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Gefährlicher Einsatz

"Oh Luc, was wird denn dann aus unserer Hochzeit?"
"Wir schieben sie nur ein ganz klein wenig auf, Darling. Das ist doch kein Problem. Ich habe schon mit dem Pfarrer gesprochen."
Luise verzog ihren hübschen Schmollmund.
Hilfesuchend blickte Lucas nun seinen künftigen Schwiegervater an und dieser versuchte, Lucas zu helfen.
"Engelchen, du wirst doch einsehen, dass es sehr wichtig ist, dass Lucas seine Pflicht für unser Vaterland tut?! Es ist ganz sicher ein sehr dringender Auftrag, sonst hätte sich nicht die Staatsregierung eingeschaltet. Das verstehst du doch, Kleines, nicht wahr?"
Luise stampfte mit dem Fuß wie ein ungezogenes Kind.
"Nein, nein! Das verstehe ich nicht und ich will es auch gar nicht verstehen! Nichts kann so wichtig sein, dass meine Hochzeit verschoben werden muss! Die Leute sind alle schon eingeladen und das Essen und die Getränke bestellt. Ich will an diesem Tag heiraten. Dann muss der Einsatz eben verschoben werden. Du bist doch der Boss, Daddy. Sie müssen sich schließlich nach dir richten."
Langsam verlor Lucas seine Geduld. Dieser unsinnige Streit dauerte nun schon den ganzen Tag an.
Luise hatte sich schon immer für den Mittelpunkt des Geschehens gehalten. Nichts auf der Welt nahm sie so wichtig, wie sich selbst. Sie hatte sich noch nie die Mühe gemacht, über Irgendetwas nachzudenken.
"Ich werde jetzt diese sinnlose Diskussion beenden. Ich muss noch ein paar Sachen zusammenpacken. Wir sehen uns dann, wenn ich wieder zurück bin.", schloss Lucas das ergebnislose Gespräch.
"Und was tue ich in der ganzen Zeit? Euch scheint es ja völlig egal zu sein, was inzwischen aus mir wird!"
Lucas war sichtlich genervt.
"Du wirst all die Dinge tun, die du auch tust, wenn ich hier bin. Friseurbesuche, Partys und ein bisschen Flirten. Du wirst kaum spüren, dass ich nicht da bin."
Luise war einen Moment sprachlos, was bei ihr so gut wie niemals vorkam, und ihr Vater versuchte sofort zu vermitteln.
"Würde dich vielleicht dieser kleine rote Ferrari trösten?", fragte Major Clark und lächelte sein einziges Kind liebevoll an.
"Oh Daddy, du willst ihn mir wirklich schenken?"
Vergessen war die verschobene Hochzeit und letztlich auch Lucas' harte Worte.
Dieser atmete hörbar aus und schüttelte kaum merklich den Kopf.
"Das ist doch nicht möglich!", sagte er mehr zu sich selbst, doch er war sicher, dass zumindest Luises Vater ihn gehört hatte.
Zweifellos war seine Verlobte Luise Clark sehr hübsch. Dafür ließ sie allerdings auch jede Menge von Daddys Geld bei Kosmetikern, in Haarstudios und Modeboutiquen, aber es war auch schwer zu übersehen, dass sie maßlos verwöhnt war.
Seit nunmehr zehn Jahren war Major Clark Lucas' Vorgesetzter und so lernte er vor drei Jahren auf einem Militärball Luise kennen.
Er fand sie verführerisch und recht lebhaft, und sie machte es ihm leicht. Lucas fühlte sich geschmeichelt, dass sie gerade ihn auserwählt hatte unter den vielen Männern, die ihr gierige Blicke nachwarfen.
Die blonde Luise hatte sich seither kaum verändert. Sie war noch immer Daddys verwöhnter kleiner Liebling und sie wusste genau, dass sie alles von ihrem Vater haben konnte, erst recht, seit Mrs. Clark verstorben war.
Auch Lucas hatte sich schnell angewöhnt, Luise vor allem mit Nachsicht zu behandeln.
Nach einem allzu flüchtigen Kuss verließ Lucas nun den Raum, um in sein Haus zu fahren und ein paar Sachen einzupacken. Er kannte seinen genauen Einsatzort nicht und wusste auch noch nicht, worum es ging. Aber das war ihm nicht neu.

2. Kapitel

Unterdessen packte auch Lieutenant Joeline Baker ihren Rucksack.
Ihre Mutter stand in der Zimmertür und sah ihr dabei zu.
"Es ist gefährlich Kind, nicht wahr?"
"Ich weiß auch noch nichts Genaues, Mum, aber ich kann schon auf mich aufpassen!"
"Ich wünschte, du wärst einfach Krankenschwester oder Kindergärtnerin geworden und nicht zur Army gegangen, nur weil dein Dad es sich so erträumt hat. Liebling, ich habe dieses Mal so ein ungutes Gefühl!"
"Ach Mummy, hast du das nicht jedes Mal? Du machst dir viel zu viele Gedanken!", sagte Joeline liebevoll lächelnd.
"Du gehst wegen der Sache mit Peter, nicht wahr?"
"Ja, vielleicht spielt auch das eine gewisse Rolle. Aber hauptsächlich gehe ich, weil mich das Ministerium als Psychologin angefordert hat. Ach Mum, verstehe doch, Irgendjemand da draußen braucht meine Hilfe. Und dafür habt ihr mich schließlich studieren lassen."
Joeline war Psychologin bei der US-Army und sie war gestern mit einem Geheimauftrag in das Verteidigungsministerium berufen worden.
Jetzt band sie ihre dunklen Locken zu einem Pferdeschwanz zurück und nahm ihren Rucksack.
"Ach Liebling, ich habe nur so furchtbare Angst davor, mein Kind zu verlieren."
"Mach dir doch keine Sorgen. - Es kann eine Weile dauern, ehe du von mir hörst. Gib Cheryl einen Kuss von mir. Ich liebe dich, Mum!"
Nur wenige Stunden später trafen sich im Büro des Verteidigungsministers vier Männer und eine Frau zu einer streng geheimen, internen Beratung.
Der Minister hatte jeden von ihnen persönlich begrüßt, dann aber den Raum verlassen, nachdem er ihnen Glück für ihre Mission gewünscht hatte.
Die entstandene Stille nutzte Joeline, um sich die anderen anzusehen. Sie machten alle einen guten Eindruck auf sie und Joeline war beruhigt.
Nun endlich betraten zwei ältere Herren in hochdekorierten Uniformen den Raum. Joeline kannte sie beide. General Edwards und Major Clark. Es waren Freunde ihres Vaters gewesen und sie hatte sie häufig Zuhause angetroffen.
"Guten Abend, Kameradin und Kameraden. Ich möchte sie gar nicht lange aufhalten. Sie kennen mich. Ich bin General Edwards. Sie sind von einem Gremium unter meiner Leitung ausgewählt und zusammengestellt worden für eine besonders heikle Aufgabe, die womöglich jedem von ihnen die gesamte psychische und physische Kraft abverlangen wird. Deshalb wurden diesmal nur die Allerbesten ausgewählt.
Einige von ihnen kennen sich bereits aus früheren Einsätzen. Trotzdem werde ich sie einander noch einmal vorstellen:
Commander Lieutenant Lucas Bernier, 35 Jahre alt. Er wird das Sondereinsatzkommando leiten, da er auf allen erforderlichen Gebieten die größte Erfahrung mitbringt.
Seine Kampferfahrungen aus dem Golfkrieg werden ihnen sicher zugute kommen. Dann haben wir hier einen Neuling in Sachen Sondereinsätze: Lieutenant Joeline Baker, 31 Jahre alt. Sie ist Psychologin der US-Army, die Beste auf ihrem Gebiet, wenn ich das mal so sagen darf. Auch sie verfügt über hinreichend traurige aber nützliche Erfahrungen aus dem Irakkrieg.
John McAllister, 36 Jahre alt, ausgebildet auf dem Gebiet der Waffentechnik, Martin Murray, 34 Jahre, Strategieoffizier und Rob Dean, 47 Jahre alt, Experte auf dem Gebiet der Technik. Sie alle ebenfalls mit Golfkriegserfahrungen.
Sie werden das Einsatzkommando bilden. Zunächst warten drei Wochen Extremausbildung in der texanischen Wüste auf sie. Das Ziel dieser Ausbildung wird ihnen Major Clark erläutern. Ich erwarte von ihnen, dass sie alles, was mit diesem streng geheimen Auftrag in Verbindung steht, sehr diskret behandeln.
Sie müssen mich jetzt entschuldigen, ich muss noch zu einer sehr dringenden Besprechung. Ich wünsche ihnen maximale Erfolge und kommen sie alle gesund zurück!"
Er kam um den Tisch herum.
"Joe, pass auf dich auf! Ich könnte deiner Mutter sonst nie wieder unter die Augen treten!"
Major Clark erhob sich als der General das Zimmer verlassen hatte.
"Euer Einsatz wird im Irak sein, ihr werdet es schon geahnt haben.
Seit Januar werden dort an einem geheimen Ort mitten im Dschungel zehn Amerikaner gefangen gehalten. Es handelt sich hierbei um drei Frauen, zwei Kinder und fünf Männer. Sie sind allesamt Zivilisten. Die Iraker wollen für die Geiseln Waffen im Wert von fünf Milliarden Dollar haben, um erneut Kuwait und den Iran anzugreifen. Vor ein paar Tagen hat ein Mitglied einer Caritasgruppe unter Einsatz seines Lebens ein Foto gemacht. Er wurde gefangen genommen, aber als Verbindungsmann zwischen den Entführern und der Regierung wieder freigelassen. Das Foto liegt uns leider im Moment noch nicht vor, aber wir wissen jetzt etwa, wo sich dieses Lager befindet. - Also Leute, holt sie da raus. Inoffiziell, versteht sich."
Lucas räusperte sich.
"Das ist nicht mein erster Einsatz und ich weiß, es wird nicht eben leicht sein, zumal ich davon ausgehe, dass der Präsident sich da heraushalten wird. Deshalb verstehe ich auch nicht, warum diesmal eine Frau dabei sein soll. Selbstverständlich möchte ich Lieutenant Baker nicht zu nahe treten."
Joeline blickte lächelnd auf. Sie kannte dieses Vorurteil nur allzu gut. "Joe ist unter den Besten fünfzig, zumeist männlichen Bewerbern ausgewählt worden, weil sie die Beste ist. Sie ist psychisch und physisch sehr stabil und bringt umfassende Erfahrungen aus dem Golfkrieg mit. - Wir können uns nicht einmal annähernd vorstellen, was man vor allem den Frauen und Kindern angetan hat. Joe weiß es, denn sie hat bereits mit Menschen gearbeitet, die dieser Hölle entkommen konnten und traumatisiert waren bzw. es noch immer sind. Eine Psychologin wird von allergrößter Bedeutung sein und der Umstand, dass sie eine Frau ist, wird sich hier nur positiv auswirken. Zudem werden ihre allgemeinmedizinischen Kenntnisse auch nötig sein. Hat sonst noch Jemand ein Problem damit, dass Joe eine Frau ist?"
Joeline blickte auf, geradewegs in Lucas' unverschämt blaue Augen und er konnte den Triumph in ihrem hübschen Gesicht lesen.

