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Bertram und die Praktikanten

„Na, Jolle, du trübe Tasse! Biste wieder mal überfordert? Oder träumst du von einer knackigen Praktikantin?“ Kollege Jürgen hieb Bertram kräftig auf die Schulter, was diesen abrupt in die Wirklichkeit zurückbrachte.

***

Seit er den neuen Job in der Betriebszentrale der Deutschen Bahn übernommen hatte, fühlte sich Bertram eigentlich immer überfordert.
Wie schön war es doch in seinem kleinen Schrankenwärterhäuschen gewesen. Drei Mal am Tag hatte er die verantwortungsvolle Aufgabe, den Bahnübergang zu sichern und so seinen Beitrag für die Allgemeinheit zu leisten. Ansonsten saß er in dem angenehm dämmerigen Raum und achtete auf seinen Schienenweg. Allzeit bereit für das unabwägbare Risiko; denn konnte man ahnen, was die Al-Quaida für Schreckliches plante? Ob das Terrornetzwerk seine Anschläge nicht schon längst auf Bertrams Bahnübergang ausgedehnt hatte. Schließlich trieb sich auch hier genug Gesindel herum.
Eigentlich war er ganz zufrieden, wenn nicht Mutti gewesen wäre. Die Gute erkannte, dass er zu höherem geboren war. Sie drängte ihn dazu, seine enormen Talente endlich zu entfalten.
„Berti, schließlich hast du nicht umsonst jahrelang die Abendschule besucht. Soll denn das alles umsonst gewesen sein“, sagte sie ein ums andere Mal.
So bewarb sich Bertram auf ihr Drängen hin auf eine interne Stellenausschreibung und wurde schließlich in die Betriebszentrale versetzt.
Eigentlich war ein anderer Bewerber für die Stelle vorgesehen gewesen, doch der verlor an seinem ersten Arbeitstag im neuen Job bei einem tragischen Unfall sein Leben. Er übersah an einem unbeschrankten Bahnübergang das Signal und kam unter den heranrollenden Zug. Eine traurige Geschichten, die Bertram wieder einmal klar machte, wie wichtig doch seine frühere Tätigkeit gewesen war.

Doch jetzt saß er in einem neuen Büro in der Betriebszentrale und bemühte sich alles richtig zu machen. Das schien ihm ein fast unmögliches Unterfangen, denn der tägliche Kleinkrieg fing schon im Vorzimmer an. Kaum hatte er seine weiblichen Untergebenen angewiesen, eine wichtige Mitteilung postfertig zu machen, so regte sich der Widerstand. Die Damen hatten Wichtigeres zu tun und ignorierten seine Anweisungen weitgehendst. Er, der doch eigentlich delegieren sollte, war so weit gesunken, seine Post selbst versandfertig zu machen und Hausmitteilungen eigenständig auf den Weg zu bringen.

Und nicht nur das, seit kurzem war ihm die Pflicht auferlegt worden, sich um die Einführung der Praktikanten zu kümmern. Als ob er nicht genug zu tun hatte. Jetzt musste er sich also auch noch um eine Herde unreif kichernder, oder überheblicher Youngster kümmern. Sowohl mit der einen, wie der andere Sorte junger Leute umzugehen bereitete ihm fast körperliche Qualen.
Jeden Morgen wachte er schweißgebadet auf und nicht einmal seine, von Mutti so liebevoll vorbereiteten, Frühstücksflocken schmeckten ihm. In der Gewissheit, dass er sich wieder einmal der Herausforderung stellen musste, hob sich ihm der Magen und er würgte sein Frühstück nur seiner Mutter zuliebe herunter.
Schon auf dem Weg ins Büro grummelte es verdächtig in ihm und kaum angekommen frequentierte er zuerst einmal die sanitären Anlagen.
Anschließend ging der Horror erst richtig los, denn die Meute wartete bereits auf ihn, stellte Fragen und erwartete Antworten. Die von Bertram gestammelten Halbsätze führten meist zur allgemeinen Erheiterung und spätestens jetzt zog sich der Geplagte in sein Büro zurück.
Ganz schlimm wurde es, wenn sich unter der Praktikantenmeute wissensdurstige Exemplare des weiblichen Geschlechtes befanden. Ihnen zu antworten war Bertram schier unmöglich. Gerade die Weiblichkeit schien sich permanent über ihn lustig zu machen, das sah man schon in den Blicken, die ihm zugeworfen wurden.
Er seufzte tief und rückte Muttis Foto auf seinem Schreibtisch zurecht. Ach könnten diese Hyänen doch nur ansatzweise so wie sie sein. Das würde sein Dasein um einiges erleichtern. Doch er musste sich wohl mit dem Gedanken abfinden, dass es nirgends eine Person wie seine Mutter geben könnte.

