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Die Geschichte vom Zwerg Murmel

"Mauritz Ulrich Romeo Marmara Elias Ludowig" sprach der Zwergenkönig mit sonorer Stimme, "so soll mein Sohn heißen." Und die Königin holte aus ihrer Schmuckschatulle die passenden goldenen Buchstaben, fädelte sie auf ein rotgefärbtes Lederband auf und legte diese Kette ihrem Sohn um den Hals:
"M für Mauritz, U für Ulrich, R für Romeo, noch ein M für Marmara. Warum eigentlich Marmara?" fragte sie ihren Mann, "das ist doch kein Name für einen Jungen."
"Es klingt so musikalisch", antwortete der König.
"E für Elias und L für Ludowig", sprach die Königin weiter. Und dann las sie die Anfangsbuchstaben zusammen:
M U R M E L stand da.
"Murmel ist ein Glückskind", bemerkte die Königin noch, "die Sommersonnwendnacht ist ein guter Zeitpunkt für die Geburt eines Königssohnes."

Als das Zwergenkind Murmel 18 Jahre alt war, sollte es zur Schule gehen. Alle Zwergenkinder kommen mit 18 zur Schule. Ein Jahr bei den Zwergen ist so lang wie drei Menschenjahre. Im ersten Schuljahr lernen die kleinen Zwerge basteln, malen und singen. Im zweiten, dritten und vierten Grundschuljahr sollte Murmel dann wie alle anderen Zwerge lesen, schreiben und rechnen lernen. Und stricken und häkeln. Aber Murmel wollte nicht.
"Nein!" schrie er, "ich kann schon bis drei zählen. Das reicht! Lasst mich jetzt spielen."
"Du wirst eines Tages, an deinem 350. Geburtstag, mein Nachfolger. Dann regierst du unser Zwergenreich. Dazu musst du viel lernen, denn es ist ein großes und friedliches Land und das soll es auch bleiben", betonte der Zwergenkönig ernst.
"Aber jetzt bin ich noch ein kleines Kind und will spielen", antwortete Murmel trotzig. "Ich bin doch erst drei Jahre alt."
"Du bist 18 Jahre alt", ermahnte ihn die Königin sanft.
"Lasst mich in Ruh", brüllte Murmel, "es ist mir egal ob 3 oder 18 oder 350." Und er stürmte aus dem Palast, rannte durch den großen Hof, schubste einen Wächter beiseite und lief die lange Lindenallee hinunter. Weiter und immer weiter lief er, denn Zwerge haben sehr viel Kraft und Ausdauer. Als er endlich nach langer Zeit doch erschöpft stehen blieb, war er mitten in einer unbekannten Stadt. Fremde Zwerge eilten geschäftig an ihm vorbei. Murmel wusste nicht wo er war und wie er zum Schloss zurückkommen könnte. Die Straßenschilder konnte er ja nicht lesen. Ein Polizeiauto rollte langsam vorbei. Murmel konnte die uniformierten Männer erkennen, winkte, lief hinterher, schrie, aber die Polizisten bemerkten den kleinen Zwerg nicht und fuhren weiter. Da sah Murmel in der Ferne die Leuchtreklame eines Hotels. Das große Schild "Hotel Europa" konnte er natürlich nicht lesen, aber er war nicht dumm. Er erinnerte sich an das "Hotel" Schild aus einem seiner Bilderbücher.
"Das ist ein Hotel", kombinierte er ganz richtig und stieg die große Treppe zum Eingang hinauf. Die Empfangsdame lächelte süß mit ihren knallrot geschminkten Lippen.
"Was möchtest du, Kleiner?" fragte sie.
"Ich bin der Königsohn Mauritz Ulrich Romeo Marmara Elias Ludowig und ich möchte hier übernachten", sagte Murmel im Befehlston, wie er es von seinem Vater kannte, "und rufen Sie bitte meine Eltern an. Sie sollen morgen eine Kutsche schicken, die mich abholt."
Die Empfangsdame lachte, dass ihre blonden Locken wackelten.
"Geh nach Hause, Kleiner", sagte sie. "Kinder haben hier nichts zu suchen." Und sie winkte einen dicken Kerl in einer dunkelroten Uniform herbei. Seine starken Arme packten Murmel und setzten ihn vor die Tür.
"Lauf schnell nach Hause zu Mama und Papa, Junge", sagte der Rausschmeißer, "sonst fressen dich die Nachtgespenster!" und dann lachte er: "Hahaha."
"Bäh", plärrte Murmel, "Nachtgespenster gibt es gar nicht." Er stampfte wütend mit dem Fuß auf und schrie wieder: "Und außerdem ist es noch gar nicht dunkel. Bäh!"