3. Kapitel

Ein Army-Flugzeug brachte sie am nächsten Morgen nach Texas.
Von dort flogen sie mit einem Militärhubschrauber ins Trainingscamp.
Es folgten drei Wochen härteste Ausbildung. Dabei wurde Joeline das Gefühl nicht los, dass Lucas ihr noch mehr abverlangte, als den anderen. Oftmals ging Joe dabei bis an ihre Grenzen. Aber sie wollte nicht aufgeben. Und tatsächlich schien es Lucas zunächst zu ärgern, dass sie seinen Anforderungen tatsächlich gewachsen war. Doch sein Unmut verwandelte sich bald in Achtung.
Eines Nachts stand sie allein gegen den Pfeiler der Holzveranda gelehnt und grübelte.
Sie hatte von Peter geträumt und war plötzlich aus dem Schlaf geschreckt. Der Gedanke an ihren ehemaligen Verlobten schmerzte sie noch immer.
Sie waren ein halbes Jahr verlobt gewesen und hatten schon Hochzeitspläne geschmiedet. Doch eines Tages hatte sie ihn mit ihrer besten Freundin im Bett erwischt. Es hatte Joeline sehr verletzt.
Aber Peter hatte nur gelacht und gemeint, er wollte nur mal wieder eine Frau im Bett haben, denn selbst ein alter Besenstil sei weiblicher als sie.
"Mistkerl!", fluchte sie leise.
"Ich hoffe doch sehr, dass sie nicht mich meinen, Lieutenant!"
"Sie können ruhig Joe zu mir sagen und nein, ich meinte nicht sie, Commander."
"Danke, und sie können ruhig Lucas zu mir sagen! - Was muss man ihnen antun, damit sie Jemanden Mistkerl nennen. Mir scheint, ihre Geduld ist unendlich."
Joeline sah Lucas in die Augen.
"Das kann ich ihnen nicht sagen!"
Für einen kurzen Moment hatte er Schmerz in ihren Augen lesen können. Aber es war nur der Bruchteil eines Augenblickes. Er trat neben sie.
"Joeline, ich gebe zu, ich hatte mich in ihnen sehr getäuscht. Sie sind eine Kämpferin. Ich habe sie besonders hart rangenommen, um ihnen zu beweisen, dass sie dem nicht gewachsen sind. Glücklicherweise haben sie mich eines Besseren belehrt. Ich freue mich, dass sie in meinem Team sind!"
Erstaunt zog sie die Brauen hoch. Ein derartiges Geständnis hatte sie von ihm nicht erwartet.
Doch er fuhr bereits fort:
"Wir haben einen schweren Job vor uns. Emotionen dürfen uns dabei nicht im Wege sein. Wer sollte das besser wissen, als sie? - Er hat sie betrogen, nicht wahr?"
Joeline nickte kaum merklich. Sie war nicht überrascht, dass er es erraten hatte.
"Warum betrügt man eine Frau, wie sie?", fragte er nach.
"Weil ich nicht in Rüschenschürze Zuhause am Herd stehe und warte, bis mein geliebter Mann nach Hause kommt, damit ich ihm Hausschuhe und Zeitung bringen und ihn verwöhnen darf. Das ist einfach nicht mein Ding. Am Anfang fand er das besonders reizvoll. Dann fand er meine beste Freundin reizvoller. Als ich sie in meinem Bett erwischte, meinte er ..., ach egal, es ist vorbei!"
"Was, Joeline? Sprechen sie es aus! Was meinte er?"
"Lange Haare reichen nicht aus, um eine Frau zu sein und selbst ein alter Besenstil sei weiblicher als ich!"
"Dann ist er es nicht wert, Joeline."
"Was glauben sie, wie oft ich mir das schon selbst gesagt habe, aber es hilft nicht. Dabei hätte ich meinen Patienten genau das auch geantwortet. Aber wenn es einen selbst betrifft, klingt es ziemlich abgedroschen."
Sie blickte in den klaren Sternenhimmel und wechselte ziemlich überraschend das Thema.
"Glauben sie, dass sie noch leben und dass sie misshandelt wurden?", fragte sie leise und Lucas spürte ihre Angst davor, den Menschen da draußen nicht mehr helfen zu können.
"Ich kann nicht sagen, ob sie noch leben, aber dass sie misshandelt wurden, das wissen sie ebenso gut wie ich."
"Ja, hoffentlich haben sie wenigstens die Kinder verschont."
"Das ist eher unwahrscheinlich. Ich habe zwar keine Kinder, aber ich kann mir gut vorstellen, dass es einer Mutter oder einem Vater am meisten schmerzt, wenn sie hilflos mit ansehen müssen, wie man ihren Kindern wehtut!"
"Das Leben kann für sie nie wieder so sein, wie vor ihrer Geiselhaft."
"Sie waren im Golfkrieg?", fragte er.
"Ja, allerdings nur im Hinterland. Ich habe mich um Verwundete gekümmert. Um Gequälte und Gedemütigte. Einige von ihnen sind noch immer in Heilanstalten und ich weiß von zwei Menschen, die sich das Leben nahmen, weil sie mit dem Erlebten nicht klarkommen konnten."
"Alle Kriege fordern Opfer. Deshalb ist jeder einzelne von ihnen so sinnlos."
"Warum muss man aber gegen Kinder Krieg führen? - Sind sie verheiratet?"
Er lachte.
"Wenn dieser Einsatz nicht dazwischen gekommen wäre, dann wäre ich jetzt tatsächlich verheiratet."
"Hat ihre Verlobte denn kein Problem damit, dass sie das hier tun?"
Lucas sah sie an.
"Ich habe keine Ahnung!"
Joeline forschte in seinem Gesicht und fand offenbar das, was sie suchte, denn sie nickte.
"Ich werde mich jetzt lieber in meinen Schlafsack verkriechen. Ich glaube ich kann nun auch wieder einschlafen.", stellte sie dann gähnend fest.
"Ja, das sollten sie tun, Joe. Gute Nacht!"
"Gute Nacht und danke, dass sie mir als Kummerecke dienten."
"Keine Ursache. Vielleicht brauche ich sie ja auch einmal."
Sie nickte noch einmal und ließ ihn grübelnd zurück.
Und auch in den nächsten Tagen spürte sie häufig seine nachdenklichen Blicke auf sich ruhen. Das spornte sie noch zusätzlich an. Zu einem privaten Gespräch unter vier Augen kam es jedoch nicht noch einmal.
Mit den anderen drei Männern verstand sich Joeline ebenfalls sehr gut.
Sie hatten sich angefreundet, wobei Joelines Herz besonders an Rob hing. Er war ein netter väterlicher Typ, der immer bester Laune war.
Dagegen war Martin der unwiderstehliche Draufgängertyp, aber einer der ungefährlichen Art. Joeline konnte mit ihm umgehen, sie war immun gegen seinen Charme.
Und da war dann noch John. Er war eher bedacht und ruhig. Lucas und John kannten sich schon sehr lange. Lucas hatte immer darauf bestanden, dass John an seiner Seite mit ihm kämpfte. Auf ihn konnte er sich 100 %ig verlassen. John brauste zwar sehr leicht auf, aber er war nicht nachtragend oder streitsüchtig und Joeline wusste, dass sich unter seiner rauen Schale ein weicher Kern verbarg. Er machte nicht viele Worte, aber man konnte auf ihn bauen.
Zwischen all den verschiedenen Charakteren war Joeline der ausgleichende, ruhende Pol. Alle mochten sie gern und behandelten sie wie eine kleine Schwester. Selbst das Fluchen und Schimpfen hatte nahezu völlig aufgehört, seit sie in der Gruppe war. Die Männer achteten sie aufgrund ihrer Ausdauer und ihrer stets guten Laune.
Rob hatte einmal gesagt, sie erinnere ihn an das Bild der kleinen Prinzessin im Märchenbuch seines jüngsten Sohnes. Seitdem nannte man sie nur Queeny.
Nach drei Wochen härtester Ausbildung erschien Major Clark wieder.
Er erkundigte sich nach den Ergebnissen und gab ihnen das Wochenende vor dem Einsatz Urlaub.

