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Logik tut niemandem weh

Er starrt an die Wand, rührt sich nicht. Sein Blick ist apathisch, regungslos, hoffnungslose Augen erfüllen sein raues Gesicht. Es scheint als könnte er nichts mehr fühlen, weder Glück noch Leid, noch Licht und Schatten kann er wahrnehmen in unserer Welt. Seine Welt ist nicht unsere Welt und unsere Welt macht ihm Angst, lässt alles tief in ihm erschrecken und gibt ihm das Gefühl wertlos zu sein. Sein Geschmack ist anders als der unsere, denn sein Geschmack ist die Geschmacklosigkeit, die er in unserer Welt zu spüren scheint.
Seine Welt schmeckt anders, ist klar wie Wasser … .

Diesen Eindruck hat Cornell, als er ihn das erste Mal in seinem Zimmer sitzen sieht.
Er hatte schon viel von diesem genialen Mann gehört, der durch seine zu intensiven Arbeiten mit Logik, Rationalität und Formalismus den Bezug zu unserer Realität verloren hatte. Cornell wusste, als er das erste Mal von ihm hörte, dass diese Reportage etwas ganz Besonderes werden würde, denn es schien ihm ein serienreifes Potenzial in dieser Arbeit und dieser gesamten Situation mit ihren Umständen, ihrer Entstehung und Entwicklung zu liegen. Noch nie war er so fasziniert von einem Menschen, warum auch immer. Ein Universitätsprofessor für Logik und Wissenschaftstheorie, der durch seine Forschung und Genialität den psychischen Umgang mit der Irrationalität unserer Welt verloren hatte. Genie und Wahnsinn bzw. Genie und psychische Labilität waren keine Seltenheit in der Vergangenheit und sind es immer noch nicht. Warum also diese Faszination?
Cornell wollte mehr über ihn erfahren und fuhr deshalb in die Psychiatrische Klinik, wo er stationiert wurde. Er erhoffte sich von dem Gespräch mit ihm mehr Klarheit über seine Persönlichkeit, seine Geschichte, … .
Jetzt scheint die Gelegenheit da zu sein. Doch als Cornell ihn in seinem Zimmer sieht fällt es ihm schon schwerer zu fragen, zu agieren, … dieser Fall ist nicht einmal annähernd mit den vorherigen zu vergleichen.
Er überlegt lange bevor er den ersten Schritt macht, versucht ihn jedoch selbstsicher und aktiv zu gestalten. „Dr. Casa? Mein Name ist Cornell Treadstone. Ich bin Journalist und würde Ihnen gern ein paar Fragen stellen, wenn ich darf.“
Selbstsicher wollte Cornell es sagen, aber es kam eher so an, als ob er sich seiner Sache nicht sicher war und innerlich wusste er das auch.
Dr. Casas Reaktion um es in seiner logisch-mathematischen Sprache zu formulieren hatte einen Betrag von Null. Er starrt weiter apathisch an die Wand.
Cornell wusste, dass er deutlicher agieren musste, um ihn zu erreichen. Die Ärzte rieten ihm sich mit an den Tisch zu setzen und ihn auf seine Arbeit an zu sprechen, was er dann auch tat. Cornell Treadstone nahm sich den zweiten Stuhl vom Tisch und setzte sich. „Erzählen Sie mir doch etwas von ihrer Arbeit.“ schlug Cornell vor und ärgerte sich innerlich über seine stocksteife Formulierung. Sein Dozent an der Journalistenschule hatte für die weniger begabten Rechercheure und Journalisten immer sehr viel übrig. Jedoch muss man dazu sagen, dass es zynischer Natur war, was Cornell immer sehr getroffen hatte.
Doch er gab nie auf und das tat er auch jetzt nicht.
Er setzte einen neuen Satz an: „Dr. Casa – können Sie mir was zu ihren Theorien über die formalen Sprachen erzählen, ich bin …“ „Nicht besonders vertraut mit logischen und klaren Aussagen.“ unterbrach ihn Casa, welcher zwar sprachlich reagierte, aber nicht ihn dabei anschaute. Cornell war in diesem Augenblick nicht nur sprachlich unterbrochen worden, sondern auch innerlich überwälzt worden. Jedoch freute er sich über ein Feedback, auch wenn es eher mit unterschwelligem Sarkasmus verbunden war. Trotzdem nutzte Cornell die Gelegenheit. „Ja. Es war noch nie so mein Fall in solchen Situationen klar im Kopf zu sein.“ , sagte Cornell, worauf Casa Treadstones Satz weiterführte: „Und wahrscheinlich ebenso nicht zu formulieren, was jeder Hobby-Autor hinbekommen würde.“ Auch wenn das Cornell ein wenig verletzte, da es ihn stark an seinen zynischen Dozent erinnerte, war er dennoch optimistisch, dass er das Eis weiterbrechen könnte. Deswegen griff er gleich seine eigene Vergangenheit auf, um die Dr. Casas näher zu durchforschen wie ein Höhlenforscher tiefer in die Höhle vordringt: „Das sagte einer meiner Dozenten früher auch immer zu mir.“ , wobei er lachen musste.
