ist wieder so weit.“
Ein Mann und ein kleines Mädchen kletterten durch die Luke und suchten nach dem Lichtschalter. Als sie ihn endlich gefunden hatten, schloss der kleine Engel geblendet seine Augen. „Licht“, flüsterte er glücklich. „Endlich Licht. Jetzt werden sie mich holen.“
Das kleine Mädchen lief in jede Ecke des Dachbodens und bewunderte die Schätze, die er teilweise barg.
„Da ist der alte Puppenwagen, wovon Opa gesprochen hat“, sagte der Mann. „Gefällt er dir?“, fragte er die Kleine.
Das Mädchen nickte. „Nehmen wir ihn gleich mit?“, fragte sie ihn glücklich.
Der Mann überlegte kurz. „Also gut“, antwortete er. „Wir nehmen ihn mit. Mama macht ihn sauber und ich repariere ihn für dich.“
Erschrocken riss der kleine Engel seine Augen auf. Sie wollten ihn gar nicht mit sich nehmen, sondern nur den alten Puppenwagen. Verzweifelt schaute er sich um, denn irgendetwas musste er tun. Also schubste er mutig ein paar rostige Schrauben die vor ihm lagen aus dem Regal.
Plimm - Plimm machte es, als sie auf den Boden fielen. Dann versteckte er sich hinter einem leeren Einmachglas und wartete.
Das kleine Mädchen zupfte an dem Hosenbein des Mannes. „Da war etwas“, sagte sie ängstlich. „Es hat sich angehört wie, Plimm, Plimm.“
Der Mann lächelte amüsiert. „Bestimmt eine Plimm Plimmmaus“, neckte er sie. „Komm wir schauen nach.“
Hand in Hand gingen sie auf das alte Regal zu und suchten nach dem Übeltäter. Neugierig blickte der kleine Engel durch das trübe Einmachglas. Ob sie nun nach ihm suchten?
„Siehst du“, sagte der Mann beruhigend. „Hier ist nichts. Ein altes Haus hat eben seine eigenen Geräusche.“
Das Herz des kleinen Engels krampfte sich zusammen und er wusste, dass er nun sehr tapfer musste. Also schloss er seine Augen, sprang und landete in der Kapuze, des Kapuzenpullover des kleinen Mädchens.
„Huch!“, rief die Kleine erschrocken. „Da war wieder etwas.“
Der kleine Engel hielt seinen Atem an. „Bitte, lieber Gott“, flüsterte er. „Sie sollen mich nicht finden.“
Seufzend nahm der Mann, der bestimmt der Vater des Mädchens war, seine kleine Tochter auf den Arm. „Ich finde, wir sollten gehen“, sagte er lächelnd. „Den Puppenwagen hole ich später, du Angsthase.“

