Paradies unter Palmen
Ein Reiseerlebnis auf den Philippinen
Seit weit über dreißig Jahren arbeite ich als Anästhesieschwester im OP eines Hamburger Krankenhauses. Das heißt, ich bereite Narkosen vor und assistiere bei deren Durchführung.
Mein erster Oberarzt liebt es, den Patienten beim Einschlafen eine Geschichte zu erzählen, die meist mit der Frage beginnt:
„Wovon möchten Sie träumen?“
Dann wickelt er einen ganzen Fragenkatalog ab: Vom Urlaub? Berge oder Meer? Nordsee oder Südsee? Wenn das geklärt ist, läuft mein guter Doktor und alter Freund zur Hochform auf:
„Jetzt stellen Sie sich vor, Sie liegen an einem weißen Strand, vor Ihnen türkisfarbenes Meer. Über Ihnen wiegen sich Palmenwipfel und von fern erklingt Musik. Am Horizont ziehen weiße Segel vorbei und es weht eine angenehme Brise. Sie haben nette Begleitung neben sich und man serviert Ihnen kühle Getränke…“
Manchmal kann ich beim Spritzen des Schlafmittels gerade noch versichern, dass es garantiert keinen Kater hinterlässt, doch dann ist der Patient meist schon sanft eingeschlummert.
Ich schlief nun allerdings nicht; doch ich hätte mich fortwährend kneifen mögen, um mich dessen zu vergewissern! Mein Freund und ich lagen unter einem Dach aus Palmenwedeln im Halbschatten, hatten jeder ein Glas mit einem herrlichen Fruchtmix in der Hand und schauten auf die klare, ruhige See.
Was uns in diese Idylle verschlagen hatte? Nun, meine Freundin hat einen Meeresbiologen geheiratet. Dieser hat eine Stellung beim Deutschen Entwicklungsdienst angenommen, die ihn nebst Frau und Tochter auf die Philippineninsel Mindanao verschlagen hat. So bot sich für meinen Schatz und mich die einmalige Gelegenheit, kostengünstig und sicher Südostasien kennen zu lernen. Wir haben beide nicht sonderlich viel Geld und im nächsten Jahr würden wir uns nur eine Bahnfahrt ins Emsland leisten können, aber hier und jetzt befanden wir uns am Ziel unserer Wünsche!
Die Familie meiner Freundin wohnt zurzeit mitten in Davao City. Dort ist es zwar auch hochinteressant, aber Steffie hatte gewollt, dass wir auch einmal Exotik pur erleben und so hatte sie für uns zwei Tage auf der vorgelagerten Insel Samal gebucht. Die Küste von Davao selbst ist nämlich komplett mit Bambus- und Wellblechhütten zugebaut.
Meine Freundin hatte uns zum Hafen gebracht und war auch mit einem der malerischen Holzboote, die auf jeder Seite einen Ausleger haben, mit uns zum „Paradise Island Ressort“ geschippert. Wir zwei blasse Nordeuropäer machten große Augen, als das Schiff anlegte. An einem schneeweißen Strand zog sich endlos ein Dach aus geflochtenem Bambus hin, in welches lebende Mangroven eingebaut waren. Rundum winkten Palmen der unterschiedlichsten Arten und bunt blühende Pflanzen. Unter besagtem Dach befanden sich Stühle, Tische und Strandliegen und das Gebäude mit der Rezeption, auf die wir nun durch den weichen Sand zu schritten. Freundlich lächelndes Personal grüßte uns höflich von allen Seiten. Während wir die wenigen Formalitäten abwickelten, servierte man uns frisch gepressten Orangensaft und dann wurden wir zu unserem Bungalow geführt. Es ging über sauber geharkte Wege durch einen traumhaften Park: Überall spannten sich Bögen mit chinesischen Lampions oder klingenden Mobiles aus Schildpatt und Muscheln. Rechts und links lagen Tonkrüge, weiße Steine und anderer Zierrat im Gras unter Palmen und Bananen. Zu meinem stillen Vergnügen buddelte sich hie und da ein winziger Einsiedlerkrebs durch den Sand des Weges.