Hoch über der Stadt zog ein großer Raubvogel seine Kreise. Es war ein roter Milan. Er war auf der Suche nach Futter, denn es warteten zwei hungrige Junge in seinem Nest. Der Raubvogel erspähte den zappelnden Zwerg. Er stürzte sich auf ihn. Die scharfen Krallen schlugen zu. Sie packten Murmel. Immer höher stieg der Milan mit seiner Beute und flog mit Höchstgeschwindigkeit davon.

Als der rote Milan endlich sein Ziel erreicht hatte setzte er sich auf den starken Ast einer alten Kiefer. Die Jungen piepsten hungrig und reckten ihre zausigen Köpfe aus dem Nest.
"Merkwürdig", dachte der Raubvogel, als er seine Beute betrachtete, "das ist keine Maus und auch kein Kaninchen. Nein, wie komisch diese Kreatur riecht." Und mit seinem spitzen Schnabel riss er ein großes Stück aus Murmels neuen Wollpullover, kaute darauf herum und spuckte es wieder aus.
"Pfui! Das ist ja ungenießbar", rief er erschrocken und stieß den Zwerg vom Baum.

Zum Glück war die alte Kiefer schon sehr gebeugt und Murmel fiel nicht tief. Benommen lag er auf dem weichen Moos. Er war gerettet. Ja, gerettet, aber wo war er? Es wurde schon dunkel. Vorsichtig kroch der Zwerg unter eine dicke Wurzel und schlief erschöpft ein.
Am nächsten Morgen weckten ihn wärmende Sonnenstrahlen.
"Hatschi!" nieste Murmel und spähte aus seinem Loch. In einiger Entfernung entdeckte er einen großen grauen Felsen mit einem dunklen Eingang. Langsam und leise robbte Murmel im Schutz des hohen Grases zu dieser Höhle.

Zwanzig Zwergenjahre lebte Murmel hier. Im Sommer, wenn die Tag- und Nachtgleiche war, also der Tag genauso lang war wie die Nacht, hatte er Geburtstag. Das wusste Murmel ganz genau. Und jedes Jahr an seinem Geburtstag ritzte er eine Kerbe in die Felswand über seinem Schlaflager. Und jedes Jahr zählte er sie:
"Eins, zwei, drei. Eins, zwei, drei. Eins, zwei drei. Das sind schon drei Mal drei", dachte er. Und dann zählte er weiter: "Eins, zwei, drei. Eins, zwei, drei. Eins, zwei drei. Das sind noch mal drei Mal drei. Und da sind noch zwei Kerben. Ich bin also zwei Mal drei Mal drei und zwei Jahre hier. So lange schon!" Aber er konnte nur bis drei zählen und fing immer wieder von vorne an.

Wieder ging ein Sommer vorbei und wieder kam ein kalter Winter. Durch eine kleinere Öffnung auf der Rückseite seiner Höhle schaute Murmel auf einen großen Fluss hinunter. Es war die Donau. Ganz steil fiel der Fels hier ab und der Zwerg hatte schon vor Jahren ein paar dicke Äste vor diese Luke gelegt, damit seine Mäuse, mit denen er die Höhle teilte, nicht abstürzten. Sie konnten doch nicht schwimmen! In einer dunklen Ecke hatte Murmel einen Vorrat von Beeren, Wurzeln und Pilzen, die im Sommer reichlich in dieser Wildnis wuchsen, angelegt. Manchmal brachten ihm die benachbarten Eichhörnchen Nüsse. Auch davon hob Murmel einige für den Winter auf, so dass er nie hungern musste.
"Mutter würde sich wundern, woher ich weiß, was essbar ist und was nicht, aber ich weiß es eben", dachte er manchmal beim Pilze suchen. Er beobachte nämlich eines Tages neben einem schönen weißen, aber angefressenen Pilz eine tote Schnecke und hat ganz logisch daraus gefolgert, dass diese Sorte giftig war. Das war tatsächlich ein Knollenblätterpilz. Auch Fliegenpilze nahm er nicht mit. Die dunkelrote Kappe des Pilzes erinnerte ihn zu sehr an die Jacke des Rausschmeißers im Hotel. Also dachte er, ist der Pilz bestimmt auch nicht gut für mich.

