Der verchromte Himmel
Christian ist mit dem zwanzig Jahre älteren Timo befreundet, der einen unkonventionellen Lebensstil führt. Die gemeinsame Leidenschaft für amerikanische Traum-Autos bringt sie auf den richtigen Weg.
„Hey, willst Du den ganzen Tag verschlafen?", rief Christians Mutter genervt und ungeduldig vor seiner Zimmertür. Was kann man von einem 18-Jährigen denn schon anderes erwarten? Sich erst abends die Nächte um die Ohren zu schlagen und dann am nächsten Tag wie ein schlecht gelaunter Zombie mit rot geränderten Augen mittags in der Küche zu erscheinen...
Eigentlich schade, dass sie ihre eigene viel zu kurze Sturm- und Drangzeit so schnell vergaß. Sie selbst war kein Kind von Traurigkeit gewesen. Zum miteinander Reden hatten Beide weder Lust noch Zeit. Als allein Erziehende machte sich bei ihr schon lange Resignation breit. Der Junge stand kurz vor seinem Abi. Keine größere Freude hätte es ihr bereitet, ihn als künftigen Banker uniformiert eines Tages vor sich stehen zu sehen. Interessierte sie sich eigentlich überhaupt für seine wirklichen Wünsche und Ziele?
Unruhig sah er auf seine schwarze Lederarmbanduhr, deren Zeiger gerade auf 12.00 Uhr sprang. Das Treffen mit seinem Freund Timo heute Nachmittag durfte er auf keinen Fall verpassen. Es war schließlich Samstag; das Autohaus hatte bis abends geöffnet. So richtig Appetit holen wollten sie sich dort. Ohnehin sollte es noch einige Jahre dauern, bis er sich seinen größten Wunsch erfüllen konnte. „Warum bist Du so nervös, kannst Du nicht wie normale Menschen zu Hause bleiben und ausnahmsweise mir helfen?
Ich habe Einiges zu erledigen, und seit uns Dein Vater verlassen hat, ist das Leben nicht gerade einfach für mich", erklärte ihm Silke in einem vorwurfsvollen Unterton. „Als ob ich etwas dafür kann, dass Ihr Euch entliebt habt. Zu einer Trennung gehören immer zwei Menschen, Mama, und Ihr konntet nie richtig miteinander über Eure wahren Gefühle reden, denk mal darüber nach. Außerdem solltest Du etwas mehr Wert auf Dein Äußeres legen. Übrigens, Du solltest den Friseur verklagen." Bevor Silke, völlig sprachlos und schockiert über das Geständnis ihres Sohnes, noch Etwas erwidern konnte, sah sie ihn rasch im Badezimmer verschwinden. Eine dicke Träne rollte über das blasse, noch immer makellose Gesicht der 42-Jährigen.
Er wählte inzwischen Timos Telefonnummer, schickte rasch eine SMS. Um 13.00 Uhr wollten sie sich auf den Weg machen. Eine Stunde später stand Christian erwartungsvoll vor dem Haus des Single-Freundes. Dieser öffnete ziemlich verschlafen die Tür. „Gestern ist es wieder spät geworden bei der Pokerrunde". Aber meine Hobbies und die wenigen echten Freunde sind ein unverzichtbarer Gegenpol zum üblichen Alltagsstress. Der interessant aussehende lebenserfahrene 40-Jährige mit seiner äußerst guten Menschenkenntnis wirkte noch jugendlich- frisch, da er es wunderbar verstand, mit seinem Lebensstil eher Jüngere als Gleichaltrige zu begeistern. Die wasserblauen Augen blitzten verschmitzt. Sofort machte sich ein breites verschwörerisches Grinsen auf seinem unrasierten Gesicht breit.
Nach einer Tasse Espresso war er rasch startbereit, da er auf Grund seiner kaum zu bändigenden blonden Locken ein überflüssiges Trockenfönen erfolgreich vermeiden konnte. Selbstbewusst bewegte er voller Schwung seinen muskelbepackten Körper auf den Fahrersitz seines schwarzen 69er Plymoth Roadrunner mit 425 PS. Die gut bezahlte, extrem anstrengende verantwortungsvolle Arbeit bei seiner Firma hatte bei ihm durchaus positive Begleiterscheinungen hinterlassen. Obwohl ein Altersunterschied von beinahe zwanzig Jahren zwischen den beiden Männern bestand, bemerkte das Keiner. Mit seinen haselnussbraunen Augen, seinen vielen Lachfältchen und seiner ehrlichen unvoreingenommenen Wesensart, mit der er auf andere Menschen zuging, war auch der wesentlich jüngere Christian ein interessanter Typ. Mit viel Disziplin, Krafttraining und Schwimmen gemeinsam mit Timo stählte auch er seinen Body. Geschmackvoll wählte er neben seinen unverzichtbaren Lieblings-Jeans ein schwarzes Shirt mit Rockabilly-Emblem und dazu seine besten Turnschuhe. Mit duftender Pomade verwöhnte er täglich sein blauschwarzes Haar, dieses Ritual durfte auf keinen Fall fehlen. Was für ein Dream-Team!
Nach zwanzigminütiger Fahrt, bei der hauptsächlich der 8-Zylinder-Motor des Plymoth den richtigen Ton angab, waren sie endlich angekommen. Im ersten Stock einer riesigen gläsernen Halle warteten schon die neuesten US-Cars auf sie, Camaros, Chargers, Mustangs.