4. Kapitel

Während die Männer nach Hause flogen, beschloss Joeline in Texas zu bleiben, um Peter und den besorgten Augen ihrer Mutter nicht zu begegnen.
Die nächst größere Stadt war Seymoure.
Joeline leistete sich ein Zimmer im besten Hotel der Stadt.
Zunächst ließ sie sich die große Wanne voll heißes Wasser und versank im duftenden Schaum. Sie wusch und fönte ihr langes dunkles Haar bis es in weichen Wellen auf ihren Rücken fiel.
In der kleinen Boutique kaufte sie sich ein kurzes, enges, schwarzes Kleid mit passenden Pumps und bezahlte ein kleines Vermögen dafür.
Joeline hatte sich dazu entschieden, im Restaurant zu Abend zu essen. Sie wollte unter Menschen sein, die es verstanden, sich zu amüsieren.
Es waren an diesem Abend jedoch nicht sehr viele Leute im Restaurant. Das ha
te zumindest den Vorteil, dass sie sich ihren Tisch aussuchen konnte.
Als Joeline sich setzte, bemerkte sie an der Bar einen Mann. Er stand mit dem Rücken ihr zugewandt.
Sie erkannte ihn bereits an seiner Statur, obwohl sie ihn noch nie in Jeans und Hemd gesehen hatte.
Ungläubig stand sie auf und trat zu ihm.
"Lucas, was machen sie denn hier?"
"Queeny?!", fragte er erstaunt und blickte mit offensichtlicher Bewunderung an ihr herab.
"So ein verrückter Zufall!", murmelte sie.
"Ja. Aber ein verdammt schöner Zufall. Wer konnte nur jemals behaupten, sie seien nicht weiblich?"
Joeline errötete.
"Ich dachte, sie sind zu ihrer Verlobten nach Hause geflogen!", sagte sie verlegen.
"Nein, bin ich nicht! - Ich wollte noch einmal ein wenig Ruhe genießen und ich fürchte, sie hätte mich sicher nur von Party zu Party geschleppt. - Darf ich sie zum Essen einladen?"
"Wenn sie mir etwas anderes anbieten können, als Dosengulasch und Zwieback bin ich dabei."
Er lachte sehr offen und dass ließ ihn sehr jungenhaft aussehen.
"Was immer sie möchten!"
Sie bestellten sich ein Luxusessen und dann fragte Lucas vollendet höflich:
"Möchten sie noch einen Nachtisch?"
"Oh ja! Einen Eisbecher mit heißen Kirschen und viel Sahne."
Lucas zog erstaunt seine Brauen hoch.
"Eine Frau, die nicht auf ihre Figur achtet?!"
Joeline lachte.
"Glauben sie denn, dass ich das nötig hätte?"
"Nein, sie haben natürlich Recht!"
"Dazu esse ich viel zu gern Eis mit Sahne. Das ist sehr kindisch, nicht wahr?"
"Ein bisschen Kindheit sollte sich wohl Jeder bewahren!", antwortete er und bestellte das Eis.
"Ja!", sagte sie und war plötzlich sehr ernst. "Ich wollte nie erwachsen werden."
Er ahnte, dass in ihrer Kindheit nicht alles so gut gelaufen war.
"Ja, das kann ich mir vorstellen. Ihr Vater war überall sehr beliebt. Ihre Kindheit war sicher sehr interessant."
"Ja! Ja, das war sie wohl, wenn sie es so sehen wollen."
Es klang eher ein wenig traurig als stolz.
Lucas beobachtete sie sehr genau und fragte dann:
"Was ist schief gelaufen?"
"Dad hatte sich immer einen Sohn gewünscht, der es ihm gleichtut, auf den er stolz sein konnte. Leider hat er nur zwei Töchter bekommen. Erst mich und zehn Jahre später noch Cheryl. Bei Cheryls Geburt ist einiges schief gelaufen, Mum konnte keine Kinder mehr bekommen. Ich habe mich sehr bemüht, damit er stolz auf mich sein konnte. Ich bin auf Bäume geklettert, habe Baseball gespielt und Karate gelernt. Und als Dad meinte, wenn er einen Sohn hätte, würde er ihn auf eine Militärakademie schicken und ihn dort Medizin studieren lassen, habe ich schließlich auch das getan. Aber, was immer ich auch tat, es war ihm nicht genug. Ich war eben kein Sohn. Und als Frau stehen einem in der Army eben nicht die Möglichkeiten offen, die ein Mann hat. Man muss da schon ziemlich hart kämpfen, härter als jeder Mann."
Lucas hob plötzlich seine Hand und strich einfach über ihre Wange, als wollte er die Schatten der Vergangenheit auslöschen. Längst bereute er, dass er dieses Thema überhaupt angesprochen hatte.
Schweigend aß sie ihr Eis.
"Was ist, wollen wir hier Trübsal blasen oder uns einen schönen Abend machen?", fragte er schließlich.
"Ich denke, wir haben uns einen schönen Abend verdient!", entschied sie knapp und war sofort wieder bester Laune.
"Gute Entscheidung! - Kennen sie Seymoure?"
"Nein!"
"Dann lassen sie uns ein wenig spazieren gehen. Es ist noch so warm draußen."
"OK!"
Sie liefen einige Stunden durch die Straßen von Seymoure. Es war tatsächlich wunderbar warm. Sie sahen Schaufenster an und spielten an Spielautomaten, dann ließ sie sich erschöpft auf die nächste Bank fallen.
"Vielleicht tauge ich als Frau tatsächlich nicht so viel. Mit diesen Schuhen kann ich jedenfalls keinen einzigen Schritt mehr tun!"
Müde streifte sie die Pumps ab und lief barfuss weiter.
‚Sie ist so unkompliziert!', dachte er lächelnd. Das passte zu ihr. Luise hätte jetzt so lange gejammert, bis er entweder ein Taxi gerufen oder ihr neue Schuhe gekauft hätte. Wahrscheinlich sogar Beides.
Joeline unterdessen lief einfach barfuss weiter, ohne von den Kieselsteinen auch nur die geringste Notiz zu nehmen.
Einen Augenblick sah er ihr nach, dann erst kam er hinter ihr her.
Es war fast Mitternacht als sie ins Hotel zurückkamen. Inzwischen hatten sie alle Förmlichkeiten abgelegt und sich auf ein vertrautes ‚Du' geeinigt.
"Müde?", fragte er mitfühlend.
"Ja, aber auf eine sehr angenehme Art. Es war ein wundervoller Abend."
"Ja, das war es wirklich. - Es gibt hier in der Stadt ein gigantisches Aquarium mit einer tollen Eisbar. - Hast du Interesse?", fragte er vor ihrer Zimmertür.
"Oh, auf jeden Fall doch an der Eisbar."
Er lachte.
"Dann s
hlage ich vor, wir treffen uns um neun Uhr zum Frühstück auf der Terrasse. Oder ist dir das zu früh?"
"Du machst wohl Witze. Weißt du, wie oft ich in den letzten drei Wochen gewünscht habe, wenigstens bis sieben Uhr schlafen zu dürfen."
"Ja, das kann ich mir vorstellen! Also neun Uhr?"
"OK."
"Na dann, schlaf gut!"
Einer plötzlichen Eingebung folgend strich er über ihre Wange, küsste sie auf die Stirn und ging dann, ohne sich noch einmal umzudrehen.
Joeline duschte nur ganz kurz und fiel dann sofort in einen tiefen Schlaf.
Der nächste Tag begann wunderschön. Die Sonne schien und sie konnten auf der Hotelterrasse frühstücken.
Nach der Pleite vom Vorabend hatte sich Joeline heute für bequemere Kleidung entschieden. Zu einer einfachen Jeans trug sie ein ärmelloses Seidentop und leichte Leinenschuhe.
Das Aquarium war ein Erlebnis, genauso wie ein gigantischer Rieseneisbecher, den Lucas hinterher spendierte.
Er war heute zumeist recht ernst und schweigsam. Immer wieder spürte Joeline seine aufmerksam forschenden Blicke auf sich ruhen.
Sie erstaunte ihn immer wieder durch Kleinigkeiten. Wahrscheinlich ahnte sie nicht einmal, welche Wirkung sie auf die Männer hatte.
Wie ein unbeschwertes Kind balancierte sie auf Mauersimsen und watete barfuss durch Springbrunnen. Und immer wieder brachte sie ihn zum Lachen.
Sie war so völlig anders als Luise. Joeline wirkte ungekünstelt und frisch, vor allem aber war sie auf eine geheimnisvolle Art schön.
Während er über sie nachgrübelte stand sie vor ihm auf einem Mauersims und beobachtete ihn schon seit geraumer Zeit aufmerksam und ernst.
Lucas reichte ihr seine Hand und sie sprang herunter. Dabei strauchelte sie etwas und fiel gegen seine Brust. Sein heißer Atem streifte ihr Gesicht als sie verlegen zu ihm aufblickte und sie wusste sofort, dass er sie jetzt küssen würde.
"Tu es nicht!", flüsterte sie.
"Zu spät!", gab er leise zurück und berührte mit den Fingerspitzen ihre vollen Lippen, ehe er seinen Mund folgen ließ.
Sein Kuss rief längst vergessene Erinnerungen in ihr wach und sie spürte ein unbändiges Verlangen in sich aufsteigen. Dieses Gefühl beunruhigte sie zutiefst.
Als er sich dann endlich wieder von ihr löste, taumelte sie und musste sich für einen kurzen Augenblick an ihm festhalten.
"Du bist etwas ganz Besonderes, Joe.", stellte er leise fest.
Joeline glaubte, seine Lippen noch immer auf ihrem Mund zu spüren. "Nein, das bin ich nicht.", flüsterte sie fast traurig und es irritierte sie, dass er sie noch immer in seinem Arm festhielt.
"Du bist erschöpft und es ist spät geworden. Wollen wir heute das Abendessen aufs Zimmer bringen lassen?", fragte er.
"Oh ja, das wäre nicht schlecht."
"In deinem oder meinem Zimmer?"
Sie überlegte kurz und kam zu dem Schluss, dass sie in ihrem Zimmer wohl sicherer war. Sicher? - Wovor eigentlich?
"Bei mir!", antwortete sie schließlich.
Sicher! - Vor ihren eigenen Gefühlen?
Sie aßen ungewöhnlich schweigsam und tranken einen guten Rotwein dazu.
"Tanz mit mir!", bat er sie dann plötzlich und Joeline schüttelte lächelnd den Kopf.
"Oh nein!"
"Bitte! Nur einen Tanz."
"Gut, aber wirklich nur einen Tanz. Ich habe das schon seit Ewigkeiten nicht mehr getan. Du solltest gut auf deine Füße achten!" "Das macht nichts, ich habe eine Ärztin dabei.", scherzte er.
Schon nach den ersten Takten merkte sie, dass es ein Fehler war, ihm nachzugeben, denn schon die Berührung seiner Hand brachte sie total aus dem Gleichgewicht.
Die langsame, melancholische Melodie tat ein Übriges. Mit jedem Takt kamen sie sich näher. Schon konnte sie seinen Atem spüren.
Dann war es auch schon kein Tanz mehr, es war eine zärtliche Umarmung.
Joeline hatte die Augen geschlossen und ließ sich treiben. Sie spürte seine harten Brustmuskeln und hatte den Wunsch, seine nackte Haut zu fühlen.
Wie ein leichter Windhauch strichen seine Lippen über ihre Stirn, die Augen und ihre Nasenspitze und blieben schließlich an ihrem leicht geöffneten Mund hängen.
Willig erwiderte sie seine Küsse.
"Ich werde niemals wieder in Ruhe leben können, ehe ich mit dir geschlafen habe!", flüsterte er.
"Ja!", antwortete sie leise, einfach nur "Ja!"
Langsam glitten seine Hände an ihrem Rücken herab und schoben ihr vorsichtig das Top über den Kopf.
Knopf für Knopf öffnete sie sein Hemd.
Jetzt standen sie Haut an Haut und bewegten sich zur Musik.
Kurzerhand hob Lucas sie hoch und trug sie zu ihrem Bett hinüber.
Schnell hatten sie sich schließlich auch noch ihrer restlichen Sachen entledigt.
Joeline war sehr zärtlich und einfühlsam. Noch niemals hatte er eine so zärtliche Frau gehabt. Es schien ihm, als stelle sie seine Wünsche über ihre eigenen. Sie gab ihm unendlich viel.
Ihre kleinen, sanften Hände fanden jeden Zentimeter seines Körpers.
"Du bist wunderschön!", flüsterte sie an seinem Mund und umfasste seine Hüften.
"Joeline!", seufzte er, rollte sich auf sie und drang behutsam in sie ein.
Augenblicke später lagen sie nur noch still beieinander. Joeline dämmerte schläfrig vor sich hin, den Kopf auf seine Brust gebettet. Sie hielt ihn umfangen, als fürchte sie, dass er gehen würde, wenn sie ihn loslässt. Lucas hatte keine Lust, sich anzuziehen und in sein eigenes Zimmer zu gehen.
Er hatte sich total verausgabt und auch sie hatte alles von sich gegeben.
Noch niemals zuvor in seinem Leben, hatte ihm eine Frau soviel von sich gegeben, ohne dabei an sich selbst zu denken. Sie gab ihm das Gefühl, dass ihr größtes Glück darin bestand, ihn zufrieden zu machen.
Nur einen kleinen Moment lang dachte er an Luise. Selbst wenn sie miteinander schliefen, hatte sie nie völlig die Beherrschung verloren, sie wollte immer und überall die Kontrolle behalten. Das entsprach genau ihrer Art. Luise war sehr besitzergreifend. Sie war es gewohnt, zu nehmen und Zärtlichkeit war dabei nicht ihre Stärke.
Aber heute wollte er nicht mehr darüber nachdenken. Morgen dann würde er Joeline erklären müssen, dass es ein Fehler war.
War es denn ein Fehler? Warum hatte er dann kein schlechtes Gewissen? Und warum fühlte er sich neben Joeline so wohl, so erfüllt?
Sie seufzte im Schlaf, als er einen Kuss auf ihr Haar drückte.
Noch im Schlaf hatte sie sich so vertrauensvoll an ihn geschmiegt.
Ihr warmer weicher Körper roch noch nach ungezügelter Leidenschaft, als Lucas am Morgen erwachte. Er lauschte auf ihren gleichmäßigen Herzschlag und ihren ruhigen Atem.
Jetzt bewegte sich Joeline und blinzelte in das Sonnenlicht, und - sie lächelte, als sie ihn erkannte.
Wieder musste er sie mit Luise vergleichen. Niemals erwachte sie mit einem Lächeln. Si
war morgens immer schlecht gelaunt.
"Wie hast du geschlafen?", fragte er leise und strich eine Locke aus ihrem Gesicht.
"So gut wie schon lange nicht mehr!"
Lucas sah in ihre schönen klaren Augen.
"Joeline, ich ...!"
Sie legte ihm schnell die Fingerspitzen auf die Lippen.
"Bitte Lucas, red jetzt nicht das Wunderbare kaputt, was wir heute Nacht gemeinsam erlebt haben. Wir haben es beide gewollt und ich werde mich ganz bestimmt nicht zwischen Luise und dich drängen!"
Er hörte kaum,
was sie sagte, spürte nur ihre Finger auf seinem Mund.
Wenn er geglaubt hatte, das Interesse an ihr würde erlöschen, wenn er erst einmal mit ihr geschlafen hatte, dann war er jetzt eines besserem belehrt.
Das Verlangen war da und es war noch viel stärker als zuvor. Es tat ihm fast körperlich weh.
Damit würde er also leben müssen in den nächsten Tagen und Nächten, in denen sie jede Minute zusammen verbrachten.
Warum nur hatte er sie nicht schon vor drei Jahren kennen gelernt, als er noch ungebunden war?
In spätestens drei Wochen würde er eine Andere heiraten. Die exzentrische, egoistische Luise. Liebe war es sicher nicht, doch sie hatte einen faszinierenden Körper und sie war erfahren, wusste sehr genau, was ein Mann begehrte.
Für die Gründung einer Familie war Luise wohl eher nicht tauglich. Er wusste, dass sie keine Kinder wollte. Es hatte ihn bisher auch nicht gestört, zumal er ohnehin glaubte, dass sie ihre Meinung noch änderte, wenn sie erst verheiratet waren.
Auch die Tatsache, dass sie nicht seine große Liebe war, hatte ihn nicht sonderlich berührt, denn er glaubte ohnehin nicht an die Liebe.
Lucas war das ungewollte Kind einer zerrütteten Ehe. Der Vater hatte die Familie verlassen, als Lucas etwa zehn Jahre alt war. Durch seine großzügigen Unterhaltsleistungen musste die Familie nie Not leiden. Die Mutter war eine sehr kühle, damenhafte Frau, die niemals ihre Beherrschung verlor. Die Etikette ging ihr über alles. Sie erzog Lucas mit der ihr eigenen Strenge und Disziplin, nicht aber mit Liebe. Sie hatte ihn niemals umarmt oder geküsst. Und die gleiche Art, das Leben zu meistern, erwartete sie auch von ihrem Sohn.
Später hatte Lucas sogar verstanden, warum sein Vater gehen musste. Er wäre erfroren bei seiner gefühlskalten Frau. Vor ein paar Jahren hatte der Vater wieder geheiratet und noch zwei Kinder mit seiner neuen Frau. Lucas hatte inzwischen ein sehr vertrautes Verhältnis zu seinem Vater und dessen Familie.
Seine Kindheit war wohl auch der Grund dafür, dass Lucas bei Luise nichts vermisst hatte. Manchmal nervte sie ihn zwar gewaltig, aber dann hatte er sich für einige Stunden zurückgezogen und Luise hatte das bisher immer respektiert. Sie ging ihre eigenen Wege und brauchte Lucas nicht zwangsläufig, um sich gut zu unterhalten. Im Bett hatten sie sich immer ausgezeichnet verstanden und für ihre völlig überzogenen, materiellen Sonderwünsche war Major Clark zuständig, und das würde wohl auch nach der Hochzeit so bleiben.
Und eben das war es, was Luise von Joeline unterschied.
Alles, was Joeline war und besaß, hatte sie sich selbst hart erarbeiten müssen. Luise hingegen hatte es bereits in die Wiege gelegt bekommen. Sie hatte ihr Leben lang getan, was immer sie wollte. Sie hatte keine Ausbildung und die brauchte sie für das Leben, welches sie führen wollte, wohl auch nicht. Das Geld, das sie regelmäßig von ihrem Vater bekam, reichte für ihr ausschweifendes Leben und Daddy legte auch gern einmal ein paar Dollar dazu, wenn sein verwöhntes Töchterchen danach verlangte. Für dieses Geld hatte sie nie irgendetwas tun müssen und das hatte ihren Charakter verdorben. Während Lucas grübelte hatte er unaufhörlich selbstvergessen Joelines Wange gestreichelt. Mit ihr zu schlafen, hatte Gefühle in ihm geweckt, von denen er nicht einmal geahnt hatte, dass es sie gibt. Noch niemals hatte er bei Luise eine derartige Erfüllung gefunden.
"Ich habe ihr die Ehe versprochen!", sagte er plötzlich leise, mehr zu sich selbst als zu ihr.
Sie hielt seine streichelnde Hand fest und küsste die Innenfläche.
"Das ist in Ordnung!"
Er sah ihr wieder in die Augen und erneut bemerkte er für einen kleinen, unkontrollierten Augenblick diese gewisse Trauer in ihnen.
Lucas musste sie einfach küssen, er konnte nicht anders und alles begann von vorn. Zärtliche Küsse und sanftes Streicheln, Ekstase und ein explosionsartiger Höhepunkt.
Dann duschte er und sie sah ihm beim Anziehen zu. Noch einmal setzte er sich zu ihr auf die Bettkante und betrachtete sie still.
"Ich bestell mir sechzehn Uhr ein Taxi. Du kannst gleich mitfahren, wenn du möchtest.
, sagte er.
"Danke!"
Lucas strich ihr eine Locke aus dem Gesicht.
"Es tut mir leid, dass ich dir nicht mehr geben kann, aber du bist etwas ganz Besonderes, Joe! Und ich würde dich sicher nur verletzen. Du hast etwas Besseres als mich verdient!"
"Gibt es das denn – etwas Besseres als dich?", fragte sie und lächelte.

5. Kapitel

"Wenn du dich gefangen nehmen lässt, werde ich dich eigenhändig erschießen. Das schwöre ich dir.", sagte Lucas zu Joeline als sie die Gangway hinaufgingen. Sie sah ihn an und er strich noch ein letztes Mal zärtlich über ihre Wange.
Joeline wusste, dass er das durchaus ernst meinte. Wenn sie im Irak in Gefangenschaft geriet, musste sie damit rechnen, vergewaltigt und gefoltert zu werden. Sie hatte schon zu viele Opfer gesehen.
Einerseits wollte ihr Lucas dieses Schicksal ersparen, andererseits konnte er den Gedanken nicht ertragen, dass fremde Männerhände ihren Körper berührten.
John, Rob und Martin saßen mit Major Clark bereits im Flugzeug.
Joeline nahm wie selbstverständlich neben Rob Platz und drückte ihm einen kleinen Kuss auf die glattrasierte Wange.
"Du hast mir sehr gefehlt, Daddy!"
Er sah kurz auf in ihr Gesicht und lächelte dann väterlich.
"Ach Queeny, du schwindelst lausig. Ich schätze, du hast nicht einen einzigen Gedanken an mich alten Mann verschwendet. Und das ist auch gut so. Du hattest sicher Besseres zu tun. Ich kenne diesen ganz besonderen Glanz in deinen Augen. Und derselbe Glanz strahlt noch aus einer anderen Ecke des Fliegers. Ich hoffe sehr, dass Major Clark nicht so einen guten Blick hat."
"Und du wirst mir keine Moralpredigt halten?"
"Ich habe dich ziemlich gern, aber ich denke, du bist erwachsen genug, um zu wissen, was richtig ist und was nicht. Ich war immer der Meinung, dass man eine gut funktionierende Beziehung ohnehin nicht auseinander bringen kann."
Lucas nahm neben seinem zukünftigen Schwiegervater Platz.
Ohne vom Stapel seiner Unterlagen aufzublicken, stellte dieser fest:
"Du warst nicht Zuhause, Junge. - Ich möchte auch besser gar nicht wissen, was du in den beiden Tagen getrieben hast."
"Ich brauchte nur etwas Ruhe. Die hätte ich Zuhause nicht gefunden. Ich habe mich im Hotel eingecheckt und geschlafen."
Der Major räusperte sich.
"Ja, dafür habe ich Verständnis! Luise ist sicher mitunter etwas impulsiv, etwas ..." offensichtlich suchte er nach dem richtigen Wort.
"Egoistisch!", half Lucas aus.
"Ja, vielleicht ist sie egoistisch. Aber das ist nicht ihre Schuld. Wahrscheinlich haben wir dem Mädchen zuviel durchgehen lassen. Aber sie ist nun einmal mein einziges Kind. Sicher wird sie sich ändern, wenn ihr erst verheiratet seid."
Wieder einmal hatte Lucas das untrügliche Gefühl, der Major war froh, sein verzogenes Töchterlein endlich aus den Händen geben zu können.
"Ich habe ihr nichts von dem freien Wochenende erzählt!"
"Danke!"
Dabei war es Lucas ziemlich egal, ob sie davon wusste oder nicht, denn er war sich sicher, dass auch Luise nicht immer treu war. Auf diese altmodischen Dinge legte sie nun einmal überhaupt keinen Wert.
Der Major hatte sich schon wieder in seine Unterlagen vertieft.
Lucas sah forschend zu Joeline hinüber. Die kämpfte gerade mit ihrer Müdigkeit.
"Wenn du eine Schulter zum Anlehnen brauchst, nimm ruhig meine, Kleines!", ließ sich Robs brummige Stimme vernehmen.
"Danke. Aber erst möchte ich gern wissen, wie dein Wochenende war? - Erzähl mir von Zuhause!", bat Joeline und aus ihrer Stimme klang echtes Interesse.
‚Wie einfühlsam sie doch ist!', dachte Lucas.
Sie wusste sehr genau, dass Rob dieses Ventil brauchte, um optimal zu funktionieren. Er hatte sieben Kinder zwischen zwei und sechzehn Jahren und auf jedes einzelne Kind war er sehr stolz. Auf den großen Sohn Rob Junior, welcher der Beste seines Jahrgangs am College war, ebenso wie auf den Jüngsten, Brandon, der gerade ein paar neue, hochinteressante Worte gelernt hatte und den Rest der Familie damit häufig zum Lachen brachte. Aus jedem seiner Erzählungen sprachen der Stolz und die Liebe eines Vaters. Irgendwie beneidete Joeline ihn darum.
"Was ist mit dir, Queeny, möchtest du einmal Kinder haben?"
"Ja! Und wenn ich ehrlich bin, höre ich meine biologische Uhr schon sehr laut ticken. Umso mehr, wenn ich dich so reden höre. Zwei oder drei Kinder wären toll. Aber dafür fehlt mir noch der richtige Mann, mit dem ich so leben möchte. - Findest du es nicht manchmal schade, dass du nicht bei deinen Kindern bist und nicht miterlebst, wie sie wachsen und älter werden?"
"Klar, das habe ich mir gerade in der letzten Zeit ziemlich oft überlegt. Und deshalb wird das mein letzter Einsatz sein. Es ist Zeit für mich, aufzuhören. Ich bin langsam aus dem Alter heraus, wo man unbedingt Abenteuer erleben will. Das Ministerium hat einen Berater-Job für mich."
"Das ist toll. - Wie lange bist du eigentlich verheiratet?"
"Dieses Jahr im September werden es zwanzig Jahre. Und ich denke, meine Frau hat es verdient, dass ich ihr ein paar ihrer Verpflichtungen abnehme.", antwortete Rob nicht ohne einen gewissen Stolz.
"Du meinst also, es gibt sie wirklich, die ganz große Liebe?"
"Ja sicher! Und glaube mir, ich weiß, wovon ich spreche. Mit einer solchen Frau verheiratet zu sein, ist alles, was ich mir jemals wünschen konnte. Ich bin froh, dass ich sie habe."
Nun lehnte sich Joeline tatsächlich an Robs breite Schultern und Lucas war ein wenig eifersüchtig.
"Deine Frau ist wirklich zu beneiden!", seufzte sie müde und Rob lächelte etwas verlegen, ehe er den Arm um Joeline legte. Dann blickte er nachdenklich zu Lucas herüber und begegnete seinem Blick. Und spätestens in diesem Augenblick wusste Rob, was am Wochenende zwischen Joeline und Lucas geschehen war.
‚Verdammt!', dachte Lucas, was war in den letzten Tagen nur schief gelaufen? Bis vor wenigen Tagen war sein Leben in Ordnung gewesen. Jetzt hatte er nur noch den Wunsch, Joeline zu berühren. Ganz besonders jetzt, wo sie ihre Augen geschlossen hatte. Ihr ebenmäßiges, jetzt entspanntes Gesicht wirkte auch ohne teures Make-up sehr schön.

