Nur ein Schluck
Morgens um sieben, spätestens halb acht, pflegt er aufzustehen. Sein erster Gang ist zur Toilette. Hinter dem Spülkasten, verdeckt durch ein Handtuch auf der Stange darüber, steht eine Bierdose. Er trinkt nicht viel. Nur einen Schluck.
Dann zieht er sich an, putzt seine dritten Zähne und steckt sie in den Mund. Der Geschmack bereitet ihm Übelkeit. Er bückt sich und nimmt die Bierdose noch mal aus ihrem Versteck. Nur ein Schluck. Gleich geht es ihm besser.
Lässig angezogen schlurft er zum Bäcker um die Ecke und, kaum zurückgekehrt, legt er die frischen Brötchen und die neue Zeitung auf den Küchentisch. Dann bückt er sich. In der Plastiktüte unter dem Tisch steckt eine Bierdose. Nur ein Schluck.
Gegen 12 Uhr erhebt er sich vom Stuhl, reckt sich und bringt die Einkaufstüte mit den leeren Bierdosen zum gelben Sack. Auf dem Küchentisch bleibt nur eine Dose. Daneben vertrocknen die Brötchen.
Es ist Zeit für den Mittagsschlaf. Angezogen wirft er sich auf das ungemachte Bett. Zwischen dem Bett und dem Nachtschränkchen ist ein kleiner Spalt frei. Er fingert nach der Bierdose, die er dort vorsichtshalber deponiert hatte. Nur ein Schluck zum Einschlafen. Er schläft bis vier.
Bevor er ins Badezimmer geht prüft er die Bierdose unter dem Bett. Nur ein Schluck. Im vorbeigehen steckt er die leere Dose in eine Einkaufstüte. Dann geht er zur Toilette.
„Verdammt, die ist ja auch leer“. In der Garderobe hängt sein Anorak. Er tastet die Taschen ab und findet eine Dose. Ist es die letzte im Haus? Die trinkt er aus.
Er marschiert entschlossen zum Billigmarkt. Es ist nicht weit. Vielleicht zehn Minuten zu Fuß. Er braucht etwas länger, denn vorher kommt er an einem Kiosk vorbei.
„Einen kleinen Kümmerling. Gegen die Magenschmerzen“.
„Ja, ja“, der Verkäufer wichtigt, „da darf man nicht mit spaßen. Nehmen sie lieber noch einen.“
Endlich wieder zu Hause, legt er die Einkäufe auf den Küchentisch. Käse, Wurst, Brot, Milch, Quark. Die zweite Tasche stellt er unter den Tisch. Er setzt sich erschöpft. Es wird ja schon Abend. Da kann man schon mal ein Bierchen zum Essen trinken.
Um zehn Uhr abends steht er auf. Den Käse, die Wurst, das Brot, die Milch, den Quark schiebt er zu den anderen vergammelten Lebensmitteln in den Kühlschrank.
„Was stinkt das hier“, brummt er vor sich hin, „die Putzfrau reinigt auch nicht mehr so sauber wie früher.“ Eine Bierdose nimmt er mit ans Bett. Er versteckt sie. Für heute hat er genug.
Doch es war ein heißer Tag. Nackt wirft er sich aufs Bett. Diese Hitze macht durstig. Er zieht die Dose wieder hervor. Nur ein Schluck.
Die Dose ist leer. Bevor er erschöpft einschläft denkt er noch
„Morgen muss ich früh einkaufen gehen. Es ist ja nichts mehr zum Essen im Haus“.
Sehr schön geschrieben, dafür gibt es ** ** ** ** ** .