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Krieg der Herzen

Mit versteinerter Mine nahm Lisa die zusammen gefaltete Fahne entgegen. Sie konnte nicht mehr weinen und auch die Mutter neben ihr hatte keine Tränen mehr. Auch sie trug bereits eine gefaltete Fahne in ihren Händen und nun sah sie fast anklagend zum Himmel hinauf.
Drei Söhne hatte sie großgezogen und drei Söhne hatte sie auch zu Grabe tragen müssen. Nur die Tochter war ihr geblieben.
Die alte Dame ging gramgebeugt, gestützt von ihrem nun einzigen Kind zur rechten und dem jungen Lieutenant zur linken. Er war der Vorgesetzte der Dawson-Zwillinge gewesen und er war es auch, der vor wenigen Tagen die unheilvolle Nachricht vom Tod der Beiden überbringen musste.
Nun öffnete er den beiden Frauen die Türen des Wagens, ehe er sich selbst ans Steuer setzte.
Als Lieutenant Michael Baxton die schlimme Nachricht überbrachte, wusste er schon, dass der dritte Dawson-Sohn erst fünf Monate zuvor beim Absturz seines Kampf-Jets ums Leben gekommen war.
Übrig waren nun noch die beiden Frauen und Baxton hatte sich wiederholt gefragt, wie man so viel Leid nur ertragen konnte.
Seine Vorgesetzten hatten ihn zur moralischen Unterstützung und zu seiner eigenen Heilung auf die Ranch der Dawsons geschickt.

Auf der Ranch angekommen, brühte Lisa zunächst einmal wortlos den Nachmittags-Tee auf. Dann erst sagte sie liebevoll zu ihrer Mutter:
„Ruh dich ein wenig aus, Mum, ich bringe dir den Tee dann nach oben.“
„Das ist lieb von dir, Kind.“
Als Lisa dann zurück in die Küche kam, schenkte sie schließlich auch sich selbst und Baxton Tee ein.
Sie hatte sich bereits zur Arbeit umgezogen, trug nun anstelle des schwarzen Kleides eine Jeans zur Baumwollbluse.
Lisa ließ sich nicht lange Zeit für ihren Tee, dann stand sie auf.
„Sie werden entschuldigen, das Vieh muss versorgt werden. Wenn sie etwas brauchen, wecken sie bitte meine Mutter nicht auf. Sie finden mich in einem der Ställe.“, sagte sie und er hatte das Gefühl, dass sie wütend auf ihn war.
„Kann ich ihnen helfen?“, fragte er und als sie kurz zu ihm aufblickte, sah sie, dass er es ernst damit meinte.
„Sie müssen sich nicht verantwortlich fühlen, für das, was passiert ist. Ich gebe nicht ihnen die Schuld.“, meinte sie.
„Oh doch, das tun sie und ich kann es ihnen nicht verdenken, schließlich lebe ich und ihre Brüder leben nicht mehr.“
„Ihre Mutter muss sehr glücklich sein.“
„Nein, ich glaube nicht. Für meine Mutter wäre es die größte Ehre, wenn sie die Fahne überreicht bekäme, als Krönung mit einer Auszeichnung postum.“
Sie seufzte und sagte leise, ohne Groll in der Stimme:
„Da sehen sie es! Es geht doch ungerecht zu auf dieser Welt. – Helfen sie, wenn sie möchten. An Arbeit mangelt es wirklich nicht. Aber ich kann ihnen nichts dafür bezahlen.“
„Ist schon in Ordnung!“
„Es sind genug Sachen da, sie werden sicher etwas Passendes finden. – Und bitte – sie sind verwundet – übertreiben sie es nicht mit der Arbeit!“

Sie arbeiteten bis zum späten Abend nahezu wortlos nebeneinander und obgleich er offensichtlich Landarbeit nicht gewohnt war, stellte er sich nicht ungeschickt an.
Nach und nach bekam Michael Baxton einen Einblick in die Geschäfte des Hofes.
Die Dawsons hatten nur einen einzigen Angestellten und so musste Lisa sehr früh aufstehen und kam meist erst sehr spät ins Bett.
Einmal in der Woche kam ein Nachbar mit seinen beiden Söhnen herüber und half bei der Arbeit, damit Lisa ein wenig Zeit hatte für den immensen Schriftkram, der auf so einem Hof anfiel.
Einer der beiden Brüder hatte ganz eindeutig ein Auge auf Lisa geworfen. Er machte keinen Hehl daraus. Aber er war recht faul und half nie auf dem Hof. Meistens stand er irgendwo im Wege herum und nervte die Leute mit ziemlich dummen Sprüchen.
Michael fand schon bald heraus, dass James größtes Interesse dem Hof galt und wenn er nur mit Lisas Hilfe an diesen herankam, dann musste er sie dazu überreden, ihn zu heiraten.
Michael gefiel das nicht. Schließlich fühlte er sich für Lisa und ihre Mutter verantwortlich, denn er war nicht nur der Vorgesetzte von Peter und Daniel Dawson, sondern in erster Linie ihr Freund gewesen.
Oft ging er auf den nahegelegenen Friedhof und traf dort manchmal auf Lisa.
Sie standen dann wortlos nebeneinander und oft sahen sie sich nur an und verstanden sich ohne Worte.