6. Kapitel

In Tel-Aviv schüttelte der Botschafter ihnen die Hände und es gab noch eine sehr kurze Lagebesprechung. Eine letzte Nacht verbrachten sie in der amerikanischen Botschaft.
Am frühen Morgen brachte sie ein Militärflugzeug bis an den Rand der irakischen Wüste. Mit Fallschirmen sprangen sie ab. Diese wurden dann in den Sanddünen vergraben, damit man sie nicht fand und vorzeitig von ihrer Anwesenheit erfuhr.
Als dann alle wieder beisammen waren, breitete
Lucas eine Karte aus.
"Zunächst werden wir die zwei Meilen bis zum Busch hinter uns bringen. Bis dorthin haben wir kaum Deckung. Wir müssen ganz besonders achtsam sein. Dort wird ein gewisser Maheb zu uns stoßen. Er wird uns führen. Unser Ziel für heute wird hier sein. - Allerdings wissen wir nicht, wie genau diese Karte wirklich ist. Das Lager
ist vermutlich hier im Westen, also etwa zwei Tagesmärsche entfernt. Prägt euch dieses Foto genau ein, es wurde vor ungefähr drei Wochen gemacht. Zu diesem Zeitpunkt lebten noch alle zehn Gefangenen. Erschwerend kommt nun allerdings noch der Umstand hinzu, dass inzwischen im Lager ein Baby geboren wurde. Das heißt, wir haben es zusätzlich noch mit einem etwa drei Monate alten, wahrscheinlich kranken und unterernährten Säugling zu tun. Der Zustand des Kindes war zum Zeitpunkt der Aufnahme schon ausgesprochen schlecht. Die Mutter konnte nicht ausreichend stillen, weil die Gefangenen selbst an starkem Flüssigkeitsmangel leiden."
Joeline blies sich ein paar kleine Löckchen aus der Stirn.
"Ich habe noch ein Pfund Trockenmilch in den Rucksack gepackt. Es kann nicht schaden, auch wenn das Baby vielleicht nicht überlebt hat."
Wenig später trafen sie am Rande des Dschungels auf ihren einheimischen Führer Maheb. Er war Anfang dreißig und wirkte nicht eben vertrauenserweckend. Seine schwarzen Augen glitten unruhig hin und her. Er gefiel Lucas nicht. Und auch Joeline hatte Bedenken, sie traute jenen Menschen nicht, die ihr nicht offen in die Augen sehen konnten. Wenn Maheb sprach, vermied er nämlich den Blickkontakt zu seinem Gegenüber. Am meisten jedoch missfiel Lucas der gierige Blick, mit dem er Joeline musterte.
Wie zum Schutz legte Lucas ihr den Arm um die Taille und für einen kleinen Augenblick lehnte sie den Kopf gegen seine Schultern. Eine Geste, die ihm sagen sollte, dass sie alles unter Kontrolle hatte.
"Bleib in unserer Nähe!", sagte er so leise, dass Maheb es nicht hören konnten und die anderen drei Männer nickten.
Maheb hatte nur die vertraute Geste zwischen Lucas und Joeline bemerkt.
Durch das wilde Gestrüpp des Urwaldes kamen sie nur langsamer voran, als von ihnen geplant.
Rob hegte wie alle anderen ein tiefes Misstrauen gegen Maheb und ließ Joeline kaum aus den Augen. Er fühlte sich für sie verantwortlich, als sei sie eine seiner Töchter. Er hatte sie sehr gern.
Nun waren sie bereits den vierten Tag unterwegs und das Misstrauen gegen Maheb verstärkte sich.
Es war bereits dämmerig als Lucas endlich vorschlug, für heute Rast zu machen und die Zelte aufzubauen.
Joeline war sehr müde und verschwitzt, da die Temperaturen am Tag auf mehr als 45 Grad anstiegen. Die ungewohnte Hitze machte ihr ebenso zu schaffen, wie den Anderen.
Umso erfreuter war sie, dass es in der Nähe des Rastplatzes einen kleinen Fluss gab.
"Meinst du, ich könnte mich schnell mal etwas erfrischen gehen?", fragte Joeline an Lucas gewandt.
"Sag mir aber bitte Bescheid, wenn du beim Rückenwaschen Hilfe brauchst!", rief Martin ihr neckend zu und erntete dafür einen warnenden Blick aus blauen Augen. Joeline lachte.
"Bleib nicht zu lange und sieh dich erst genau um. Und von euch möchte ich keinen am Fluss erwischen, solange sie badet.", drohte Lucas in Richtung der Männer.
Das Wasser war angenehm kühl und klar. Joeline genoss das Bad, ohne dabei zu bemerken, dass sie beobachtet wurde.
Lucas schenkte sich gerade einen Becher Kaffee ein, als Rob zu ihm trat.
"Meinst du, man kann ihm trauen?", fragte er mit gedämpfter Stimme.
"Er ist schon ein seltsamer Kerl und es gefällt mir keineswegs, dass wir noch immer nicht angekommen sind. Wir sind schon zwei Tage in Verzug. Das können wir nie wieder aufholen. Ich habe das Gefühl er hat uns in die Irre geführt."
"Gut, wenn du erlaubst, werde ich ihn mir vorknöpfen. - Wo steckt er überhaupt?"
Lucas schaute sich nervös um.
"Er war doch gerade noch ... - Mein Gott, Joeline!"
Mit einem unguten Gefühl liefen Beide zur gleichen Zeit los.
Joeline hatte ausgiebig gebadet und ihr Haar gewaschen. Gerade war sie in ein frisches T-Shirt geschlüpft, als plötzlich, wie aus dem Nichts, Maheb vor ihr stand.
"Oh, ich war w
hl etwas zu lange im Wasser. Ich dachte nicht daran, dass sie sich vielleicht auch noch erfrischen wollen, tut mir leid. Aber jetzt bin ich fertig. Ich kann ihnen ein Bad nur empfehlen. Das kalte Wasser tut richtig gut nach der Hitze.", versuchte sie die peinliche Situation zu entschärfen.
Doch als sie fortgehen wollte, bemerkte sie Mahebs brennende, gierige Augen. Er schwieg noch immer, ließ sie nicht vorbeigehen und trat noch einen Schritt auf sie zu. Joeline wich angsterfüllt zurück, bis sie die kalten Felsen im Rücken spürte. Maheb grinste und griff nach ihrem T-Shirt.
"Komm her, du kleine Ami-Schlampe. Ich musste schon zu lange auf diese Gelegenheit warten. Und du doch auch, oder? Du hast es doch schon mit allen Vieren getrieben und jetzt bin ich endlich dran. Und kein Lucas wird dir jetzt helfen. Wenn du schreist, bist du tot. Du und alle, die dir zu Hilfe kommen wollen!"
Mit einem einzigen Ruck hatte er ihr das T-Shirt zerfetzt. In diesem Moment hatte sich Joeline von ihrem ersten Schock erholt. Sie hob ihr Bein und trat ihm gezielt ins Gesicht. Das machte ihn furchtbar wütend. Er taumelte, fing sich wieder und schlug ihr mit der Rückhand kräftig ins Gesicht.
"Das hättest du nicht tun sollen, du Ami-Hure. Dafür werdet ihr alle sterben. Ihr würdet ohnehin nie ankommen."
Ihr nächster Tritt traf ihn gegen die Brust. Er taumelte erneut und diesmal stürzte er.
Joeline wollte noch einmal nachtreten, doch er fing ihr Bein blitzschnell ab und zog sie zu Boden. Sie landete hart auf dem Rücken und bekam für einen Augenblick keine Luft. Seine Nase blutete, als er sich auf sie stürzte. Er griff nach seiner Waffe und schlug ihr den Schaft gegen die Schläfe. Um Joeline drehte sich plötzlich der Himmel.
‚Nur jetzt nicht ohnmächtig werden!', dachte sie benommen und spürte schon seine gierigen Hände auf ihren kleinen festen Brüsten. Noch einmal versuchte sie ihn wegzustoßen, doch sie hatte keine Kraft mehr. Warm und klebrig lief ihr das Blut über das Gesicht in ihr Ohr. Durch einen Nebelschleier sah sie gerade noch, wie Maheb eilig seine Hose öffnete, dann krachte ein Schuss und er brach über ihr zusammen.
Joeline erwachte aus ihrer Bewusstlosigkeit als kaltes Wasser über ihr Gesicht lief. Sie sah Lucas' besorgtes Gesicht über sich. Ihr Kopf lag in seinem Schoß und schmerzte fürchterlich, als sie versuchte sich aufzurichten.
"Er war ein Verräter!", flüsterte sie noch immer benommen. "Es tut mir Leid, Lucas, das hätte ich erkennen müssen."
"Es war nicht deine Schuld. Ich hätte ihn nicht aus den Augen lassen dürfen! Geht es dir gut?"
"Ja, ich glaube schon!"
Lucas zog sein Hemd aus und half ihr hinein. Da erst registrierte sie, dass sie nur ein zerrissenes T-Shirt trug, welches mehr offenbarte als es verdeckte.
Er bemerkte ihre Verlegenheit und musste gegen seinen Willen lächeln.
"Du hast eine ganz schöne Beule!", sagte er leise und strich sanft über ihre Stirn. Seine fast schon zärtliche Berührung machte sie nur noch verlegener. Sie legte ihm die Arme um den Hals und ihre Lippen berührten sich in einem sehr innigen Kuss.
"Mein Gott, Joe, ich hätte dir niemals begegnen dürfen!", meinte er nur wenig überzeugend, ehe er sie zum Lager zurückbrachte. Und sie wusste, warum er das sagte. Ihre Gefühle füreinander, welcher Art sie auch immer waren, begannen ihr Urteilsvermögen zu trüben und dies war in einem Job wie diesem lebensgefährlich. Genau das hatten sie Beide an diesem Tag zu spüren bekommen.
Rob nahm sie tröstend in seinen Arm.
"Alles OK, Kleines?"
"Ja!"
Trotzdem kam ihr Robs breite Brust gerade recht, um einen Augenblick in Sicherheit auszuruhen. Am liebsten hätte sie jetzt geweint. Auch John strich ihr brüderlich über das noch feuchte Haar.
"So ein verdammtes Schwein!", presste er wütend durch die Zähne und spuckte angewidert aus.
Maheb hingegen war nirgends zu sehen und Joeline ahnte, was mit ihm geschehen war.
Fürsorglich reichte Martin ihr einen Becher mit frischem starkem Kaffee.
Joeline wischte sich verräterisch über die Augen und löste sich aus Robs Armen.
"Danke Daddy! - Also Leute, ich lebe noch. Gehen wir doch wieder zur Tagesordnung über!", versuchte Joeline zu scherzen, doch ihr Lächeln erreichte ihre Augen nicht. Der Schock saß noch zu tief.
Lucas breitete unterdessen den Plan aus und zeichnete etwas zu eilig den Weg ein.
"Wir werden von nun an wieder an uns selbst glauben und nach Plan laufen. He Martin, du bist der Stratege. Komm her und lass mich hier nicht deine Arbeit machen."
"Lucas hat Recht! Verlassen wir uns lieber wieder auf uns! Das wäre von Anfang an besser gewesen.", stimmte Martin seinem Boss zu und überhörte ganz bewusst den gereizten Unterton in Lucas' Stimme. Dann kniete er auch schon neben ihm im Gras nieder.
"Wir haben wohl einen ziemlichen Bogen um das Lager gemacht. Wir müssen nach Norden und, wenn uns nicht zufällig wieder Irgendetwas aufhält, sollten wir morgen Abend dort sein. Jetzt müssen wir allerdings damit rechnen, dass sie uns erwarten."
Dann krochen sie endlich in ihre Schlafsäcke und Martin begann mit der Nachtwache.
Joeline schlief unruhig in dieser Nacht und wurde von schlimmen Träumen geplagt. Einmal erwachte sie kurz als John zärtlich über ihre Wange strich. Sie lächelte ihn dankbar an und schlief wieder ein.
Doch es war nicht nur Maheb, der ihr den Schlaf raubte.
Lucas übernahm schließlich die letzte Nachtwache.
Der Morgen graute bereits und er grübelte darüber nach, wie es geschehen konnte, dass Maheb sie alle derartig getäuscht hatte. Hatte Joeline bereits eine so große Macht über seine Gedanken und Gefühle, dass er in ihrer Gegenwart nicht mehr klar denken konnte? Aber was war dann mit Rob, John und Martin? Und selbst Joeline, die Psychologin, hatte die Täuschung viel zu spät bemerkt. Er musste diesen Auftrag so schnell als möglich hinter sich bringen und diese Frau vergessen.
Versonnen betrachtete er ihr geschundenes Gesicht mit der blau unterlaufenen Stelle auf der Stirn. Wovon mochte sie nur träumen? Es waren ganz sicher keine guten Träume.
Unruhig wälzte sie sich hin und her, bis er ihre Hand in seine nahm. Gott, wie klein diese Hand doch war und trotzdem konnte sie ihn in Ekstase versetzen, wenn sie hauchzart über seine Haut glitten. Schon allein die Vorstellung davon versetzte ihn in Erregung.
Sanft strich er über ihre Wange.
Nein, er musste unbedingt Abstand zwischen sich und diese Frau bringen.
Als er wenig später die Anderen weckte, hatte er bereits frische
Kaffee aufgebrüht.
John setzte sich zu Joeline.
"Geht es dir gut?", fragte er fürsorglich.
"Mein Kopf tut mir etwas weh, sonst bin ich schon wieder OK. Ich schäme mich nur für meine grenzenlose Dummheit. Aber ich war so überrascht, dass ich weni
professionell gehandelt habe. Das hätte mich und euch allen fast das Leben gekostet."
"Wir waren alle nicht besonders aufmerksam. Es ist wahrscheinlich das Klima hier, das uns das Gehirn vernebelt. - Du wirst eine Narbe zurückbehalten.", stellte er fest.
"Ist nicht weiter wichtig! Ich wollte ohnehin nie Miss Amerika werden und eines weiß ich ganz sicher, meine Mum wird mich trotzdem lieben. Und mit den Männern hatte ich auch ohne Narbe wenig Glück."
"Ja Queeny, das bringt unser Job eben so mit sich. Man hat kaum genug Zeit, den richtigen Partner kennen zulernen. - Manche heiraten dann eben die erste beste Gelegenheit, die sich ihnen bietet. Liebe ist da nicht unbedingt nötig."
Joeline wusste auch ohne, dass er einen Namen nannte, wen John damit meinte. Sie sah flüchtig zu Lucas hinüber.
"Du bist der Fachmann, Queeny, glaubst du, wenn wir sie da rausholen können, dass sie eine echte Chance haben, das, was sie erlebt haben, jemals zu vergessen?"
Es erstaunte Joe, dass gerade John ihr diese Frage stellte. Eigentlich hatte sie ihn nicht für so sensibel gehalten.
"Nein, wohl nicht! Mit professioneller Hilfe haben sie die Chance, eines Tages mit der Vergangenheit leben zu können. Vergessen werden sie es nicht können. Bis sie damit umgehen können, werden sie noch oft durch diese Hölle gehen müssen und nicht alle werden die Kraft dazu haben."
"Warum hast du dich dazu hergegeben, hierbei mitzumachen?"
"Ich habe am Golf zuviel Leid gesehen. Ich weiß, dass die Leute dort nur von der Hoffnung leben, gerettet zu werden. - Ich hoffe, dass ich ihnen helfen kann."