Dr. Casa zeigte darauf Reaktion, was man zwar nicht als Schmunzeln bezeichnen könnte, was dem aber schon sehr nahe kommt für einen apathisch-depressiven Professor. Nach diesem Fast-Schmunzeln stand er auf, drehte sich schwungvoll mit dem Rücken zu Treadstone und ging langsam, schreitend Richtung Fenster. Cornell wunderte sich, da er eine schwungvolle Bewegung nicht bei einem am Apathie-Syndrom erkrankten Menschen erwartet hätte, aber vielleicht ist es nur Einbildung, denn wir sehen ja bekanntlich nicht mit den Augen, sondern mit dem Gehirn. Das hatte Cornells Biologielehrer an der High School immer gepredigt.
Dr. Casa stand nun vor dem Fenster und schaute hinaus. Man konnte schon viel sehen von den Einzelzimmern aus. Es war eine lange Allee, welche von dem Klinikum aus in Richtung Innenstadt verlief, wenn man denn entlassen werden würde bzw. als Besucher seine Geliebten wieder verlassen muss. Ansonsten gab es noch einen Brunnen zu sehen, welcher mit einer sehr schönen Sprenger-Anlage versehen war. Um ihn herum Grün und ein paar Blumen hier und da.
Cornell stand auf und ging gen Fenster, wahrte aber die Distanz zu Dr. Casa, denn die Psychiater hatten ihm empfohlen so wenig Kontakt wie möglich einzuhalten, da viele Patienten auf dieser Station wenig bis keine menschliche Nähe vertragen.
Treadstone sah die Sprenger-Anlage und die schönen Muster, welche doch ansatzweise den Gärten in Versailles ähnelten. Cornell hatte sich ein paar Wochen mit Philosophie, Logik und auch mit Casas Arbeit zu der Relevanz der formalen Sprachen befasst, u.a. auch mit Ästhetik. Er sah da seine Chance einen näheren Zugang zu Casa zu finden und fragte ihn: „Das ist ein Fraktal nicht wahr?“ Dr. Casa schaute Cornell ansatzweise interessiert an. „Ich habe mich einmal damit beschäftigt. Es ist eine Menge selbstähnlicher Elemente, die durch Iteration entstehen, also Wiederholung. Aber das wissen Sie ja. Dieser Bogen, der durch all die Grashalme gebildet wird, sieht selbst auch wie ein Grashalm und ist damit selbstähnlich. Also ein Fraktal und damit ein Teil der Wissenschaftsästhetik, die sich u.a. ja mit der Schönheit mathematischer Objekte beschäftigt. Oder liege ich falsch Dr. Casa?“ damit endete Cornells diesmal wirklich selbstbewusster Monolog. Dr. Casa schmunzelte und sagte: „Nicht schlecht. Nahezu gut für einen Journalisten der vorher nur mit einen Quirl im Mund und einem Stock im Arsch mir begegnete.“ Cornell musste lachen, da es diesmal gar nicht so verletzend klang, der Zynismus aber trotzdem noch vorhanden war.
Er machte weiter mit seinem Monolog, den er eigentlich als Dialog geplant hatte:
„Tja, der Anfang ist immer das Schwerste. Es muss ja erst einmal eine Basis geschaffen werden, damit etwas aufgebaut werden kann. Kommt Ihnen das bekannt vor?“ fragte Cornell, der auf eine der Theorien Casas ansprechen wollte. Worauf Casa natürlich reagierte: „Ich nehme an Sie meinen mein Topik-Essenz-Modell, wo ich eine Basis-Struktur wie beispielsweise das Grundwissen im Bachelor-Studium durch das Wissen im Master-Studium als eine Erweiterungsstruktur ergänze.“ „Sie haben mich durchschaut.“ antwortete Cornell mit einem ihm speziellen Schmunzeln.
