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Weihnachten bei Natascha

In der Schule ist der letzte Tag vor den Weihnachtsferien gekommen.

„Kinder," sagt die Lehrerin, „heute braucht ihr eure Köpfe nicht mehr anzustrengen! Ich lese euch jetzt eine schöne Weihnachtsgeschichten vor!"

„Au ja!" rufen alle, und dann hören sie mäuschenstill zu, wie die Lehrerin die Geschichte „Der Tannenbaum" des Dichters Hans Christian Andersen vorliest. Und weil die Geschichte zum Schluss ein bisschen traurig ist, sollen dann alle Kinder zur Aufheiterung erzählen, was sie selbst zu Hause für einen Weihnachtsbaum haben werden.

„Unserer ist zwei Meter hoch!"
„Unser Baum wird dieses Mal ganz in silber geschmückt!"
„Wir haben nur einen kleinen Baum, aber der wird besonders schön!"
„Unserer ist aber der Allerschönste!"

Alle rufen und schreien sie jetzt durcheinander, und beinahe kommt es auch noch zum Streit! Aber die Lehrerin schafft schnell Ruhe.

Auch Julia erzählt, wie schön ihr Bäumchen dieses Jahr ist und was sie sich alles vom Weihnachtsmann gewünscht hat. Nur Natascha ist ganz still und sagt kein Wort. Aber das fällt gar nicht auf, weil sie ohnehin immer so still ist. Nur Julia blickt mal zu ihr hin und merkt, dass mit ihr was nicht stimmt. Sie sieht nämlich so traurig aus.

Als die Schule aus ist und alle schnell heimgehen, will Julia auf Natascha warten. Aber die kommt und kommt nicht! Julia kann sich gar nicht vorstellen, wo sie bloß sein kann. Sie sieht überall nach, im Klassenzimmer, im Flur, auf dem Hof, aber keine Natascha ist zu sehn! Endlich guckt sie auch noch in die Toilette - und tatsächlich, da ist Natascha! Sie sitzt in der Ecke und weint.

„Was fehlt dir denn bloß?" fragt Julia ganz erschrocken, „Hast Du vielleicht Bauchweh, oder was?" Natascha schüttelt den Kopf. Aber Julia lässt nicht locker. Immer dringender fragt sie, und schließlich kommt Natascha endlich mit der Sprache heraus und erzählt leise und stockend, was sie bedrückt:

„Alle haben so schöne Weihnachtsbäume und kriegen auch Geschenke, nur ich nicht! Mein Papa ist doch arbeitslos, und wir haben gar kein Geld für so was, nicht für einen Weihnachtsbaum und auch nicht für Geschenke! Nur besseres Essen kocht meine Mutter zu Weihnachten, dafür hat sie ein bisschen Geld gespart. Ich weiß ja, dass es nicht geht, aber ich hätte doch soo gern einen Weihnachtsbaum gehabt! Wenn es auch nur ein ganz kleiner ist!"

Und Natascha weint wieder, die Tränen laufen ihr nur so die Bäckchen hinunter, und sie schluchzt herzzerbrechend.

Julia tut es ganz furchtbar leid. Sie weiß gar nicht, was sie sagen soll und wie sie Natascha trösten könne. Endlich meint sie: „Wart´s doch erst mal ab, vielleicht bringt dir ja der Weihnachtsmann ein Bäumchen! Hast du überhaupt schon einen Wunschzettel geschrieben?"

Natascha schüttelt erstaunt den Kopf. Daran hat sie überhaupt nicht gedacht. „Ach, das glaub ich nicht," sagt sie traurig, „wir sind doch erst ganz neu aus Kasachstan gekommen, der Weihnachtsmann weiß bestimmt meine Adresse nicht!" Und sie senkt niedergeschlagen und mutlos den Kopf.

