Traumland Australien
Traumland. Rhythmisch stampfen schwarze Plattfüsse zum Singsang leiser Beschwörungsformeln. Rostroter Sand wirbelt über die nackten Körper und das Lagerfeuer in ihrer Mitte. Halt! Ein lautloses Kommando durchzuckt die Tanzenden. Sie erstarren. Nur die Augen in den weißbemalten Gesichtern bewegen sich und folgen dem Riesenvogel, der wieder laut brummend von Norden her auf sie zusteuert. Noch nie seit Menschengedenken hatte sich ein Lebewesen so respektlos ihrem heiligen Ort genähert. Aber diesmal sind sie vorbereitet. Stumm fixieren die Eingeborenen das Ungeheuer. Konzentration. Anspannung. Die schwarzen Körper zittern. Gedanken fliegen. Sie müssen treffen. Ihr Heiligtum verteidigen. Und wie Pfeile schießen die Verwünschungen gen Himmel, zielen auf den fremden Vogel, der jedem normalen Speer widerstanden hatte, schleudern ihm mit der mentalen Kraft des Urmenschen ihre zerstörerischen Flüche entgegen. Der Vogel bebt. Seine Flügel schlagen wild. Er stürzt, fängt sich wieder. Seine rotgrünen Äuglein blinzeln. Er heult laut.
Ein Ruck. Ich sitze aufrecht. Umklammere die Armlehnen. Bitte anschnallen leuchtet. Wir sinken. Steigen. Sinken. Rütteln packt den Rumpf der Boeing 747. Schweiß im Nacken.
„Don’t worry, keine Sorge“, der Sitznachbar tätschelt meine Hand. „Wir überqueren das Zentrum des australischen Kontinents und hier sind fast immer Turbulenzen. In einer halben Stunde ist alles vorbei.“
Er lächelt freundlich. Meine Kehle ist rocken. Ich atme tief durch und krächze:
„Gibt es hier Eingeborene?“
„Yes, natürlich. The Aboriginees. Sie leben in ihren Reservaten wie in der Steinzeit. Da kommen Sie als Tourist nicht hinein.“
Ich drehe mich nach meinen beiden Reisebegleitern um. Wir wollten ja alle am Fenster sitzen. Horst schläft seelenruhig, seine Frau starrt aus dem Bullauge. Ich folge ihrem Blick. Die Tragfläche schwingt meterhoch. Das grüne Blinklicht flackert. Und die Sterne über uns strahlen unschuldig.
Am frühen Morgen zieht die schwere Maschine gelassen ihren weiten Bogen über Melbourne. Die ersten Sonnenstrahlen reflektieren auf dem silbrigen Metall wie Blitze und blenden mich. Im Dunkel unter mir Häuser bis zum Horizont. Noch schlafen ihre Bewohner und während unseres Anflugs auf Tullamarine-Airport mag so mancher die dröhnenden Triebwerke verwünschen. Aber die Flüche dieser domestizierten Weißen erlahmen schon an den Schlafzimmerwänden und wir setzen sanft auf der Piste auf. Rollen zur Parkposition.
„Have a good time down under, einen schönen Aufenthalt hier unten”, sagt mein Sitznachbar und verschwindet mit seinem sperrigen Handgepäck in der Menge, die zum Ausgang drängelt. Ich zwänge mich aus der Sitzreihe und treffe auf Horst und seine Frau.
„Jetzt sind wir am anderen Ende der Welt“, sagt sie.
„Ja, down under“, antworte ich und grinse, „und unsere Köpfe hängen nicht nach unten.“