Ach ja, die Stangs. Bedächtig ging der junge Mann auf einen schwarzen Mustang zu, umkreiste ihn und fühlte dabei sein Herz deutlich höher schlagen. Er konnte einfach nicht widerstehen, öffnete vorsichtig die breite Türe des Coupets, um im nächsten Moment darin komplett zu verschwinden. „Timo, auch das Innenleben des heißen Teils ist mit liebevollen Details ausgestattet. Mustang-Emblems überall, an den Innenseiten der Autotüren, die mit Leder ausgekleidet sind, am Armaturenbrett, auf dem Lenkrad. Sieh doch, schwarze Ledersitze mit einem schmalen senkrechten weißen Streifen in der Mitte, wie geschmackvoll. Soll noch Einer sagen, die US-Cars wären spartanisch ausgestattet. Das entspricht absolut nicht der Wahrheit. Und diese wunderschöne Silhouette der Karosserie erinnert an den Fastback der 60er-Jahre. Hier will ich nie mehr aussteigen."
Sein Freund lachte übermutig, stimmte diesen überzeugenden Argumenten zu und begutachtete voller Begeisterung den daneben stehenden weißen Camaro. „Sieh mal, der ist doch auch nicht von schlechten Eltern. Gut, ich gebe ja zu, im Gegensatz zu ihm wirkt der Stang eher zierlich".
Schweren Herzens und voller neuer Visionen verließen die beiden Männer das Eldorado für US-Car-Fans. Das war bestimmt nicht der letzte Besuch gewesen.
Eine Woche später rief Timo bei Christian an. Es war frühmorgens und dieser befand sich schon in der Schule. Die tiefe warmherzige Männerstimme am Telefon überraschte seine Mutter. "Ach so, Du bist also Timo. Ich hab schon Vieles von Dir gehört. Schön, dass ich Dich mal persönlich sprechen kann". Eine ganz besondere Geburtstagsüberraschung sollte es zum bevorstehenden 19. Geburtstag geben. Ihr Sohn ärgerte sich über diese Geheimniskrämerei. Er solle an seinem Geburtstag zu Hause bleiben, mehr konnte er nicht in Erfahrung bringen. Plötzlich fielen ihm die gravierenden Veränderungen an seiner Mutter auf. Ihre seidenweichen schwarzen schulterlangen Haare trug sie auf einmal glatt und offen. Hatte sie sich tatsächlich seine Worte so zu Herzen genommen? Heute machte sie sich ganz besonders schick.
Der dunkelblaue taillierte Lederblazer über den Röhrenjeans sah an der schlanken Frau super aus. Komplettiert wurde das Bild von einem rot-weiß-gestreiften Marinelook-Shirt und hochhackigen roten Wildlederstiefeletten. Mit einem ehrlichen Lächeln kam sie auf ihn zu, umarmte ihn herzlich und bestätigte, was er eigentlich insgeheim schon immer wusste. „Hey mein Großer, weißt Du eigentlich, wie lieb ich Dich habe und wie stolz ich auf Dich bin? Und was Deine künftige Berufswahl betrifft, so werde ich mich nicht mehr einmischen, versprochen. Du bist klug, selbstbewusst und zielstrebig genug, um zu wissen, wie es nach dem Abi weitergehen könnte. Timo hat mir die Augen geöffnet und ich bin ihm unendlich dankbar dafür". Nachdem sie ihm mit ihrer rechten Hand zärtlich über den Kopf strich, griff sie nach dem kirschroten Lippenstift und zog sich vor dem Spiegel ihre schönen vollen Lippen nach. Er glaubte, plötzlich eine andere Frau neben sich zu sehen. Und was er sah, gefiel ihm.
Mittags um 12.00 Uhr klingelte es und Timo stand vor der Wohnungstür. Er wirkte ein wenig unsicher und blickte zwischen Christian und seiner Mutter hin und her. „Hallo Silke, hallo Christian", begrüßte er Beide, trat auf seine Mutter zu und küßte sie auf die Wange.
„Bevor wir das Haus verlassen, müssen wir Dir noch etwas gestehen. Nach unserem zweistündigen Telefonat vor drei Wochen stellten wir fest, dass wir uns sehr gut verstehen und mögen. Es könnte mehr daraus werden. Wärst Du denn damit einverstanden? Wir wollten nicht den Eindruck erwecken, Dich zu hintergehen". Christian war sprachlos. Mit Tränen in den Augen umarmte er die Silke und Timo.
„Wie sollte ich nicht damit einverstanden sein, mit den mir wichtigsten und liebsten Menschen unter einem Dach zusammenzuleben?" antwortete er spontan.
„Aber eine kleine Bitte hätte ich. Erwarte nicht von mir, dass ich jetzt Papa zu Dir sage".
„Hey mein Freund, das würde mir nicht im Traum einfallen. Was hältst Du davon, wenn wir jetzt zum Viertelmailen-Rennen fahren, das ist nämlich die Überraschung, die wir uns für Dich ausgedacht haben. Anschließend geht's zum Burgeressen. Natürlich sind auch Deine Freunde mit dabei." Christian konnte sein Glück nicht fassen.
Timo drückte ihm mit einem verschwörerischen Augenzwinkern den Autoschlüssel des Plymoth in die Hand. „Du fährst".