Nachdenklich begleitet Julia Natascha nach Hause. Sollte der Weihnachtsmann Natascha wirklich vergessen, und sie würde nichts, gar nichts zu Weihnachten bekommen? Aber - gibt es ihn überhaupt, den Weihnachtsmann? Viele Kinder sagen, dass die Eltern alle Geschenke kaufen und der Weihnachtsmann nur ein Märchen für Babys ist. .Aber Julia ist nicht sicher, was sie glauben soll . Das mit dem Osterhasen, das weiß sie schon. Aber der Weihnachtsmann? Das ist doch was ganz anderes. Mag ja sein, dass die Eltern Geschenke besorgen, das glaubt Julia auch. Aber den Weihnachtsmann, den gibt es trotzdem, denkt sie, und manchmal bringt er auch dem einen oder anderen Kind ein Geschenk. Vielleicht nur armen Kindern? Aber wie auch immer, es wäre jedenfalls schlimm, wenn Natascha gar keine Weihnachtsgeschenke bekäme. Da muss etwas geschehen! Julia denkt angestrengt nach, und dann fällt ihr auch was ein. Aber sie sagt nichts zu Natascha. .

Zu Hause gibt es ihr Lieblingsessen, Pfannkuchen mir Apfelmus, aber Julia ist dieses Mal ganz schnell fertig. Ohne ein Wort zu sagen, geht sie in ihr Zimmer, nimmt ein Blatt Papier und einen Stift, und dann schreibt sie angestrengt und konzentriert einen Brief.


Liber Weihnachtsman!

Bite bring doch meiner froindin Natascha auch was mit für mich liber nich so fil, den ich habe schon eine menge. Sie is neu hir wont Schilerstrase 2 2. Stok

File grüse deine Julia

Dann malt Julia noch einen schönen bunten Stern auf den Brief, betrachtet ihn zufrieden und legt ihn draußen auf die Fensterbank, wohin sie selbst schon immer ihren Wunschzettel hingelegt hat. Damit er nicht runterfallen kann, legt sie noch einen schön geformten Stein drauf, den sie mal gefunden hat. Und abends, bevor sie ins Bett geht, stellt sie auch ihr kleines Laternchen daneben. Die Kerze darin zündet sie mit einem Streichholz an, obwohl sie das ja normalerweise nicht alleine darf. Aber diesmal tut sie es Natascha zuliebe doch. So, das wäre erst mal geschafft. Ob wohl der Weihnachtsmann den Brief wirklich abholt?

In der Nacht schläft Julia ganz unruhig. Mehrmals wird sie wach. Einmal glaubt sie sogar, leises Schellengeklingel zu hören. Das kommt immer näher, scheint einen Augenblick vor dem Haus anzuhalten, dann entfernt es sich wieder, Der Weihnachtsmann?

Am Morgen beim Erwachen weiß sie nicht, war das Wirklichkeit, was sie in der Nacht gehört hat, oder war es bloß geträumt? Gleich geht sie zum Fenster, ganz aufgeregt, und guckt hinaus - tatsächlich, der Brief ist verschwunden! Also muss es doch wahr gewesen sein, der Weihnachtsmann war vorüber gefahren, hat ihn gesehen und mitgenommen. Trotzdem, Julia will ganz sicher sein, dass Natascha ihren Weihnachtsbaum bekommt, denn Christbäume bringt der Weihnachtsmann ja nicht, das weiß sie genau.

Deshalb, und auch, weil sie auch noch immer ein bisschen am Weihnachtsmann zweifelt, erzählt sie beim Frühstück den Eltern von Nataschas großem Kummer.

„Was meint ihr? Könnten nicht vielleicht wir für Natascha einen Weihnachtsbaum
besorgen? Und vielleicht auch ein kleines Geschenk dazu? Sie würde sich so freuen!"

Papa und Mama denken nach. Dann meint Papa: „Ja, das ist schon möglich. Wir könnten im Wald einen kleinen Baum holen, ihn schmücken und zu Natascha nach Hause bringen." Und Mama fügt hinzu: „Ja, und ich könnte ein paar Kleider von Julia zurecht machen, die ihr nicht mehr passen, Natascha ist ja viel kleiner und dünner!"

