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Murphy und Jeany

Ein neues Familienmitglied

Dackel

„Hallo, mein Kleiner, aufwachen! Du bist zu Hause“, der Dackeljunge Murphy war noch ganz benommen. Er hatte, zusammengerollt auf Frauchens Schoss, fest geschlafen und wachte davon auf, dass sie ihn an der Nase kitzelte.
„Hatschi“, unwillkürlich musste er niesen und weil er sowieso wach war kratzte er sich erst einmal ausgiebig hinter dem Ohr. Dann schüttelte er sich und schaute unternehmungslustig um sich. A-ha, hier wohnte also sein neues Rudel.
Alan, der größere der beiden Menschen, die ihn vor dem schlimmen Mann, der ihn in eine dunkle Garage gesperrt hatte, gerettet hatten, schloss die Eingangstür auf. Behutsam wurde Murphy auf dem Boden abgesetzt. Vorsichtig steckteer erst einmal die Nase durch die Tür. Es duftete vielversprechend, fast wie seine Mutter gerochen hatte. „Mama“, wisperte der kleine Dackel, doch er bekam keine Antwort. So ging er mit seinen Menschen in das Haus.
„Jeany“, rief die Frau. „Jeany, komm doch mal her. Schau wen wir mitgebracht haben!“
Es raschelte im Korridor. Eine grauhaarige Dackeldame lugte um die Ecke und musterte den Welpen misstrauisch.
„Hallo“, sagte Murphy und tapste auf sie zu. Er schnüffelte vorsichtig an ihr. Sie roch nicht ganz wie seine Mutter, aber trotzdem sehr vertraut. Auch das Dackelweibchen schnüffelte an ihm, verzog aber angewidert die Nase und schnappte zu. Erschrocken lief Murphy zu seinen Menschen und versteckte sich hinter ihnen.
Die Frau ging in die Hocke. Sie streichelte die Hündin und redete begütigend auf sie ein. „Das geht aber nicht Jeany! Murphy gehört jetzt zu uns und du wirst dich an ihn gewöhnen müssen! Übrigens bist du jetzt nicht mehr allein, wenn ich arbeiten gehe und das ist doch schön!“
Jeany ließ ein dumpfes Grollen hören, drehte sich aber auf den Rücken und ließ sich dem Bauch kraulen.
„Mach dir keine Sorgen, Angie“, sagte der Mann zu seiner Frau. „Sie wird sich schon an den Kleinen gewöhnen.“
Die schaute ihn zweifelnd an. „Na das hoffe ich sehr!“
Ich glaube wir sollten uns gar nicht zu sehr einmischen“, meinte er weiter. „Das regelt sich besser von selbst.“
So stand die Frau auf und das Pärchen ging in die Küche. Vorsichtshalber schloss Murphy sich ihnen an. Nach einer Weile gesellte sich auch Jeany zu ihnen. Wieder musterte sie den Dackeljungen von oben bis unten.
„So, so, du gehörst jetzt auch zu uns?“ knurrte sie. „Wie heißt du überhaupt?“
„Murphy!“
„Ja, das habe ich schon gehört! Aber wie heißt du weiter?“ kam es ungeduldig zurück.
Murphy überlegte. „Ich heiße nicht weiter“, stellte er fest. „Nur Murphy.“
Jetzt rümpfte die Dackeldame ihre Nase. „So, so. Nur Murphy, das habe ich gleich gerochen. Du hast also keinen Stammbaum?“
„Was ist das, ein Stammbaum?“ fragte Murphy neugierig. Die Baumstämme, die er kannte, eigneten sich vorzüglich um an ihnen das Bein zu heben. Doch von einem Stammbaum hatte er bis jetzt noch nichts gehört. „Mir ist jeder Baum recht!“ fügte er hinzu.
„Nun“, klärte Jeany ihn auf, während sie huldvoll die Augenbrauen hob, „ich bin von adeliger Herkunft. Mein voller Name lautet ‚Pini vom Modestübchen‘, doch mein Rudel darf mich Jeany nennen. Ich kann meine Vorfahren bis ins vierte Glied zurückverfolgen. Mein Großvater war ein großer Fuchstöter. Sein Name lautete ‚Waldmann von Halili‘.“
„Oh“, Murphy war beeindruckt. „Ich kenne nur meine Mutter und meine Geschwister, aber ein böser Mensch hat uns getrennt.“ Er schluckte. „Jetzt habe ich nur noch euch.“
Jeany schaute ihn einen Augenblick an. „Na ja“, knurrte sie dann. „Für einen ohne Stammbaum riechst du gar nicht so schlecht. Hast du Hunger? Ich glaube in meinem Futternapf ist noch ein Happen…“