2. Kapitel

Eines Abends traf er sie im Pferdestall bei einer jungen Stute, die ihr erstes Fohlen bekommen sollte.
Er sah sofort, dass Lisa geweint hatte, ließ sie es aber nicht merken.
„Wie geht es denn voran?“, fragte er
„Es kann noch die ganze Nacht dauern.“
„Dann hole ich uns mal frischen Kaffee.“
„Sie brauchen nicht aufzubleiben. Es kann wirklich noch die ganze Nacht dauern und sie haben den ganzen Tag gearbeitet.“
„Sie auch, Lisa, und die halbe Nacht dazu. – Ich bin gleich mit dem Kaffee zurück.“
Tatsächlich war er bald wieder da. Er brachte einen Korb mit Kaffee, zwei Bechern, ein paar belegten Broten und etwas Obst mit.
Dann saßen sie im weichen Stroh, tranken Kaffee und warteten.
„Sind sie verheiratet?“, fragte Lisa später.
„Ich war es einmal.“
„Wollte sie nicht, dass sie in den Krieg ziehen?“
„Schlimmer noch: Es hat sie nicht interessiert, was ich tue.“
„Dann war es besser, sie zu verlassen.“
„Nein, sie hat mich verlassen. Ich war einfach ein Idiot. Ich habe an der Ehe festgehalten, bis es nicht mehr ging.“
„Deshalb sind sie kein Idiot. Das ist Treue.“
„Nein, das war Dummheit und es tat nicht sehr weh, obwohl mein Selbstbewusstsein enorm gelitten hat.“
„Ja, das tut es immer. Aber es macht uns irgendwie auch stärker.“
Er nickte.
Dann schwiegen Beide wieder geraume Zeit, ehe er plötzlich ohne Übergang sagte:
„Sie waren sehr stolz auf ihre Schwester. Sie haben so oft von ihnen gesprochen und von dem, was sie als Kinder so angestellt haben.“
Lisa hob den Kopf und sah ihn an.
Leise sagte sie:
„Sie waren nicht gemacht für den Krieg. Sie waren noch zu jung.“
„Keiner ist gemacht für den Krieg. – Sie waren besessen davon, genug Geld zu verdienen, um die Farm zu retten. Daran hat ihnen viel gelegen.“
„Ja, das war ein Versprechen, welches wir vier uns gegeben hatten. Mum und Dad haben hart für dieses Stück Land gearbeitet. Wir hatten hier eine so schöne, unbeschwerte Kindheit. Als mein Vater starb, setzte Mum einen Verwalter ein, damit Paul fertig studieren konnte.
Der Verwalter hat uns in kürzester Zeit ruiniert. Paul wurde gleich nach dem Studium eingezogen. Ich musste mein Studium abbrechen und habe mit Peter und Daniel versucht, zu retten, was zu retten war. Mum zuliebe. Die Farm ist ihr Lebenswerk, ihre Erinnerung an ihren Mann und ihre besten Jahre.“
„Und sie, Lisa? Was würden sie sich wünschen?“
„Es ist gleich, was ich mir wünsche. Es hat keine Bedeutung mehr. – Ich habe mich für diesen Weg entschieden und mittlerweile lebe ich sehr gern hier.“
„Sie haben sich genauso entschieden, wie ihre Brüder, alles dafür zu tun, um die Farm zu retten. Egal, was es kostet.“
„Ja!“, gab sie leise zu.
„Ich habe neben ihnen gestanden, als es passierte. Jede Nacht, wenn mich die Erinnerungen aus dem Schlaf holen, verfluche ich mich dafür, dass es sie und nicht mich getroffen hat.“
„Nein, das dürfen sie nicht sagen.“
Wieder schwiegen sie, bis ihr gleichmäßiger Atem verriet, dass sie eingeschlafen war.
Michael deckte sie vorsichtig mit der alten Decke zu und blieb neben ihr sitzen.
Bereits als er hier ankam, hatte ihre Schönheit ihn fasziniert. Die Farbe und Reinheit ihrer Augen waren wie der Ozean – tief aber unergründlich.
Das lange blonde Haar war so unzähmbar wie sie selbst.
Lisa war nicht sehr groß und eher zierlich, doch er hatte oft bewundert, wie viel Kraft in ihr steckte. Aber er wusste auch, dass viel von dieser Kraft aus der Wut und Verzweiflung entsprang.
Als der Morgen dämmerte, weckte Michael sie, weil die Stute sehr unruhig wurde.
Zunächst wusste sie nicht, wo sie war, doch dann hatte sie die Situation schnell erfasst.
„Es geht jetzt los!“, stellte Lisa fest und stand auf.
Aber die Geburt ging nur schleppend voran. Lisa wurde zusehends unruhiger.
Die Stute verlor allmählich an Kraft.
„Sie schafft es nicht!“, flüsterte Lisa verzweifelt.
„Doch, sie wird es schaffen!“, erwiderte Michael und in seiner Stimme lag jene Zuversicht, die sie jetzt brauchte.
Als er jedoch merkte, dass es mit der Geburt gar nicht mehr weiterging, fasste er das Fohlen, welches bereits ein gutes Stück heraushing, und zog es mit aller Kraft heraus, ohne auf die Folgen Rücksicht zu nehmen.
Lisa hatte Tränen in den Augen, als sie das Fohlen nahezu leblos im Stroh liegen sah.
Michael befreite das kleine Pferdemaul und wischte das neu geborenen Pferd mit trockenem Stroh ab.
Doch dann begann sich plötzlich die geschwächte Stute selbst um ihr Junges zu kümmern.
Michael wischte sich die Hände ab.
„Lisa, alles in Ordnung?“
„Du hättest es töten können.“, stellte sie fassungslos fest.
„Wenn ich es nicht getan hätte, wären sie beide gestorben.“, entgegnete er ruhig.
Das wusste sie natürlich.
Sie hatte einfach „DU“ zu ihm gesagt und sie blieben nun auch dabei.
„Komm schon, es ist alles OK. Sie kommen zurecht. Du bist müde und solltest dich ein paar Stunden hinlegen.“
Er hatte besorgt den Arm um sie gelegt.
„Ich kann nicht. – Es gibt noch so viel zu tun.“
„Nicht jetzt! Wem nutzt es, wenn du zusammenbrichst?“
„Gut, aber nur zwei Stunden, dann mache ich weiter.“
„Okay!“
„Was ist mit dir? Du hast auch nicht geschlafen.“
„Ich werde wohl erst einmal duschen.“
Sie sah ihn an und sagte leise:
„Danke, dass du da bist.“
Lächelnd sah er auf sie herab.

Er schlief nicht und als Lisa ein paar Stunden später aufwachte, hatte der die meiste Arbeit schon getan.
Michael sah unendlich müde aus und die Verletzung, von der er sich eigentlich erholen sollte, schmerzte offensichtlich heftig. Lisa konnte es sehen, wagte es aber nicht, ihn darauf anzusprechen.
Als er nach dem Mittagessen wieder in die Stiefel schlüpfen wollte, hielt sie ihn sacht am Arm zurück:
„Nein Michael, den Rest schaffe ich allein. Du bist seit gestern früh ununterbrochen auf den Beinen. Geh dich ausruhen!“
„Das ist nicht nötig.“
„Doch das ist es!“
Er wollte widersprechen, doch als er sie ansah, musste er lächeln.
„Was ist?“, fragte sie irritiert.„Konnte dein Vater dir jemals einen Wunsch abschlagen?“
Nun lächelte auch sie weich:
„Nicht viele – nein!“
Michael nickte.
„Gut, ich lege mich etwas hin.“
„Ich komme gleich nach und sehe mir dein Bein an. – Ich weiß, dass du Schmerzen hast.“
Als er etwas sagen wollte, hob sie abwehrend die Hände.
„Nein, bitte, lass es mich ansehen!“
Er hob resignierend seine Hände und ging ins Haus.
Als er geduscht hatte und in frischer Unterwäsche sein Zimmer betrat, saß sie schon auf seinem Bett.
Es machte sie verlegen, ihn nur mit Boxershorts bekleidet zu sehen.
Michael hatte eine breite muskulöse Brust und die kleinen Löckchen darauf waren ebenso dunkel wie sein übriges Haar.
Seine Wunden am Unter- und Oberschenkel hatten sich leicht entzündet durch den Schaft der Gummistiefel und die steifen Arbeitsjeans.
„Mum hat da eine wundervolle Salbe, ich hole sie schnell.“
Schnell war sie mit der Medizin zurück, doch er war bereits eingeschlafen.
Vorsichtig trug sie die Salbe auf und verband ihn. Selbst dabei wurde er nicht wieder wach.
Nachdem sie ihn zugedeckt hatte, nahm sie sich die Zeit, ihn zu betrachten.
Michael war ein sehr attraktiver Mann. Sein kurzes, dunkles Haar war immer gepflegt und sie hatte ihn niemals unrasiert gesehen.
Sein Körper war gut durchtrainiert, dennoch war er nicht übertrieben muskulös.
Lisa verspürte plötzlich das Verlangen, sich zu ihm zu legen und sich in seine starken Arme zu schmiegen. Das ängstigte und verwirrte sie.
Selbst im Schlaf war sein Gesicht angespannt und Michael sehr unruhig.
Zum ersten Mal dachte sie darüber nach, was er wohl Furchtbares gesehen und erlebt haben musste in diesem sinnlosen Krieg. Und sie war ihm bei der Verarbeitung dessen keine Hilfe gewesen. Sie hatte insgeheim ihm die Schuld für den Tod ihrer Brüder gegeben.
Inzwischen war er ihr eine unentbehrliche Hilfe geworden und sie genoss die Gespräche mit ihm genauso wie seine Anwesenheit. Sie mochte nicht an die Zeit denken, wenn er wieder gehen musste.
Jetzt kämpfte er im Schlaf gegen einen imaginären Feind.
Lisa hob die Hand und strich ihm zögernd über die Wange.
Michael öffnete schwerfällig die Augen, sah ihren besorgten Gesichtsausdruck. Er nahm ihre Hand und küsste die Innenfläche, ehe er sich umdrehte und weiterschlief.