„Wie sind Sie da eigentlich draufgekommen? Ich meine es ist auf der einen Seite etwas total Banales, worauf hätte jeder kommen können, aber doch ist es etwas sehr Abstraktes, wenn man ihre Arbeit dazu liest.“ stimmte Treadstone den neuen Teil des Interviews an. Dr. Casa hielt kurz inne und sagte dann ohne den Eis brechenden Journalisten anzuschauen: „Wahrscheinlich weil selbst die einfachsten Sachverhalte der klaren Realität kaum einer in unserer irrationalen, blinden Gesellschaft sieht.“ „Und das macht Sie apathisch?“ , Cornell konnte kaum glauben, dass er dem psychisch lädierten Professor solch eine direkte Frage stellt, welche ja doch schon zeigt, dass unsere Welt oftmals nicht gerade einfühlsam ist. Aber Dr. Casa schien das nicht zu stören. „Wissen Sie es gibt viele Gründe, warum ich lieber hier bin, als in der Welt da draußen …. wenn man das Welt nennen kann.“ reagierte Casa nüchtern und schien doch innerlich etwas gebrochen bei dem Rückblick auf das, was er gerade gesagt hatte. „Das heißt ich bin nicht gerne hier, aber … .“ , Casa führte den Satz nicht weiter, worauf Cornell ihn fragte: „Aber Ihnen gefällt auch nicht, was Sie außerhalb der Klinik sehen. Vielleicht ist es für Sie sogar schlimmer, nicht wahr?“ Dr. Casa antwortete unverzüglich und gefasst: „Es ist unklar, irrational, unlogisch … das, was wir Welt nennen und noch viel mehr das, was wir Gesellschaft nennen.“ er formulierte diesen Satz nahezu energisch, worauf er den nächsten mit einer etwas gedämpften innerlichen Stimmung versah: „Diese Welt ist grausam und gefühlskalt. Jeder denkt nur an das seinige Wohl … nicht aber an das des anderen.“ Cornell sah ein bisschen Leid in den traurigen Augen des ehemals glänzenden, erfolgreichen Wissenschaftstheoretiker und Publizisten.
Es rührte ihn sehr, was er sah und noch nie hatte ihn ein Fazit über die Gesellschaft so berührt und ein intensives Gefühl gegeben. Es waren keine leeren Worte, sondern welche voller Wahrheit, die Cornell vorher nur unbewusst wahrgenommen hatte und natürlich akzeptiert hatte. „Jedoch Logik ist nicht grausam oder noch weniger unklar.“ analysierte der junge Journalist. „Genau.“ antwortete Casa ganz kurz.
„Was für ein Gefühl gibt Ihnen die Logik, die Wissenschaftstheorie oder die formalen Sprachen?“ hakte Cornell weiter nach und wusste, dass er tiefer tauchte in den See der Seele seines inzwischen Gesprächspartners.
„Logik ist klares Wasser. Man kann es trinken ohne Angst haben zu müssen, dass man Dreck schluckt und das mit Lust, wie es Goethe in seinem Faust I schrieb. Logik ist geordnet, rational, klar und neutral.“ Casa unterbrach kurz seine Antwort und nach kurzen Schweigen führte er fort: „Es gab einmal Studien, wo eine spezielle Form von Autismus näher untersucht worden ist. Es waren keine Autisten, welche - wie das typisch für das Krankheitsbild ist – nicht mit ihrer Umwelt kommunizieren konnten, sondern welche, die sich sozial integrieren konnten. Sie sind Savants, wie viele andere Autisten auch, d.h. sie können unendlich viele Informationen aufnehmen und behalten, welche ein bestimmtes Thema eingrenzen, z.B. Zahlen, Sprache, o.ä. Einer von diesen Savants hatte eine Begabung für abstrakte Strukturen und damit auch für Zahlen und Formeln. Dieser Junge hatte eine emotionale Beziehung zu den Zahlen. Sie waren für ihn wie Menschen. Sie hatten eine Essenz für ihn, welche zwar anders wie die seiner Freunde war, aber doch interagierte er sozial mit den Zahlen. Unsere Gesellschaft sieht diese Menschen als ein Krankheitsbild, doch es stellt sich die Frage, wer hier sozialer ist und wie soziale Interaktion definiert wird. Manchmal dachte ich, dass diese Autisten mehr Mensch sind im Sinne eines sozialen Wesens, als ein angeblich normaler, gesunder Mensch.
Logik ist klar und sie tut niemandem weh. Sie ist immer gleich in ihrem Wesen und ändert sich nicht andauernd. Sie beutet niemanden aus und sie verschwendet auch keine Ressourcen, die sie eigentlich für ihre Existenz braucht. Logik tut niemandem weh und ihre Essenz ist Klarheit.“
Cornell war sehr berührt von Casas Worten und hielt inne. Er schaute mit Casa auf die Sprenger-Anlage und verstand langsam, was diesen Mann brach.

 

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