Regeln

regeln

„Also mein Bester, dass wir unser Geschäft möglichst draußen verrichten, hat man dir ja schon beigebracht. Doch ich sollte dir noch einige Grundregeln aufzählen!“ Jeany leckte sich geziert die Vorderpfoten ab, während Murphy ihren Ausführungen lauschte.
„Wie du weißt ist Alan der Rudelführer, weil er am lautesten knurren kann. Sein Weibchen, Angie, füttert uns und geht mit uns Gassi. Deswegen hat sie fast genauso viel zu sagen. Doch nach den Beiden komme gleich ich.“ Jeany warf sich in die Brust. „Schließlich lebe ich schon ziemlich lange hier. Du als jüngstes Rudelmitglied hast am wenigsten zu sagen – ist das klar?“
„Klar!“ Murphy beeilte sich zu nicken. Jeany war in der Regel gutmütiger, als sie es eigentlich sein wollte. Doch wenn er ihr in die Quere kam, so konnte sie ihn schon mal kräftig zwicken und das tat weh.
„Wenn die Rudelführer essen, sitze ich unter dem Tisch, weil manchmal etwas herunterfällt. Der Platz steht mir zu“, fuhr die Dackeldame fort. „Und wenn wir Futter bekommen, darfst du erst an meinen Napf gehen, wenn ich nichts mehr mag. Sonst zwicke ich dich!“
„Klar“, wieder beeilte Murphy sich zu nicken.
„Wasser darfst du immer trinken, wenn du Durst hast“, beendete das ‚Fräulein vom Modestübchen‘ ihre Belehrungen. „Jetzt lass mich in Ruhe meine Pfoten sauber machen. Ich kann es nicht ausstehen, wenn sie schmutzig sind. Übrigens könnte dir eine Reinigung der Pfoten auch nicht schaden!“
„Och nö, die sind noch sauber genug“, Murphy hatte andere Dinge im Kopf, als die Sauberkeit seiner Pfoten. Die Welt war groß und bunt. Es galt sie zu erobern.

 Doch zunächst schlich er sich ins Wohnzimmer. Schon gestern hatte er bemerkt, dass der Tisch dort aus ganz weichem, gut duftendem Holz bestand, an dem man prima knabbern konnte. Das machte Spaß und schmeckte noch besser als Schuhsohle.
Voller Behagen machte er sich daran, ein Tischbein anzunagen, wobei die Späne nur so flogen.
„O nein, AUS! Du ungezogener Hund!“ Plötzlich stand das Frauchen über ihm und schwang eine Zeitung, die sie mit einem Knall auf den Tisch donnerte. Murphy zog erschrocken den Schwanz ein und rannte so schnell er konnte aus dem Zimmer. Das Frauchen folgte ihm auf den Fersen und schimpfte laut mit ihm. Schnell hopste Murphy zu Jeany ins Körbchen.
Die Dackeldame unterbrach ihre Pfotenpflege. „Das sollte ich noch erwähnen“, erklärte sie würdevoll. „In dieser Behausung solltest du nichts anknabbern, höchstens dein Spielzeug und deine Kauknochen. Die Rudelführer zwicken dich nicht, aber sie knurren dich an und machen schreckliche Geräusche. Dann ergibst du dich am Besten sofort.“ Mit diesen Worten drehte Jeany sich auf den Rücken und Murphy folgte ihrem Beispiel.
Das Frauchen konnte sich ein Lachen nicht verkneifen. „Ok, ok, ihr habt gewonnen! Zwei Dackel, die ihre Pfoten nach oben strecken, das ist zu viel für mich.“ Sie setzte sich zu den Beiden und kraulte ihnen den Bauch.