3. Kapitel

Michael erwachte irgendwann in der Nacht wie so oft von seinen Träumen.
Er zog sich ein T-Shirt über und schlich in die Küche, um etwas zu trinken.
Zu seinem Erstaunen traf er dort auf Lisas Mutter.
„Können sie auch nicht schlafen?“, fragte sie mitfühlend.
„Ich habe schon so lange geschlafen. Ich schätze, Lisa hat meine Wecker manipuliert.“
„Ja, und das war auch richtig so. Sie arbeiten viel zu viel. Dabei sollten sie doch unser Gast sein und sich erholen.“
„Die Arbeit tut mir gut und sie lenkt mich ab.“
„Es ist nur ein kleiner Aufschub. – Machen sie sich um uns keine Gedanken, Junge. Keiner von uns gibt ihnen an dem die Schuld, was uns geschehen ist. Auch Lisa nicht. Sie ist verbittert, weil sie nahezu alles verloren hat. Mit ihren Brüdern starben auch ihre Träume und ihr Zukunft. Aber es werden neue Träume kommen. Sie ist stark.“
„Und was ist mit ihnen? Haben sie nicht auch alles verloren?“
„Ich bin alt. Ich trage ein ganzes, erfülltes Leben mit schönen Erinnerungen in meinem Herzen und ich habe die Gewissheit, dass ich alle meine Lieben bald wiedersehen werde. Sie halten mir im Himmel einen Platz frei. Aber was wird dann aus meiner Tochter?“
„Sie sagten selbst: Lisa ist stark. Und sie haben Recht. Sie hat die Kraft in sich, alles zu schaffen. Ihr ist die Farm sehr wichtig, weil es tatsächlich alles ist, was ihr noch geblieben ist. Und sie hat ein Ziel um nicht aufzugeben.“
„Aber ich denke, sie hat für dieses Ziel zuviel aufgegeben. Sie hat ihr Studium abgebrochen und ihr Verlobter hat sie verlassen, weil er hier nicht leben wollte. Und ich habe Angst, dass sie irgendwann James heiratet, nur um die Farm zu retten. Er wird sie nicht glücklich machen.“
„Das glaube ich auch. Er ist ein Spieler und Trinker und er würde die Farm verkaufen, wenn er die Chance bekäme.“
„Warum kann sie sich nicht einfach in sie verlieben? Ich glaube, mit ihnen könnte sie glücklich sein.“
„Weil ich zurück an die Front muss und dafür würde sie mich hassen.“
„Muss dieser Krieg sein, Michael?“
„Kein Krieg muss sein. Ich sehe meine Aufgabe darin, das Ende des Krieges herbeizuführen. Ich bin kein Krieger, aber es sind schon zu viele Menschen gestorben. Es muss endlich ein Ende haben.“
„Ihre Mutter muss furchtbar stolz auf sie sein.“
„Ich habe keine Ahnung, ob sie das ist. Mum ist eiskalt, sie hat niemals Liebe gespürt. Sie ist zufrieden, dass ich Offizier bei der Army bin und dass meine Schwester Debby den Mann geheiratet hat, den sie ihr ausgesucht hatte. Dabei ist Debby ziemlich unglücklich. Sie hat inzwischen zwei süße Kinder und ihr Mann prügelt und missbraucht seine Frau.“
„Wie schrecklich.“
„Ja, ich kann nicht glauben, dass es eine so harmonische Familie tatsächlich gibt, von der Peter und Daniel so oft erzählten. Aber hier in diesem Haus spürt man überall Liebe.“

4. Kapitel

Am nächsten Tag kamen die Nachbarn wieder.
Und James ließ keine Möglichkeit aus, um in Lisas Nähe zu sein
„Du siehst besonders nett aus heute.“, schmeichelte er.
Lisa sah auf und begegnete Michaels ärgerlichem Blick, ehe sie erwiderte:
„Das sagst du doch jedes Mal.“
„Aber es stimmt. Du wirst von Woche zu Woche schöner. Und es ist schade, dass du dich hier kaputt arbeitest. Heirate mich, Lisa und du musst nicht mehr arbeiten.“
„Willst du mich ernähren? Mach dich nicht lächerlich. Ich sehe doch, wie du arbeitest.“
„Vielleicht bin ich nicht so fleißig wie Dad oder dein Verehrer hier, aber ich habe Geld. Ich könnte dir viele deiner Sorgen abnehmen. Kann er das auch?“, fragte James und wies in Michaels Richtung.
Lisa sah Michael ernst an.
Ja, wenn er nicht wieder in den Krieg ziehen würde, wäre er eine echte Gefahr für ihr einsames Herz, weil sie das starke Gefühl hatte, dass sie mit einem Mann wie Michael an ihrer Seite alles schaffen konnte.
Er schien in ihren Augen zu lesen, denn er lächelte.
Wenig später klingelte das Telefon im Haus und die Mutter rief nach Michael. Lisa sah ängstlich zu ihm herüber. Musste er schon wieder zurück. Er sah ihren Blick und deutete ihn richtig. Im Vorübergehen hauchte er ihr einen flüchtigen Kuss auf die Wange.
Als er zurück auf den Hof kam, sah Lisa, dass das Telefonat ihn sehr beunruhigt hatte.
„Kann ich den Wagen haben, Lisa? Meine Schwester hat ernsthafte Probleme.“
„Würde es dir helfen, wenn ich dich begleite?“, fragte sie weich. Sie wollte jetzt einfach bei ihm sein.
Er überlegte nur kurz, dann nickte er.
Während der dreistündigen Fahrt in ihrem Landrover schwieg er meistens nervös.
Irgendwann sagte er dann wütend:
„Ich muss sie dort wegbringen, ehe er sie eines Tages totschlägt.“
„Ja!“, stimmte sie zu.

Debby war in einem furchtbaren Zustand.
Schluchzend klammerte sie sich an ihrem Bruder fest, während sich Lisa sofort und die beiden Kinder kümmerte.
Stockend und immer wieder von heftigem Schl
chzen unterbrochen, erzählte Debby von der letzten Trink- und Prügelorgie ihres Mannes.
„Ich werde mich um eine Wohnung für euch kümmern, damit ihr so schnell wie möglich her weg kommt.“
„Nein!“, widersprach Lisa energisch. „Wir nahmen sie gleich mit! Auf der Ranch ist genug Platz und wer weiß, wie diese Bestie das nächste Mal zuschlägt.“
„Das kann ich nicht verlangen.“, sagte Michael.
„Du verlangst es ja auch nicht. Ich möchte es gern. Lass mich etwas von dem zurückgeben, was du für mich getan hast.“, erwiderte Lisa.
Sie packten eilig Kleidung und Papiere zusammen und mit voll beladenem Fahrzeug traten sie die Rückfahrt an.
Bereits nach einer halben Stunde Fahrt waren Debby und die Kinder auf dem Rücksitz eingeschlafen.
Michael fuhr den Wagen wieder meist schweigend zurück.
Später nahm er Lisas Hand und drückte sie an seine Lippen.
„Irgendwann wirst du mich dafür hassen.“, sagte er leise.
„Schon möglich, dass ich dich irgendwann hasse. Aber dann sicher nicht ihretwegen.“
Zögernd legte sie ihre Hand auf sein Knie.
„Mach dir nicht so viele Sorgen. Sie wird keine Belastung sein, eher eine Bereicherung. Sie kann sich bei uns in Ruhe erholen und die Kinder haben Platz zum Toben. Es hat immer Kinder auf dem Hof gegeben. Mum wird sich freuen, wieder eine Aufgabe zu bekommen.“
„Du bist eine wunderbare Frau. – Wirst du mir sagen, wenn sie eine Belastung für dich werden?“
Sie sah ihn an und lächelte. Niemals würde sie so etwas sagen. Und auch er lächelte nun, weil er wusste, was sie dachte.