Der kleine Engel schickte dankbar ein Stoßgebet zum Himmel. „Danke, lieber Gott,“ flüsterte er glücklich. Es machte ihm nichts aus, als er in der Kapuze des Mädchens hin und her schaukelte, als sie die Stufen hinab stiegen. Und als sie wie ein Wirbelwind durch das Haus jagte, genoss er es. „Freiheit“, murmelte er selig, dann schlief er ein und erwachte erst wieder, als eine kleine Hand nach ihm griff.
„Ein Engel!“, rief das Mädchen und schaute ihn neugierig an. „Aber ein hässlicher.“
Gekränkt blickte der kleine Engel in die Augen des Mädchens. „Sei nicht traurig“, flüsterte sie ihm zu. „So hässlich nun auch wieder nicht. Guck mal.“ Sie lief zu einem Spiegel und zeigte ihm sein Spiegelbild. Der kleine Engel erschrak zu tiefst. Das sollte er sein? Wo war der Glanz seiner goldenen Flügel? Und wo war die Farbe seines Kleidchens? Beschämt schloss er die Augen und ließ seine Flügel hängen.
Das Mädchen bekam Mitleid und drückte den kleinen Engel an sich. „Sei nicht traurig“, flüsterte sie ihm zu. „Ich bringe dich jetzt zu meinem Opa. Bestimmt macht er dich wieder schön. Weißt du, er kann so etwas.“
Und wie ihn die Kleine durch das Haus trug, kamen Erinnerungen in ihm hoch. Der Duft in den Räumen, die alte Standuhr am Fenster und der große Kamin in der Ecke, gehörten einmal zu seinem Leben. Es waren Freunde aus früheren Tagen und wärmten sein Herz. Das Mädchen trug ihn zu einem älteren Mann, der in einem großen, schweren Sessel saß und in einer Zeitung las.
„Was bringst du mir denn da, Laura?“, fragte er sie und legte die Zeitung beiseite. Die Kleine setzte sich auf seine Knie und zeigte ihm was sie in ihren Händen trug. „Er lag einfach so in meiner Kapuze“, erklärte sie. „Opa, machst du ihn wieder heil?“, fragte sie hoffnungsvoll.
Der ältere Herr nahm ihr den kleinen Engel ab, und betrachtete ihn ausgiebig von allen Seiten. Und auch der Engel betrachtete sein Gegenüber aufmerksam.
„Sternchen“, flüsterte Lauras Opa plötzlich, und seine Augen strahlten den kleinen Engel an. „Peter“, flüsterte nun auch der kleine Engel leise. Die Augen des älteren Mannes wurden zu den Augen eines Kindes und auch der kleine Engel wurde so schön wie damals.
„Das ich dich vergessen habe“, murmelte der Mann, der einmal ein kleiner Junge gewesen war. „Wir sind alt geworden, du und ich.“ Die kleine Laura verstand nicht, warum ihr Opa den kleinen Engel, Sternchen nannte. Und was meinte er wohl, als er sagte sie seinen alt geworden und sie fragte ihn danach.
„Als ich noch ein Kind war, hatte der kleine Engel zur Weihnachtszeit einen festen Platz“, erklärte er ihr geduldig. „Er stand auf einem kleinen Schrank, ganz in der Nähe des Weihnachtsbaumes. Jedes Weihnachten stellte meine Mutter die gleiche Frage: „Steht Sternchen schon an seinem Platz? Und wir nannten ihn Sternchen, weil er im Schein der vielen Kerzen wie einer strahlte. Er strahlte wie ein Stern am Winterhimmel. Das ist nun schon sehr lange her und keiner von uns beiden ist jünger geworden. Weißt du, wir wurden alt. Ich hier unten und Sternchen dort oben.“
Gebannt hatte Laura ihm zugehört. „Das ist ja echt toll“, sagte sie und hüpfte von seinen Knien. „Opa, kann Sternchen nicht wieder auf seinem alten Platz stehen?“, fragte sie ihn mit bettelnder Stimme. „Du kannst ihn doch reparieren.“ Der ältere Herr nickte ihr lächelnd zu.
„Das ist mein größter Wunsch“, antwortete er. „Schließlich habe ich ihn auf den Dachboden getragen und einfach vergessen.“ Behutsam nahm er den kleinen Engel in seine großen Hände und trug ihn in seine Werkstatt. Dort befreite er ihn von seiner Staubschicht, besserte den kleinen Fuß des Engels aus und formte ihm ein neues Händchen. Anschließend griff er zu Farbe und Pinsel.
Als er fertig war, strahlte der kleine Engel wie damals, als er noch dazu gehörte. Er trug goldene Flügel und ein weißes, festliches Gewand umhüllte seinen kleinen Körper.
Stolz betrachtete der kleine Engel sich in einem Spiegel. „Das bin wieder ich“, sagt er dankbar und seine Augen bekamen den alten Glanz zurück.
Am Heiligen Abend stand Sternchen an seinem alten Platz. Auf einem kleinen Schrank, ganz in der Nähe des Weihnachtsbaumes und blickte stolz auf alle herab. Im Schein der Kerzen strahlte er wie ein heller Stern am Weihnachtshimmel und lauschte den Geschichten, die die Erwachsen, Laura erzählten. Er war so glücklich, seinen Weg zurück gefunden zu haben und überlegte wie er ihnen eine zusätzliche Freude machen konnte. Der kleine Engel blickte zum Fenster und sah einen trostlosen kalten Winterhimmel, aber keine einzige Schneeflocke. Also betete er zu Gott und wünschte den Schnee herbei, als Dank.
Der liebe Gott erfüllte ihm seinen Wunsch und ließ es schneien. Dicke weiße Flocken schickte er auf die Reise, die bald schon die Erde erreichten und eine weiße Winterlandschaft zauberten.
Als die kleine Laura den Schnee bemerkte, lief sie zum Fenster und freute sich. „Das ist schön!“, rief sie begeistert. „Es schneit!“
Die Erwachsenen erhoben sich von ihren Plätzen und stellten sich hinter sie.
„Das ist eine perfekte Weihnacht“, sagte der kleine Peter andächtig. Aber der ältere Peter schaute liebevoll zu Sternchen und zwinkert ihm zu. Die Augen des kleinen Engels blitzten hell auf, so stolz war er.
„Leise rieselt der Schnee“, ertönte Lauras Stimme ganz zart. „Still und starr ruht der See“, stimmten alle in ihr Lied ein. „Weihnachtlich glänzend der Wald.

 

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