Jeany wird krank

Mit der Zeit gewöhnte sich der kleine Dackeljunge an seine Familie. Er lernte, dass es tatsächlich verboten war, Tischbeine, Schranktüren, Schuhe und Sonstiges anzuknabbern. Und obwohl es ihm manchmal ziemlich schwer fiel, hielt er sich meistens an die Regeln.
Bald merkte er, dass Jeany eigentlich ganz gutmütig war. Er durfte sie nur nicht ärgern, oder nerven. Dann konnte ordentlich böse werden.
„Schließlich bin ich schon mehr als 15 Sommer und Winter alt“, erklärte sie oft, wenn der Dackeljunge sie zum Spielen aufforderte „Glaub mir, mein Junge, da hat man schon das eine oder andere Zipperlein. Besonders mein Rücken tut mir heute ganz schön weh! Also lass mich gefälligst schlafen.“
Murphy hörte ihr aufmerksam zu, konnte sich aber gar nicht so richtig vorstellen, dass er jemals keine Lust zum Spielen haben würde.
Ein Glück, dass Alan oft mit ihm herumtobte. Murphy konnte gar nicht genug davon bekommen, hinter seinem Ball herjagen. So oft Alan ihn auch warf, immer holte der Dackel den Ball zurück und legte ihn schwanzwedelnd vor Herrchens Füßen ab.
Manchmal, wenn die Zwei zu sehr über die Stränge schlugen und wieder einmal im Haus Ball spielten, schimpfte das Frauchen mächtig mit den Beiden. Dann grinste Alan den kleinen Dackel verschwörerisch an. „Ich glaube wir verkrümeln uns nach draußen, Partner“, was Murphy mit einem zustimmenden Schwanzwedeln quittierte.

So verging die Zeit und Murphy war längst kein Welpe mehr. Heute regnete es in Strömen Da hatten weder Hund noch Frauchen Lust, sich lange im Freien aufzuhalten. Schnell erledigte Murphy sein Geschäft und wartete ungeduldig auf Jeany, die in letzter Zeit überhaupt nicht mehr schnell lief und trotzdem aus der Puste war.
Wieder zu Hause angekommen und trockengerubbelt schaute Murphy sich unternehmungslustig um. Doch Alan war schon am frühen Morgen zur Arbeit gefahren und würde erst spät am Nachmittag zurück kommen.
Das Frauchen reagierte auf seine Aufforderung zum Spiel mit einem genervten Blick. Doch so schnell gab der Dackel nicht auf. Immer wieder legte er ihr seinen Ball vor die Füße.
„Hey, jetzt ist aber Schluss. Ich muss wirklich etwas tun.“ Mit diesen Worten schoss sie den Ball kurzentschlossen unter den Korridorschrank. Eine Weile beschäftigte Murphy sich damit, mit Anlauf unter den Schrank zu springen. Doch nachdem er sich ein paar Mal kräftig den Kopf gestoßen hatte, gab er es auf.
Vielleicht konnte er ja doch Jeany überreden mit ihm zusammen an seinem Schmusetuch zu zerren? Entschlossen schleppte er das Tuch bis zu ihrem Körbchen.“Komm schon, sei nicht so langweilig!“ Er schüttelte das Tuch kräftig hin und her.
„Na gut, du gibst sonst sowieso keine Ruhe“, Jeany stakste steifbeinig aus ihrem Korb und nahm eine Ecke des Tuches ins Maul, um kräftig daran zu ziehen.
Klasse, da hatte er ja endlich einen Spielpartner gefunden! Begeistert knurrend zog auch Murphy an dem Tuch, das zu zerreißen drohte. So ging es eine Weile hin und her. Mal zog Jeany kräftiger in ihre Richtung, mal war Murphy stärker. Plötzlich ließ die Dackeldame das Tuch los und taumelte zu ihrem Körbchen.
„Hey, hast du keine Lust mehr?“ wollte Murphy rufen, aber so weit kam er nicht mehr, denn Jeany fiel japsend in ihren Korb und zitterte am ganzen Leib.
„Lass mich“, würgte sie heraus und rang nach Luft. Besorgt schnüffelte Murphy an ihr und leckte ihr behutsam über die Nase. Zum Glück schaute gerade jetzt das Frauchen um die Ecke.
„Na, seid ihr schon fertig mit eurem Spiel“, fragte sie, um gleich darauf besorg die Augenbrauen zu runzeln. „Jeany, was ist denn jetzt los?“Die alte Dackeldame versuchte aufzustehen, fiel aber sofort wieder um. Das Frauchen überlegte gar nicht lange. Sie klemmte sich das immer noch nach Luft ringende Tier unter den Arm und verließ schnell das Haus.