Die Mutter empfing die Gäste sehr herzlich und Lisa half Debby beim Füttern und Baden der Kleinen.
Als diese dann friedlich in ihren neuen Betten schliefen, trafen sich die Erwachsenen zum Essen in der Küche. Mit am Tisch saßen auch James, David und ihr Vater, die an diesem Tag einen Großteil der Arbeit allein verrichtet hatten. David war – wie es seine Art war – sanft und liebenswürdig, genauso wie der Vater. James hingegen hatte bereits eindeutig zuviel getrunken und sich den ganzen Tag gelangweilt.
David beobachtete Debby sehr genau und unterhielt sich fast ausschließlich mit ihr. Sie gefiel ihm ganz offensichtlich und Lisa fand, dass sie sehr gut zusammenpassen würden. David würde niemals gegen eine Frau oder ein Kind die Hand heben, dessen war sich Lisa sicher.
Doch zuvor mussten Debbys körperliche und vor allem auch die seelischen Wunden heilen. Das würde noch einige Zeit dauern, aber David konnte ihr dabei helfen.
Nach dem Abendessen gingen die Nachbarn nach Hause und auch die Mutter und Debby verabschiedeten sich müde.
Lisa und Michael hatten den Abwasch übernommen.
„Bist du eigentlich niemals müde?“, fragte sie, als sie nach der Arbeit noch bei einer Tasse heißer Schokolade zusammensaßen.
Er lächelte und das gab ihm ein jungenhaftes, fast freches Aussehen.
„Ich habe nur Angst, dass ich etwas vom Leben verpasse; etwas wichtiges, wofür es sich zu leben lohnt.“
„Und wie hattest du dein Leben geplant?“
„Ich hatte keinen Plan für mein Leben. Eine Zeitlang dachte ich, das Beste ist, wenn ich das tue, was meine Mutter niemals tun würde.“„Und daran glaubst du jetzt nicht mehr?“
„Zumindest würde ich es jetzt anders formulieren. Durch den Krieg sind plötzlich ganz andere Dinge wichtig geworden. Ich lebe intensiver.“
„Wirst du zurückgehen in den Krieg?“, fragte sie und hoffte, dass er es nicht tun würde. Aber sie kannte die Antwort bereits und in seinen stahlblauen Augen fand sie die Bestätigung.
Lisa nickte mit dem Kopf, stand wortlos auf und wollte den Raum verlassen, doch er hielt sie sanft am Arm zurück.
„Warte Lisa, bitte!“, sagte er weich und sie blieb vor ihm stehen und sah ihn auf ihn herab.
„Wenn ich wählen könnte zwischen einem Leben mit dir hier auf dieser Ranch und der Rückkehr an die Front, dann würde ich mich ohne zu überlegen für dich entscheiden, denn du bist das Beste, was einem Mann passieren kann. Aber ich habe diese Wahl nicht. Ich bin Offizier und es wäre Dessertation, wenn ich nicht zurück ginge.
Das ist nur ein Grund. Der andere Grund wäre: Ich muss meinen Beitrag dazu leisten, dass der Krieg endlich ein Ende findet. Die Vorstellung, dass Amerika irgendwann von feindlichen Bomben zerstört wird, dass meine Familie in den Krieg mit einbezogen wird, ist mir unerträglich. Dafür sind deine Brüder gestorben und es wäre Verrat an ihnen, wenn ich die Sache nicht zu Ende bringen würde. – Ich weiß, dass du das tief in deinem Inneren verstehst.“
Tausende ungeweinter Tränen klangen in ihrer Stimme als sie leise sagte:
„Ich kann nur nicht noch einen Menschen verlieren, Michael. Ich überlebe es nicht noch einmal. Ich brauche Sicherheit.“
Michael stand auf und nahm sie einfach in seinen Arm.
Vorsichtig hob er ihr Gesicht zu sich heran und strich mit dem Daumen über ihre Lippen. Nun küsste er sie endlich und Lisa öffnete bereitwillig ihre Lippen. Sie wollte ihn spüren, wollte das Gefühl seiner Nähe auskosten und wenn es auch zum letzten Mal sein würde.
Dann riss sie sich plötzlich von ihm los und lief aus der Küche.

5. Kapitel

Nun verrichtete auch Debby einige Arbeiten auf dem Hof und sie fand Spaß an der Arbeit. Lisas Mutter kümmerte sich währenddessen bereitwillig um die vier- und einjährigen Kinder, als wären sie ihre eigenen Enkel. Diese Aufgabe tat ihr sichtlich gut.
Lisa arbeitete wie eine Besessene, je näher der Tag kam, an dem Michael zurück musste. Und sie ging ihm so gut es möglich war aus dem Weg.
Dafür wurde James immer aufdringlicher.
Eines Tages, es war genau einen Tag vor Michaels Abreise, traf James Lisa auf dem Heuboden beim Stapeln des frischen Heus.
„Hallo, schöne Frau!“
„Hallo James, du solltest dich nicht immer so anschleichen, sonst kann es leicht sein, dass ich dich vor Schreck mit der Gabel verletze.“
Er fasste sie bei den Hüften.
„Ich wollte nicht, dass mich jemand bemerkt. Vor allem nicht er!“
„Lass das, James!“
„Ach komm schon. Ich weiß, dass du es auch willst. Und hier im frischen Heu ist es weich und warm und keiner weiß, dass wir hier sind. – Wie können uns amüsieren und niemand wird es hören.“
„Ich möchte das aber nicht!“
James drückte sie an sich.
„Du brauchst dich nicht zu genieren. Ich weiß, dass du keine Jungfrau mehr bist.“
Nun bekam Lisa Angst vor ihm. Sie schaute nach der Heugabel, aber diese stand zu weit entfernt, als dass Lisa sie ergreifen konnte.
„Ich will dich nicht! – Verschwinde endlich!“
Doch James sah seine Chance nun gekommen.
Er stieß sie ins Heu und war auch gleich wieder über ihr.
Lisa wehrte sich mit all ihrer Kraft, aber gegen sein Gewicht hatte sie nicht die geringste Chance.
Sein Atem roch stark nach Alkohol und das bereitete ihr Übelkeit.
„Lass sie sofort los!“, ertönte es da von der Leiter aus und Michael stand plötzlich auf dem Heuboden mit der Gabel in der Hand.
James sprang erschrocken auf, während Lisa erschöpft und gedemütigt die Hände vor ihr Gesicht schlug.
„Verschwinde, ehe ich meine Erziehung vergesse und wage dich niemals wieder an sie heran.“
Das ließ sich James nicht zweimal sagen.
Als er endlich fort war, kniete Michael schnell neben Lisa nieder.
„Bist du OK?“, fragte er besorgt.
Zitternd legte sie ihm die Arme um den Hals.
„Wenn du nicht gekommen wärst, ...“
„Ich bin aber jetzt hier.“
Michael hielt sie fest, bis sie sich beruhigt hatte.
„Ich wollte dich zum Abendessen holen.“, sagte er leise.
„Ich möchte jetzt nichts essen.“
Er schob sie ein Stück von sich, doch sie hielt den Kopf gesenkt und er konnte ihre Augen nicht sehen.
„Ich ertrage es nicht, wenn du gehst.“, flüsterte sie.
Michael drückte sie wieder an sich.
„Komm weg hier, es ist genug für heute.“, sage er und zog sie mit sich hoch.