7. Kapitel

Gegen Abend erreichten sie das Lager. Sofort gingen sie hinter den Büschen in Deckung. Durch das dichte Gestrüpp konnten sie auf eine kleine Lichtung mit maroden Holzbaracken und längst ausgemusterten Armeezelten sehen. Im Dämmerlicht erkannten sie auch Fahrzeuge und ein paar Wachen.
"Wie wissen wir, dass das unser Lager ist?", fragte Martin leise.
Still wies Lucas auf einen US-Jeep mit dem gleichen Kennzeichen, das sie bereits auf einem der Fotos gesehen hatten. Er stand abseits zwischen zwei der insgesamt vier Baracken.
"John und Martin, ihr organisiert ein kleines Feuerwerk, um sie abzulenken und zwar so, dass möglichst alle Sprit- und Munitionsreserven mit in die Luft fliegen. - Rob, du siehst zu, dass du unter den Schrottkisten, die dort unten stehen, ein brauchbares Fahrzeug findest, eines, das uns alle hier rausbringen kann, ohne nach drei Metern schon wieder stehen zubleiben. - Queeny, du wirst mit mir in die Höhle des Löwen gehen. Ich hoffe, dass allein die Tatsache, dass du eine Frau bist, dabei hilft, dass sie nicht in Panik ausbrechen. - Seid vorsichtig, Jungs! Ich möchte euch möglichst alle wieder heil Zuhause abliefern können."
Sie schlichen in verschiedene Richtungen davon. Nun also war es an der Zeit, zu beweisen, was in jedem Einzelnen von ihnen steckte und dass sich die umfangreiche Ausbildung gelohnt hatte.
Joeline und Lucas blieben zurück. Sie standen sich gegenüber und sahen sich in die Augen.
"Ich warne dich, wenn du dich erschießen lässt, werde ich dir das sehr übel nehmen, Kleines!", flüsterte Lucas und seine Fingerspitzen glitten leicht über ihre trockenen, spröden Lippen.
"Keine Chance! Ich möchte doch schließlich noch auf deiner Hochzeit tanzen!", meinte sie sarkastisch und seine zärtlichen Berührungen schmerzten sie fast körperlich.
In diesem Moment wünschte er sich sehr, sie wäre nicht so unverschämt schön.
Er küsste sie zunächst flüchtig und dann noch einmal sehr intensiv.
"Ich kann nichts dafür!", meinte er resigniert und fügte leise hinzu:
"Was hast du nur
n dir, dass ich nur noch an deinen aufregenden Körper denken kann?"
‚Mein Gott, ich liebe ihn!', wurde ihr in diesem Moment klar und diese Erkenntnis erschreckte sie. Deshalb sagte sie:
"Lass uns keine Zeit mehr verlieren. Die Leute dort unten brauchen uns."
"Ja! - Pass auf dich auf!"
Sie schlichen zu den Baracken und wären dabei fast einer der Wachen in die Hände gefallen. Fast lautlos schlug Lucas ihn zu Boden.
"Das Dach hat mehrere undichte Stellen. Du bist schmal und leicht, versuche hinein zusteigen. Ich helfe dir hinauf!", flüsterte Lucas.
"Sieh nach, ob sie dort drin sind! Aber pass auf, das Holz ist ziemlich morsch!"
Nahezu lautlos kletterte Joeline hinauf und erkannte die Gefangenen tatsächlich im Inneren der Hütte.
"Sie sind hier!", rief sie mit gedämpfter Stimme. "Ich steige jetzt hinein."
"Sei vorsichtig!", hörte sie ihn noch, ehe sie im Inneren der Baracke verschwand.
Ein unglaublicher Gestank nahm ihr für einen Augenblick den Atem und es dauerte einige Sekunden, bis sich ihre Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten.
"Pst, wir holen sie hier raus. Beruhigen sie die Kinder!"
Jetzt sah sie sich um.
Die Menschen im Raum waren sehr schmutzig, ihre Gesichter kaum noch zu erkennen unter Schmutz und getrocknetem Blut. Als sie begann, die Leute zu betrachten, merkte sie, dass eine der Frauen fehlte.
Einer der Männer deutete ihren suchenden Blick richtig und sagte leise:
"Ihre Mutter ist heute in der Nacht gestorben."
Dabei wies er auf ein kleines Bündel Mensch. Es lag auf einem alten, schmutzigen Kleidungsstück, nackt und schmutzig, ein wirklich erbärmlicher Anblick.
Es bewegte sich nicht und Joeline konnte im Augenblick nicht ausmachen, ob es nur schlief oder schon tot war.
Trotz der sichtbaren Qualen schienen zumindest die Männer in einer ausreichend guten Verfassung zu sein. Schlimmer waren die beiden Frauen und vor allem die drei Kinder dran.
Die größten Sorgen bereiteten ihr tatsächlich vor allem die beiden größeren Kinder. Sie waren in einem furchtbaren Zustand. Der Junge mochte ungefähr zwölf und das Mädchen dreizehn oder vierzehn Jahre alt sein.
Der Junge saß bei seiner Mutter. Seine Augen waren blutunterlaufen und glänzten fiebrig. Starr blickte er geradeaus, als nähme er von seiner Umgebung nichts mehr wahr. Seine Arme, die Beine und das Gesicht waren übersät von kleinen entzündeten oder eiternden Wunden.
Das Mädchen hatte ihre glanzlosen Augen auf einen Punkt in weiter Ferne gerichtet. Sie hatte von Joeline noch gar keine Notiz genommen. Ihr entblößter Oberkörper schaukelte hin und her.
"Wie heißt sie?", fragte Joeline erschüttert.
"Molly.", antwortete ein Mann.
Sie zog ihr eigenes T-Shirt aus und streifte es dem Mädchen über. Schließlich trug sie selbst noch ein Hemd darunter.
"Können sie alle laufen, oder ist jemand schwer verletzt?", fragte Joeline, während sie Molly kurz untersuchte.
"Wir können laufen.", ertönte ein leiser Chor.
"Wir holen euch gleich hier raus. Es ist alles vorbei, Kleines.", sagte Joeline an Molly gewandt.
In dem Moment, in dem Joeline das Baby aufhob, erschütterte ein gewaltiger Knall das Lager.
"Los, raus hier, schnell!", befahl Lucas von der Tür her.
Im selben Augenblick fuhr auch Rob schon mit einem schäbigen kleinen Militärlader vor. Da gewahrte Joeline den Gewehrlauf in Lucas' Rücken und geistesgegenwärtig schlug sie mit ihrer eigenen Waffe zu.
"Wir sind quitt, Lady!", rief Lucas ihr zu und half den Gefangenen auf die Ladefläche. Er reichte Joeline das Baby hinauf und gerade als er selbst aufsprang, zerrissen mehrere Schüsse die Luft. Aber da hatte sich der schwere Wagen bereits in Bewegung gesetzt.
"Weit werden wir nicht kommen. Es ist nur sehr wenig Sprit im Tank!", erklärte Lucas und seine Stimme klang gepresst. Das veranlasste Joeline, von ihrer Tätigkeit besorgt aufzublicken. Sofort bemerkte sie das Blut auf seinem Hemd und sprang auf.
"Mein Gott, du bist getroffen!".
Er sah die Angst in ihrem Blick und auch die Erleichterung, als sie ihm das Hemd abgestreift hatte.
"Ein glatter Durchschuss an der Schulter. Du hast verdammtes Glück gehabt. Tut es sehr weh?"
Ihre kühle Hand strich sanft über seine stachelige, unrasierte Wange.
"Ich werde es überleben. Du sollst dich nicht um mich kümmern. Sorge dich besser um die Anderen und bitte - zieh dir etwas an!", antwortete er etwas zu mürrisch, doch sie durchschaute ihn sofort.
Ihr prüfender Blick glitt noch einmal voller Zärtlichkeit über ihn, ehe sie sich tatsächlich wieder den befreiten Leuten zuwandte.
Sie alle litten unter Flüssigkeits- und Vitaminmangel. Sie waren zum Teil stark abgemagert und die Auswirkungen der verschiedensten Folterungen waren deutlich sichtbar. Schlecht oder überhaupt nicht verheilte Knochenbrüche, eiternde infizierte Wunden, Brandmale, diverse Prellungen und Blutergüsse sowie Schnitt- und Stichverletzungen; alles war vorhanden. Und das waren nur die sichtbaren Verletzungen.
"Woran ist die Frau gestorben?", fragte Joeline die Mutter des Jungen, eine Frau namens Rose.
"Ich weiß es nicht ganz genau. Ich habe ihr bei der Entbindung des Babys geholfen, so gut es mir eben möglich war. Ich habe so etwas noch niemals zuvor getan. Es war keine leichte Geburt und Jane war so furchtbar schwach. Sie hat sehr viel Blut verloren, war gerissen. Die Wunde konnte nicht verheilen, weil sie immer wieder neu aufgerissen wurde. Sie haben sie selbst kurz nach der Entbindung nicht in Ruhe gelassen. Jane hatte furchtbare Schmerzen. Wahrscheinlich hat sich die Wunde infiziert, sie bekam hohes Fieber. Nur für die Kleine hat sie so lange durchgehalten. Bis heute Nacht. Wahrscheinlich hat sie gespürt, dass die Rettung schon nahe war. Sie ist heute Morgen nicht mehr aufgewacht. Es war für sie wirklich eine Erlösung."
"Hat das Baby einen Namen?"
"Laura!", antwortete Rose müde.
"Hat Jane irgend etwas vom Vater des Kindes erzählt?", fragte Joeline nach.
"Ja. Der Vater des Babys wurde im Lager erschossen, als er verhindern wollte, dass sie sich an seiner schwangeren Frau vergreifen."
Joeline nickte betroffen und schwieg geraume Zeit, wobei sie schon erste Wunden versorgte.
"Molly ist vergewaltigt worden?!" Es war mehr eine Feststellung als eine Frage, doch Rose schwieg.
Stattdessen antwortete einer der Männer:
"Sie haben sich die Frauen immer wieder geholt. Fast täglich, manchmal auch mehrmals. Rose, Jane, Marylou, Molly und sogar den Jungen. Am Anfang hat Molly noch geweint. Seit Monaten spricht sie kein Wort mehr. - Ihre Eltern wurden gleich als erste hin
erichtet. Sie ist Janes Schwester, vielmehr war sie es."
Lucas beobachtete Joeline aufmerksam. Er hatte Sorge, dass das, was sie zu hören bekam, ihre emotionalen Grenzen überschritt. Ihr Blick war tats
chlich so schmerzerfüllt, wie er es kaum für möglich gehalten hatte. Aber sie ließ sich wenig davon anmerken, verrichtete wie automatisch ihre Arbeit.
Der Mann erzählte tonlos weiter:
"Zu Beginn waren wir noch fünfundzwanzig. Wir saßen alle in einem Bus, der uns zum Flughafen bringen sollte. Sie haben den Bus entführt. Zehn von uns wurden sofort hingerichtet. Mit Jane starben später noch fünf an den Folterungen. Eine der Frauen hat sich selbst das Leben genommen. Sie hat es nicht mehr ertragen können."
Sie kamen nur etwa zwanzig Kilometer weit, dann blieb der Wagen stehen. Der Tank war leer. John und Lucas sprangen herunter, während Joeline sich um das Baby kümmerte.
Dann tauchte Martin auf und rief nach ihr.
"Queeny, komm schnell, Rob ist verletzt. Er braucht dich! Komm, es sieht nicht gut aus."
Joeline beeilte sich, nach vorne zu kommen.
Rob lag am Boden und atmete schwer. Lucas und John hatten ihn aus dem Wagen gezogen. Sein Hemd war über und über voll mit Blut. Doch er lächelte, als er Joeline kommen sah.
Sie erkannte mit ihrem geübten Blick sofort, dass sie hier nicht mehr helfen konnte. Trotzdem beugte sie sich über ihn und zerriss sein Hemd.
"Es ist - zu spät, Kleines. Es ist - Zeit, zu gehen!"
Das Reden fiel ihm sichtlich schwer.
"Pst, nicht Reden, Daddy, das kriegen wir schon wieder hin!"
"Joe - wenn du - meine Tochter wärst - ich wäre - sehr stolz - auf dich! Versprich mir, dass du - auf sie - aufpassen wirst, Luc. Und sagt - meiner Frau, dass ich - sie liebe - und dass ich - immer bei ihr bin."
Seine Zunge wollte ihm nicht mehr gehorchen und dunkelrotes Blut rann aus seinem Mund. Eine Kugel hatte seine Lunge getroffen.
Dann schloss er die Augen - Für immer.
"Rob, du kannst jetzt nicht einfach sterben! - Hörst du nicht?", schrie Joeline und rüttelte an dem leblosen Körper.
Lucas versuchte, sie von Rob wegzuziehen, doch sie wehrte sich und entwickelte dabei ungeahnte Kräfte.
"Helft mir, wir müssen ihn verbinden. Er wird wieder gesund!", rief sie, aber die anderen rührten sich nicht von der Stelle.
"Joeline, er ist tot!", sagte Lucas ruhig aber bestimmt.
"Nein, er wird gleich wieder aufwachen, ihr werdet sehen."
"Joe, er wird nicht aufwachen. Lass ihm seine Ruhe, er hat sie verdient."
"Nein, er kann nicht sterben. Das ist feige, hier einfach zu sterben. Wach auf Rob, deine Kinder brauchen dich."
"Joe, lass ihn in Ruhe!", forderte Lucas noch einmal heftig und diesmal zog er sie recht unsanft von Rob weg.
Joeline sah ihn zornig an und senkte dann den Blick.
Noch einmal nahm sie Robs Hand, jetzt viel ruhiger, dann stand sie auf und ging einfach fort.
John und Martin trugen Rob weg.

