Anna und Lenas Abenteuer
Anna und Lena sind Schwestern. Einige kennen sie sicher noch von früheren Geschichten. Zum Beispiel, als Anna Lenas neue Puppe kaputt gemacht hat. Oder als beide allein zu Hause waren, Lena im Treppenhaus ausgesperrt war und die kleine Anna die gute Idee mit dem Telefon hatte. Jetzt sind beide ein gutes Stück älter geworden. Lena ist schon zehn und Anna gerade knapp sechs und schon in die Schule gekommen. Eigentlich ein bisschen früh, aber Anna ist ja ein kleiner Schlaukopf und kommt gut mit.
Es ist Sonntag früh acht Uhr. Draußen ist es noch dämmerig, denn es ist Herbst. Anna wacht zuerst auf. Sie guckt zu Lenas Bett hinüber. Lena schläft noch. Anna steht auf, schleicht zum andern Bett und stupst Lena an. Die merkt erst nichts, denn sie schläft ganz fest. Anna probiert es wieder und wieder, und als Lena gar nicht aufwachen will, brüllt sie ihr ins Ohr: „Hallo, Schlafmütze, wach werden! Ich hab eine Idee!"
Lena fährt erschrocken hoch und reibt sich die Augen. Und ehe sie noch richtig zur Besinnung gekommen ist, sprudelt Anna los: „ Weißt du was? Wir fragen Mama und Papa, ob sie mit uns zum Jahrmarkt gehen! Heut ist doch der letzte Tag, und heut haben sie nichts Besonderes vor, das hab ich gestern Abend gehört!"
Lena ist Feuer und Flamme. „Au ja! Komm, wir gucken, ob schon einer auf ist, dann fragen wir gleich!"
Sie ziehen ihre Hausschuhe an und sausen die Treppe hinunter in die Küche. Tatsächlich, Mama ist schon auf, aber noch im Bademantel. Sie rührt gerade Teig an, denn sie will zum Sonntagsfrühstück Waffeln backen. Das Waffeleisen steht auch schon auf dem Tisch bereit.
„Mama, Mama!" rufen beide Kinder gleichzeitig, „wir würden heut so gerne auf den Jahrmarkt gehen! Geht Ihr mit uns hin, ach bitte, bitte, sag ja!"
Die Mama guckt etwas überrascht, dann nachdenklich. „Na, ja, könnten wir eigentlich machen, wenn schönes Wetter ist," meint sie dann, „am besten fragt ihr Papa gleich mal, der liegt noch im Bett!"
Anna und Lena sausen hoch ins Elternschlafzimmer. Sie wecken Papa auf und erzählen aufgeregt von ihrem Vorhaben. Der Papa ist eigentlich müde und will ausschlafen, aber die Kinder geben keine Ruhe, und endlich ist er einverstanden. Jetzt herrscht große Freude!
Alles geht nun ganz schnell. Die Kinder und der Papa duschen rasch und ziehen sich an, während die Mama unten die Waffeln backt. Dann frühstücken alle zusammen, und nun heißt es Geduld zu haben, denn die Mama muss sich ja auch noch fertig machen.
Währenddessen ist ein wunderschöner Herbsttag geworden. Die Kinder gehen in den Garten..Die Sonne scheint auf das bunte Herbstlaub der Bäume, es glitzert richtig! Anna zählt, wie viele neue Maulwurfshügel über Nacht auf dem Rasen entstanden sind. Auf einmal ruft Lena: „Anna! Guck mal ganz schnell hoch! Da fliegen Kraniche, ein richtiger Kranichzug! Hörst Du sie rufen?"
Anna guckt in die Luft. Erst sieht sie nichts, aber dann entdeckt sie die Tiere und hört auch ihren Ruf. Und sogar ein zweiter Zug kommt von der anderen Seite! Während die Kinder staunend nach oben blicken, hören sie noch was ganz anderes: einen Entsetzensschrei der Mama aus der Küche! Sie stürmen hinein – was ist denn bloß los?
Die Mama steht fertig angezogen am Küchentisch, wo noch die restlichen Waffelreste liegen. Entgeistert zeigt sie mit dem Finger hin: „Da! Seht bloß mal - Mäusedreck! Da war eine Maus an den Waffeln!"
Tatsächlich! Als niemand in der Küche war, muss eine Maus den Waffelduft gerochen und sich aus ihrem Versteck hervorgewagt haben! Der Papa kommt hinzu und sieht sich mit den anderen die Bescherung an. „Na, den Tag lassen wir uns nicht verderben!" meint er. Dann geht er schnell in den Keller und bringt eine Mausefalle an. Sie sieht aus wie ein Käfig. Papa stellt sie neben den Tisch und legt die angeknabberte Waffel hinein, dazu noch zur Sicherheit ein Stückchen Wurst und Käse. „So, das hätten wir! Nun aber los, wir wollen doch zum Jahrmarkt!"