Berti litt, doch er würde sich der Herausforderung stellen. Gestern – heute –immer! Denn schließlich sollte Mutti in seiner Gegenwart niemals DEN BLICK aufsetzen. Den Blick, mit dem sie seinen Vater so oft bedacht hatte und er eine Mischung aus Verachtung und Belustigung beinhaltete. Denn Blick,den er zu fürchten gelernt hatte.

So gestählt stellte sich Berti der Herausforderung, im wahrsten Sinne des Wortes, denn gerade heute bestand die Meute der Praktikanten aus lauter weiblichen Wesen, die in nicht wirklich bürotauglicher Kleidung steckte. Beim Anblick all der jungen Waden, Schenkel, Brustansätzen und Grübchen wurde es Berti vor lauter Entrüstung ganz heiß. Er nahm sich vor, diese unmoralischen Geschöpfe besonders streng zu behandeln und straffte unwillkürlich die Schultern.
Was auch nötig war, denn schon begann ein besonders leichtfertig aussehendes Geschöpf damit, ihn zu provozieren. Die Blondine schaute ihm tief in die Augen und hauchte: „Ach, Herr Jollenbeck, können sie mir diese Weichenstellung noch einmal im Detail erläutern?“
Ruckartig wandte sich Berti ihr zu. „Nein, wenn sie nicht zugehört haben, so sind sie hier nicht an der richtigen Stelle.“
Mit Genugtuung stellte er fest, dass dieses leichtfertige Luder rot anlief. „Ich dachte doch nur…“ , murmelte sie.
„Ach sie denken!“ Muttis Lächeln gelang Berti immer besser, das merkte er daran, dass die vorwitzige Blondine sich hinter ihren Leidensgenossin in Sicherheit gebracht hatte und versuchte möglichst unauffällig aus der Wäsche zu gucken.
So gewarnt wagten es die anderen Megären erst gar nicht, Berti weiter zu provozieren und er brachte den Tag einigermaßen über die Bühne.

***

„Na, mein Junge. Hast du einen schönen Tag gehabt?“
Mutti lächelte lieb, während sie den Teller mit seinem Lieblingsgericht vor ihm abstellte.
„Och Mutti! Grützwurst mit Pellkartoffeln!! Das du dir extra die Mühe gemacht hast! Du bist doch die Beste!“
Bertis Mutti strahlte wie die Madonna auf einem Heiligenbild. „Ja, mein Lieber. Die Grützwurst habe ich heute extra frisch besorgt, wo du doch einen sehr schwierigen Tag hinter dir hast!“
Berti hieb beherzt in die Wurst und stopfte sich wohlig seufzend den Mund voll.
„Ach Mutti, keine ist wie du!“
Seine Mutter lächelte sanft. „Ich weiß, Berti. Ich weiß!“

 

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Kommentar von: Andi 2010-06-10 05:53
Hi Angie, wer zum Geier ist dieser Bertram?
Das ist eine Schmunzelgeschi chte um ein unglaubliches Muttersöhnchen.
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