8. Kapitel

Am Abend hatte Martin ein kleines Feuer entzündet.
Rob war umsichtig genug gewesen, Lebensmittel aus dem Lager der Entführer mitzunehmen. Diese verteilte John jetzt.
Während sich die Anderen im Fluss reinigten und erfrischten, war Joeline apathisch dabei, dem Baby ein wenig Milch einzuflößen.
Lucas saß allein, etwas abseits der Raststelle, auf einer kleinen Anhöhe. Sein Haar war noch feucht vom Bad im Fluss.
Seine Schulter schmerzte, doch noch mehr schmerzte der Verlust eines sehr guten Freundes und Joelines Verzweiflung.
Auf seinem nackten, tief gebräunten Oberkörper hob sich der weiße Verband deutlich ab. Wortlos hatte Joeline ihn vorhin angelegt.
Von oben beobachtete er Joeline. Sie hatte das Baby gewaschen und es in ein T-Shirt von Martin gewickelt. Es war groß genug, dass es das ganze Kind einhüllte.
Jetzt war sie dabei, Wunden zu desinfizieren und zu verbin
en. John half ihr dabei und Martin verteilte ein Antibiotikum.
Lucas hätte alles ertragen können; Joelines Weinen, ihre Wut. Wie aber sollte er ihr Schweigen ertragen?
Gerade hatte sie den Kindern ein Beruhigungsmittel gespritzt und nun säuberte sie pedantisch ihre Geräte und ordnete sie wieder in ihre Tasche. Das alles tat sie wie automatisiert. Doch nun drückte sie zärtlich das schreiende Baby an sich und sagte ihm leise beruhigende Worte.
John überzeugte sich noch einmal davon, dass alle versorgt waren und möglichst bequem lagen.
Bei Rose blieb er noch einmal stehen.
"Geht es ihnen gut, Rose?"
Sie richtete sich halb auf und sah ihn prüfend an, dann sagte sie leise:
"Ich habe Angst davor, meine Augen zu schließen."
"Ich würde ihnen sehr gern helfen, aber ich weiß nicht, wie! Sagen sie mir, was ich für sie tun kann!", meinte John.
"Könnten ...., könnten sie hier in meiner Nähe liegen? - Nur heute Nacht!"
"Ja, das könnte ich!"
So richtete John sein Schlaflager neben Rose ein. Und tatsächlich fiel diese auch schon bald in einen tiefen unruhigen Schlaf. Doch sie weinte im Schlaf. Da nahm der starke, und doch unsichere John sie in seinen Arm und sprach leise beruhigend auf sie ein bis sie ganz ruhig wurde.
Joeline war ebenfalls sehr müde und endlich schlief auch das Baby ein.
"John!", flüsterte Joe. "Ich würde mich auch gern etwas erfrischen. Kann ich die Kleinen einen Augenblick bei dir lassen? - Sie schläft und ich bin gleich wieder da!"
"Geben sie mir die Kleine!", antwortete stattdessen Marylou.
Zunächst wusch Joeline ihre Sachen im Fluss aus. Sie ließ sich viel Zeit dabei. Außer Lucas schliefen sowieso schon alle und auch der schien im Moment sehr mit sich selbst beschäftigt zu sein.
Als alle ihre Sachen zum Trocknen über Äste gehangen waren, stieg sie selbst ins kalte Wasser. Sie genoss die kühle Erfrischung auf der Haut, doch plötzlich spürte sie auch die lähmende Müdigkeit wieder.
Joeline stieg aus dem Wasser und erblickte Lucas am Ufer.
Wahrscheinlich hatte er ihr schon geraume Zeit zugesehen. Sie trug nur einen Slip und war etwas verlegen, weil sie ihm so nackt gegenüberstand. Lucas trat noch einen Schritt auf sie zu und sie sah sowohl den Schmerz als auch die Sehnsucht in seinen wundervollen blauen Augen.
Wortlos zog er sie an sich und ihre nackte Haut berührte sich.
"Gott, Joeline ich brauche dich so!", flüsterte er.
Nach all der Grausamkeit und Kälte des vergangenen Tages sehnten sich jetzt Beide nach Wärme und Zärtlichkeit.
Sie wusste, dass sein Ausbruch nichts mit Liebe zu tun hatte, dazu verstand sie ihr Handwerk zu gut. Sie war eine gute Therapeutin und wenn er jetzt ihre Zärtlichkeit brauchte, um weiterkämpfen zu können, dann wollte sie ihm das geben. Auch wenn es ihr Schmerzen bereitete, dass sie ihn niemals wirklich besitzen konnte.
"Ich bin ja hier, bei dir. Alles ist in Ordnung.", sagte sie leise und ihre Hände glitten sanft streichelnd in sein feuchtes Haar.
Zögernd schob er zwei Finger unter ihr Kinn, hob es an und bedeckte ihr Gesicht mit wilden kleinen Küssen, ehe er an ihren Lippen hängen blieb. Gemeinsam sanken sie ins weiche Gras.
Ihre geduldige Zärtlichkeit und die Sanftheit ihrer Berührungen ließen ihn schon bald ruhiger werden. Vorsichtig senkte er seine Lippen auf ihre Brüste und ließ sie erschauern. Seine Hände glitten über ihren flachen Bauch hinab zu ihren Schenkeln. Dann zog er ihr den Slip über die Hüften und seine Lippen kehrten zu ihrem Mund zurück.
Joeline schob ihre kleinen Hände in den Bund seiner Hose und umfassten seinen Po. Schnell hatte sie seine Hose abgestreift. Streichelnd erkundete sie seinen harten muskulösen Körper, bis er endlich schwer atmend in sie eindrang. Joe presste ihre Lippen auf seinen Mund, damit keiner der Anderen ein Geräusch hören konnte. Es dauerte nicht lange bis Lucas auf dem Gipfel der Leidenschaft angekommen war.
Erschöpft rollte er sich von ihr herunter und Joeline erhob sich.
"Bitte, geh noch nicht fort. Bleib bei mir!", flehte Lucas.
Sie maß ihn mit einem prüfenden Blick und überzeugte sich davon, dass er in Ordnung war.
"Ich kann nicht Lucas, mir ist kalt und ich muss bei den Anderen sein."
Er spürte, dass es ihr nicht leicht fiel, zu gehen. Lucas beobachtete, wie sie sich anzog und davonging.
Sie nahm das Baby von Marylous Seite und suchte sich etwas abseits einen Schlafplatz.
Wenig später legte sich Lucas zu ihr und nahm sie wortlos in seinen Arm.
Am nächsten Morgen nach einer ruhlosen Nacht band sich Joeline eine Jacke quer über die Schulter und legte das Baby hinein. Das wenige Gepäck wurde unter die Kräftigsten aufgeteilt.
So schnell wie nur möglich mussten sie eine Ortschaft erreichen, denn das Baby brauchte dringend Milch und die Lebensmittel waren knapp. Auch das Antibiotikum konnte höchstens noch zwei Tage reichen.
Außerdem waren die Geretteten sehr schwach und Lucas musste dringend mit der Botschaft Kontakt aufnehmen. Denn immerhin hatten sie durch Mahebs Irreführungen ganze zwei Tage Verspätung.
Es war überhaupt ein Wunder, wenn vor allem die Frauen und Kinder einen so langen Fußmarsch durch den unwegsamen Dschungel noch durchstanden. Auch Joeline würde schnell ermüden mit dem Baby vor dem Bauch und dem Rucksack auf dem Rücken. Sie war die ganze Nacht kaum zum Schlafen gekommen, weil die kleine Laura die ungewohnte Nahrung nicht vertragen hatte. Der kleine, ohnehin schon überstrapazierte Magen hatte sich gewehrt und mit Krämpfen reagiert.
Doch kein Laut der Klage kam über Joelines Lippen, obwohl sie bereits zum Mittag sichtlich erschöpft war. Und auch alle anderen entwickelten eine ungeahnte Kraft.
John ließ sich von der Spitze zurückfallen und war neben Joeline.
"Geht es dir gut? Soll ich dir nicht wenigstens den Rucksack abnehmen?"
"Nein, es geht schon. Und du wirst deine Kraft gleich für Benny brauchen. Der Junge hält schon viel länger durch, als ich erwartet hatte."
"Tapferes Mädchen!", sagte John und strich ihr kurz über die Wange. Dann wies er mit einer Kopfbewegung auf Lucas.
"Er wäre ein Esel, wenn er sich für Luise entscheidet."
Joeline lächelte, schwieg aber dazu. Lucas würde sich für Luise entscheiden, dessen war sie sich sicher.
An diesem Tag rasteten sie etwas früher als geplant. Alle waren müde und erschöpft. Die letzte Strecke hatten John und Martin abwechselnd den Jungen getragen und Lucas hatte mit dem gesunden Arm Molly gestützt.
Wortlos fütterte Joeline das Baby und versorgte so gut es ging die Verletzungen der Anderen. In
wischen schmerzte sie schon jede Bewegung. Aber sie achtete kaum auf sich selbst. Sie war Ärztin und die Andere
brauchten ihre Hilfe dringender. Lucas besprach unterdessen mit John und Martin die derzeitige Situation und überprüfte die Vorräte, ehe er sie verteilte.
Als er damit fertig war und nur noch Joelines Ration übrig war, sah er sich suchend nach ihr um, doch er fand sie nirgends. Als sie nach zehn Minuten noch immer nicht zurück war, wurde er unruhig und fragte die Anderen.
Martin hatte sie weggehen sehen und wies ihm die Richtung, in die sie gegangen war. Lucas folgte ihr.
Sie war nicht weit gegangen. Mit der Kleinen im Arm stand sie gegen einen riesigen Baum gelehnt und schluchzte hilflos.
Joeline war müde und maßlos erschöpft. Vor allem aber hatte sie einen Freund verloren. Wohl den Besten, den sie je hatte. Nun war sie mit ihren Kräften am Ende.
Lucas nahm ihr das Baby ab und brachte es zu Rose.
Dann stand er wieder vor ihr und hatte ein furchtbar schlechtes Gewissen. Er hatte nur an sich gedacht, hatte sie gebraucht und damit irgendwie auch missbraucht. Jetzt aber brauchte sie ihn und was hatte er zu geben? Nun erst merkte er, wie viel sie ihm wirklich bedeutete. Er konnte sich nicht mehr länger selbst einreden, dass sie nur ein harmloser Seitensprung für ihn war. Diese Erkenntnis erschreckte ihn zutiefst.
Joeline hatte sich verkrochen, weil sie nicht wollte, dass die Anderen ihre Tränen sahen. Sie schämte sich für ihre Schwäche, empfand sie als wenig professionell. Schließlich war sie die Psychologin, man erwartete Stärke von ihr.
Sanft wischte er ihr die Tränen von den Wangen.
"Es tut mir leid, Joe, es tut mir so leid!", sagte Lucas leise.
"Nein, mir tut es leid! Es ist gleich vorbei. Lass mich nur noch einen kleinen Augenblick allein, dann bin ich gleich wieder in Ordnung."
"Nein Joeline, lass dir Zeit. Du und ich wissen, dass es keine Helden gibt. Du bist auch nur ein Mensch. Und ich lasse dich jetzt nicht allein."
Lucas zog sie vorsichtig an sich.
"Liebling, wenn du Kraft tanken musst, und jeder von uns muss das einmal, dann lass mich für dich da sein. Ich habe nur an mich gedacht. Dabei sollte ich für das Team da sein. Nur - du bist immer so stark und ich hatte zu viel mit meinem eigenen Schmerz zu tun. Komm, bleib bei mir und wein dich aus!"
"Was soll das nutzen? - Was?", schrie sie ihn an und brach wieder in Tränen aus. Er spürte, dass sie wütend auf sich selbst war.
"Alle verdammten Tränen dieser Welt machen ihn nicht wieder lebendig. Warum nur hat die Kugel nicht mich getroffen? Auf mich warten keine sieben Kinder und keine heile Familie. Wer braucht mich schon? - Es ist so ungerecht, Lucas! Er wollte aufhören nach diesem Einsatz und nur noch für seine Familie da sein."
Das also war es, was sie bedrückte.
"Deine Mum und deine Schwester brauchen dich. Und dieses kleine Wesen, dem du wahrscheinlich das Leben gerettet hast. Ich brauche dich, Joe, und du - du kannst mich brauchen."
Ihre Schultern bebten vom Schluchzen. Behutsam streichelte er ihren Rücken.
"Nein Lucas, dich kann ich eben nicht haben.“, sagte sie leise und fügte hinzu: „Ich bin gleich wieder OK!"
"Du musst nicht gleich wieder OK sein. Lass dir Zeit! Ich bin da, solange du mich brauchst und wenn es die ganze Nacht dauert."
Sie hielt sich so an ihm fest, dass es fast schon schmerzte. Aber was war dieser Schmerz gegen den, ihr nicht helfen zu können. Er konnte ihr nicht sagen, dass alles wieder gut wird, denn das wäre eine Lüge. Lucas hatte schon zu viele solcher Einsätze mitgemacht. Sie hatten sein Leben geprägt. Er war dadurch ein anderer Mensch geworden. Plötzlich waren einige Dinge
icht mehr so wichtig. Joeline war sehr sensibel. Ihr Leben würde auch nicht mehr sein, wie vorher.
"Verdammt, Mädchen!", flüsterte er kaum hörbar "Was hast du nur mit mir gemacht?"