Murphy findet jemanden

M. findet jemanden

„Du kannst ja nichts dazu, ich bin eben nicht mehr die Jüngste“, wieder einmal war die alte Dackeldame damit beschäftigt, sich die Pfoten sauber zu lecken. Murphy schaute ihr besorgt zu. Er hatte sich sehr erschreckt, als Jeany beim Spielen keine Luft mehr bekommen hatte und zusammengebrochen war. Gott sei Dank war das Frauchen sofort mit ihr zum Tierarzt gefahren. Der hatte ihr eine Spritze gegeben und bedenklich mit dem Kopf geschüttelt. „Ihr Hund ist eben schon sehr alt, damit müssen sie sich abfinden“, hatte er gesagt.“Irgendwann werde ich ihr nicht mehr helfen können!“
Jetzt bekam die alte Dackeldame Tabletten und es ging ihr besser. Trotzdem war sie in den letzten Monaten zusehends gealtert: Sie sah nicht mehr gut und auch ihr Gehör ließ zu wünschen übrig.
„Aber ich hätte dich in Ruhe lassen sollen, dann wäre das alles nicht passiert“, meinte Murphy kleinlaut.
„Was? Die Schuhe hast du auch schon wieder angekaut? Und was ist passiert?“ Jeany hörte wirklich von Tag zu Tag schlechter. Murphy gab es auf und ließ sie in Ruhe ihre Pfoten reinigen.
Überhaupt wurde es Zeit, draußen nach dem Rechten zusehen. Erwartungsvoll mit dem Schwanz wedelnd stellte sich der Dackelrüde vor die Terrassentür.
Was war das? Ein Schatten strich von außen über die Terrasse und verschwand im Gebüsch. Murphy bellte laut, um sein Rudel auf den Eindringling aufmerksam zu machen. Da war der Schatten schon wieder! Murphy sprang mit beiden Vorderpfoten vor die Tür.
„Was ist los, Partner? Hast du draußen etwas gesehen?“ Alan öffnete die Terrassentür und Murphy stürzte sich an ihm vorbei in das Gebüsch, in dem der Eindringling verschwunden war. Alan folgte ihm langsam. Eifrig schnüffelnd suchte Murphy das Gebüsch ab. Es roch seltsam, aber er konnte niemanden finden.
So folgte er der merkwürdigen Duftspur: Einmal quer über den Rasen… an der Buchsbaumhecke vorbei...Hinten am Gartenzaun erspähte er eine kleine, zusammengekauerte Gestalt….Laut bellend sprang er darauf zu… und wurde von Alan mit einem lauten „AUS!!“ gestoppt.
Der hatte den kleinen Schatten auch erspäht, bewegte sich jetzt langsam in die Richtung, bückte sich und hob etwas vom Boden auf.
„Schau mal Angie“, rief er laut, während er das Ding in seinen Armen hielt. Frauchen gesellte sich zu ihm und fing an laut zu gurren: „OOOch, ist die süüüßßß!“
Misstrauisch musterte Murphy die ‚Fundsache‘. Er sah ein kleines, getigertes  Lebewesen mit vier winzigen Pfoten und zwei spitzen Ohren, das aus große, grüne Augen ängstlich um sich schaute. Jeany, die von dem Radau angelockt worden war schnüffelte kurz und seufzte dann tief.
„Das fehlt auch noch“, krächzte sie. „Eine Katze im Haus!“ Sie wandte sich um und humpelte in Richtung ihres Körbchens davon. „Das ich dass noch erleben muss…eine Katze im Haus“, murmelte sie dabei.

