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Die heilenden Tränen

Es war einmal ein kleines Mädchen, das hieß Marlina. Sie wohnte gemeinsam mit ihrer Mutter Doria und ihrem Hund Barnet mitten im Wald in einer sehr gemütlichen kleinen Holzhütte. Ihr Vater war bei einem tragischen Jagdunfall ums Leben gekommen. Sie kamen aber ganz gut zurecht und hatten im Wald alles, was sie zum Leben benötigten. Den Wald kannten sie dadurch sehr gut, auch, welche Tiere dort wohnten. Manchmal vermisste Marlina ihren Vater sehr und dann ging sie ihn am Grab besuchen und sprach mit ihm. Die Tränen, die sie dabei weinte, fielen auf das noch kleine Bäumchen, das Doria dort aus einem Samen gepflanzt hatte und ließen es so schneller gedeihen. Das fiel Marlina aber nicht auf. Sie wußte noch nichts von der wundersamen Wirkung ihrer Tränen. Barnet war immer bei ihr und gab auf sie acht. Sie kannten sich schon von klein auf und mochten sich sehr.
Eines Tages passierte etwas, das ihr Leben verändern sollte: Eine alte Frau, die sagte, sie sei eine „gute Fee“, klopfte an ihre Tür. Marlina öffnete und erschrak: eine alte Frau huschte ins Haus, direkt zu ihrer Mutter. Sie schrie sie an, sie sei ab jetzt verflucht und bekäme eine schreckliche Krankheit und verwünschte sie mit einem geflüsterten Fluch. Barnet bellte die ganze Zeit aufgebracht, konnte aber die „Fee“ nicht angreifen, er war wie verhext. Leider konnte Marlina nicht verstehen, was die „Fee“ da sagte und konnte so ihrer Mutter nicht helfen. Sie sah alles mit an und war wie erstarrt. So wie die „Fee“ gekommen war so verschwand sie wieder. Zurück blieb ein verängstigtes Mädchen und ihr Hund, der immer noch bellte. Aber die Mutter war weg, war einfach nicht mehr in der Hütte! Marlina befahl Barnet, er möge aufhören zu bellen. Beide machten sich sofort auf die Suche nach ihrer Mutter Doria, sie rief aus Leibeskräften nach ihr, doch es kam keine Antwort. Ihr Hund versuchte Spuren von ihr zu finden, aber alles blieb erfolglos. Nun setzte sich Marlina auf einen Stein und begann zu weinen. Barnet saß neben ihr und leckte tröstend ihre Hand, doch das vermochte ihre Mutter auch nicht wieder herzubringen. Es begann dunkel zu werden und so machten sie sich auf den Weg zurück zur Hütte. Diese Nacht schliefen sie sehr unruhig.
Als der Morgen anbrach, ging Marlina zum Grab ihres Vaters und erzählte was geschehen war. Sie hoffte eine Antwort zu bekommen, aber es kam keine. Sie rief Barnet und gemeinsam gingen sie noch mal durch den Wald und sie rief nach Doria. Bald war sie zu erschöpft um weiter zu rufen. Sie gab die Hoffnung aber nicht auf, daß sie ihre Mutter finden würden. Da kam ihnen eine Frau entgegen, Barnet fing sofort an zu bellen und Marlina wollte weglaufen, aber als sie die sanfte Stimme dieser Frau hörte, blieb sie stehen. „Lauf doch nicht vor mir weg,“ sagte die Frau leise. „Ich möchte dir helfen. Ich war ganz in der Nähe und habe mitbekommen, was passiert ist,“ erzählte die Frau weiter. „Das soll ich glauben?“ fragte Marlina ungläubig. „Ja, ich bin eine gute Fee,“ antwortete sie. Dabei zuckte Marlina zusammen, denn genau das hatte die Frau auch zu ihr gesagt. „Die Frau, die da bei euch war, ist eine alte und sehr böse Hexe. Ich war leider nicht in der Lage, den Fluch aufzuhalten, aber ich weiß, wohin deine Mutter gebracht wurde.“ Das waren ja gute Neuigkeiten! „Wirklich? Wo ist sie? Wie geht es ihr? Kann ich zu ihr gehen?