Weihnacht im Herzen
Da war sie wieder, die Vorweihnachtszeit. Die Menschen auf der Erde schmückten ihre Häuser innen und außen. Und auch die Städte sorgten für das richtige Weihnachtsambiente, mit bunten Lichtern über den Straßen. Geschäfte zauberten mit künstlichen Bäumen und bunten Kugeln eine weihnachtliche Atmosphäre, in der Hoffnung, dass die Menschen in einen regelrechten Kaufrausch fallen würden.
Der Weihnachtsmann, der alles aus dem Weihnachtsland mit einem Fernglas beobachtete, wurde wütend. Wo war er nur geblieben, der Sinn der Weihnacht? Die Wünsche der Kinder wurden immer größer und maßloser. Und auch die Erwachsenen beschenkten sich mit allerlei Schnickschnack, den sie nach den Festtagen in eine Ecke legten und vergaßen.
Er richtet sein Glas auf ein großes Haus und sieht den kleinen Jonas, der eifrig an seinem Wunschzettel bastelt, und gar nicht mehr aufhören will zu schreiben.
Lieber Weihnachtsmann, liest er. Ich wünsche mir dringend ein neues Videospiel und das super geile Fahrrad, das ich in dem Laden an der Ecke gesehen habe. Ach ja, und einen Computer. Jeder hat einen, nur ich noch nicht. Der kleine Jonas schreibt noch ein paar Kleinigkeiten auf, und steckt seinen Brief in ein Kuvert.
Der Weihnachtsmann dreht sich ein wenig zur Seite und sucht mit seinem Fernglas die anderen Häuser ab. In einem kleinen Zimmer sitzen drei Kinder auf ihren Betten. Auch hier schreibt jedes Kind an seinem Wunschzettel. Petra wünscht sich endlich eine moderne Winterjacke, und ein paar neue Stiefel. Schließlich wurde sie bald dreizehn Jahre und trug immer die aufgetragene Garderobe ihrer Cousine. Anna wünscht sich ein Tagebuch und eine wunderschöne Puppenstube. Jens, der Jüngste, wünscht sich eine Eisenbahn. Im Nebenzimmer sitzen ihre Eltern mit traurigen Gesichtern, denn sie wussten, dass sie ihren Kindern keinen dieser Wünsche erfüllen konnten. Vor langer Zeit hatte der Vater seine Arbeit verloren und trotz aller Anstrengungen keine neue Beschäftigung mehr gefunden. Das Geld, welches sie monatlich bekamen, war so knapp, dass es ihnen kaum zum Leben reichte. Und um den Kindern Weihnachtswünsche zu erfüllen, reichte es erst recht nicht. Wie jedes Jahr würde ein Verwandter ihnen Spielsachen und Kleidung schenken, die nicht mehr gebraucht wurden. Der Mann und die Frau würden sie neu herrichten und ihren Kindern unter den Baum legen. Und wie jedes Jahr würden ihre enttäuschten Gesichter ihnen tief ins Herz schneiden.
Der Weihnachtsmann schüttelt seinen Kopf. „Wie ungerecht alles auf der Erde geworden ist“, sagt er zu seiner Frau. „Und es wird jedes Jahr schlimmer." Er erzählt ihr, was er gesehen hat.
Die Weihnachtsfrau ist erschüttert. „Wenn jeder, der ein bisschen mehr hat, etwas geben würde, gäbe es keine enttäuschten Gesichter“, sagt sie traurig. „ Früher hatte Weihnachten noch einen anderen Sinn. Da waren es die Kleinigkeiten und das Zusammensein, was dieses Fest ausmachte," sagt sie bedauernd.
Seufzend nimmt der Weihnachtsmann seine Frau in den Arm. Schon lange stellte das Weihnachtsland keine Spielsachen mehr her. Wie die Wünsche immer größer wurden und die Menschen immer mehr wollten, schloss das Weihnachtsland seine Spielzeugfabriken. Auch der Weihnachtsbäcker backte keine Lebkuchen mehr und der wunderbare Duft der Weihnachtsplätzchen verflog so langsam. Elfen und Trolle vermissten das Fertigstellen der vielen Spielsachen und vertrieben sich ihre Zeit, in dem sie sich Geschichten über die frühere Weihnacht erzählten. Doch über dem ganzen Weihnachtsland lag eine stille Traurigkeit.
Die Menschen auf der Erde bemerkten dieses gar nicht. Und so wurde der Sinn der Weihnacht irgendwann ganz vergessen.