Unsere Unterkunft verschlug uns dann endgültig die Sprache: Wir wurden zur linken Hälfte einer romantischen Bambushütte geführt. Sie war rustikal aus geflochtenen Matten zusammengefügt, hatte einen Vorgarten und eine Holzterrasse mit einer niedlichen Sitzecke. Innen bot die Doppelhaushälfte jeden Komfort: Klimaanlage, Duschbad und hübsch bezogene, bequeme Betten.
Während Steffie sich ein wenig umsehen ging, zogen mein Freund und ich eilig Badezeug an. Dann schlenderten wir zu dritt an den Strand, wo wir von rührigen Kellnern zu freien Strandliegen geleitet wurden. Auf Anraten der erfahrenen Freundin bestellten wir Kokossaft direkt aus der frisch aufgeschlagenen Frucht, um auf diesen Urlaub im Urlaub anzustoßen. Das Getränk mundete uns ganz großartig und überhaupt waren wir sehr glücklich, hier zu sein.
Steffie nahm das nächste Boot zurück nach Davao und wir zwei stürzten uns in die Fluten. Das Wasser war warm und klar und an den Kaimauern rechts und links wuchsen lebende Korallen, in denen sich Krebse und kleine Fische tummelten. Einer der kleinen Schwimmer verursachte mir einen höllischen Schreck: Versehentlich in sein Revier eingedrungen, attackierte er mich heftigst. Das kaum fingerlange Fischlein rammte mir unerbittlich das Köpfchen gegen die Schienbeine, bis ich eilig davon paddelte. Wir sammelten Muscheln und kleine Korallenstücke, immer auf der Hut vor revierbildenden Fischen.
An diesem Abend genossen wir frischen, gegrillten Fisch und ein Gericht aus Schweinefleisch am Strand und dann den Abend auf unserer Terrasse, wo uns ein paar emsige Geckos vor Moskitos beschützten. Die Hotelleitung hatte uns einen kleinen Willkommensgruß auf den Tisch gestellt: In Klarsichtfolie hübsch verpackt lagen zwei appetitliche Mangos auf einem Pappteller mit einer Karte, auf der stand: „To Mr. And Mrs. Michael Rosin“. Die Früchte verzehrten wir erst später in Davao und das Kärtchen steckt heute dekorativ in einer Glasschüssel mit philippinischen Muscheln auf meinem Couchtisch. Am nächsten Morgen machten wir eine Tour über die kleine Insel mit einem Jeep mit einheimischem Fahrer und einem Führer namens Dante. Die Fahrt brachte uns zu Höhlen, in denen man tausende Fruchtfledermäuse aus der Nähe beobachten konnte. Dann wanderten wir durch den Urwald zu einem klaren Teich unter einem Wasserfall, wo wir badeten und planschten wie Tarzan und Jane. Zum Schluss fuhren Dante und Simon mit uns zu einem Aussichtspunkt, von wo aus man einen großen Teil der Insel überblicken konnte. Zu unseren Füßen erstreckten sich die Wipfel der Bäume und Palmen wie ein grünes Meer und die See lief dunkelblau auf Buchten mit weißem Sand zu.
Wir haben diese einmalige Tour sehr genossen, freuten uns aber auch schon wieder auf unseren Strand. Im Ressort fuhren wir daher wieder eilig in die Badesachen und liefen die kurze Strecke ans Meer. Wieder schwammen wir ein paar Runden und nahmen dann unter dem Dach platz. Ein Kellner fragte nach unseren Wünschen und wir bestellten exotische Fruchtsäfte. Mein Getränk aus grüner Mango schien das Köstlichste zu sein, das ich je probiert habe. Ich nuckelte genüsslich an meinem Strohalm und schaute auf das türkisfarbene Meer. Am Horizont erblickte ich ein weißes Segel und eine sanfte Brise fächerte mir Kühlung zu. Von fern erklang leise Musik, ich hatte nette Begleitung neben mir…
Ich beschloss, meinem alten Oberarzt bei nächster Gelegenheit eine Mail zu schicken.
LG almebo