Wenig später trafen sie sich in seinem Schlafzimmer wieder, ohne dass sie es vorher verabredet hätten.
Sie saß auf der Kante seines Bettes und blickte zum Fenster hinaus. Michael lag auf seinem Bett und sah sie an.
Das Licht der untergehenden Sonne erhellte ihr schönes Gesicht.
„Lisa!“
Langsam drehte sie sich zu ihm herum und legte sich neben ihn.
Michael beugte sich über sie.
„Du bist so schön!“, flüsterte er.
Sie nahm sein Gesicht in ihre Hände und zog es zu sich herunter.
„Ich möchte diese Nacht mit dir verbringen. Dann werde ich dich vergessen und es wird nicht so wehtun, wenn sie deiner Mutter die Fahne übergeben!“, sagte sie leise.
Michael strich über ihre Wange.
„Egal, was du sagst: Ich liebe dich, Lisa! Und nichts, was du tust oder sagst, wird daran etwas ändern. Ich nehme diese Liebe mit, sie wird mir helfen, nicht zu verzweifeln. Irgendwann werde ich wiederkommen und nach dir sehen. Wenn du dann noch hier bist und wenn du noch immer allein bist, dann werde ich wissen, dass du auf mich gewartet hast. Und dann werde ich hier bleiben und mit dir leben.“
Eine Träne löste sich aus ihrem Augenwinkel und lief langsam über ihre Wange. Er küsste sie weg. Seine Lippen fanden ihren Mund und Knopf für Knopf öffnete er ihre Bluse und ihre Jeans.
Sie presste seinen nackten Oberkörper fest an ihre Haut. Sie wollte ihn spüren, ihn lieben, bis sie das Morgen vergaß.
Zentimeter um Zentimeter tasteten sich seine Lippen über ihren Körper und fanden all die empfindsamen, verborgenen Stellen.
Und ihre kleinen, sanften Hände verursachten ihm süße Qualen, indem sie sich vorsichtig und unerfahren über seinen erregten Körper bewegten.
Als sie später schwer atmend nebeneinander lagen, hatte sie Tränen im Gesicht.
Schweigend drückte er sie an sich. Was sollte er ihr auch sagen?
„Hast du Angst?“, fragte sie leise.
„Ja! Ich habe Angst, dass du nicht mehr hier bist, wenn ich zurückkomme, oder dass ein anderer Mann an deiner Seite ist.“
„Wie lange wird dieser Krieg noch dauern?“
„Ich weiß es nicht, aber jeder Tag ist ein Tag zuviel.“

Am Morgen liebten sie sich noch einmal, wild und verzweifelt.
Lisa war nicht fähig, zu arbeiten. Sie saß auf seinem Bett und sah ihm apathisch dabei zu, wie er die letzten Sachen in seine alte Reisetasche packte.
Dann setzte er sich neben sie und legte den Arm um ihre Schulter.
„Sag, dass du mich liebst. Das wird mich am Leben erhalten.“
Doch sie antwortete nicht.
Enttäuscht nahm er seine Tasche und ging hinunter.
Debby betrat nach kurzem Klopfen das Zimmer.
„Lisa? Willst du nicht mit hinunterkommen und ihm viel Glück wünschen?“
„Nein!“
Das klang fast trotzig und Debby setzte sich neben sie.
„Ich kann einfach nicht!“, flüsterte Lisa.
„Willst du ihn so fortgehen lassen und dir später Vorwürfe machen, dass du ihm nie gesagt hast, was du für ihn empfindest? Du kannst dich nicht selbst belügen. Du weißt doch längst, dass du ihn liebst. Egal, ob du es aussprichst oder nicht. Es wird nichts daran ändern. Aber wenn du es ihm sagst, wird er kämpfen, damit er dich wieder sieht. – Komm Lisa, lass ihn so nicht gehen.“
„Geh schon, ich komme nach.“

Währenddessen verabschiedete sich Michael von der Mutter, die ihn fest umarmte und ihm heimlich ein Foto ihrer Tochter in die Tasche schob.
„Komm wenigstens du zurück. Sie wird auf dich warten. Alles Gute, mein Junge.“
Dann verabschiedete er sich mit einem festen Handschlag von David:
„Pass auf die Frauen auf! Ich verlass mich ganz auf dich und halte deinen Bruder von Lisa fern.“
„Das werde ich und ich gebe auch auf deine Schwester und die Kinder acht!“
„Ja, ich weiß! Viel Glück dabei.“, sagte Michael mit einem Augenzwinkern.
Inzwischen war auch Debby da.
„Machs gut, kleine Schwester. Pass auf dich auf und bleibe hier. Hier bist du sicher und hier wirst du gebraucht.“
„Danke für alles Mike, und mach dir keine Sorgen – sie liebt dich.“
Er nickte und umarmte sie. Das wusste
er, doch es machte den Abschied nicht leichter.
Dann hob er die Tasche auf und warf einen letzten Blick zurück.
Lisa kam gerade aus dem Haus gelaufen. Michael ließ die Tasche fallen und fing sie auf.
„Ich liebe dich!“, sagte sie leise „und ich werde hier auf dich warten.“
„Und ich verspreche dir, dass ich wiederkomme und dich heirate.“
Lisa legte ihm ihr Goldkettchen um den Hals und dann küssten sie sich noch einmal sehr innig, ehe er endgültig in das wartende Taxi stieg.

6. Kapitel

Sie schrieb ihm viele Briefe und hin und wieder antwortete er.
Es waren Lisas Briefe, die Michael aufrecht hielten, wenn sie ihn auch erst viele Tage später erreichten.
Mit dem ihr eigenen Einfühlungsvermögen fand sie genau die richtigen Worte, wenn sie ihn an ihrem Leben teilhaben ließ und nur zwischen den Zeilen erkannte er ihre Sehnsucht nach ihm und ihre Traurigkeit. Und bei jedem Brief, der ihn erreichte, wünschte er sich nichts sehnlicher, als bei ihr zu sein auf der Farm.

Lisa rechnete die Zeit in Briefen von Michael.
Dazwischen existierte sie nur.
Debby wurde ihr eine gute Freundin, denn sie wusste um Lisas Angst.
Lisa half ihr, die Scheidung von ihrem prügelnden Ehemann durchzustehen und sie sah mit Freude, wie sich zwischen David und Debby eine tiefe, unerschütterliche Liebe anbahnte.
Doch immer schwankte sie dabei zwischen Hoffnung und Verzweiflung.

Vier Monate nach seiner Abfahrt war er wieder zurück.