Der Jahrmarkt ist noch einmal richtig voll mit vielen Menschen. Na ja, es ist der letzte Tag und dazu Sonntag, da haben alle Leute Zeit. Was gibt es alles zu sehen! Karrussels, Losbuden, Luftballonverkäufer, eine große Achterbahn! Sie bummeln einmal rund über den Platz und gucken sich alles an. Und dann kommen sie an einen großen Stand, der ganz zugehängt ist. Unheimlich sieht der aus, lauter Gespenster und hässliche Figuren sind da zu sehn, und aus dem Inneren hört man Geisterstimmen und dazwischen Angstgejohle!
„Das ist eine Geisterbahn!" erklärt der Papa, „ das sind aber keine richtigen Geister, es ist nur ein Jux! Wer traut sich, mit mir Geisterbahn zu fahren?!" Aber keiner will, selbst die Mama nicht! „Na auch gut, ihr Angsthasen!" lacht der Papa, „gehen wir weiter! Aber was wollt ihr denn gerne?"
Ach, da gibt es vieles! Den ganzen Nachmittag haben sie Zeit. Sie reiten auf Ponys, sie futtern gebrannte Mandeln und Magenbrot, sie fahren Autoscooter, Lena mit Mama und Anna mit Papa, das ist ein Spaß! Natürlich kriegt jeder einen schönen, großen Luftballon, und schließlich landen sie vor einer Losbude. Jede darf fünf Lose ziehen. Gespannt öffnen sie eines nach dem anderen - da, Lena hat als erstes ein Los mit einer Nummer! Leider bekommt sie dafür aber nur ein paar bunte Glasmurmeln. Na, Pech gehabt, aber besser als gar nichts! Anna ist noch immer beim Öffnen – Nieten - lauter Nieten! Fast kommen ihr vor Enttäuschung die Tränen. Aber das letzte Los - das hat eine Nummer! Sie gibt es der Frau, die an der Bude steht, und dann –
„ Und wieder ein Hauptgewinn! Leute kommt, kauft Lose, ein Hauptgewinn!"
Tatsächlich, Anna hat einen Hauptgewinn gezogen! Sie kann es gar nicht fassen! Papa lacht: „Ja, unsere Anna hat Glück, sie ist ja auch ein Sonntagskind!" Das hat Anna noch gar nicht gewusst, aber jetzt soll sie sich was aussuchen. Aber was? Da gibt es so viele schöne Sachen! Sie guckt und guckt. Puppen, große Vasen, Plüschtiere - und da sieht sie ihn - einen wunderschönen großen Teddybären! Täuscht sie sich, oder zwinkert er ihr tatsächlich zu?! Ja, den nimmt sie! Beglückt hält sie ihn im Arm. Und dann ist es Zeit zum Heimgehn.
Die Kinder sind müde. Jetzt schnell noch was zu Nacht gegessen, und dann gleich ins Bett. Und die Mausefalle? Nichts ist drin. Sie bleibt über Nacht stehen.
Anna nimmt ihren Bären natürlich mit ins Bett. Sie hat ihn Brummi genannt. Gleich ist sie eingeschlafen, aber mitten in der Nacht hört sie plötzlich eine Stimme an ihrem Ohr! „Hallo, Anna, krieg keinen Schreck! Ich bin es, dein Brummi! Ich bin nämlich kein gewöhnlicher Plüschbär, ich darf manchmal lebendig werden! Ich freue mich, dass du mich genommen hast. Und deswegen musst Du jetzt auch was Gutes tun. Geh mal vorsichtig in die Küche runter, da sitzt ein kleines Mäuschen in er Falle, das hat Angst, bitte lass es frei!"
Anna ist ganz erstaunt. Aber dann folgt sie, zieht ihre Hausschuhe an und geht vorsichtig in die Küche. Alle im Haus schlafen, es ist ganz still. Aber Anna hat gar keine Angst, wie sonst immer. Der Vollmond scheint zum Fenster herein. Sie kann alles deutlich sehen und braucht kein Licht. Und wirklich, in der Falle sitzt eine kleine Maus! Ganz ängstlich guckt sie Anna an. Und Anna besinnt sich nicht lange. Sie nimmt die Falle, trägt sie in den Garten, macht sie auf - und husch! - ist das Mäuschen schon verschwunden! Anna geht schnell wieder hinein, denn es ist sehr kalt. Sie stellt die Falle erneut an den Küchentisch und huscht zurück in ihr warmes Bett und zu Brummi. Der sagt nichts mehr und scheint ihr nur zuzunicken.
Am andern Morgen ist alles wie immer. Mama hat schon früh den Mäusedreck weggeputzt, Papa trägt die leere Mausefalle weg, und Lena ist bereits in der Schule. Anna frühstückt und sagt kein Wort von ihrem nächtlichen Erlebnis. Bevor sie auch in die Schule geht, gehtt sie nochmal zu Brummi. Der liegt ganz harmlos in ihrem Bett. Anna guckt ihn nachdenklich an. Hat er wirklich zu ihr gesprochen - oder war die Sache iun der Nacht vielleicht nur ein Traum gewesen?