Eines Tages, es war mitten im Winter und Murmel saß zusammen mit seinen Mäusen auf dem Schlaflager, um sich zu wärmen, zwängte sich ein kleiner Fuchs in die Höhle. Murmel erschrak, aber der Fuchs war verletzt und brach bewusstlos zusammen. Ein gestohlenes Huhn fiel tot aus seinem Fang. Vorsichtig näherte sich Murmel dem verwundeten Tier und untersuchte die blutende Pfote.
"Der Fuchs ist tot, der Fuchs ist tot", sangen die Mäuse und tanzten um ihn herum.
"Er ist nicht tot", sagte Murmel nachdenklich. "Ärgert ihn nicht."
Ein Bisschen zitterte Murmel schon, als er das Bein untersuchte. Eine Gewehrkugel steckte im rechten Vorderlauf. Der Fuchs stöhnte und schnappte auch einmal. Aber Murmel sprang geschickt zur Seite. Mit seinen kleinen Händen zog er schon nach kurzer Zeit die Gewehrkugel aus dem Oberschenkel des jungen Fuchses. Verband hatte er keinen, aber er hatte eine gute Idee. Murmel riss ein paar Blätter, die noch an den getrockneten Beeren hingen, ab und legte sie auf die Wunde. Dann spritzte er dem Fuchs etwas geschmolzenen Schnee aus einer Walnussschale auf die Schnauze und kraulte ihn hinter dem linken Ohr. Währenddessen schlichen die Mäuse eines nach dem anderen aus ihrem Versteck hervor und eilten zum Ausgang.

Drei Tage und drei Nächte wachte Murmel bei dem fiebernden Fuchs, gab ihm immer wieder geschmolzenen Schnee zu trinken und fütterte ihn mit kleinen Stücken Hühnerfleisch. Am vierten Morgen sprang das wilde Tier auf und knurrte. Murmel aber hatte keine Angst und schaute ihm tief in die Augen. Da senkte der Fuchs den Kopf und fragte leise:
"Wie kann ich dir danken, kleiner Zwerg?"
"O, du könntest dich mal umhören, wo das Zwergenreich ist, aus dem mich der rote Milan entführt hat", sagte Murmel. Der Fuchs knurrte und zwängte sich durch den schmalen Höhlenausgang. Dann sah Murmel nur noch seine Spur im Schnee. Jetzt bin ich ganz allein, dachte er traurig. Ja, die Mäuse haben ihn alle verlassen, als sie merkten, dass er mit dem Fuchs Freundschaft geschlossen hatte.

Die Tage vergingen eintönig und Murmel wurde immer trauriger. Er schaute oft durch seine Luke zur Donau hinunter und beobachtete wie das Eis auf dem Fluss allmählich schmolz und die ersten Schiffe wieder den Strom hinauf fuhren. Eines Tages setzte er sich vor den Höhleneingang und genoss die Frühlingssonne. Er schloss die Augen. Die Sonne kitzelt ja richtig, dachte er und musste niesen. Aber es war nicht die Sonne, die da so kitzelte, es war ein Barthaar. Das Barthaar eines großen Fuchses, der sich angeschlichen hatte. Murmel hielt die Luft an. Der Fuchs stupste ihn an und knurrte. Auf seinem rechten Vorderlauf prangte eine dicke Narbe.
"Du bist aber gewachsen", sagte Murmel, als er seinen Freund erkannte.
"Ich weiß jetzt den Weg zum Zwergenreich. Schwing dich auf meinen Rücken, ich bringe dich hin", antwortete der Fuchs.

Das war eine Freude. Das ganze Königreich wurde mit Luftballons und Papierschlangen geschmückt und die Schulkinder warfen Konfetti durch die Luft.
"Murmel ist wieder da!" stand in großen Leuchtbuchstaben über dem Schloss. Die Glühwürmchen aus dem ganzen Zwergenreich hatten sich zu diesem Megaprojekt zusammengeschlossen. Nach der Feier, die drei Monate dauerte, besuchte Murmel endlich die Zwergenschule. Er lernte rechnen und schreiben, auch häkeln und stricken. Aber er merkte bald, dass die alten Zwerge keine Ahnung hatten, wie die Welt außerhalb des Zwergenreiches aussah. Noch nie hatte einer es gewagt, das Land zu verlassen. So fing Murmel an, Vorträge über ferne Länder zu halten und zeichnete dazu Bilder von Bergen und Flüssen, fremden Pflanzen und Tieren. Er erzählte von den Donaudampfschiffen und den riesigen Menschen, die keine Zipfelmützen trugen. Keine Zipfelmützen? Das konnten die Zwerge gar nicht verstehen.

Als Murmel 350 Jahre alt war, ernannte ihn sein Vater zum Nachfolger. Natürlich wurde Mauritz Ulrich Romeo Marmara Elias Ludowig ein weiser und guter König.

Und der Fuchs? Er hatte Murmel vor dem Schloss abgesetzt und war spurlos verschwunden. Der König aber hat sofort per Gesetz den Jägern seines Landes verboten, Füchse abzuschießen. Und alle hielten sich an dieses Gesetz, denn sie kannten die Geschichte von Zwerg Murmel.

 

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