“ fragte Marlina hoffnungsvoll und Barnet spitzte aufmerksam die Ohren. „Nun, ganz so einfach ist das nicht,“ sagte die echte gute Fee und erklärte: „ Es gibt noch einen Wald, auf der anderen Seite einer sehr großen und gefährlichen Straße.“ Marlina staunte nicht schlecht: es gab noch einen anderen Wald?? Davon hatte sie nichts gewußt! Sie erzählte weiter: „Etwa eine Stunde zu Fuß von hier ist er entfernt. Aber du mußt etwas tun, damit deine Mutter wieder gesund wird: Jeden Tag mußt du eine große Schale voll mit deinen Tränen sammeln, in denen deine Mutter baden soll, dazu mußt du ein paar seltene zum Glück im Wald wachsende Pflanzen geben, sie heißen Kalandei, Habinex und Bohnestreck. Du erkennst sie, wenn du ihre Namen rufst, dann zeigen sie sich. So geht die Krankheit wieder fort und deine Mutter ist für immer geheilt. Aber zwei Bedingungen gibt es noch zu erfüllen: du darfst nicht bei deiner Mutter wohnen und diese Kräuter wachsen nur in dem Wald, wo du wohnst. Du mußt dich unbedingt daran halten, sonst kann es nicht gelingen.“ Das mußte Marlina erst einmal verdauen. Sie fragte: „Wie lange muß ich das machen?“ Die echte gute Fee antwortete: „ Dazu kann ich dir leider nicht sagen. Du wirst den Zeitpunkt selbst finden.“ „Ich kenne den Weg aber nicht bis zum anderen Wald, zeigst du ihn mir?“ fragte Marlina. „Natürlich,“ antwortete sie. So gingen sie los. Der Weg war ganz schön verschlungen und manchmal mußten sie sich durch das Gestrüpp zwängen. Schließlich kamen sie an die große Straße, auf der sehr viele Autos sehr schnell fuhren. „Das ist der schwierigste Teil des Weges“, sagte die echte gute Fee zu Marlina. „Achte gut auf dich und deinen Hund, wenn du rübergehst!“ Sie hielt ihren Hund fest und als die Straße endlich frei war, kamen sie rüber in den anderen Wald. Jetzt war es nicht mehr weit. „Da vorne ist die Hütte, wo sie deine Mutter untergebracht hat.“ Marlina konnte den Augenblick nicht mehr abwarten, ihr hüpfte vor Freude das Herz! Endlich würde sie ihre Mutter wiedersehen! „Oh Marlina, mein Kind,“ sagte ihre Mutter als sie eintraten. Doria lag im Bett und konnte wegen der Krankheit nicht aufstehen. „Mama!“ rief auch Marlina und fiel ihrer Mutter um den Hals. Dann sahen sie sich an und Marlina erschrak, wie dünn ihre Mutter geworden war! Gerade wollte sie der echten guten Fee noch danken, aber sie war verschwunden. „Ich geh schnell und hole dir was zu essen,“ sagte sie zu ihrer Mutter. Ihr Hund kam mit und bald hatten sie leckere Sachen gesammelt. Sie aßen zusammen und Marlina erzählte ihrer Mutter, was sie tun mußte, damit sie wieder gesund wurde.
So tat Marlina jeden Tag das, was ihr die echte gute Fee gesagt hatte. Das Weinen fiel ihr nicht schwer, denn sie fühlte sich trotz der Gesellschaft von Barnet allein und schutzlos. Ihr fehlte Doria ganz schrecklich! Sie sammelte zu den Tränen auch immer die Kräuter dazu. Es stimmte, wenn sie die Namen dieser seltenen Kräuter rief, zeigten sie sich. Die Namen hatte sie sich sofort gut eingeprägt. Barnet war dabei und achtete darauf, daß niemand sie störte.
Es vergingen viele Tage, Wochen und Monate; inzwischen kannte Marlina den Weg zu ihrer Mutter im Schlaf. Langsam wurde der Zustand von Doria besser, sie konnte auch wieder aufstehen, das sah Marlina. Jeden Tag betete sie, daß sie schnell gesund werden mochte; doch die Zeit verging nur langsam. Sie hatte ihre Mutter schon oft gefragt, ob sie mit Barnet nicht bei ihr bleiben könnte, aber schweren Herzens hatte Doria abgelehnt aus Angst vor neuer Krankheit. Das sah Marlina ein, sie wollte ja auch, daß ihre Mutter so schnell wie möglich wieder gesund wurde! Also machte sie weiter.