Lisa

Die kleine Katze wurde auf den Namen Lisa getauft und lebte sich schnell ein. Bald unternahm sie ausgedehnte Streifzüge durch die Umgebung, doch genau so gern machte sie es sich auf dem Sofa bequem. Murphy mochte es, dort mit ihr zusammen zu liegen. Schließlich hatte er sie gefunden und musste jetzt auf sie aufpassen.
Jeany dagegen hasste die Kleine aus ganzem Herzen und versuchte bei jeder Gelegenheit nach ihr zu schnappen. „Als ich noch jung war, hat mir eine solche Katze die Nase blutig gekratzt“, begründete sie ihre Abneigung. „Man kann diesen komischen Schleichern nicht trauen, mein Junge. Wenn sie dich kratzen wollen, dann wedeln sie mit dem Schwanz und das ist sehr hinterlistig!!! Sei lieber vorsichtig!“

Murphy scherte sich wenig um Jeanys Ratschläge und schloss Freundschaft mit der kleinen Katze. Die beschwerte sich oft. „Dieser griesgrämige alte Grummeldackel will mich immer nur piesacken. Kaum nehme ich mal einen Happen aus ihrem Futtertopf, so stürzt sie sich schon auf mich und will mit an dem Kragen. Gut das sie nicht mehr so schnell laufen kann…“
„Ach sei mal nicht so, Jeany ist ja auch schon uralt. Was meinst du, wie oft ich beim Gassi gehen auf sie warten muss!“ versuchte Murphy die Wogen zu glätten. „Sie hat oft genug auch nach mir geschnappt, aber sie meint das nicht so. Übrigens hat sie kaum noch Zähne, da kann sie dich höchstens kneifen! Sie hat eben manchmal so dolle Rückenschmerzen und deshalb ist sie schlecht gelaunt.“
Trotz aller Vermittlungsversuche rasselten Jeany und die Katze Lisa oft zusammen. Sie konnten sich einfach nicht riechen.

Als die Katze größer wurde, schlich sie sich häufig von hinten an die alte Dackeldame an und klopfte ihr spielerisch mit der Pfote auf den Kopf. Jeany, die nicht mehr richtig sehen konnte und die Katze auch nicht gehört hatte erschrak sich dann fürchterlich und versuchte sich mit lautem Geknurre auf Lisa zu stürzen. Die befand sich dann schon auf ihrem Katzenkorb und schaute sich von oben an, wie die alte Dackeldame hektisch hin- und herlief, um sie zu finden und zur Rechenschaft zu ziehen.
Murphy hielt sich aus diesen Kabbeleien heraus und versuchte mit beiden gut auszukommen, was ihm meistens gelang.

Heute war Lisa schon den ganzen Vormittag unterwegs gewesen. Jetzt kletterte sie vom Nachbargrundstück aus über den hohen Sichtschutz. Oben angekommen setzte sie sich einen Augenblick auf die Kante.
„Mphurpy, ipf abe was für dch“, rief sie von oben herab.
Neugierig sprang Murphy näher. „Ein Geschenk? Für mich?“
„Hmm, ewa schum essen…“ Lisa kletterte den Zaun hinunter, sperrte weit den Mund auf und ließ ihr Geschenk vor Murphy auf die Erde plumpsen.
„Eine Maus“, rief Murphy begeistert, doch seine Begeisterung kühlte schnell ab, denn das Frauchen trat näher und betrachtete sein Geschenk.
„Ihh, was ist das ekelig“, kreischte sie laut. „Murphy, aus! Weg hier!“
Das ließ sich Murphy nicht zweimal sagen, er schnappte sich die Maus und wuselte ins Gebüsch. Auch Lisa zog sich vorsichtshalber zurück und gesellte sich zu ihm.
„Was die wieder hat“, wisperte sie. „Immerzu stellt sie sich an, wenn ich Geschenke mitbringe!“
Murphy nickte zustimmend. „Ich glaube ich esse die Maus lieber gleich auf, dann sieht Frauchen sie nicht mehr und hört auf herumzukreischen!“ Gesagt – getan, Hund und Katze teilten sich die Maus brüderlich, während das Frauchen vergeblich versuchte, ins Gebüsch zu kommen und ihnen ihre Beute wegzunehmen. Nach einer Weile wagte sich Murphy wieder auf die Terrasse, während das Kätzchen sich über den Zaun davonschlich.
Das Frauchen schaute ihn böse an. „Na, du Mäusetöter? Hoffentlich bekommt dir deine Mahlzeit nicht!“
Jeany, die es sich auf Frauchens Füßen in der Sonne bequem gemacht hatte hob kurz den Kopf.
„Pöh, ein Geschenk von dem hinterlistigen Schleicher! Wenn das mal gut geht…“
Murphy öffnete den Mund um zu antworten, aber er klappte ihn gleich wieder zu, denn in seinem Bauch fing es an ganz fürchterlich zu grummeln. Schnell krabbelte er wieder zurück ins Gebüsch, wo er den Nachmittag damit verbrachte, sein Bauchgrimmen und Jeanys hämische Bemerkungen zu ertragen. Niemals wieder würde er eine Maus essen, das nahm er sich ganz fest vor.