9. Kapitel

Sie hatten Glück! Zwei Tage später erreichten sie endlich die kleine Ortschaft, die auf der Karte eingezeichnet war. Es war keinen Augenblick zu früh.
Es gab dort einen Arzt, der sogar ein Telefon besaß.
Während Lucas nach Tel-Aviv telefonierte, hatte Joeline Unterstützung durch den Arzt bekommen. Sie bekamen sogar Milch für das Baby und die Kinder konnten in richtigen Betten schlafen. Alle anderen rückten auf dem Heuboden zusammen.
Joeline genoss diese letzte Nacht in Lucas Armen, seine warme Haut an ihrer, sein heimliches sanftes Streicheln.
Am nächsten Morgen wurden sie von einem kleinen Militärflieger abgeholt.
John nahm bei Rose und Benny Platz und Joeline überzeugte sich zunächst davon, dass es allen gut ging und sie alle angeschnallt waren.
„Was wirst du tun, wenn das hier vorbei ist?“, fragte sie später an John gewandt.
John blickte kurz zu Rose hinüber.
„Ich werde mit Rose gehen. Ich weiß noch nicht, ob es gut gehen wird, aber wir wollen es versuchen.“
„Das freut mich für Euch und wenn ihr euch die Zeit nehmt und sehr behutsam miteinander umgeht, dann habt ihr gute Chancen. Und wenn ihr meine Hilfe braucht, ich bin für euch da.“
"Ich nehme ihre Hilfe gern an. – Aber was wird mit Molly geschehen? Sie hat doch niemanden mehr."
Joeline seufzte:
"Ich denke, ich werde für sie zunächst die Unterbringung in einer Jugendheilanstalt beantragen. Dort kann man ihr besser helfen."
"Hat sie denn eine Chance?"
"Ja! Aber sie wird es sehr schwer haben, weil niemand mehr da ist, der sie liebevoll und geduldig unterstützt. - Sie sind da etwas besser dran. Sie haben John!"
"Und dafür bin ich auch sehr dankbar."
Als das Flugzeug in Tel-Aviv landete, stand dort schon ein Bus der Botschaft für sie bereit und eine große Anzahl von Militärs, welche sie vor der zahlreichen Presse abschirmte.
Ein ganzes Team von Ärzten und Schwestern erwartete sie schon.
Joeline wurde das Baby abgenommen, um ihr so die nötige Ruhe zu verschaffen.
Da es allerdings nicht zu beruhigen war, brachte man es auf Joelines eigenen Wunsch wieder zu ihr zurück, zusammen mit einer Vielzahl von medizinischen Geräten.
Man hatte ein richtiges Kinderbettchen für die Kleine aufgetrieben und zum ersten Mal in ihrem erst kurzen Leben war Laura gebadet und trug Windeln und Babywäsche.
Versunken in Gedanken und gerührt von dem friedlichen Anblick des schlafenden Kindes stand Joeline am Bettchen des Babys und betrachtete das kleine entspannte Gesicht. Zärtlich strich sie über die weiche, saubere und gekremte Haut. Und in diesem Moment fasste Joe den Entschluss, Laura zu adoptieren.
Sinnierend hörte sie weder das Klopfen noch das Geräusch der Tür.
"Joeline?"
Sie überprüfte noch einmal den Glukosetropf, dann erst wandte sie sich zu Lucas um.
Prüfend betrachtete sie für einen langen Moment sein Gesicht. Unsicher sagte er:
"Ich wollte mich in Ruhe von dir verabschieden. Morgen wird nicht genug Zeit dafür sein."
"Ja! - Freust du dich auf Zuhause?"
Lucas überlegte kurz:
"Irgendwie schon, ja! - Ich würde dich gern zu meiner Hochzeit am nächsten Freitag einladen!"
Sie lachte:
"Meinst du, Luise würde das gefallen?"
Er wusste, dass sie Recht hatte, aber er konnte im Moment den Gedanken nicht ertragen, sie vielleicht niemals wieder zu sehen. Er wollte den endgültigen Abschied noch herauszögern.
"Ich würde mich freuen!"
"Hast du noch Zeit für eine Tasse Kaffee mit mir?", wechselte sie das Thema.
"Ja!"
"Gehen wir hinüber, damit wir die Kleine nicht aufwecken."
Sie hatte es noch nicht einmal gewagt, ihm offen in die Augen zu sehen, vor allem aus Angst, er könnte ihre Gefühle aus ihren Augen ablesen.
"Was wirst du tun, wenn du heimkommst?", fragte Lucas beiläufig.
"Ich werde meine Army-Karriere endlich an den Nagel hängen und als Psychologin weiterarbeiten. Das war wohl schon seit längerer Zeit mein Wunsch und ich glaube, meine Mum wird heilfroh darüber sein. Ich werde versuchen, das Jugendamt davon zu überzeugen, dass ich Laura eine gute Mutter sein kann. Dann werde ich lange Spaziergänge an meinem Strand unternehmen und überlegen, was ich mit meinem Leben anfange. - Wahrscheinlich fahre ich auch irgendwann zu Robs Familie hinaus, um Robs Frau zu erzählen, was für einen tollen Mann sie hatte. Das wird ihr helfen und mir ganz sicher auch."
"Sieh mich an, Joeline!", forderte er plötzlich.
Sie nippte an ihrer Kaffeetasse und sah ihm dann unsicher in die Augen.
"Ich kann dich nicht belügen, Lucas. Nicht dich und noch weniger mich selbst. Ich weiß, dass ich dich liebe und wahrscheinlich werde ich niemals wieder einen Mann sosehr lieben, wie dich. - Ich kann also unmöglich zu deiner Hochzeit kommen und ich denke, dass du das weißt. Trotzdem wünsche ich dir alles Glück dieser Welt! Ich hoffe, es wird eine gute Ehe und du findest bei Luise alles das, was du dir erträumst."
Lucas schwieg und betrachtete ihr Gesicht, als wolle er sich jede Linie für immer in sein Gedächtnis einprägen. Nein, niemals würde er bei Luise das finden, was er sich erträumte. Jetzt nicht mehr, nachdem er Joeline kennen gelernt hatte.
Dann kam er zu ihr um den Tisch herum, beugte sich herunter und küsste sie mit der ihm eigenen Leidenschaft.
Wortlos ließ er sie anschließend allein zurück.

10. Kapitel

John betrat nach kurzem Klopfen das Zimmer seines besten Freundes.
Lucas lag auf seinem Bett, hatte die Arme unter dem Kopf verschränkt und starrte an die Decke.
"Ich habe dir ein kühles Bier mitgebracht!", meinte John und Lucas stemmte sich unwillig hoch.
"Also, was hast du auf dem Herzen?"
John sah den Freund aufmerksam an und sagte:
"Ich habe ein tolles, wunderschönes Mädchen kennen gelernt!"
"Dann halt sie dir fest!", erwiderte Lucas kurz angebunden.
Er war schlecht gelaunt, denn er wusste nur zu genau, was John ihm sagen wollte.
"Das hätte ich getan. Aber sie will mich nicht!"
"Warum?"
"Weil sie dich liebt."
"Du redest von Joeline, nicht wahr? Hat sie dich hergeschickt? - Nein! Nein, sie hat dich nicht geschickt, denn das würde sie niemals tun.", stellte Lucas müde fest.
"Ganz recht, das würde sie niemals tun. Nein, sie hat mich nicht hergeschickt. Aber ich mache mir echte Sorgen um sie. Ich weiß, dass sie dich liebt und ich kenne dich sehr lange und gut genug, um zu wissen, dass du sie auch liebst. Die Luft zwischen euch knistert förmlich! Jeder konnte es merken. Lucas, ein Paar, da
so gut zusammenpasst, wie ihr beide, gibt es nur alle
aar hundert Jahre."
"Spar dir deine Kuppelversuche, alter Kumpel. Ich werde nächste Woche heiraten und es wird nicht Joeline sein."
"Sei doch endlich ehrlich zu dir, Luc, kannst du von dir sagen, dass du Luise genauso liebst, dass du sie genauso begehrst, wie Joeline?"
"Du bist mein bester Freund, John, und der Einzige, der noch übrig geblieben ist, und wir haben schon so viele Dinge zusammen erlebt, schon sehr viele Einsätze ziemlich erfolgreich hinter uns gebracht. Wir haben uns gegenseitig schon mehr als nur einmal das Leben gerettet. Aber das hier geht dich wirklich nichts an. Hier geht es um mein Leben. Hier geht es um meine Zukunft. Nicht um ein Spiel mit dem Feuer. Ich kenne Luise schon sehr lange. Ich habe ihr die Ehe versprochen - Ihr und nicht Joeline. Sie ist zweifellos sehr hübsch und, wenn du es ohnehin schon weißt, es war ein unbeschreiblich tolles Gefühl, sie zu lieben. Ich bin mir nur nicht sicher, dass das für ein ganzes Leben reicht. Also, lass mich meine Entscheidungen allein treffen. Ich werde Luise heiraten und du weißt, dass du herzlich eingeladen bist. Alles andere geht dich wirklich nicht das Geringste an."
"Was du aus deinem Leben machst, ist mir tatsächlich nicht egal, aber du bist erwachsen genug, um zu wissen, was du tust. Das dachte ich zumindest bis heute immer. Aber warum tust du ihr das an? Das hat sie nicht verdient!"
"Ich tue ihr nichts an. Sie wird mich vergessen und irgendwann etwas Besseres als mich finden. Seltsamerweise hat sie dafür Verständnis."
"Wem versuchst du das einzureden? Was bleibt ihr auch anderes übrig, als zu versuchen, es zu verstehen? Mir scheint, dieses starke Mädchen hat für alle Verständnis, außer für ihre eigenen Bedürfnisse. Und wenn sie nicht gewesen wäre, weiß ich nicht, ob du es so gut überstanden hättest. - Aber du alter Esel, du würdest das niemals zugeben. Lieber verbringst du den Rest deines Lebens an der Seite eines verwöhnten Modepüppchens, als zuzugeben, dass du damit einen Fehler machen würdest."
Es kam zu einem handfesten Streit und die Freunde trennten sich im Zorn voneinander.

11. Kapitel

Ein Passagierflugzeug brachte sie gleich am nächsten Tag in die Staaten zurück.
Wie alle Anderen hatte auch Joeline einen großen Teil ihrer großzügigen Prämie für Robs Familie gespendet.
Dann kam der Abschied.
Joeline küsste Martin auf die Wange.
"Mach's gut! Und lass die Finger von den Frauen!"
"Aber Queeny, das ist mein Lebensinhalt. Heirate mich, dann müsste ich niemals wieder einer anderen Frau hinterher sehen."
Joe lachte, doch dieses Lachen war nicht fröhlich:
"Du bist ein hoffnungsloser Fall, Martin. Aber ansonsten ein ganz lieber Kerl. Ich denke, du findest auch noch die Richtige. - Es hat Spaß gemacht mit dir!"
Danach nahm John sie fest in den Arm.
"Mach's gut, Kleines. Du bist ein wunderbarer Mensch. Wenn du mal einen guten Freund brauchst, ich bin für dich da. Immer! Und denke dran, nicht alle Männer sind solche Esel. Und wenn es dir hilft, er wird für den Rest seines Lebens, diese Entscheidung bereuen."
In Joes Augen schwammen Tränen.
"Danke John, ich schätze, es wird mir nicht helfen. Trotzdem, alles Gute für euch!"
Sie küsste ihn und umarmte Rose.
"Ihnen wünsche ich ganz viel Kraft und ich hoffe, dass ihre Liebe hilft, dass Benny eines Tages ein ganz normales Kind sein kann."
"Danke und danke auch für alles, was sie für uns getan haben."
Schließlich stand sie vor Lucas und reichte ihm die Hand.
"Auch dir wünsche ich ganz viel Glück, Lucas. Dir und Luise." Sie versuchte, unbeschwert zu klingen.
Als sie ihm noch einmal in die Augen sah, meinte sie eine Spur von Trauer in ihnen zu sehen.
Dann aber lächelte er und sagte:
"Ich verspreche dir, niemals wieder etwas gegen Frauen zu sagen. Ohne dich wäre es nic
t so gut gelaufen. Ich wünsche dir, dass alle deine Wünsche in Erfüllung gehen."
Es war nur ein harmloses Geplänkel, denn das, was sie sich wirklich zu sagen hatten, stand in ihren Augen.
Joeline reichte dem Major die Hand und spürte seinen forschenden Blick auf sich ruhen. Und Joe fürchtete, er fand in ihren Augen die Bestätigung für seinen Verdacht.
"Grüß deine Mutter von mir, Kind!", sagte er sehr ernst.
Später konnte Joelines Mutter ihr Kind liebevoll und erleichtert in ihre Arme schließen. Sie merkte sofort, dass sich ihre Tochter verändert hatte.
Zum ersten Mal in ihrem Leben konnte Joeline in den Armen der Mutter weinen und Trost finden.
"Ich liebe dich, Joeline, egal was immer du tust.", sagte sie weich "Und ich liebe dich als das, was du bist - meine große Tochter. Ich hätte dich niemals gegen einen Sohn eintauschen wollen. Dad lebt nicht mehr, du musst nicht mehr seinen Ansprüchen gerecht werden. Du musst nicht in der Army bleiben, wenn du nicht möchtest."
"Ich werde erst einmal Zuhause bleiben, Mum. Und ich bringe dir auch noch ein Enkelkind mit."
"Ein Enkelkind?"
Joeline erzählte von Laura.
"Im Moment liegt sie noch in der Kinderklinik, sie ist noch zu schwach. Aber ich möchte sie gern adoptieren, wenn du nichts dagegen hast."
"Ein Baby! - Nun, das wird endlich wieder Leben in unser stilles, altes Haus bringen!"
Noch nie waren Mutter und Tochter so vertraut miteinander gewesen, wie jetzt, wo sie Pläne schmiedeten, was für das Baby angeschafft werden musste.
An jenem Tag, als Joeline das Sorgerecht zugesprochen wurde, bummelten die beiden Frauen glücklich durch die Geschäfte und kauften die schönsten Kindersachen, die sie finden konnten.
Eigentlich hätte Joeline jetzt zufrieden sein können, wenn da nicht noch Lucas gewesen wäre. Sie konnte ihn einfach nicht vergessen. Jede Faser ihres Körpers sehnte sich schmerzhaft nach ihm.