An einem schönen sonnigen Tag geschah es: es klopfte erneut an der Tür, gerade als Marlina ihre Mutter besuchte. Marlina sagte erschrocken: „Wer mag das sein? Hoffentlich ist es nicht wieder die alte böse Hexe! Barnet, sei doch still! Soll ich öffnen?“ Sie sah ihre Mutter voller Angst an. Doria antwortete: „Mach auf!“ Dieses Mal waren sie vorbereitet: als damals die gute Fee so schnell verschwunden war, hatte sie einen Brief hinterlassen, auf dem ein Gegenfluch geschrieben stand, der sofort wirken sollte. Das hatten sie beide gut eingeübt und es mal an einer kleinen Maus ausprobiert. Die Maus war erstarrt. Genau das würde auch mit der alten Hexe geschehen.
Als Marlina die Tür öffnete, kam tatsächlich die alte böse Hexe herein und setzte wieder zu einem Fluch an, aber sie war auf den Gegenangriff nicht vorbereitet, denn schnell riefen Doria und Marlina gemeinsam laut den Gegenfluch. So erstarrte sie in ihren Bewegungen und konnte nichts Böses mehr ausrichten. Die Tür stand noch offen; da kam die gute Fee herein und sah, was geschehen war. „Das habt ihr gut gemacht,“ sagte die Fee, noch etwas außer Atem. „Ich konnte nicht schneller kommen, aber ihr habt es ja geschafft! Nun werde ich die alte böse Hexe draußen wieder beweglich zaubern und dann kommt sie in ein dunkles Verlies, weit fort von hier. Dort kann sie über“- weiter kam sie nicht, denn Barnet knurrte plötzlich böse und dann sahen sie, wie die Hexe sich zu bewegen begann! „Das darf doch nicht wahr sein!“ murmelte die gute Fee. „Ha! Endlich sehe ich dich mal vor mir!“ rief die böse Hexe und reckte sich. „Laß uns hinausgehen und ein Duell der Kräfte abhalten! Darauf warte ich schon so lange! Der Gewinner darf die Freundin dieser Leute da werden! Hahahahahaha!!!“ lachte die Hexe böse, daß es einem kalt den Rücken herunterlief. „Also gut, du willst es ja nicht anders. Gehen wir! Ich habe keine Angst vor dir!“ sagte die gute Fee. „Nein, oh nein!! Nicht!“ rief Marlina verzweifelt, doch sie und Doria mußten mit ansehen, wie beide hinausgingen und sich die Flüche gegenseitig zuriefen und sich heftig bekämpften. Mal lag die gute Fee am Boden, mal die böse Hexe, aber beide rappelten sich immer schnell wieder hoch. Marlina drückte sich ängstlich an ihre Mutter. Plötzlich lag die böse Hexe unbeweglich auf dem Boden und kurz darauf war sie fort. „Puh, das wäre geschafft,“ sagte die gute Fee. Sie sah etwas mitgenommen aus. „ Keine Angst, die tut euch nie wieder etwas!“ Glücklich über den guten Ausgang gingen sie alle ins Haus zurück. Die gute Fee sah, daß es Doria schon sehr gut ging und sagte zu Marlina: „ Nun brauchst du keine Tränen und Kräuter mehr sammeln, wie du siehst, hast du deine Mutter ganz geheilt! Das hast du sehr gut gemacht, durch deine Entschlossenheit, deinen Willen und deinen Mut hast du das erreicht!“ Sie lachte und alle lachten mit, sogar Barnet. „Ihr könnt jetzt auch wieder in eure Hütte im anderen Wald zurückkehren, hier würde euch nur alles an diese böse Hexe erinnern,“ sagte sie und begleitete die drei zurück zu ihrem Heim. „Ich muß weiter, es gibt für mich noch mehr zu tun,“ sagte sie. Sie nahmen Abschied voneinander. „Danke,“ sagte Marlina und umarmte die gute Fee. „Sehen wir dich noch mal wieder?“ „Nein,“ antwortete die gute Fee. „Lebt wohl! Ihr werdet mich im Herzen tragen und ich werde euch auch nie vergessen,“ antwortete sie und ging davon.
Niemand hat sie jemals wiedergesehen. Was mit der bösen Hexe passiert ist, darüber ist nichts überliefert. Wahrscheinlich hockt sie noch im Verlies und grollt...
Marlina war froh und dankbar, ihre Mutter Doria wiederzuhaben. So lebten sie glücklich und zufrieden bis an ihr Ende ...

 

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