„Ich habe da eine Idee," sagt die Weihnachtsfrau. „ Warum sprichst du nicht mit dem Geist der Weihnacht? Euch fällt bestimmt etwas ein." Der Weihnachtsmann findet die Idee seiner Frau so gut, dass er Pips den Weihnachtstroll zu sich ruft. „ Pips!", ruft er. „Spanne Rudolph, Dasher, Dancer, Prancer, Vixem, Comet, Cupid, Donner und Blitz vor meinen Schlitten. Ich muss dem Geist der Weihnacht einen Besuch abstatten."
Olive, die gerade noch friedlich vor dem großen Kamin lag, springt auf und wackelt mit ihrem Schwänzchen. „Ach Olive, „ sagt der Weihnachtsmann und streichelt sie. „Du musst hier bleiben, du bist ein Hund und kein Rentier. Im nächsten Leben vielleicht." Aber Olive wackelt beharrlich weiter und rennt aufgeregt zur Tür. Der Weihnachtsmann seufzt ergeben. „Also gut“, sagt er und lacht. „Aber du sitzt im Schlitten. Verstanden?"
Der Geist der Weihnacht hört schon von weitem die Hufe der Rentiere. „Na, wenn der unangemeldet kommt, ist etwas im Busch“, sagt er zu dem Weihnachtsengel, der auch mit einem Problem überraschend bei ihm aufgetaucht war. „Am besten du bleibst und hörst dir an, was unser lieber Weihnachtsmann auf dem Herzen hat“, fordert er ihn auf.
Nachdem sie sich begrüßt haben, erzählt der Weihnachtsmann auch gleich von dem großen Problem, das ihn so erzürnt. Der Geist der Weihnacht hört aufmerksam zu. Wütend schüttelt er seinen Kopf. Dabei fliegen kleine Eiskristalle aus seinem Haar und rieseln zu Boden.
„Das ist das größte Problem des Weihnachtslandes“, sagt er nachdenklich. Der Weihnachtsengel mischt sich ein und sagt: Auch ich bin wegen den Menschen hier. Es scheint, dass sie uns so langsam vergessen."
Die Tür schwingt auf und das Weihnachtsgefühl betritt den Raum. „Dann ist es an der Zeit, dass wir etwas unternehmen“, sagt es. „Ich habe gehört, was ihr gesagt habt. Mein Lichtkranz der Gefühle wird immer schwächer. Wenn wir jetzt nicht überlegen, was wir zu tun gedenken, werde ich erlöschen." Der Weihnachtsengel breitet seine Flüge aus. Viele kleine Federn schweben zu Boden und zerfallen zu Staub. „So geht es mir auch“, antwortet er dem Weihnachtsgefühl.
Der Geist der Weihnacht sieht ein, dass wieder Ordnung im Weihnachtsland geschaffen werden muss. Sonst würde es sich auflösen und niemand würde es je wieder finden. Versteckt hinter einer Eiswand, würden die Menschen, die das Gefühl für Weihnachten noch in sich trugen, nicht mehr das finden, was sie suchten. Damit verblasste auch die Sehnsucht der Kinder. Erinnerungen und Gedanken würden dem Wandel der Zeit erliegen und schnell würde die Weihnacht eine Legende sein. Konsumfest statt Weihnacht, das durfte nicht sein.
Eine ganze Nacht überlegten der Weihnachtsmann, das Weihnachtsgefühl, der Weihnachtsengel und der Geist der Weihnacht, wie sie den Menschen ein Schnippchen schlagen konnten. Im Morgengrauen stand ihre Entscheidung fest und gemeinsam treten sie an den Rand des Weihnachtslandes, um ihre Gedanken wahr werden zu lassen.
Auf der Erde war es noch ganz still. Die Menschen schliefen tief und fest. Kinder träumten von Geschenken und Süßigkeiten. Die Erwachsenen von Schmuck und Geld.
Keiner von ihnen bekam mit, wie sich sämtliche Geschäfte in Luft auflösten. Bis auf ein paar kleine Geschäfte verschwand alles. Geschenke, die schon verpackt in den Schränken lagen, zerplatzten wie Seifenblasen und hinterließen einen leeren Raum.