Lisa erwachte wie so oft noch bevor ihr Wecker klingelte. Und sie traute ihren Augen nicht: Neben ihr lag Michael.
Er musste noch spät in der Nacht gekommen sein. Und instinktiv hatte sie sich im Schlaf an ihn geschmiegt.Sie betrachtete ihn still, während ihr unaufhörlich Tränen über die Wangen liefen.
Sein Gesicht war zerschunden und er war unrasiert.
Michael lag mit bloßem Oberkörper und ein einstmals weißer Verband umspannte Brust und Schulter.
Er atmete schwer mit halb geöffnetem Mund.
Sie konnte nicht widerstehen und küsste ihn wieder und wieder.
Doch dann fand sie die Kraft um aufzustehen und sich leise anzuziehen. Sie durfte ihn nicht aufwecken, so gern sie es auch gewollt hätte.
Zunächst musste sich Lisa, wie jeden Morgen um die Tiere kümmern.
Als sie nach ein paar Stunden damit fertig war, schlief er noch immer.
Lisa duschte heiß und legte sich wieder zu ihm.
Sie ahnte bereits, dass er noch nicht für immer gekommen war.
Still lag sie da, sah ihn nur an und lauschte auf seinen Atem.
Endlich öffnete er die Augen, sah ihr Gesicht ganz nah neben sich.
„Du hast wahrscheinlich keine Ahnung, wie schön du bist!“, flüsterte er heiser.
Sie lächelte und antwortete ebenso leise.
„Und du hast wahrscheinlich keine Ahnung, wie verwahrlost du aussiehst.“
„Ich dachte, die Frauen mögen so etwas.“
„Ja!“
Sie beugte sich über ihn und sagte sehr ernst:
„Ich liebe dich! Gott weiß, wie sehr ich dich liebe.“
„Und ich liebe dich. Mein größter Wunsch ist, dass du mich heiratest. - Möchtest du meine Frau werden?“
Sie hatte Tränen in den Augen.
„Ja!“
Michael zog ihren Kopf zu sich herunter und endlich küsste er sie. Dann sagte er:
„Es ist mir sehr ernst. Ich habe zwei Wochen Genesungsurlaub bekommen. Ich möchte, dass wir in dieser Zeit heiraten, wenn du es auch willst.“
Sie sah ihm aufmerksam in die Augen und fragte dann:
„Ich liebe dich, Mike, und ich möchte nichts lieber als deine Frau zu werden. Warum aber diese Eile? Was ist los?“
Er strich zärtlich über ihr Gesicht.
„Ich möchte, dass du zu mir gehörst. Manchmal habe ich Angst, dass du dich in einen anderen verliebst. Ich will – ich kann dich nicht verlieren. Der Krieg wird nicht mehr lange dauern. Dann hat mein Leben nur noch einen Sinn und dieser Sinn bist du.“
„Ich kann mich in gar keinen anderen Mann verlieben. Du bist alles, was ich jemals wollte. – Ich weiß nicht, ob wir so schnell einen Hochzeitstermin bekommen.“
„Lass uns nach Vegas fahren! – Wenn der Krieg vorüber ist, verspreche ich dir eine Hochzeit, wie du sie dir erträumt hast. Bist dahin reicht eine formelle Eheschließung in Vegas.“
„Ja.“
Lisas Hand strich vorsichtig über seinen Verband.
„Es ist nichts schlimmes, nur ein glatter Durchschuss.“
„Liebe mich, Mike, bitte jetzt sofort.“, bat sie ihn leise.
„Ja.“

Eine Woche später heirateten sie tatsächlich in Las Vegas im kleinen Familienkreis. Nur Lisas Mutter, Debby und David waren dabei.
Michael trug seine Uniform und Lisa ein schlichtes weißes Etuikleid mit passendem Jäckchen.
Michaels und Debbys Mutter hatte nicht an der Hochzeit ihres Sohnes teilnehmen wollen, weil er keine von jenen Frauen geheiratet hatte, die sie ihm ausgesucht hatte.
Schlimmer noch war für sie das Wissen, dass nun nicht ihr die gefaltete Fahne überreicht wurde, wenn Michael im Krieg blieb, sondern der Schwiegertochter, die sie niemals gesehen hatte.

Die letzte Woche verbrachten Lisa und Michael mit langen Spaziergängen und damit, sich verzweifelt zu lieben.
David und Debby übernahmen derweil den größten Anteil an der Hofarbeit.
Doch schließlich kam der Tag, an dem Michael wieder fortgehen musste.
Diesmal war Lisa ruhiger. Sie hatte zwar immer noch große Angst, ihn zu verlieren, aber sie war sich seiner Liebe sicher und sie wusste, an seiner Seite konnte sie alles schaffen.

Lisa wollte, dass Michael stolz auf sie war und sie arbeitete wie eine Besessene, um den Hof wieder hoch zu bringen. Dabei wurde sie immer von Debby und David unterstützt, die nun ganz offiziell ein Liebespaar waren.
Und recht spät bemerkte Lisa, dass sie ein Baby erwartete. Sie war hin- und hergerissen zwischen Freude und Zweifel, denn sie hatte noch keine Zeit gehabt, mit Michael über Kinder zu sprechen.
Nun schrieb sie ihm einen langen Brief, in dem sie ihm von ihrer Schwangerschaft berichtete. Von da ab wartete sie auf eine Antwort von ihm
Aber es kam kein Brief zurück.
Auch in den nächsten Wochen und Monaten wartete sie vergeblich.
Lisa konnte nicht mehr schlafen und sie aß so wenig, dass sich ihr Zustand bedrohlich verschlechterte.
Dann kam die Nachricht vom Hauptquartier, dass Michael lebte, aber zur Zeit nicht antworten konnte, da er in Gefangenschaft geraten war.
Lisa weinte stundenlang, dann konnte Debby es nicht mehr ertragen.
„Lisa, wenn du weiter nichts isst und nicht schläfst, wirst du euer Kind töten. Willst du das wirklich?“
„Sie werden ihn quälen und am Ende werden sie ihn doch töten!“, schluchzte Lisa.
„Er ist ein Offizier. Sie werden ihm nichts tun!“
Doch in Wahrheit hatte auch Debby diesen Gedanken schon des Öfteren gehabt. Im Krieg zählte ein Dienstgrad nicht viel.

7. Kapitel

Unentwegt schritt die Zeit voran.
Brandon wurde an einem sonnigen Tag Anfang März geboren.
Er war ein kräftiger, hübscher Junge mit den Augen seines Vaters.
Etwa zwei Monate später bekam Lisa einen Anruf, dass sie Michael aus dem Militärkrankenhaus in Florida abholen konnte.
David brachte sie dorthin, während sich Debby um den Kleinen kümmerte.
Zunächst wurde Lisa zum Arzt gebracht.
„Setzen sie sich doch, Mrs. Baxton. – Sie sind sehr blass, geht es ihnen auch gut?“
„Ich bin OK! Wo ist mein Mann?“
„Beruhigen sie sich, er ist seit einigen Wochen bei uns. Es geht ihm den Umständen entsprechend gut.“
„Was genau heißt das?“
„Er ist körperlich wieder in Ordnung, aber er leidet unter einer Amnesie. Er kann sich an die Zeit seit dem Beginn des Krieges nicht mehr erinnern. Die letzten Jahre sind vollständig aus seinem Gedächtnis gelöscht. – Deshalb war es so schwer, sie ausfindig zu machen.“
Lisa sank auf dem Stuhl zusammen.
„Er erinnert sich an nichts mehr?“
„Nun ja, er weiß, wer er ist, dass er Mutter und Schwester hat, aber er weiß nicht mehr, dass er Offizier ist, dass er verheiratet ist und ein Kind hat. Das heißt, sein Kurzzeitgedächtnis funktioniert nicht mehr.“
„Und wie konnte so etwas passieren?“
Der alte Militärarzt sah sie aufmerksam an.
„Ihr Mann war in Gefangenschaft und ich nehme an, dass er dort Dinge sehen und erleben musste, die so unerträglich waren, dass sein Gehirn eine Art Sicherheitsmodus eingeschaltet hat.“
„Und wie lange hält das an?“, fragte Lisa abgrundtief traurig.
„Das kann niemand mit absoluter Sicherheit sagen. Es kann ein paar Stunden dauern, aber es ist auch möglich, dass es für immer so sein wird.“
Der Arzt legte ihr väterlich die Hand auf die Schulter.
„Er hat sich einmal in sie verliebt. Warum sollte das nicht ein zweites Mal funktionieren?“
Sie nickte, aber sie glaubte kaum daran.

