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Engelstränen

Der Mai-Monat hatte seine Tage über das Land ausgebreitet - halb war er schon durch die Zeit gelaufen - nach Gestern zu. Die ersten zwölf Tage waren voll sommerlicher Wärme vorbeigegangen.

Heute regnete es - viele kleine Schauer waren den ganzen Tag über auf das Land gefallen - auf die maiwarmen Äcker und Wiesen, die sich in einen lichten Schleier hüllten. Der Atem der Erde konnte sich nicht vom Grund trennen. Gesa hockte auf ihrem Schaukelpferd bei Mama in der Küche. Am liebsten würde sie jetzt draußen spielen - barfuß in den blinkenden Wasserpfützen - aber heute nachmittag war sie bei Jannik eingeladen. Jannik wurde sieben - Jannik saß in der Schule eine Bank hinter Gesa - er ärgerte sie immer - und eigentlich würde sie viel lieber draußen spielen - anstatt hier in der Küche im Sonntagskleid zu hocken, und auf drei Uhr zu warten.

Das große Schaukelpferd stand schon seit einer halben Stunde still. Mama hatte sie schon ein paarmal von der Seite her angesehen. Gesas Augen hingen wie festgenagelt an den Fensterscheiben. Man konnte förmlich sehen, wie es hinter ihren Augen arbeitete.
„Mama - wo kommt der Regen her?“ - stand da plötzlich eine Frage in der Luft. Mitten in der Küche - einfach so. Mama war es sowieso nicht gewohnt, daß ihre kleine Tochter so lange schweigen konnte - und hatte schon auf irgendwas gewartet. Diese Frage - die mußte Mama erst bei sich ins Reine schreiben - aber wie Mamas so sind - die wissen auf alles die richtige Antwort. „Gesa, mein Schatz - das sind Engelstränen.“ Gesa drehte ihrer Mama das Gesicht halb zu - und schaute sie von unten herauf ungläubig an - als wenn sie sagen wollte, das mußt du mir schon ein wenig näher erklären.

Und das tat Mama denn auch - Mamas tun ja alles für Schätzchen. „Wenn der Himmel wolkendick und pechschwarz ist, und das Wasser nur so in Strömen auf die Erde fällt - dann sind die Engel traurig, weil der eine oder andere von uns Menschen was Schlechtes getan hat. Ganz was Böses erkennt man daran, daß der liebe Gott schimpft - dann haben wir Blitz und Donner“ - Mama nahm ihre Gesa lieb in den Arm - „aber anders sieht es aus, wenn es so ist wie heute. Weiße Wolken am Himmel, und ab und zu mal ein Regenschauer - das ist ein gutes Zeichen. Dann freuen sich die Engel über irgend etwas Gutes hier unten auf der Erde.“ Still war es in der Küche - die Sonne plinkerte mit einem Auge durch ein Wolkenloch - als wenn sie Mamas Worte bestätigen wollte. Die Regentropfen, die gemächlich an den Scheiben herunter liefen, blitzten wie Sterne. Mama strich sacht mit beiden Händen über Gesas Haar - und oben im Himmel war große Freude - das konnte man ganz deutlich an dem warmen Schauer Engelstränen sehen - der auf die Erde niederfiel.

 

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