End- Scheidung
Dieses und ähnliche Gespräche führten die Freundinnen schon zum X-ten Mal. Alice klagte ihr Leid, steckte in einer Beziehung, die den Namen nicht verdiente. Kein mit-, bestenfalls ein freudloses Nebeneinander. Kein aufeinander zu gehen, kein Verständnis für den Anderen, keine Zuneigung und schon gar keine Liebe mehr. Nur noch verletzt werden und im Gegenzug verletzen wollen. Unglücklich sein.
Sie hatten das ganze Programm hinter sich: Diskutieren bis spät in die Nacht, tagelanges Schweigen, sich anbrüllen, vor Hilflosigkeit nicht mehr reagieren können. Schließlich als krönender Abschluss die Eheberatung. Während der Paartherapie war er völlig betrunken ausgerastet und hatte Alice grün und blau geschlagen. Die Beraterin reagierte hilflos und Alice sagte alle weiteren Sitzungen ab.
Eigentlich wusste sie, dass sie die Initiative ergreifen, gehen musste, denn er würde sie niemals verlassen. Würde bis zum bitteren Ende an der Ehe festhalten, egal was noch passierte Doch etwas in ihr hielt sie davon ab, den letzten, endgültigen Schritt zu wagen. So lud sie häufig ihren Frust, ihre Hilflosigkeit bei der Freundin ab, die still zuhörte.
Heute schien das anders zu sein, denn Sybilla rückte sich in ihrem Rollstuhl zurecht und runzelte nachdenklich die Stirn. „Warum ist es nicht möglich auszuziehen? Was würdest du verlieren?“
„O, das wäre eine Menge. Meine Sicherheit zum Beispiel, ich wüsste ja gar nicht, wie es weitergehen würde“, die Antwort kam schnell.
„Finanzielle Sicherheit?“
Jetzt war es Alice, die nachdenklich wurde. „Ja, auch. Aber ich könnte mehr arbeiten. Das würde mir sogar Spaß machen. Du weißt, dass meine Tätigkeit ein ewiger Streitpunkt zwischen uns ist? Er hätte am liebsten ein Heimchen am Herd. Ich könnte bestimmt keine großen Sprünge machen, aber ich hätte mein Auskommen.“
„Welche Art von Sicherheit meinst du sonst?“ Sybilla ließ nicht locker.
„Tja, welche Art von Sicherheit“, gedankenverloren rührte Alice in ihrer Tasse. „Ich würde zum ersten Mal seit 25 Jahren wieder alles allein entscheiden und mich mit allem allein auseinander setzen müssen. Ich weiß nicht, ob ich dazu überhaupt noch in der Lage bin…und ich habe schreckliche Angst davor…“, verblüfft hielt sie inne, denn es war das erste Mal, dass sie sich ihre Existenzängste eingestand, oder gar laut von ihnen redete.
„Das kann ich gut verstehen, so ist es mir auch gegangen.“ Sybilla, von Kindheit an gelähmt, hatte eine hässliche Trennung, bei der sie alles verlor, und anschließend eine noch hässlichere Scheidung durchgestanden.
„Mir hat damals eine gute Freundin geholfen. Sie stellte dieselben Fragen, die ich jetzt an dich weiter gegeben habe: Was könntest du verlieren, wenn du dich von ihm trennst. Ich merkte, dass ich nichts verliere würde, dass meine Ängste eigentlich völlig irrational waren. Es gab nichts, was ich nicht mehr oder weniger gut allein bewältigen konnte. Und ich glaube so wird es dir auch gehen, wenn du so weit bist. Das war die eine Frage.
Doch was noch wichtiger ist: Was würdest du verlieren, wenn du bei ihm bleibst, die Ehe so weiter führst?“
Alice schaute ihre Freundin einen Moment verdutzt an. Dann kam die Antwort spontan und wie von selbst.
„Mich – und das kann und will ich nicht!“
Wieder lächelte Sybilla. "Genau das habe ich auch geantwortet und von da an war eigentlich alles klar, alles gesagt. Sag mir Bescheid, wenn du ein Umzugsauto brauchst, ich organisiere das dann ..."
ziemlich eindrucksvoll beschreibst du eine Situation: eine Beziehung ist zerbrochen, an der Ehre wird aber immer noch festgehalten. Die Frau hat Angst vor einer Trennung, erst im Gespräch mit ihrer Freundin wird ihr klar, dass sie nichts verliert, sondern gewinnt. Du hast ein Thema aufgegriffen, das "alltäglich" ist. Viele Menschen, Frauen und auch Männer, entschließen sich nicht zur End-Scheidung.S ie haben Angst davor. Den Titel halte ich für sehr gelungen, er passt. Gerne gelesen. Gruß, Pedro