Zögernd öffnete Lisa die Tür zum Krankenzimmer.
Da saß er! Am offenen Fenster, ein Buch auf den Knien, blickte er in den Park hinaus.
Nun drehte er sich langsam um, musterte sie schweigend von oben bis unten, während sie langsam näher kam.
Wortlos beugte sie sich zu ihm herunter und hauchte ihm einen Kuss auf die blassen Lippen.
„Ich habe dich durch den Park kommen sehen und habe gehofft, dass du meine Frau bist. – Bist du meine Frau?“
Tränen schimmerten in ihren Augen und gegen ihren Willen löste sich eine davon und lief unendlich langsam über ihre Wange.
„Ja, ich bin deine Frau.“, sagte sie leise.
„Du bist wirklich sehr schön. – Es tut mir leid, dass ich mich nicht an dich erinnern kann.“, sagte er leise.
Sie setzte sich neben ihn und nahm vorsichtig seine Hand in ihre.
„Wenn du bei mir warst, hatte ich immer das Gefühl, dass ich alles schaffen kann, wenn du nur da bist. – Lass es uns versuchen.“, bat sie ihn und wischte trotzig die Träne weg.
„Wie lange sind wir schon verheiratet?“
„Nicht lange genug.“, erwiderte sie.
„Und haben wir Kinder?“
Lisa zögerte erhob sich wieder.
„Ja, wir haben einen kleinen Sohn. Er ist neun Wochen alt und du hast ihn noch nicht einmal gesehen.“
Michael stand nun ebenfalls auf und blieb direkt vor ihr stehen.
„Du hattest eine schwere Zeit, nicht wahr?“
„Sie war nicht annähernd so schwer, wie deine Zeit. Ich hatte furchtbare Angst um dich.“
Und leise fügte sie hinzu:
„Komm heim, Mike! Alles andere wird sich finden, wenn du nur wieder da bist.“
„Ich hoffe sehr, dass du Recht hast. Du hast es verdient.“

8. Kapitel

Michael war ein komplett anderer Mensch geworden. Er sprach sehr wenig, arbeitete aber wie gewohnt auf dem Hof mit.
Aus Mangel an Platz schlief er im Bett neben Lisa. Er selbst hatte es so gewollt.
Er hatte eine Mauer um sich herum errichtet, durch die kaum ein Strahl der Sonne hindurch passte. Nur Brandon konnte ihn anrühren, in Momenten, in denen Vater und Sohn scheinbar unbeobachtet waren.
Lisa arbeitete umso härter
nd verbitterter gegen ihren inneren Schmerz an.
Hin und wieder sprach Michael ein paar Worte mit Debby, denn an diese konnte er sich noch erinnern.
Doch sein Unterbewusstsein ging ganz eigene Wege. Manchmal rief er im Schlaf ganz verzweifelt nach Lisa
Bis er schließlich erwachte.
Sie wollte ihn gern im Arm halten, ihm Kraft und Wärme geben, aber sie wagte es nicht.
Nur manchmal, wenn sie glaubte, dass er fest schlief, strich sie ihm sanft über das gequälte Gesicht oder küsste ihn heimlich.
In diesem stillen, traurigen Haus ging das Leben dennoch weiter. Brandon wuchs mit der ganzen Liebe seiner beiden Eltern auf und er war ein kleiner Sonnenschein.

Lisa saß im Halbdunkel in der Küche als Debby hereinkam.
„Du schläfst noch nicht?“, fragte Debby.
„Nein.“, erwiderte Lisa müde.
Auch Michael war erwacht und wollte etwas trinken. Doch er hörte die Frauen in der Küche reden und gegen seine Gewohnheit setzte er sich auf die Stufen der Treppe und konnte von dort aus jedes Wort deutlich hören.
„Du hast jetzt jeden Tag nahezu ohne Pause gearbeitet, du kannst doch keine Kraft mehr haben.“, hörte er die Stimme seiner Schwester.
„Ja, ich bin so müde, aber ich kann trotzdem nicht schlafen.“
„Ich mach dir noch schnell eine heiße Schokolade. Ich gebe zu, es hilft nicht gegen deine Sorgen, aber vielleicht kannst du danach schlafen.“
„Ach Debby, ich darf mich eigentlich gar nicht beschweren. Ich habe einen schuldenfreien Hof, einen Mann und ein hübsches Kind.“
„Aber du leidest.“
Tränen liefen über Lisas Gesicht und Debby legte ihr erschrocken den Arm um die bebenden Schultern.
„Er liegt neben mir und ich höre, wie er atmet, spüre seine Wärme. Und ich liebe ihn so sehr, dass es mir körperlich weh tut. Ich wünsche nichts so sehr, wie, dass er mich so wie früher in seinen Arm nimmt.“
„Ja, dabei bin ich überzeugt davon, dass er dich liebt. Ihr solltet miteinander reden.“
„Ich bin eine Fremde für ihn. Das hat sich in den letzten anderthalb Jahren nicht geändert.“
„Und ich kann dir nicht ein bisschen helfen.“
„Du hast mir zugehört. Ich freue mich, dass du mit David so glücklich bist. Wenn es euch nicht gäbe, wäre ich wohl längst verzweifelt.“
„Wir haben dir unser Glück zu verdanken.“
„Ich gehe jetzt in mein Bett und versuche, zu schlafen.“
„Tu das. Und ich bete dafür, dass alles wieder gut wird.“
Lisa betrat ganz leise das Schlafzimmer und zog sich nahezu geräuschlos aus, um Michael nicht aufzuwecken.
Doch er schlief nicht. Er sah sie nackt im Mondlicht stehen und zum wiederholten Male stellte er fest, wie schön sie war.
Nun legte sie sich neben ihn und wandte ihm ihr Gesicht zu.
Michael wusste nun, wie sehr sie litt und er war wütend auf sich selbst.
Vorsichtig nahm er ihre Hand und legte sie gegen seine Wange.
„Du kannst nicht mehr mit mir leben, nicht wahr?“, fragte er leise und in seinem Wesen lag plötzlich etwas von dem alten Michael.
„Ich kann nicht ohne dich leben.“, erwiderte sie.
„Aber ich weiß, dass du nicht glücklich bist.“
„Im Moment bin ich so glücklich, wie ich es in den letzten zwei Jahren nicht war.“
„Warum?“
„Weil ich neben dir liegen kann und weil du mit mir redest.“
Michael zog sie in seinen Arm.
„Du bist eine so wundervolle Frau und ich möchte nicht, dass du leidest.“
„Ich möchte keine wundervolle Frau sein, ich möchte nur deine Frau sein.“
„Ich hatte gehofft, dass die Erinnerung zurück kommt.“
„Und ich hatte gehofft, dass du dich vielleicht noch einmal in mich verlieben könntest. Denn ich weiß nicht, ob es gut ist, wenn die Erinnerung zurück kommt. Du würdest dich vielleicht an das Schöne erinnern, aber ich weiß nicht, ob das stark genug ist gegen die Erinnerung an all das, was dir im Krieg geschehen ist.“
„Ja. Dennoch, ich möchte mich an den Augenblick erinnern, in dem ich dich zum ersten Mal gesehen habe, an dem Moment, in dem ich zum ersten Mal spürte, dass ich dich liebe, an den Tag, die Stunde, in der ich dich fragte, ob du meine Frau werden möchtest, an die Nacht, in der ich dich zum ersten Mal geliebt habe und die Nacht, in der Brandon entstanden ist.“
„Wir waren nur eine Woche verheiratet, dann bist du wieder an die Front gegangen. Ich habe diesen verdammten Krieg so gehasst.“
„Glaubst du, wir würden noch ein zweites Kind wollen?“
„Wir hatten nicht genug Zeit, über Kinder zu sprechen. Ich weiß noch nicht einmal, ob du Brandon gewollte hättest.“
„Und was ist mir dir?“
„Ich weiß, dass ich die schwere Zeit nicht durchgestanden hätte, wenn ich dieses Kind von dir nicht gehabt hätte. – Ich wollte immer Kinder. Andererseits glaube ich auch, dass wir Beide noch nicht genug Zeit miteinander hatten.“
„Wenn ich überhaupt fähig bin, eine Frau zu lieben, dann bist du es.“
„Ich weiß, dass du fähig bist, zu lieben. Und auch wenn es sehr schwer ist, ich werde auf den Tag warten, an dem du es auch spürst.“
„Ich hoffe, dass du das nie bereuen wirst.“
Sie beugte sich über ihn und hauchte einen Kuss auf seine Lippen.
„Ich liebe dich, Mike, ich habe dich immer geliebt.“
„Habe ich dir jemals gesagt, dass du etwas ganz Besonderes bist.“
„Ja, das hast du mir einmal gesagt, als wir noch kein Paar waren.“