Jeany muss fort

Der Dackeldame ging es von Tag zu Tag schlechter. Meist schaffte sie es gerade einmal in den Garten, wo sie dann schnell ihr Geschäft verrichtete und sich schnell wieder in ihr Körbchen verzog. Selbst das strengte sie oft an.
Das Frauchen schaute dann traurig auf das sich vorwärts quälende Tier und wischte sich verstohlen über die Augen.
Murphy hatte es schon lange aufgegeben, Jeany zum Spielen aufzufordern. Sie schaute ihn doch nur müde an und würdigte ihn meist keiner Antwort. Selbst Lisa, das Kätzchen, ärgerte die alte Dackeldame nicht mehr.

 Heute schien es Jeany nach langer Zeit wieder einmal gut zu gehen. Sie wedelte mit dem Schwanz und wuselte wie in ihren besten Tagen um Murphy und das Frauchen herum, als diese sich aufmachten, um die tägliche Runde zu drehen.
„Oh, Jeany, willst du etwas mitkommen?“ rief Angie erfreut aus.
Auch Murphy stupste die alte Dame aufmunternd an. „Wir gehen auch gar nicht weit, schön dass du mitkommst!!!“
„Sicher habe ich Zeit! Aber wer kommt noch mit? Doch nicht etwas die Schleicherkatze?“ Jeanys Gehör ließ wirklich zu wünschen übrig.

Ausgelassen tobte Murphy über die Hundewiese im Park. Heute war wirklich ein schöner Tag: Die Sonne schien, es roch wunderbar nach Frühling und selbst Jeany schien es heute gut zu gehen. Sie stakste über die Wiese, schnupperte hier und dort an dem ersten zarten Grün und sog den Duft genießerisch ein.
Viel zu schnell rief das Frauchen die Hunde wieder zu sich. „Es geht zurück. Murphy, Jeany, los jetzt!“
Widerwillig folgte der Dackeljunge und auch Jeany schloss sich ihnen an. „Gehen wir schon zurück? Moment, ich komme ja“, keuchte sie atemlos und bemühte sich, um hinterher zu kommen.
Plötzlich verdrehte sie die Augen und fiel wie leblos auf die Seite.
„Um Gottes Willen, Jeany“, das Frauchen eilte zu dem reglosen daliegenden Tier. Auch Murphy war ganz erschrocken und stubste die alte Dackeldame vorsichtig mit der Nase an. Langsam kam Jeany wieder zu sich. Sie versuchte sich aufzurichten, fiel aber gleich wieder um.
„Warte, ich trage dich nach Hause“, flüsterte das Frauchen mit einer merkwürdig klingenden Stimme. Sie nahm die Dackeldame vorsichtig auf den Arm und Murphy folgte den Beiden.
Zu Hause angekommen legte Angie den alten Hund in sein Körbchen und telefonierte. Murphy, der nicht so genau wusste, was er machen sollt, legte seinen Kopf auf den Rand des Körbchens und seufzte laut. Bald gesellte sich das Frauchen zu den Hunden, streichelte Jeany sanft über den Kopf und schnaufte merkwürdig.
„Tja, altes Mädchen, wir werden uns wohl gleich auf deinen letzten Gang machen. Keine Sorge, ich werde dich nicht alleine lassen.“ Sie schien nichts weiter sagen zu wollen, sondern schnaufte und schniefte weiter vor sich hin, während sie die alte Dackeldame weiter streichelte.
Jeany hob müde den Kopf, um ihn gleich wieder sinken zu lassen. Sie schien, im Gegensatz zu Murphy, verstanden zu haben, was das Frauchen sagen wollte.