Der Schreck am Morgen ist groß. Mütter, Väter, Onkel und Tanten, sogar Omas und Opas suchen vergeblich nach Kaufhäusern und Spielzeugläden. Sie jammerten und klagten. Was war nur passiert? Sie diskutierten, philosophierten und kamen doch zu keinem Ergebnis. Was sollte denn nun aus dem Weihnachtsfest werden? So ganz ohne Geschenke? Das war doch kein Weihnachten. Wie würden sie dastehen, vor den Verwandten und Bekannten? Was sagten sie ihren Kindern? Sie rauften sich die Haare und bettelten Gott, an ihnen zu helfen. Manche versuchten mit dem Versprechen, sich zu ändern, wenn die alte Ordnung wieder hergestellt würde, zu bestechen. Doch es half alles nichts. Es blieb, wie es war. Es traf wohlhabende Menschen sehr, mit leeren Händen das Weihnachtsfest feiern zu müssen. Hatten sie doch hin und wieder durchblicken lassen, was der Weihnachtsmann so bringen würde. Und nun?
Die aber, die Angst vor den traurigen Augen ihrer Kinder hatten, atmeten erleichtert auf. Die Schwermut ihrer Gedanken wich der Leichtigkeit. Jetzt waren alle gleich. Als die Menschen endlich verstanden hatten, dass sich nichts ändern würde an ihrer aller Misere, geschah doch etwas.
Väter aller Schichten bauten Puppenstuben, frischten alte Spielsachen auf und es machte ihnen tatsächlich großen Spaß. Mütter entdeckten, dass es erfüllend sein konnte, ein Kleid zu nähen oder einen Pullover zu stricken. Es wurde gemalt, gestrickt, gebastelt, genäht und gehämmert. Mit jedem Handgriff wuchs ihre Freude. Sie würden das Weihnachtsfest retten. Und je mehr sie erschufen, umso friedvoller wurden sie. Viele Paare hatten wieder ein Gesprächsthema und erkannten, dass der täglich vorgegaukelte Lebensstandard ihnen die Sicht auf die wahren Dinge des Lebens genommen hatte.
Und die Kinder? Das tägliche Gehämmer und Geklopfe, die Heimlichtuerei und das verschmitzte Lächeln ihrer Eltern steckte sie an. Sie malten und bastelten. Versteckten ihre Geschenke und neckten ihre neugierigen Eltern. Plätzchenduft drang aus allen Ritzen der Häuser und zog durch die leuchtenden Straßen. Waren sie glücklich, die Menschen? Ja, das waren sie. Und auch Weihnachten hatte wieder einen Platz in ihren Herzen bekommen. Einen ganz besonderen.
Mit den echten weihnachtlichen Gefühlen, die in den Herzen der Menschen neu erwachten, erstrahlte der Lichtkranz des Weihnachtsgefühls im neuen Glanz. Die Flügel des Weihnachtsengels füllten sich mit neuen Federn und der Geist der Weihnacht funkelte in einem Licht aus Eiskristallen. Der Weihnachtsmann, der reckte und streckte sich, dabei rieb er sich die Hände. „Das hätten wir geschafft," sagt er hocherfreut. „Ja, das hätten wir geschafft," stimmen ihm die Anderen glücklich zu.
„Dann werde ich das Weihnachtsland wieder öffnen und da unten noch ein bisschen helfen," sagt der Weihnachtsmann zufrieden und ruft nach seinen Rentieren. Er hält die Hände vor seinen Mund und ruft. „ Rudolph, Dasher, Dancer, Prancer, Vixem, Comet, Cupid, Donner und Blitz!" Schnaufend und mit weißem Atem, der aus ihren Nüstern dringt, halten die Rentiere vor seinen Füßen. „So, meine Lieben", sagt der Weihnachtsmann und tätschelt Dashers Hals. „Es wartet Arbeit auf uns. Ab zu den Menschen." Olive schafft es gerade noch, in den Schlitten zu springen und die Himmelfahrt zur Erde begann. Wie der Blitz, mit einem Schweif aus Sternenstaub, ziehen die Rentiere den Schlitten durch den sternenklaren Winterhimmel. Und nach langer, langer Zeit, haben viele Kinder den Schlitten am Himmel wieder gesichtet, und mit Ehrfurcht den Weihnachtsmann erwartet. „Etwas fehlt noch“, sagt der Geist der Weihnacht. Er beugt sich über das Weihnachtsland und schüttelt sein schneeweißes Haar. Eiskristalle rieseln auf die Erde zu und verwandeln sich in weiße Schneeflocken. „Eine perfekte Weihnacht!", ruft er zufrieden.
„Eine Frohe Weihnacht!", rufen der Weihnachtsengel und das Weihnachtsgefühl selig. „Ja, auch das," flüstert der Geist der Weihnacht und betritt lächelnd sein Haus. Das Weihnachtsgefühl zieht sich zu den Menschen zurück und der Weihnachtsengel spendet seinen Segen denjenigen, die ihn erbitten. „So soll Weihnachten sein“, murmelt er selig.