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Der Polizist

Es war einmal ein Polizist, der seine Pflichten sehr ernst nahm. Er war zu allen gerecht aber streng und die Kollegen, die gerne auch mal lachten und alberten mochten ihn nicht. Der Polizist hatte einen Sohn. Er liebte seinen Sohn über alles, aber er wollte aus ihm einen unbeugsamen und pflichtbewussten Mann machen. Der Sohn wurde deshalb von seinem Vater streng erzogen und da die Mutter schon früh gestorben war, hatte der Junge keinen Menschen, der ihn tröstete oder zärtlich zu ihm war.

Als der Sohn in die Pubertät kam, fing er an, sich gegen die Strenge Erziehung des Polizisten aufzulehnen. Der Vater bestrafte ihn hart für seine Aufsässigkeit. Er sperrte den Sohn am Wochenende in den Keller und gab ihm nur Wasser zu trinken, hartes Brot ohne Butter und einen grünen Apfel pro Tag zu essen. Am Montag brachte er ihn zur Schule und befahl dem Sohn, sofort nach dem Unterricht nach Hause zu gehen. Mehrere Wochen gehorchte der Sohn. Er war still und schüchtern, beteiligte sich nicht am Unterricht und in der Pause hänselten ihn die Mitschüler, zupften ihn am Ohr oder stellten ihm ein Bein. Oft versteckte sich der Sohn in der Toilette bis es klingelte und ging dann alleine durch die langen Gänge zum Klassenzimmer. An den Wänden hingen die Mäntel und Jacken der Kinder. Der Sohn schnupperte an den Kleidungsstücken und betastete sie. Einige waren weich und anschmiegsam, andere kalt und glatt. Eines Tages fand er in der Tasche eines weichen dunkelblauen Mantels ein Geldstück. Es glänzte silbern in seiner Hand. Und langsam, ohne nachzudenken, durchsuchte er alle Taschen. Er steckte die Münzen in seine Schultasche.

Zu Hause war er sehr artig und wirkte zufrieden und der Vater freute sich, dass sein Sohn zur Besinnung gekommen war und sperrte ihn nicht mehr ein. Der Sohn aber ging trotzdem mit dem Schulranzen in den Keller, setzte sich auf seinen Platz und zählte das Geld. Dann versteckte er es hinter dem alten Kohlenkasten, der schon lange nicht mehr benutzt wurde.

In der Schule herrschte indessen helle Aufregung. Viele Kinder und Eltern, ja auch Lehrer, hatten sich inzwischen bei der Schulleitung über die wiederholten Diebstähle beschwert und endlich wurde die Polizei benachrichtigt. Der Polizist kam mit einem jungen Kollegen zur Schule und ordnete an, dass alle Taschen durchsucht werden sollten.
„Den Dieb haben wir gleich“, sagte er drohend.

Der Sohn bekam Angst. Er schlich aus dem Klassenraum ohne seine Tasche mitzunehmen und versteckte sich zu Hause in seinem Kellerloch.
Als die Reihe an seine Schultasche in der Klasse kam, sagte die Lehrerin zu dem Polizist:
„Ihr Sohn ist gerade zur Toilette. Aber seine Tasche ist ja hier“, und sie überreichte die Schultasche dem Vater. Der öffnete den Verschluss und schob mit der rechten Hand die Hefte und Bücher zur Seite. Darunter fand er mehrere Münzen. Er hielt inne. Seine Gedanken rotierten. Er schaute in die Runde. Alle kannten ihn. Er war ein angesehener Polizist. Diese Blamage!

Der Polizist zog langsam die Hand aus der Tasche, ließ das Schloss zuschnappen und schob sie zur Seite. Die zehn letzten Schulranzen waren schnell durchsucht, dann kündigte auch schon die Glocke das Ende des Unterrichts an.
„Ich nehme die Tasche meines Sohn mit, er wird ja schon auf dem Hof auf mich warten“, sagte der Polizist und griff nach der Schultasche.