So blieben die Drei eine ganze Weile zusammen sitzen, bis Angie entschlossen aufstand. Wortlos nahm sie die alte Dackeldame mitsamt ihrer Lieblingsdecke auf den Arm und verließ das Haus.

Murphy war ratlos. Sonst ging das Frauchen nie so einfach weg, ohne ihn wenigstens noch einmal zu streicheln. Er kam sich ganz furchtbar allein vor und suchte nach Lisa, dem Kätzchen. Doch die war nirgends zu finden. Wahrscheinlich hatte sie sich wieder einmal auf die Mäusejagd begeben. Rastlos lief der Dackeljunge von einem Zimmer in das andere. Wenn er auch nicht so richtig verstand, was vor sich ging, so erkannte er doch, dass etwas Schlimmes passieren würde, oder schon passiert war. Schließlich legte er sich in Jeanys Körbchen und ließ traurig den Kopf hängen.

Es war schon spät, als Alan nach Hause kam. „Hallo Partner“, begrüßte er den kleinen Hund. „Was ist denn hier los? Wo sind bloss unsere Mädchen geblieben?“ Murphy war froh, nicht mehr allein zu sein und wuselte eifrig um Alans Füße herum. „Ist ja gut“, beruhigte der den aufgeregten Hund. „Bestimmt sind Frauchen und Jeany gleich wieder hier.“

Doch es dauerte noch eine ganze Weile, bis Angie nach Hause kam. Sie war allein, von Jeany fehlte jede Spur. Alan sah sie erschrocken an, denn sie schnaufte und schniefte immer noch ganz komisch.
„Schatz, was ist denn passiert?“ Alan nahm seine Frau in die Arme.
„Ach Alan, ich komme gerade vom Tierarzt. Er hat uns ja schon vor einer ganzen Weile gesagt, dass es jeder Zeit mit Jeany zu Ende gehen könnte. Und heute….“sie sprach nicht mehr weiter.
Wenn Murphy auch immer noch nicht so ganz begriff, was geschehen war, so verstand er doch, dass Jeany nicht mehr wieder kommen würde.
Seine Menschen hatten sich zusammen auf das Sofa gesetzt und sprachen leise miteinander.
„Warum hast du denn nicht angerufen, ich wäre doch sofort nach Hause gekommen!“ hörte er Alan sagen.
Die Antwort kam undeutlich. „Ich wollte mit meinem Mädchen allein sein. Wir haben uns doch von einander verabschieden müssen…“
Murphy hörte nicht mehr zu. Er rollte sich wieder in Jeanys Korb zusammen und legte traurig den Kopf auf die Vorderpfoten. So blieb er eine lange Zeit liegen, lauschte den undeutlichen Stimmen seiner Menschen und schlief schließlich ein. Es war bereits dunkel, als er aufwachte. Neben sich fühlte er einen kuscheligen Körper.
„Jeany“, murmelte er schlaftrunken.
„Nö, ich bin‘s“, antwortete ihm Lisa, das Kätzchen. „Hier sind heute alle so traurig! Das ist wegen dem alten Grummeldackel, nicht wahr!“
Wieder seufzte Murphy abgrundtief. „Ja, Frauchen ist mit ihr weggegangen und jetzt kommt Jeany nicht mehr zurück“
„Schade, sie wird mir fehlen. Niemand ließ sich so schön ärgern wie sie!“ Lisa dachte eher praktisch. „Aber sei nicht traurig, du hast ja noch mich! Ich habe dir auch eine leckere Maus gefangen und im Gebüsch versteckt. Sonst quietscht das Frauchen wieder so unmelodisch!“
Murphy hob unternehmungslustig den Kopf. „Ja dann wollen wir doch gleich mal raus gehen! Und vielleicht kommt die gute alte Jeany ja doch noch mal zurück zu uns…“Murphy
„Ja, eben! Und in der Zwischenzeit haben wir beide ein bisschen Spaß!“mit diesen Worten sauste Lisa durch die Katzenklappe nach draußen und Murphy folgte ihr auf dem Fuss.

 

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Kommentar von: Insulaire 2010-01-04 02:20
Eine sooo gute Erzählung, sehr einfühlsam, gleichzeitig fröhlich und melancholisch. Das war jetzt, als hätte mir jemand eine wunderschöne Gutenachtgeschi chte vorgelesen.
Lieber Gruß - Insu
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