„Au, ja!" ruft Julia begeistert, „aber das muss dann eine Überraschung werden! Und ich schenke ihr auch was von mir, vielleicht ein schönes Buch, ich hab ja so viele, und eines von meinen Plüschtieren!" Voller Freude hüpft sie im Zimmer herum und kann gar nicht mehr abwarten, bis es soweit ist.

Und so wird es auch gemacht! Die Mama packt verschiedene Kleider zusammen, die noch gut sind, und Julia nimmt ein Buch und einen kleinen Bären von ihren Spielsachen und macht zwei schöne bunte Päckchen zurecht.

Einige Tage später geht der Papa mit Julia in den Wald, und sie suchen ein schönes Bäumchen aus, nicht zu groß, aber auch nicht zu klein. Das nehmen sie mit heim und schmücken es mit übrigen Kugeln und Lametta, hängen auch Süßigkeiten dran und stecken richtige Kerzen drauf. Zum Schluss ist das Bäumchen sehr schön geworden, beinahe noch schöner als ihr eigenes.

Als dann der Weihnachtstag da ist, stellt der Papa das Bäumchen und die Geschenke ins Auto. Mama und Julia steigen auch ein, und alle zusammen fahren sie nach Julias Zuhause. Julia klingelt und fragt Natascha, ob sie nicht ein bisschen mit ihr spazieren gehen wolle, denn es wäre doch so schönes Wetter. Bei Natascha soll doch die Weihnachtsüberraschung aufgebaut werden, ohne dass sie es merkt!

Natascha ist einverstanden, und die beiden machen einen schönen Spaziergang und gucken überall in die Fenster, ob bereits irgendwo Weihnachtslichter brennen. Natascha wird schon wieder ganz traurig, aber weinen tut sie nicht mehr. Sie ist ja vernünftig und hat sich damit abgefunden, dass es halt bei ihr zu Hause einfach nichts geben wird.

Dort aber hat der Papa inzwischen geklingelt, und Nataschas Eltern waren ganz erstaunt, als sie hörten, was sich Julia ausgedacht hat. Dann freuen sie sich aber sehr, drehen schnell die Heizung im Wohnzimmer auf und legen eine schöne Decke auf den Tisch. Da wird der Weihnachtsbaum draufgestellt und die Geschenke dazugelegt. Julias Mama hat sogar einen Kuchen gebacken, der kommt auch noch dazu, und dann verlassen beide die Wohnung, setzen sich in ihr Auto und warten auf Julia. Die will natürlich dabei sein und sehen, wie sich Natascha über die Überraschung freut. .

Und da kommen Julia und Natascha auch wieder zurück. Mittlerweile war es schon ganz dämmerig geworden. Aber da - was ist denn das? Julia bleibt stehen und lauscht. Ist das nicht Schellengeklingel, wie sie es in der Nacht gehört hat?

„Natascha! Horch mal! Hörst Du das auch?" fragt sie. Aber Natascha schüttelt den Kopf, sie hat nichts gehört.

„Doch, doch! Ich glaub, das war der Weihnachtsmann!" ruft Julia jetzt ganz aufgeregt. Nun klingeln sie Sturm an der Haustür und stürzen, so schnell sie nur könntn, die zwei Treppen hoch zur Wohnung. Nataschas Mutter steht schon da.

"Kommt nur herein und guckt mal ins Wohnzimmer!" sagt sie geheimnisvoll. Natascha macht die Wohnzimmertür auf, und dann bleibt sie ganz sprachlos stehen und kann zuerst kein Wort sagen! Da steht doch tatsächlich ein wunderschöner Weihnachtsbaum, die Kerzen brennen schon, und das ganze Zimmer ist so warm und freundlich, und Geschenke sind auch da!