12. Kapitel

Lucas betrat sein Haus und öffnete zunächst alle Fenster weit.
Ein frischer Luftzug fuhr in sein Haar und zerwühlte es. Es hatte geregnet und der trübe Tag entsprach ziemlich genau seiner Stimmung.
Er war gerade von Robs Familie gekommen und hatte seiner Frau den Scheck gebracht. Sie hatte nicht geweint, nur aufmerksam seinem Bericht zugehört. Als er ihr die letzten Worte ihres Mannes übermittelt hatte, hatte sie sich allerdings sehr verräterisch über ihre Augen gewischt.
Nun fühlte er sich ausgelaugt und leer. Auch die heiße Dusche und eine halbe Flasche Whiskey halfen ihm nicht gegen die innere Leere.
Innerhalb nur weniger Stunden hatte er Rob verloren, sich mit John zerstritten und - was das Schlimmste war - er konnte Joeline nicht vergessen. Wenn er seine Augen schloss, sah er sie vor sich, so schön und aufregend und er sehnte sich schmerzlich nach einer sanften Berührung und zärtlichen Worten von ihr.
Der Schlaf half ihm nicht gegen die unendliche Müdigkeit, die er empfand.
Selbst die Begegnung mit Luise hatte er nun schon einige Tage aufgeschoben. Er konnte sie einfach noch nicht treffen.
Irgendwann tat der Alkohol endlich seine Wirkung und Lucas fiel in einen tiefen, unruhigen Schlaf.
Am Mittag des folgenden Tages weckte ihn die Türglocke. Lucas' Kopf schmerzte als er sich mühsam erhob, um die Tür zu öffnen.
"Luc, Liebling, da bist du ja! Ich konnte nicht herein, dein Schlüssel steckt von innen. Oh, du siehst scheußlich aus. Eigentlich sollte ich ja so richtig böse mit dir sein. Du bist seit mehr als einer Woche Zuhause und in zwei Tagen wollen wir heiraten. Aber du hast dich noch nicht einmal bei mir gemeldet. Ich wollte schon viel eher hier sein, aber Daddy meinte, ich sollte dir erst einmal einige Tage Ruhe gönnen."
Wie immer machte Luise zwischen ihren Sätzen keine Pause. Ihre schrille Stimme und der Duft ihres sündhaft teuren Parfums taten ihm weh.
Lucas löste zwei Aspirin in einem Glas Wasser auf und trank es ohne abzusetzen leer. Dann sagte er:
"Entschuldige Darling, ich wollte mich tatsächlich erst einmal ein wenig ausruhen und dich mit meiner schlechten Stimmung nicht belasten. Das verstehst du doch, nicht wahr?"
Luise zuckte die Schultern.
"Nein! Aber gut, ich will dir verzeihen. Aber jetzt zieh dich schnell um, wir sind eingeladen."
"Nicht heute, Luise! Ich habe ein paar schwere Wochen hinter mir."
"Daddy hat mir davon erzählt. Was mit den armen Leuten passiert ist und das mit Rob. - Aber es war nicht deine Schuld. Du kannst nicht allen Menschen helfen und es ist kein Grund, mir den Spaß zu verderben! Ob wir nun zu der Party gehen oder nicht, das ändert nichts an der Sache und es macht ihn auch nicht mehr lebendig. Ich schätze, er hätte sogar gewollt, dass du dich vergnügst und nicht unnötig um ihn trauerst."
Lucas bemühte sich sehr darum, ruhig zu bleiben. Zum ersten Mal konnte er Luise als das betrachten, was sie tatsächlich war - eine oberflächliche, maßlos verwöhnte Göre. Dennoch versuchte er es geduldig noch einmal:
"Lass uns heute Zuhause bleiben und uns ein paar gemütliche Stunden machen. - Nur wir beide."
"Zu zweit? Wir beide? - Ach nein, das ist doch langweilig. Komm nur mit, es wird dir schon gefallen!"
Lucas seufzte und blickte ihr sehr ernst in die Augen, ehe er ruhig, jedes Wort betonend fragte:
"Warum willst du mich heiraten, Luise?"
Verständnislos, sogar ein wenig dümmlich sah sie ihn an.
"Was soll diese Frage? - Wir beide passen doch so gut zusammen und haben immer sehr viel Spaß miteinander gehabt. Und du weißt doch, wie sehr Daddy es möchte, dass wir heiraten."
Lucas schloss für einen Moment die Augen.
Nein, eine Luise konnte neben Joeline nicht bestehen.

Schluss

Joeline lief allein den langen Strand entlang.
Heute war der Tag, an dem Lucas und Luise heiraten würden. Damit war er für immer für sie verloren.
Dieser Gedanke hatte sie nächtelang wach gehalten.
Jetzt unternahm sie einen Spaziergang am Strand. Das hatte ihr noch immer geholfen, den Kopf wieder freizubekommen.
Heute war es nach dem Regen noch recht kühl auch wenn die Sonne schon wieder zwischen den Wolken hindurchdrückte. Deshalb war Joe in ihre hautengen Lieblingsjeans und einen schlichten weißen Wollpullover geschlüpft. Ihre Schuhe trug sie in der Hand, denn sie liebte das Gefühl, barfuss durch den Sand zu laufen.
Laura war noch immer in der Kinderklinik, deshalb hatte Joeline noch etwas Zeit für sich und sie konnte den kühlen Windhauch im Gesicht genießen.
Sie war bei Robs Frau gewesen. Einen ganzen Tag lang hatten sie geredet und geweint. Sie hatte mit den kleinen Kindern gespielt, die noch nicht begriffen, dass ihr Daddy niemals wiederkommen würde und sie hatte mit den großen Kindern gesprochen. Die kannten die Wahrheit und hatten doch auch Schwierigkeiten, damit umzugehen. Immer wieder wollten sie, dass Joeline von Rob erzählte.
Trotz der Trauer fühlte sich Joe sehr wohl in Robs Haus und sie und Robs Frau wurden Freundinnen. Sie versprachen sich, sich öfter zu sehen und anzurufen.
Joeline kam erst nach zwei Stunden wieder zurückgelaufen. Sie war so sehr in Gedanken versunken, dass sie Lucas erst bemerkte, als sie direkt vor ihm stand.
Er hatte sie beobachtet. Sie trug eine aufregend enge Jeans und der Pullover hob sich ab von ihrem dunklen Haar und der tiefgebräunten Haut. Ihr Haar wehte lose im Wind und Joeline blickte grübelnd auf ihre nackten Füße im nassen Sand. Ob sie an ihn dachte? Jetzt stand sie vor ihm und sah in erstaunt an.
"Lucas!"
"Oh, ich freue mich auch, dich zu sehen!", antwortete er und amüsierte sich über ihr ungläubiges Gesicht.
"Was tust du hier?"
"Ich wollte dich gern wieder sehen und dich noch einmal bitten, zu meiner Hochzeit zu kommen."
"Aber deine Hochzeit ist heute! - Nein, ich werde nicht kommen. Ich dachte ich hätte es dir erklärt. Erspare es mir, mich noch einmal zu erniedrigen."
"Schade! Dann wird es wohl keine Hochzeit geben!", erwiderte er und seine Augen blitzten schelmisch.
"Nur weil ich nicht dabei sein kann, wirst du doch die Hochzeit nicht ausfallen lassen wollen. Das wäre doch albern."
"Wenn du nicht mitkommen willst, wird es keine Braut geben!"
"Aber warum?"
Sie verstand noch immer nicht.
"Weil ich dachte, du könntest vielleicht die Braut sein!"
Er nahm sie bei den Schultern.
"Ich liebe dich Joeline!"
"Und was wird mit Luise?", fragte sie leise.
"Vergiss Luise. Wir haben miteinander gesprochen. Sie hat sich von Daddy mit einer neuen schicken Yacht trösten lassen. Es hat sich einiges verändert. Wir wollten einfach nicht mehr!"
"Aber ...!"
Sie glaubte ihm noch immer kein einziges Wort.
Lucas nahm ihr Gesicht in beide Hände und sagte langsam:
"Ich liebe dich! - Ich liebe dich! - Ich liebe dich! Reicht dir das?"
Plötzlich standen Tränen in Joelines Augen, als sie vorsichtig den Kopf gegen seine Brust lehnte.
"Oh Lucas, halt mich ganz fest und vor allem: Weck mich bitte nicht auf!"
"Du träumst nicht! Und ich werde dich niemals wieder loslassen. Heirate mich, Joe!"
"Willst du dir das wirklich antun, eine Heulsuse zu heiraten?"
"Falls ich irgendwann einmal die Zeit dazu habe, werde ich ernsthaft darüber nachdenken. Aber erst einmal möchte ich, dass du ganz ganz schnell meine Frau wirst, damit dich mir niemand mehr wegschnappen kann!"
"Aber dann wird es zu spät sein!"
"Wirst du mich jetzt endlich küssen?", forderte er und hob sie ein Stück zu sich hoch. Ihre Lippen trafen sich zu einem wilden, leidenschaftlichen Kuss. Am liebsten hätte er ihr hier und sofort die Kleider vom Leib gerissen und sie gleich auf der Stelle im feuchten Sand geliebt. Doch vorerst musste ein Kuss genügen.
Ernsthaft sah sie ihn an.
"Du weißt, dass ich Laura behalten werde?!"
"Es macht mir nichts aus, denn es ist kein so großer Unterschied, ob wir fünf oder sechs Kinder haben werden.", und ernst fügte er hinzu:
"Ich habe sehr lange darüber nachgedacht. Über dich und Luise und auch über Laura. Ich war auch bei Robs Familie. Ich habe seine Kinder gesehen, alle, von Rob Junior bis Brandon, sie waren sein ganzer Stolz und das zu Recht. Ich möchte auch Kinder haben und ich denke, ich werde genauso stolz auf sie sein, nicht zuletzt deshalb, weil du ihre Mutter bist. Du bist die Frau, die mir wirklich alles bedeutet. Vielleicht werde ich langsam alt, aber plötzlich habe ich mich nach einem gemütlichen Zuhause gesehnt. In Gedanken habe ich mir ausgemalt, wie es sein würde, wenn wir zwei eine eigene Familie haben. Es war eine schöne Vision."
Joeline war gerührt.
"Ich liebe dich so sehr, Lucas, ich will nie mehr etwas anderes tun, als dich zu lieben!"
Er sah in ihre Augen und lächelte:
"Schöne Vorstellung! - Dir ist kalt, komm, lass uns gehen."
Auch diesmal bemerkte die Mutter die Veränderung an ihrer Tochter sofort.
"Mum, das ist Lucas, Lucas Bernier!"
"Seien sie uns herzlich willkommen. - Ich habe gerade frischen Kaffee gemacht. Mögen sie?"
"Ja, danke!"
Lucas nahm auf der gemütlichen Couch mit den vielen handgemachten Kissen Platz und Joeline setzte sich zu ihm. Sofort zog er sie wieder in seinen Arm.
Die Mutter brachte den Kaffee und gesellte sich zu ihnen.
"Sie nehmen mir mein Kind nun also wieder weg!"
"Ja und es tut mir sehr leid."
"Nein, es muss ihnen nicht Leid tun. Sehen sie sich Joeline nur einmal an! Ich habe sie nie zuvor so strahlend gesehen. Was sollte sich eine Mutter noch mehr wünschen? Es war immer mein Ziel, meine Kinder einmal so glücklich zu sehen. Und Joe hat es ganz besonders verdient."
"Ja, das hat sie. Ich weiß nicht, was da draußen ohne sie aus uns allen geworden wäre."
"Trotz allem bin ich froh, dass sie nicht wieder so weit fortgeht. Und bei ihnen bleibt sie ja trotzdem in meiner Nähe."
Ehe sie in Lucas' Wohnung fuhren, besuchten sie Laura noch einmal in der Kinderklinik. Der Arzt machte ihnen Hoffnung, dass die Kleine bereits in der nächsten Woche mit nach Hause durfte.
Dann endlich schlossen sie die Haustür hinter sich.
"Was möchtest du heute Abend unternehmen?", fragte Lucas.
"Ich möchte nicht fortgehen. Ich möchte nur mit dir allein sein. Zum ersten Mal möchte ich ohne ein schlechtes Gewissen neben dir einschlafen und am Morgen wieder neben dir aufwachen. - Lass uns hier bleiben, Lucas!"
"Ich hatte gehofft, dass du das sagst."
Jetzt küsste sie ihn und sie mussten sich nun nicht mehr beherrschen. Die Welt schien nur ihnen zu gehören.

 

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