„Fahren Sie schon zum Revier und schreiben Sie den Bericht“, sagte der Polizist zu seinem jungen Kollegen. „Ich suche meinen Sohn und komme nach der Mittagspause zum Büro.“
Dann ging der Polizist benommen durch die Gruppe lebhafter Kinder zum Tor hinaus. Er suchte seinen Sohn nicht. Er ging die lange Allee entlang, immer weiter, bis zum Stadtpark. Dort setzte er sich auf eine Bank. Mein Sohn ist der Dieb, dachte er immer wieder. Warum nur. Ich verdiene doch genug Geld. Er muss nicht hungern, er muss nicht frieren, er bekommt alle Bücher, die er benötigt. Warum tut er das? Was fehlt ihm?

Der Polizist legte seine Dienstmütze auf die Bank neben sich. Mit beiden Händen umklammerte er den Schulranzen des Kindes. Sein Kopf sank nach vorne und der Wind strich leise durch seine Haare. Er roch das Leder der Tasche und er erinnerte sich an seine Kinderzeit. Er dachte an seine Mutter, die so oft geweint hatte, wenn der Vater ihn wegen Kleinigkeiten züchtigte. Er erinnerte sich an die zärtlichen Augenblicke, wenn die Mutter ihm heimlich etwas zum naschen brachte und ihm tröstend den Kopf streichelte. Ja, er konnte ihr streicheln fühlen. Auch seine Frau hat so gerne mit ihren kleinen Händen seinen Lockenkopf gestreichelt. Viel zu früh ist sie gestorben. Unser Sohn war noch ein Baby, dachte er traurig.
„Unser Kind ist nie gestreichelt worden“, flüsterte seine Frau durch den Wind.
„Nein, nie“, antwortete seine Mutter mit ihrer heiseren Stimme, „niemand hilft dem Kind, so wie ich dir geholfen habe.“
Und da krampfte sich sein Herz zusammen.
„Mein armer Junge“, dachte er, und Tränen liefen ihm über die Wangen.

Mit schweren Schritten ging der Polizist nach Hause. Die Tür zum Keller stand offen. Langsam stieg der Vater die Treppe hinunter. Der Sohn hörte die Schritte und Angst lähmte ihn, aber der Vater kniete vor dem Kind nieder.
„Mein armer Junge“, sagte der und legte einen Arm um den mageren Körper. Er berührte vorsichtig, ja ängstlich, die Locken seines Sohne, der ihm so ähnlich war. Das Kind krümmte sich, aber als die Hand zärtlich auf seinem Kopf liegen blieb, entspannte es sich schnell. Ein unbekanntes Gefühl stieg in dem Sohn auf und er begann zu schluchzen.
„Mein Junge, mein armer kleiner Junge“, wiederholte der Polizist und die Stimme klang wie die seiner Mutter.

Am nächsten Tag brachten der Polizist und der Sohn gemeinsam das gestohlene Geld zur Schulleitung. Der Direktor versprach Diskretion, damit das Kind nicht zu sehr leide. Dann ging der Vater zu seiner Dienststelle, legte Ausweis und Pistole auf den Schreibtisch des Vorgesetzten und bat um seine Entlassung.
„Aber Herr Kollege, wir machen alle mal Fehler. Ihr Sohn hat zu seiner Tat gestanden und Sie haben ihm dabei geholfen. Selbstverständlich bleiben Sie bei uns“, sagte der Dienststellenleiter und streckte dem Polizist die Hand entgegen. Der Polizist konnte nicht antworten. In diesem Moment öffnete sich die Bürotür und ein Beamter rief:
„Die Pflicht ruft. Einsatz am Bahnhof, komm Kollege!“

© Brigitta Biester

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3 Wertung(en)    Schlecht »« Super  
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Kommentar von: Twiddy 2010-11-17 13:40
Das ist eine wunderschöne Geschichte die auch zum Nachdenken anregt. Mit viel Gefühl geschrieben, gefällt mir sehr gut. Liebe Grüße von Twiddy. herz*
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Kommentar von: Angie Pfeiffer 2010-11-17 14:16
Ich schließe mich einfach an. Sehr einfühlsam geschrieben. Schön, wenn es auch im "wahren leben" immer so enden könnte. LG Angie
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