„Siehst du," sagt Julia fröhlich, „ich hab´s dir doch gesagt, wart´s ab, der Weihnachtsmann wird schon an dich denken!" Aber dann bleibt auch sie überrascht stehen und staunt: Da liegen nicht nur die Geschenke, die sie und ihre Mutter zurecht gemacht haben, nein, da liegt noch ein weiteres Paket unter dem Christbaum! Das ist ganz anders verpackt, viel schöner, mit Goldpapier und Sternen drauf, und ein bunter Zettel hängt daran, darauf steht mit Goldschrift: „Für Natascha"

Wo war dieses Paket nur auf einmal hergekommen? Julia erinnert sich an das Schellenklingeln und denkt voller Freude: Das war der Weihnachtsmann!

Natascha aber erholt sich schnell, dann lacht und jauchzt sie und tanzt um den Tisch herum! Und als sie erst die Päckchen auspackt, da jubelt sie noch mehr und zeigt Julia alles. Zuletzt kommt das große Paket dran. Sie öffnet es ganz vorsichtig, damit das schöne Papier ja nicht kaputt gehen soll, und heraus kommt eine wunderschöne Puppe! Sie hat blonde Haare, zu einem Pferdeschwanz gebunden, blaue Jeans hat sie an und einen gestreiften Pulli. Und sogar ein paar Sommersprossen auf der Nase.

„ Julia! Die sieht ja genau aus wie du!" ruff Natascha erstaunt. Tatsächlich, so ist es, sie sieht Julia sehr ähnlich. Das ist ja wie ein Wunder! Julia wird ganz still. . Dann verabschiedet sie sich schnell von Natascha und ihren Eltern, denn Mama und Papa warten ja unten auf sie, und alle fahren jetzt nach Hause zur ihrer eigenen Weihnachtsbescherung.

Dort werden jetzt die Kerzen am Weihnachtsbaum angezündet und die Platte mit den Weihnachtsliedern aufgelegt. Und nun steht Julia ganz benommen vor ihren Geschenken. Wie immer sind es drei Päckchen, schön mit bunten Schleifen und Weihnachtspapier verpackt und mit allerlei Kleinigkeiten dekoriert. Aber - fast hat sie es erwartet, aber doch nicht zu hoffen gewagt - da ist ja noch ein viertes Paket, das sieht genau so aus wie das von Natascha! Julia guckt zu Mama und Papa. Die sehen sich verwundert an - wo kommt denn dieses Paket bloß her? Keine Ahnung hätten sie, so sagen beide, sie wüssten es wirklich nicht! Aber Julia weiß es, und fast zaghaft packt sie es aus. Und - sie hat es ja geahnt - heraus kommt ebenfalls eine Puppe, die aber sieht so ähnlich aus wie Natascha! Dunkelbraune Locken, ein grün-blau kariertes Kleid mit weißem Kragen und einem breiten roten Gürtel.

Julia freut sich sehr über ihre Geschenke, besonders natürlich über die Puppe. Abends im Bett überdenkt sie dann noch einmal diesen Weihnachtsabend. Am Schönsten, so findet sie, war doch, dass Natascha so glücklich über ihre Weihnachtsüberraschung war. Am Allerschönsten aber, dass der Brief an den Weihnachtsmann tatsächlich angekommen und so erfolgreich gewesen ist. Und jetzt hat sie auch gar keinen Zweifel mehr, dass es ihn wirklich gibt - den Weihnachtsmann!

 

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Kommentar von: Moni 2010-11-05 10:34
Liebe Gisela, Kinder sind so neidlos und ehrlich. War schön zu lesen. Gruß Moni
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Kommentar von: Twiddy 2010-11-05 17:41
Hallo Gisela,ich glaube,du glaubst auch noch den Weihnachtsmann. Die Geschichte hast du wieder schön geschrieben (vielleicht auch einmal so oder ähnlich erlebt?)
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Kommentar von: Gisela 2010-11-05 17:52
Na klar glaub ich an den Weihnachtsmann! Aber erlebt habe ich die Geschichte leider nicht, sie ist, wie alle meine Julia - und Natascha - Geschichten, komplett ausgedacht und für meine Urenkelin Mina geschrieben!
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