Schluss

Es folgte eine Woche der vorsichtigen Annäherung. Jede Nacht schlief sie nun in seinem Arm ein, ohne dass es jedoch zu mehr Berührung kam. Und sie redeten miteinander, ehe sie einschliefen.
Doch gegen Ende der Woche geschah das Furchtbare.
Lisas Mutter erlitt einen Herzinfarkt und verstarb daran, noch ehe der Arzt kam.
Danach war Lisa wie betäubt.
Ohne eine einzige Träne zu vergießen, organisierte sie still die Beerdigung und übernahm kommentarlos die Dinge, die bisher von ihrer Mutter erledigt wurden.
Doch nach der stillen Beerdigung neben den Gräbern des Vaters und der Brüder brach Lisa kraftlos zusammen, zitternd, weinend, grenzenlos erschöpft.
Michael entschloss sich, den Arzt zu rufen, als sich Lisas Zustand auch nach Stunden nicht besserte.
Der Doktor stellte einen Nervenzusammenbruch fest und spritzte ein starkes Beruhigungsmittel.
„Sie wird jetzt erst einmal schlafen bis morgen früh. Verschaffen sie ihr dringend ein paar Tage Ruhe. Jede kleine Aufregung ist Gift für ihre Frau und lassen sie uns hoffen, dass sie stark genug ist und dass sie kein Fieber bekommt.“
Dieser fromme Wunsch sollte sich nicht erfüllen.
Lisa bekam hohes Fieber.
Kurze wache Momente lösten sich mit langen Phasen eines Dämmerzustandes ab.
Michael verbrachte die meiste Zeit an ihrem Bett und er verspürte plötzlich eine Angst in sich, die er nie zuvor gekannt hatte.
Mit einem Male konnte er sich an schmerzhafte Augenblicke in seinem Leben erinnern. Aber es waren Erinnerungen an körperliche Schmerzen, nicht vergleichbar mit dem, was er jetzt empfand.
Mit Hilfe seiner finanziellen Möglichkeiten, stellte er noch einen erfahrenen Mann ein, der David auf dem Gut zur Hand ging, denn Debby war mit den Kindern und dem Haushalt voll ausgelastet, zumal sie auch ein Baby von David erwartete.
Am Abend setzte sich Debby zu ihrem Bruder.
„Wie geht es ihr?“
„Unverändert!“, erwiderte er müde.
„Und wie geht es dir?“
„Ganz gut danke.“
„Bin ich schuld, Debby?“
„An ihrem Zustand? – Ich weiß es nicht. Aber ich habe mich oft gefragt, ob man eine große Liebe einfach vergessen kann. Ein so unvergleichbar schönes Gefühl.“
„Ich kann mich nicht daran erinnern, was Liebe bedeutet.“
„Hast du Angst, dass sie stirbt.“
„Ja!“
„Warum?“
Er ließ sich Zeit mit der Antwort.
„Ich weiß nicht, ob das Leben ohne sie einen Sinn hat.“
Debby nickte.
„Sie hatte Furcht davor, dich zu lieben. Weil sie panische Angst hatte, dich zu verlieren. Sie hat nahezu pausenlos Nachrichten gehört, hat gebetet und gehofft. Als keine Antwort mehr von dir kam, ist sie fast verzweifelt am Leben. Dann hat sie um dein Baby gebangt, aus Furcht, wenn ihm etwas zustößt, schließlich gar nichts mehr von dir zu haben. Ich bin überzeugt davon, keine andere Frau könnte dich mehr lieben, als sie es tut. Und ich weiß, dass auch du sie liebst. Sonst wärst du nicht geblieben.“
„Vielleicht hast du ja Recht.“
„Du solltest in dich hineinhorchen und dich dann entscheiden. Wenn du sie liebst, dann sag es ihr, zeig es ihr! Und wenn du feststellst, dass du sie nicht liebst, dann solltest du ihr auch das sagen und dann fortgehen, weil du sonst ihr Leben zerstörst.“
Er schwieg einige Zeit, dann fragte er:
„Wie war das Verhältnis zwischen dir und mir in den letzten Jahren?“
Debby lächelte.
„Als Kinder waren wir eine ziemlich verschworene Gemeinschaft. Wir haben gemeinsam viel Unheil gestiftet und wir haben uns gegenseitig getröstet. Dad fand es sehr wichtig, dass wir zusammenhalten und das haben wir getan.“
Nun wurde sie ernst:
„Als er starb, war plötzlich alles anders. Mum begann ehrgeizig am Bild der perfekten amerikanischen Familie zu arbeiten und wir haben dieses dumme Spielchen mitgespielt. Du bist zur Offiziersschule gegangen, ich habe einen Arzt geheiratet und genau, wie geplant, zwei Kinder bekommen. So wie es sich gehört natürlich einen Sohn und eine Tochter. – Perfekt! Leider haben wir Daddys Rat nicht befolgt. Wir haben uns aus den Augen verloren. Zum Glück hast du durch einen glücklichen Umstand Lisa kennen gelernt. Das hat deine Gefühle wieder ins richtige Lot gebracht. Durch den gleichen Umstand kam auch ich hierher. – Ich bin hier so glücklich wie niemals zuvor.“
„Es ist gut, dass du hier bist.“
„Ja, schlaf ein bisschen, großer Bruder, ich kann dich für ein paar Stunden ablösen.“
„Nein, ich könnte ohnehin nicht schlafen. Geh schon, du brauchst dringend Ruhe und David wird sicher schon auf dich warten.“
„Versuch trotzdem, dich etwas auszuruhen.“
Sie küsste ihn auf die unrasierte Wange.
„Ich hab dich lieb!“
Dann war er wieder allein.
Wie jede Nacht legte er sich neben sie und sie öffnete die Augen.
„Mike?“
Suchend und nervös glitt ihre Hand über die Bettdecke.
„Ich bin hier bei dir. Es ist alles gut.“
„Das Pferd, Michael, erinnerst du dich an das Pferd? Du hast es auf die Welt geholt.“
„Wir haben die ganze Nacht im Stall verbracht und ich habe dir beim Schlafen zugesehen. Da wusste ich, dass ich dich liebe.“
Warum hatte er das jetzt gesagt? Tatsächlich erinnerte er sich an diese Nacht. Aber er konnte nicht sagen, weshalb er sich gerade jetzt erinnerte und warum nur an diese eine Nacht.
„Du erinnerst dich daran?“
Michael strich ihr eine Locke aus dem Gesicht.
„Ja!“
Lisa schloss kurz die Augen.
„Werde gesund, Liebling! Dann wird alles gut werden.“

 

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